Vegane Ernährung

Gegen Schweinespeck und Kuhleid: Vegane Start-ups aus Hamburg revolutionieren die Food-Welt

Alternativen zu Wurst und Käse, die das Original alt aussehen lassen? Das ist das Ziel von zwei jungen Unternehmen aus Hamburg, die pflanzliche Ersatzprodukte herstellen – mit Erfolg und Expertise.

Hamburg – „Mein Vater wurde zu Speck, genau wie sein Vater vor ihm auch. Aber ich bin kein Speck. Und ich möchte, dass das so bleibt“, sagt „Pig-Human“, der Schweinemensch im rosafarbenen Anzug. Stolz posiert er mit seinen Kindern auf der Wiese vor dem Eigenheim – ganz wie die Vorzeigefamilie aus der Vorabendserie. „Deshalb, Freunde: Helft mir und meinen Kindern dabei, nicht zu Speck verarbeitet zu werden.“ Mit diesem nachvollziehbaren Appell endet der Werbespot, der zeigt: Dieses Schwein ist kultiviert – und wütend.

Dahinter steckt: Das Hamburger Unternehmen „The Raging Pig“, das es sich zum Ziel gemacht hat, Schweinefleisch neu zu erfinden. Allerdings – und hier kommt das Kunststück – ohne dafür das Fleisch echter – und ziemlich toter – Schweine zu verwenden.

Hamburger Unternehmen will „das Schweinefleisch neu erfinden“ – ohne dafür Schwein zu verwenden

Denn schließlich sind Schweine intelligenter als Hunde oder dreijährige Kinder – „und mindestens genauso niedlich“, wie die Gründer des Hamburger Start-ups mit der ebenso kantigen wie klaren Haltung auf ihrer Website erklären.

Arne Ewerbeck (l.) hat „The Raging Pig“ in Hamburg gegründet. Mit seinem Team, zu dem unter anderem Frederik (hier als veganer Grillmeister) gehört, will er allem, was bislang vom Schwein kommt, mit fleischlosen Alternativen Konkurrenz machen.

Aber wie soll das gehen? Speck und Würste herzustellen, die nach eigenen Angaben so lecker sind, „dass man zwar dafür sterben möchte – aber nicht töten“? Nichts einfacher als das – jedenfalls, wenn man ein Doktor der Physik ist und mehrere vegane Kochschulen betreibt. So wie Arne Ewerbeck, Schweine-Fan und Inhaber von „The Raging Pig“.

„Unser Ziel ist es, 1,5 Milliarden Schweine aus dem Ernährungssystem zu streichen. Denn so viele Schweine werden jedes Jahr getötet, um daraus Wurst und anderen Nahrungsmittel zu machen“, erklärt er im Gespräch mit kreiszeitung.de. „Dafür brauchten wir Produkte, die genauso lecker sind wie die Varianten aus Schweinefleisch, aber ohne Leid entstanden sind.“

Würste, die so gut wie Schweinefleisch schmecken – und die Schweine lieben. Das ist die Vision von „The Raging Pig“ aus Hamburg.

Und so stellte sich Arne Ewerbeck in die Küche und tüftelte an einer entsprechenden Rezeptur. Heraus kam dabei am Ende eine zu 100 Prozent pflanzliche Bratwurst auf Basis von Erbsen und Pilzen, die es mit dem „Original“ aus Fleisch in Geschmack und Bissfestigkeit aufnehmen kann – und die selbst Schweine lieben würden. Sowie ein „schweineloser“ Bacon auf Weizenbasis, der „so lecker ist, dass er auch eurem Dad schmeckt“.

Auch der Großhandel fand direkt Gefallen an dem pflanzlichen Speck-Ersatz. Das Produkt ging von der Versuchsküche quasi sofort in den Verkauf und will Herstellern mit großem Namen auf dem Veggie-Markt Konkurrenz machen – indem es vor allem durch den Geschmack überzeugt.

Pflanzliche Bratwurst aus Erbsen und Pilzen – für den „Umami-Geschmack“

Anfang 2022 startete „The Raging Pig“ mit dem Vertrieb seiner Produkte – und ist seitdem deutschlandweit in viele Gastronomie-Betriebe eingezogen. „Wir wollen überall dahin, wo es die klassische Bratwurst gibt, also Events, Festivals, Imbisse“, erklärt Ewerbeck. „Und dabei ressourcenschonend, tierleidfrei und nebenbei noch gesund sein.“ Klingt super? Das finden wohl auch die Menschen im Norden. Wiederum nicht nur für Süddeutsche hat das Team zwischenzeitlich sogar Weißwurst im Angebot.

