Tierhaltung

Angst in Niedersachsens Schafställen: Wenn der Wolf zur Geburt kommt

In vielen Schafställen ist jetzt Lammzeit. Ein Jungschaf nach dem anderen erblickt das Licht der Welt. Doch die Angst vor Besuchen des Wolfs in Niedersachsen bleibt.

Egestorf/Cuxhaven – Es blökt aus allen Ecken und Enden in Josefine Schöns und Clemens Lippschuss‘ Schafstall in Egestorf im Landkreis Harburg. Es ist Lammzeit in Niedersachsen. Ein kleines Schäfchen nach dem anderen erblickt jetzt das Licht der Welt. Und es gibt viel zu tun, um das Wunder der Geburt. Bis zu 350 Lämmer erwarten Josefine Schön und Clemens Lippschuss, hinzu kommen noch 400 Heidschnucken, die versorgt werden wollen. Neben all dem Leben bleibt die Angst aber groß, denn der Wolf in Niedersachsen geht um. Jüngst wurde zum Schutz ein Wolf im Gebiet der Gemeinde Amt Neuhaus abgeschossen.

Wolf in Niedersachsen: wenn Isegrim zur Lammzeit kommt

 „Wir sind alle zwei Stunden im Stall und teilen uns das in Schichten ein“, erzählt die 26-jährige Josefine Schöne, die im vergangenen Jahr mit ihrem Freund in Döhle bei Egestorf den abgeschiedenen Hof in der Lüneburger Heide übernommen hat.

Von Januar bis März halten sie sich rund um die Uhr bereit, um die Schafe zu unterstützen. 200 Lämmer sind Anfang Februar schon geboren, 150 erwarten sie noch. Zudem müssen 400 ausgewachsene Heidschnucken versorgt werden. Oft läuft bei ihnen im offenen, kalten Stall laute Musik im Hintergrund.

Drei Monate Lammzeit sind für Schäferin Josefine Schön ziemlich stressig. Von Januar bis März hält sie sich rund um die Uhr bereit, um die Schafe zu unterstützen.

Der Besuch eines Fitnessstudios ist überflüssig: „Das braucht man nicht und man schläft gut, wenn man denn zum Schlafen kommt“, berichtet Schön und lächelt. Allein lassen die Zwei ungern ein Neugeborenes auf die Welt kommen. Unerfahrene Mutterschafe könnten übersehen, dass ein Junges aus Versehen im Fruchtwasser landet und dort ertrinkt. Manche müssen auch mit der Flasche aufgezogen werden.

Angst in Niedersachsens Schafställen: Angst vor dem Wolf ist ständig präsent

Zu Ostern geben sie einige Lämmer weg, aber nicht die ganz jungen: „Ein Schaf gilt noch als Lamm, bis es eineinhalb Jahre alt ist“, erklärt Lippschuss. Die Heidschnucken wiegen zwischen 30 und 35 Kilogramm, wenn sie an die Schlachtereien in den Nachbarorten gehen. Der Transport ist kurz, die Tiere haben wenig Stress.

Und mit jedem Lamm hoffen sie auf einen Zuchterfolg, der sich bei der alljährlichen Auktion verkaufen lässt. Von allen ihren Schafen der Rasse grau gehörnte Heidschnucken können sie die Abstammung nachweisen. „Wir ziehen hier die Elite an Böcken auf“, sagt Schön, die in der Nähe von Dresden aufgewachsen ist und über das Spinnen der Wolle zur Zucht kam. Auch heute trägt das Paar im Winter noch selbst hergestellte Lammfellsocken.

Die beiden sind angestellt bei der Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide, haben sogar Anrecht auf 30 Tage Urlaub im Jahr und bekommen Hilfe, wenn einer krank wird. „Wir sind angestellt, arbeiten aber selbstständig“, erzählt Lippschuss. „Es ist ja schwierig, selbstständig zu sein, die Bürokratie frisst die Schäfer auf“, meint der 31-Jährige.

Wolf in Niedersachsen: Trotz Schutzzaun verliert Schäfer René Krüger bis jetzt 30 Lämmer

Zudem sei die Angst vor dem Wolf ständig präsent, die offenen Fenster im Stall sind alle mit Draht vergittert. „Wir haben hier einen oder zwei auch schon tagsüber gesehen, wie sie um unseren Stall liefen“, berichtet der Tierwirt über die ständige Angst.

Gerade während der Geburtenzeit ist die Angst vor dem Wolf groß. (kreiszeitung.de-Montage)

Das Problem von Lippschuss und Schön ist kein Einzelfall in Niedersachsen. Der Wolf macht überall Probleme und die Schäfer wissen sich vielerorts nicht mehr wirklich zu helfen, und werfen nicht selten das Handtuch und kapitulieren vor dem Wolf. „Zurzeit wohne ich sozusagen im Schafstall. Nachts stehe ich dann auch auf oder manche Nächte muss ich auch durcharbeiten, wenn viele Lammungen sind“, berichtet Schäfer René Krüger aus Wersabe im Landkreis Cuxhaven gegenüber Radio Bremen.

„Ich mag Schafe einfach, die ganze Art“, wird Krüger in dem Bericht bei „buten un binnen“ zitiert. Doch, bei all der Liebe zu den Schafen, hat auch er Angst um seine Tiere wegen des Wolfs. Obwohl Krüger einen Schutzzaun hat, wurden bis jetzt 30 seiner Tiere getötet und es werden in Zukunft wohl auch noch mehr. Aufgrund des Stresses für die Schafe habe es nun ungewöhnlich viele Totgeburten gegeben. „Scheinbar hält ein Zaun auf Dauer die Wölfe nicht“, so Krüger.

Wolfsmanagement: Zentrale Hotline der Landwirtschaftskammer

Wenn sie bei einem Nutztierschaden den Verdacht haben, dass ein Wolf beteiligt sein könnte, wählen Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter in Niedersachsen am besten die Hotline der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) unter 0511 3665 1500 an. Alternativ gibt es die Möglichkeit, sich direkt an die für ihre Region zuständige LWK-Bezirksförsterei zu wenden. Zu den möglichen Nutztierschäden durch Wolfsangriffe zählen zum Beispiel verschollene, tote und verletzte Tiere sowie der Ausbruch einer Herde. Quelle: Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Um seine Tiere in Zukunft besser schützen zu können, will Krüger sich einen Herdenschutzhund anschaffen. Er hofft, trotz hohem finanziellen Aufwand, dass seine Schafe und Lämmer so eine Zukunft haben und nicht Opfer des Wolfs werden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Carlos Luján/Sabine Maurer/dpa

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