Lieferketten in der Krise
Wenn Ressourcen fehlen: Was der Hormus-Konflikt Europa wirklich kostet
Der Golfkonflikt trifft mehr als Energiemärkte. Rohstoffengpässe bedrohen Lieferketten weltweit. Ökonomen warnen vor Wachstumseinbußen bis 2028.
Die Schlagzeilen drehen sich um die Ölpreise, US-Präsident Donald Trump und das Kriegsgeschehen. Doch hinter dieser medialen Ebene wirkt eine zweite, weniger beachtete Dimension der Hormus-Krise: Versorgungsengpässe bei Petrochemikalien, Düngemitteln, Helium und anderen Industrierohstoffen aus den Golfstaaten bedrohen globale Lieferketten auf eine Weise, die in ihrer wirtschaftlichen Reichweite weit über den Energiesektor hinausgeht.
Seit Ende Februar 2026 ist die Straße von Hormus de facto gesperrt. Vor dem Konflikt passierten täglich zwischen 125 und 135 Schiffe die strategisch wichtige Meerenge. Auf dem Höhepunkt der US-amerikanischen Auseinandersetzungen sank diese Zahl auf einen einstelligen Bereich. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls sowie bedeutende Mengen an Flüssigerdgas, Petrochemikalien und Düngemitteln werden in der Regel auf dem Seeweg transportiert. Die Folgen einer Unterbrechung beschränken sich dabei nicht auf Energiemärkte. Laut der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD sind 61 besonders vulnerable Staaten gleichzeitig von höheren Treibstoffpreisen und steigenden Kosten für Nahrungsmittelimporte betroffen. Fast eine Milliarde Menschen leben in diesen Volkswirtschaften, viele davon bekommen weniger als drei Dollar am Tag.
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Eine Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt zudem, wie tief die Verwundbarkeit in globale Produktionsketten reicht. Ein Versorgungsausfall könnte etwa ein Drittel der weltweiten Heliumproduktion und ein Fünftel der globalen Methanolproduktion treffen. Helium ist unverzichtbar für Halbleiterfertigung und Luft- und Raumfahrt, Methanol ein zentraler chemischer Grundstoff. Hinzu kommen Düngemittel und Aluminium, bei denen die Golfstaaten ebenfalls zu den bedeutenden Lieferanten zählen. Fallen diese Güter weg, entstehen Engpässe weit oben in den Produktionsketten, die sich nach und nach durch ganze Branchen ziehen.
Laut der EZB entfallen mehr als 50 Prozent der gesamten Energieimporte auf Japan, Südkorea und Indien, wenn man die Golfstaaten als Lieferanten betrachtet. In China und den ASEAN-Staaten liegt dieser Anteil bei rund einem Drittel. Für die Eurozone, Großbritannien und die USA beträgt er nur etwa zehn Prozent. Dennoch sind die wirtschaftlichen Risiken für Europa nicht zu vernachlässigen. Im schlechtesten Fall könnten persistente Engpässe bei Energiegütern bis zu drei Prozent der Industrieproduktion im Euroraum gefährden. Im optimistischeren Szenario, bei dem Unternehmen Ersatzlieferanten finden können, lägen die Produktionsverluste bei 0,4 Prozent. Ob Unternehmen Ersatzlieferanten finden können, entscheidet über das Ausmaß der Schäden. Bei Helium oder bestimmten Petrochemikalien ist dies jedoch kaum möglich.
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Die Modellrechnungen der EZB zeigen, dass die Spitzenwirkung auf Wirtschaftswachstum und Inflation im Jahr 2027 erwartet wird, wobei erhebliche Effekte bereits 2026 spürbar seien. Preisauftriebe könnten bis 2028 anhalten. Im kombinierten Störungsszenario würde das Wirtschaftswachstum im Euroraum 2026 um rund 0,4 Prozentpunkte sinken. In China wäre der Rückgang mit 0,9 Prozentpunkten deutlich größer, in den USA mit 0,1 Prozentpunkten vergleichsweise gering. Die Verbraucherpreise würden im Euroraum um bis zu 1,3 Prozentpunkte steigen, in China sogar um bis zu 2,6 Prozentpunkte. Und der Preisdruck bliebe: Weil Engpässe bei schwer ersetzbaren Rohstoffen die Produktion verteuern, pflanzen sich die Kosten durch die gesamte Lieferkette fort.
Lieferketten neu denken: Langfristige Folgen für Handel und Versorgung
Trotz des ernsten Befunds der EZB hat die Praxis gezeigt, dass Märkte kurzfristig anpassungsfähiger sein können als befürchtet. Saudi-Arabien steigerte seine Ölexporte über die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer, die Vereinigten Arabischen Emirate lieferten mehr Rohöl über Fujairah am Golf von Oman und umgingen die Hormusstraße so auf dem Landweg. Goldman Sachs hatte im März 2026 im schlimmsten Fall vor Ölpreisen von bis zu 200 Dollar pro Barrel gewarnt. Tatsächlich erreichte Brent-Rohöl seinen Höchststand bei rund 126 Dollar pro Barrel am 30. April, bevor es wieder zurückfiel. Dass sich Märkte und Lieferketten dennoch nicht dauerhaft auf Krisenresilienz verlassen können, zeigen die Anpassungsreaktionen der größten Importnationen.
Japan und Südkorea haben während der Krise große Teile ihrer Golfimporte bereits durch Lieferungen aus den USA, Brasilien und Norwegen ersetzt. Auch CMA-CGM, eine der weltgrößten Containerreedereien, hat seine Transits durch die Straße zeitweise ausgesetzt. Reiche Importnationen haben also Spielraum. Für viele Entwicklungsländer sieht das anders aus. Sie tragen die Konsequenzen ohne nennenswerte Puffer. Die EZB empfiehlt deshalb, neben der direkten Energieabhängigkeit auch indirekte Lieferkettenrisiken stärker zu beobachten, Reserven aufzubauen und die Notfallplanung für Sektoren zu stärken, die auf schwer ersetzbare Vorleistungen angewiesen sind. (Quellen: EZB, UNCTAD; Goldman Sachs) (ls)
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