In der legendären „Kleinen Pause“, dem Kult-Imbiss auf Sankt Pauli in Hamburg, kann man die schwein-befreite Currywurst von „The Raging Pig“ bereits genießen. Und auch der Einzelhandel zieht mit: In einigen Edeka- und Rewe-Fillialen in Hamburg und Bremen gibt es die Bratwürste für zu Hause zu kaufen.

Erst Hamburg, dann die ganze Welt. Das Start-up „The Raging Pig“ will den Markt für schweinelose Schweinespezialitäten erobern.

In Berlin ist man ebenfalls sehr offen für pflanzliche Produkte – dort hat vor kurzem der erste komplett vegane Rewe in Deutschland eröffnet. Diese Entwicklung hat in Deutschland seit 2014 Fahrt aufgenommen. Als Pionier hat sich damals bereits die Rügenwalder Mühle einen Namen gemacht. Seit Längerem ziehen große wie kleine Firmen nach, der Markt ist stetig im Wandel.

Zeitgleich mit „The Raging Pig“ startete das Unternehmen „Vanozza“ – ebenfalls aus Hamburg – mit einer ähnlichen Vision, aber einem anderen Ansatz. Und einem anderen Produkt. Denn bei „Vanozza“ steht alles im Zeichen des traditionellen Käsehandwerks, beziehungsweise pflanzenbasierter Alternativen dazu, „die aber genauso schmelzen und Fäden ziehen, wenn man hineinbeißt, wie Käse aus Kuhmilch“, erklärt Mitarbeiterin Cindy Ta im Gespräch mit kreiszeitung.de.

Pflanzlicher Mozzarella aus Cashew „made in Hamburg“ – Tante aus Norditalien verriet das Rezept

„Unser pflanzlicher Mozzarella orientiert sich von der Cremigkeit her eher an einem Büffelmozzarella. Dafür haben wir uns traditioneller Käserei-Techniken bedient. Nico, unser Gründer, hat eine Tante in Norditalien. Sie hat ihn in die Geheimnisse ihres perfekten Mozzarella-Rezepts eingeweiht und bei der Entwicklung einer pflanzlichen Alternative geholfen.“

So entstand eine Käsealternative, die auf der Pizza zart schmilzt und echte Italien-Vibes versprüht, aber „Made im Hamburg“ ist. Und das kommt offenbar an. Im Januar gewann das Foodtech-Start-up aus der Hamburger Hafencity bei den Start-up-Days der Grünen Woche den ersten Platz. „Alles Käse außer Vanozza“ – so das Motto gegen Tierleid beim Melken.

Pflanzlicher Käse, der Fäden zieht. Cindy (rechts) und Zarah Lucia (links) von „Vanozza“ aus Hamburg auf der Gastronomie-Messe Internorga.

Die genaue Rezeptur für ihren Mozzarella halten die Gründer natürlich geheim, doch so viel sei verraten: Die Käsealternative auf Cashew-Basis besteht nur aus sieben Zutaten und ist vollkommen frei von Aromen, Farb- und Konservierungsstoffen. So ist sie nicht nur etwas für Menschen, die sich pflanzenbasiert ernähren, sondern auch für solche, die gesundheitsbewusst leben wollen. Nebenbei schont man auf diese Weise Kühe und Umwelt.

Vanozza aus Hamburg gewinnt mit pflanzlichem Käse den ersten Platz bei der Grünen Woche

Vanozza-Käse ist inzwischen nicht nur in vielen Pizzerias ein beliebter Belag, auch außerhalb von Hamburg, sondern auch in vielen Filialen bei Rewe Nord erhältlich – neben vielen anderen im Supermarkt verfügbaren veganen Produkten. Produziert wird in einem Familienunternehmen in Hamburg. Auch pflanzliche Alternativen zu Parmesan und Feta-Käse werden dort mittlerweile hergestellt.

Mit „The Raging Pig“ und „Vanozza“ starten zwei Unternehmen mit großer Vision durch – die übrigens gut befreundet sind –, um von der Elbe aus die Food-Welt zu revolutionieren. Damit möglichst bald Wirklichkeit wird, wovon „Pig-Human“ jetzt schon träumt: Dass sich Menschen nur noch dunkel daran erinnern, dass Speck tatsächlich einmal aus „superschlauen Schweinen“ gemacht wurde.

Auch zwei Unternehmen aus Niedersachsen arbeiten an pflanzlichen Fleisch-Alternativen und erklären, warum die oft teurer sind als die Variante aus Fleisch.

Rubriklistenbild: © „The Raging Pig Company“ & Marvin Köhnken (Montage)

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