Wegbereiter aus Niedersachsen

Fleischersatz-Pioniere: Wie Rügenwalder den Veggie-Markt begründete – und wie er sich verändert

Die Rügenwalder Mühle hat vor zehn Jahren ihre ersten fleischfreien Produkte auf den Markt gebracht. Was damals neu war, findet heute viele Nachahmer.

Bad Zwischenahn – Die Rügenwalder Mühle steht seit 190 Jahren für Wurstproduktion in Familienhand. Vor zehn Jahren kamen vegetarische und vegane Ersatzprodukte hinzu. „Tradition und Innovation“ nennt die Firma aus Bad Zwischenahn in Niedersachsen das. 2014 war das alles andere als üblich in der Branche. Heute profitieren davon viele Start-ups, der Markt floriert.

„Als wir unsere ersten vegetarischen Fleisch- und Wurstalternativen auf den Markt gebracht haben, hat dieses Segment streng genommen noch gar nicht existiert“, sagt Claudia Hauschild, die bei der Rügenwalder Mühle unter anderem das Nachhaltigkeitsmanagement leitet. „Als Pionier in diesem Bereich haben wir es zu dieser Zeit begründet und geprägt.“

Veggie-Markt in Deutschland von der Rügenwalder Mühle mitbegründet

Neue Produkte habe das Unternehmen damals erst einmal erklären müssen, sagt Hauschild. Wurst, die aussieht wie Wurst, die schmeckt wie Wurst und die sich auch so anfühlt wie Wurst – das sei von Beginn an das Ziel gewesen. „Die richtige Geschmacksnote zu treffen, ist nach wie vor einer der entscheidendsten Punkte.“ Hinzu kämen mittlerweile aber auch die Verwendung natürlicher und regionaler Zutaten sowie eine kürzere Zutatenliste. Nicht zuletzt sei auch der Preis mittlerweile ein wichtiger Faktor für die Kunden.

Die Rügenwalder Mühle steht seit mehr als zehn Jahren für vegane Fleisch-Ersatzprodukte.

„Manche haben uns deshalb zunächst für diese Entscheidung (hin zu Ersatzprodukten) belächelt oder kritisiert“, berichtet Claudia Hauschild. Zur eigenen Überzeugung kam dann auch direkt der Erfolg hinzu: „Wir wollten zu Beginn fünf Tonnen die Woche herstellen, waren aber in kürzester Zeit schon bei einhundert Tonnen.“ Seit 2021 verkauft die Rügenwalder Mühle mehr Ersatzprodukte als traditionelle Fleischwaren, derzeit liege die Verteilung bei „rund 60 zu 40“.

Die Erweiterung des Rügenwalder-Angebots kam bereits vorher gut an. So urteilte der Konsumforscher Dr. Wolfgang Adlwarth, die Fleischerei aus Niedersachsen habe sich „mit ihrer Auswahl an vegetarischen Produkten neu erfunden und an den Zeitgeist angepasst“. Die Kombination aus Genuss, Gesundheit und Nachhaltigkeit habe dazu geführt, dass „die Produkte regelrecht durch die Decke gegangen“ sind. 2016 folgte die Auszeichnung für das beste „Marken-Momentum“, verliehen vom Branchenblatt „absatzwirtschaft“. „Fast auf Anhieb schaffte Rügenwalder einen Marktanteil von 30 Prozent im Veggie-Segment“, hieß es dort.

Schinken Spicker von Rügenwalder nur noch ohne Fleisch zu haben

Und das Familienunternehmen aus Bad Zwischenahn geht den Weg weiter: Der Schinken Spicker von Rügenwalder kommt seit Januar 2024 nur noch vegan in verschiedenen Varianten in die Supermärkte, ganz neu sind zwei Wurst-Alternativen für Kinder. Neben 23 klassischen Fleisch- und Wurstwaren hat das Unternehmen knapp 50 vegane und vegetarische Produkte im Portfolio – allein 20 davon kamen im Jahr 2023 hinzu.

Die Schinken Spicker werden in Bad Zwischenahn nur noch vegan hergestellt.

Gedreht und geschraubt wird in Bad Zwischenahn derweil vor allem an Geschmack und an der Zutatenliste. „90 Prozent unserer Zutaten sind bereits natürlichen Ursprungs“, sagt Hauschild. Bis Mitte 2025 sollen zudem alle pflanzlichen Rohstoffe aus Europa stammen.

Konkurrenz kommt seit 2018 auch aus einer anderen Ecke Niedersachsens: Die PHW Gruppe aus Rechterfeld (Landkreis Vechta) stieß in den Markt und ist unter anderem mit der Marke „Green Legend“ punkten – den veränderten Wünschen der Kunden entsprechend, sagte Marcus Keitzer, PHW-Vorstandsmitglied, jüngst in einem Interview mit dem Magazin „vegconomist“. Änderungen in der Produktpalette würden mittlerweile ebenfalls nah am Kunden und in einer eigenen Tochterfirma konzipiert.

Markt für Veggie-Produkte in Deutschland gibt Aufschluss über Konsumenten

Dabei ist der Markt für Veggie-Produkte in Deutschland derzeit abgekühlt, nachdem er bis 2021 stark gewachsen war. Die Beliebtheit von Fleischersatzprodukten sei zuletzt etwas zurückgegangen, berichtet das Gastro-Portal foodservice. Eine Marktanalyse von Splendid Research aus Hamburg, für die mehr als 1400 Personen zu ihrem Ernährungs- und Kaufverhalten befragt worden sind, gibt Aufschluss über den Markt. Neben dem Kaufpreis (58 Prozent) ist vielen Käufern auch die Qualität der Produkte (53 Prozent) und die Tatsache, dass es sich bei dem Artikel um eine Proteinquelle handelt (48 Prozent), wichtig.

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Die Rügenwalder Mühle ist dabei 81 Prozent der Befragten bekannt, danach folgen Alnatura (68 Prozent) und Gutfried (65 Prozent). Rügenwalder wird von den Befragten zudem am meisten als Lieblingsmarkt bezeichnet. 50 Prozent der Befragten gaben an, ihr Konsum sei etwa gleichgeblieben, 36 Prozent erklärten, dieser sei etwas oder stark gesunken. Als Gründe dafür nannten sie laut der Studie unter anderem Geschmack, Konsistenz und die eingesetzten Zusatzstoffe.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa & Rügenwalder Mühle

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