„Achterbahnfahrt“ der Corona-Zahlen

2G im Einzelhandel: Ruf nach Lockerungen wird lauter – Experten warnen

2G im Einzelhandel bleibt ein hochbrisantes Thema. Die Corona-Regel ist für Finanzminister Christian Lindner (FDP) „nicht erforderlich“. Doch Experten warnen.

Berlin – Sollten Corona-Regeln schon wieder gelockert werden? Mit Blick auf den erst noch bevorstehenden Höhepunkt der Omikron-Welle scheint die Antwort auf diese Frage bereits festzustehen. Nicht zuletzt Top-Virologe Christian Drosten rät von frühzeitigen Lockerungen vor Ostern ab. Ist dies für den Einzelhandel, der sich mit 2G konfrontiert sieht, aber noch länger tragbar? Die Meinungen gehen weit auseinander.

2G im Einzelhandel: Fällt die Corona-Regel im März 2022 wieder? Omikron-Entwicklung entscheidend

Johannes Fechner, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, hält es zumindest für möglich, dass manche Corona-Maßnahmen schon im März komplett wegfallen könnten. „Wir werden uns in den nächsten Wochen in aller Ruhe anschauen, ob eine Verlängerung der Corona-Schutzmaßnahmen* über den 19. März hinaus überhaupt notwendig ist“, heißt es von ihm gegenüber der „Welt“.

Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hält nichts von frühzeitigen Lockerungen wie dem Wegfall von 2G im Einzelhandel. (kreiszeitung.de-Montage)

Voraussetzung für ein mögliches Ende der Corona-Regeln ist jedoch, dass noch im Februar ein massiver Rückgang der Omikron-Variante verzeichnet werden kann. Dann müsse sich laut Fechner die Frage gestellt werden, ob Maßnahmen wie 2G im Einzelhandel überhaupt noch im Frühjahr und im Sommer benötigt werden.

Corona-Regeln von Bund und Ländern vorerst bis 19. März befristet: 2G im Einzelhandel dauert an

Erst im Dezember 2021 wurde das Infektionsschutzgesetz durch den Deutschen Bundestag und den Bundesrat geändert. Dadurch ist es Bund und den Ländern möglich, eine Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu treffen, darunter die mittlerweile geltende FFP2-Maskenpflicht sowie Abstandsgebote.

Diese Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Krise sind noch bis zum 19. März befristet. Doch können sie durch den Bundestag einmalig um drei Monate verlängert werden. Die Betroffenen im Einzelhandel, die durch die 2G-Regel nur Geimpften und Genesenen den Zutritt ermöglichen dürfen*, wären aus finanzieller Sicht weiter gebeutelt.

Finanzminister Christian Lindner (FDP) gegen 2G im Einzelhandel: „Da entsteht ein wirtschaftlicher Schaden“

Das haben auch die Chefs der großen Supermarktketten in Deutschland registriert, die für ihre „Kollegen“ in Form eines offenen Briefs an die Politik in die Bresche springen. Es sind Vertreter von Aldi, Edeka, Rewe sowie der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), die eine Abschaffung von 2G im Einzelhandel fordern*. Auf ihrer Seite wissen sie dabei Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP):

Da entsteht ja ein wirtschaftlicher Schaden. Und da muss eben immer gefragt werden, ob der Schaden in einem richtigen Verhältnis steht zum zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hinterfragt die Sinnhaftigkeit von 2G im Einzelhandel

Zur Vorsicht mahnt hingegen die Grünen-Fraktion. „Auf bestimmte Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch eine Reduzierung der Kontakte werden wir jetzt nicht verzichten können“, wird Fraktionschefin Britta Haßelmann von der „Welt“ zitiert. Zwar seien die Krankheitsverläufe bei einer Omikron-Infektion weniger schwer, doch führten sie in großer Zahl zu einer spürbaren Belastung der Kliniken. Und über die Verbreitung von Omikron-Subtyp BA.2* sei noch zu wenig bekannt.

