Acht Stunden Wartezeit
„Erhebliche Instabilität“ wegen Iran-Krieg: Treibstoffmangel in Asien schlägt in Gewalt um
Die Folgen des Iran-Kriegs treffen Länder in Asien besonders stark. Der Mangel an Treibstoff lässt nun die öffentliche Ordnung bröckeln.
Ein 50 Jahre alter Lkw-Fahrer überfuhr Ende März in der Stadt Jashore in Bangladesch den Manager einer Tankstelle. Wegen der Treibstoffkrise konnte der ihm nach acht Stunden Wartezeit in der Schlange keinen Diesel mehr verkaufen. Die beiden Männer waren deshalb in einen heftigen Streit geraten, heißt es von der bangladeschischen Nachrichtenagentur BSS. Kein Einzelfall: Auch in Pakistan und Indien gab es bereits Tote an Tankstellen, wie die Washington Post berichtete. Studien, etwa des Internationalen Währungsfonds (IMF) oder des Forschungsinstituts der Vereinten Nationen, sehen steigende Spritpreise als zentralen Treiber von sozialen Unruhen.
Der Politikwissenschaftler Idean Salehyan gibt dazu gegenüber der Washington Post eine konkrete Prognose ab: „Wenn die Ölpreise dauerhaft über 100 Dollar pro Barrel liegen und das bis in den April oder sogar Mai anhält, werden wir erhebliche, anhaltende Instabilität sehen.“ Besonders ärmere Staaten sind anfällig für Ausschreitungen. In Bangladesch etwa lebt mehr als ein Viertel der 175 Millionen Menschen in Armut. Die Gewaltbereitschaft ist hoch: Täglich werden Angriffe an Tankstellen gemeldet. In einem Bezirk östlich von Dhaka etwa kehrten Autofahrer, die keinen Treibstoff bekommen hatten, nachts zurück und zerrten Angestellte in einen Kanal.
Tankstellen werden zum Krisenherd: Wie Staaten in Asien dagegen vorgehen
Vor Beginn des Iran-Kriegs gingen rund 80 Prozent des Ölhandels in der Straße von Hormus nach Asien – und sogar 90 Prozent des Flüssiggases (LNG). Die Staaten sind sich der Gefahr steigender Preise bewusst und ergreifen entsprechende Maßnahmen, auch wenn sie den Staatshaushalt stark belasten. Aus Jakarta hieß es von der Regierung am Montag (6. April), sofern der Ölpreis pro Jahr einen Wert von 97 US-Dollar das Fass im Schnitt nicht übersteige, könne man die Preise bis Dezember stabil halten. In Pakistan ordnete man eine Vier-Tage-Woche und Homeoffice an, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Die Lage dort gilt als sehr angespannt.
In Bangladesch bleiben die Universitäten geschlossen, die Regierung subventioniert Energie. Derzeit ist man aber auf der Suche nach Milliardenkrediten, um die Förderung aufrechtzuerhalten, wie Reuters berichtet. Sollte das nicht klappen, müssten entweder die Preise steigen oder die Importe sinken – beides würde die Instabilität im Land weiter anheizen. Die Energiekrise vor vier Jahren in Sri Lanka hatte sogar zur Folge, dass die Bevölkerung die damalige Regierung aus dem Amt jagte. Neben Energielieferungen sind auch Düngemittel knapp und teuer, was langfristig steigende Lebensmittelkosten zur Folge haben könnte. Zur Wut käme dann – besonders in den ärmeren Ländern – auch noch der Hunger.
Die Folgen der Energiekrise für Europa
Doch auch reiche Nationen sind nicht vor Auswirkungen gefeit. In Australien etwa stieg der Diebstahl von Treibstoff laut Branchenverbänden vielerorts um 50 Prozent an. Drastische Szenen wie in Asien sind in Europa bislang undenkbar. Doch laut Experten spitzt sich auch auf dem europäischen Kontinent die Krise zu. In Frankreich etwa haben Lkw-Fahrer bereits Straßen blockiert, um mehr staatliche Unterstützung zu erzwingen. Gibt es keine neuen Lieferungen, könnte es schon ab Mai zudem drastische Kürzungen im Flugverkehr geben, warnen Branchenexperten.
Fest steht: Die Folgen sind global und beispiellos. Die aktuelle Öl- und Gaskrise sei schwerwiegender als die Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen, sagte der Vorsitzende der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, unlängst und bezog sich dabei auf die Ölpreiskrisen infolge des Jom-Kippur-Kriegs, der Revolution im Iran sowie des Ukraine-Kriegs. „Die Welt hat noch nie eine Unterbrechung der Energieversorgung dieses Ausmaßes erlebt“, so Birol im Interview mit der französischen Zeitung Le Figaro. „Wir werden die Folgen viele Monate spüren, wenn nicht Jahre.“ (Quellen: BSS, Washington Post, IWF, UN, IEA, Reuters, Le Figaro) (bme)
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