Serie „Verschwunden“
Viel Theater, wenig Platz: Kammerspiele in der Bremer Böttcherstraße
Bremen – Der Neustart begann mit „König Lear“. Dieses Drama spielte die von den Schauspielern selbst verwaltete, frisch gegründete Bremer Shakespeare-Company am 5. Januar 1985 in der Böttcherstraße – zur Wiedereröffnung der Bremer Kammerspiele. Die Bühne im Haus Atlantis sollte für die folgenden Jahre die Heimat der Company sein. Längst sind die Kammerspiele verschwunden – und damit heute Thema unserer gleichnamigen Serie.
1930/31 war das Haus Atlantis nach Entwürfen des Expressionisten Bernhard Hoetger errichtet worden – mit freischwebender Art-déco-Treppe und spektakulärem Himmelssaal einem umstrittenen nordischen Atlantis-Kult gewidmet. Im Kriegsjahr 1944 brannten weite Teile des Hauses aus. Nach dem Krieg wurde unter anderem ein Kino eingebaut – und eben ein Theatersaal, die Kammerspiele. Von Anfang 1946 bis Mai 1949 zeigte hier zunächst eine private Bühne Klassiker und später zeitgenössische Werke aus Amerika, Frankreich und Großbritannien.
1949 dann wurden die Kammerspiele dem Bremer Theater zugeordnet, dem Stadttheater also. Es zeigte hier fortan Schauspielproduktionen. In den international aufsehenerregenden Jahren unter Intendant Kurt Hübner (sprich: in der Zeit von 1962 bis 1973), als der „Bremer Stil“ entwickelt wurde, loderte das wilde Feuer der Bühnen-Revolution nicht allein am Goetheplatz, sondern eben auch in der Böttcherstraße. In der Ära Hübner, als Darsteller wie Bruno Ganz und Jutta Lampe, Vadim Glowna und Rolf Becker in Bremen Theater spielten, gab es – so haben es Statistiker ganz genau ausgerechnet – 166 Premieren: 87 in den Kammerspielen, 69 am Goetheplatz, zehn im Concordia in Schwachhausen.
Theaterleute klagen über beengte Verhältnisse
Was auf Dauer aber fehlte, war Platz. Ab Ende der 70er Jahre häuften sich die Klagen der Theaterleute über beengte Verhältnisse und Arbeitsbedingungen in den Kammerspielen. Viele Vorstellungen, großes Publikumsinteresse – es fehlte einfach an Kapazität. Die Theaterleute wollten in den früheren Schlachthof (Bürgerweide) ausweichen. Der Senat aber beschloss, weite Teile der Anlage abzureißen, und machte dies im August 1980 auch. Daraufhin weigerten sich die Schauspieler, weiter in den Kammerspielen aufzutreten.
Der bundesweit beachtete Streit eskalierte, am Ende verließen renommierte Theatermacher Bremen – und der Senat drohte dem Theater an, die Subventionen zu kürzen. Konfrontationskurs statt Deeskalation, das war damals das Motto. Intendant Arno Wüstenhöfer, von 1978 bis 1985 im Amt, schaffte es, das Theater in dieser stürmischen Zeit über Wasser zu halten. Und er trotzte dem Senat einen Neubau ab. Mit der Eröffnung des eher kargen, aber im Vergleich zu den Kammerspielen doch deutlich größeren Schauspielhauses (Name heute: „Kleines Haus“) im Jahr 1984 lösten sich viele Theaterprobleme am Ende gleichsam in Wohlgefallen auf.
Eine neue Art des Theaters zieht in die Böttcherstraße
Die Schauspielhaus-Eröffnung bedeutete das Ende der Kammerspiele – jedenfalls in Bezug auf das Bremer Theater. Es gab da ja noch dieses frisch gegründete Alternativtheater, das sich zum Ziel gesetzt hatte, Shakespeare als (intellektuell durchwirktes) Volkstheater zu zeigen – und gleichzeitig eine Werkstatt für eigene Übersetzungen und eigene Stücke sein wollte. Das Kollektiv mit dem Namen Bremer Shakespeare-Company, 1984 von Chris Alexander, Gabriele Blum, Hille Darjes, Rainer Iwersen, Renato Grünig, Norbert Kentrup und Dagmar Papula gegründet, suchte eine Spielstätte. Hans Tallasch, der damalige Geschäftsführer der Böttcherstraße, holte die Company in die leerstehenden Kammerspiele – ein Geniestreich.
Schnell sprach sich herum, dass es im Herzen der Stadt ein aufregend neues Theater gab. Schauspieler, die im Foyer das Publikum begrüßten, die selbst Programmhefte verkauften und die einen Shakespeare-Ton für die Gegenwart fanden – das war mal was anderes. Eigene und regional verwurzelte Stücke wie Dagmar Papulas „Ich, Paula, Paula Becker, Paula Becker-Modersohn“ setzten zusätzliche Akzente. Auf die Dauer aber waren die Kammerspiele in der Böttcherstraße auch für die Company zu klein: 1989 zog sie in die frühere Aula des Gymnasiums am Leibnizplatz (Neustadt) um.