Ende von 2G und 2G-Plus gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Aufschwung? Experte hat Zweifel

Während also Christian Lindner, die Chefs der großen Supermarktketten sowie die betroffenen Einzelhändler selbst für eine Abschaffung von 2G im Einzelhandel* plädieren, sprechen sich die Grünen vorerst gegen diesen Schritt aus. Unterstützung erhalten sie dabei von Holger Görg, dem Präsidenten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel)

Ob das einfache Aufheben der 2G- bzw. 2G+-Regeln für Handel und Gastronomie positive wirtschaftliche Effekte hätte, ist überhaupt nicht klar.

Holger Görg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft kommentiert die Forderungen nach Aufhebung von 2G beziehungsweise 2G-Plus in Handel und Gastronomie

In einer Pressemitteilung führt Görg Pro und Contra auf, die für respektive gegen den Fortbestand der geltenden Corona-Regeln sprechen. „Es könnte zu mehr Umsatz führen, weil Hürden für den Zugang zu Geschäften und Lokalen für alle wegfallen. Ebenso könnte der Umsatz aber sinken, weil ein Zugang für Ungeimpfte oder Ungetestete mehr potenzielle Kundinnen und Kunden abschreckt, die sich dann nicht mehr sicher fühlen*“.

„Freedom Plan“ gefordert: Wie kann die Politik 2G im Einzelhandel vertretbar aufheben?

Deswegen rät Holger Görg dazu, „zeitnah zunächst in vergleichenden Pilotprojekten die Reaktion von Kundinnen und Kunden zu beobachten, statt die Beschränkungen in der Breite aufzuheben“. Das dauert Andreas Gassen entschieden zu lang. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fordert nämlich schon jetzt einen Öffnungsplan.

Was wir jetzt brauchen, ist ein Freedom Plan - ein Plan, wie wir schrittweise und an Parametern orientiert lockern. Diesen Freedom Plan zu formulieren, ist nun wichtigste Aufgabe der Politik.

Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), nennt der „Rheinischen Post“ seine Forderungen an die Politik

Das europäische Ausland ist in dieser Hinsicht bereits mehrere Schritte weiter. In Dänemark und in England wurden nahezu alle Corona-Maßnahmen abgeschafft, 2G und 2G-Plus sind hier nur noch Begriffe aus der jüngeren Vergangenheit. Selbiges gilt für Schweden, wo bislang geltende Corona-Regeln ad acta gelegt werden.

„Achterbahnfahrt“ der Infektionszahlen: Intensivmediziner warnt vor frühzeitigen Lockerungen der Corona-Regeln

Maßnahmen der jeweiligen Regierung, die auch auf Deutschland anwendbar sind? Nicht, wenn es nach Gernot Marx geht. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) positioniert sich klar. „Lockerungen der Corona-Maßnahmen, wie sie jetzt einige Bundesländer angekündigt haben, kommen zu früh“, sagt er zur Funke-Mediengruppe.

Marx warnt bei vorschnellen Lockerungen der Corona-Regeln vor einer „Achterbahnfahrt“ der Infektionszahlen, also einem ständigen Auf und Ab hinsichtlich Neuinfektionen. Und: „Es wäre fatal, wenn wir durch zu frühe Lockerungen in eine Achterbahnfahrt mit erneut steigenden Infektionszahlen gerieten“.

2G im Einzelhandel und 2G-Plus in der Gastro als Problem – oder doch Corona an sich?

Den verschiedenen Positionen hinsichtlich 2G im Einzelhandel und 2G-Plus in der Gastronomie ist also Folgendes zu entnehmen: Die weitreichenden, finanziellen Folgen für die betroffenen Geschäfte, Restaurants und Kneipen dürfen nicht unterschätzt und außer Acht gelassen werden. Doch muss der Blick auch auf Corona selbst und die aufkommende Omikron-Variante, die nahezu täglich neue Höchstwerte an Infektionen beschert, gerichtet werden.

Sollten die Corona-Regeln das Problem darstellen, „könnte die Politik schnell reagieren und Maßnahmen zurückfahren, soweit dies aus medizinischer Sicht angebracht erscheint“, merkt Görg an. Wenn aber die Pandemie an sich das Problem ist, „bleibt für die Politik nur die weitere Unterstützung der Wirtschaft, um sie durch diese schwierigen Zeiten zu bringen“. (mit Material der dpa) * kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jürgen Heinrich/imago/Annette Riedl/dpa

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