CDU schickt Holsten ins Rennen um den Landtag
Die CDU im Wahlkreis Rotenburg geht erneut mit Eike Holsten in den Landtagswahlkampf. Aber die parteiinterne Abstimmung war denkbar knapp.
Mulmshorn – Elf Stimmen mehr – Eike Holsten ist sichtlich erleichtert, als Rotenburgs CDU-Kreisvorsitzender Marco Mohrmann das Ergebnis um 21.43 Uhr im Mulmshorner Heidejäger verkündet, Holsten fasst sich an die Brust. Es hat doch gereicht. „Ich freue mich auf einen intensiven Wahlkampf“, sagt der 38-jährige Rotenburger in seiner Bewerbungsrede bei der Aufstellungsversammlung der CDU im Wahlkreis 53 für die Landtagswahl am Freitagabend – wohlwissend, dass er nun die schwierigste Wahl vielleicht bereits gewonnen hat.
Holsten ist wieder zum Kandidaten für das Direktmandat in Hannover gewählt worden. Herausforderer Dirk Gieschen nimmt es nach dem Votum der Mitglieder sportlich mit einer kräftigen Prise Humor: „Es ist die Mehrheit, die sich für den zweitbesten Kandidaten entschieden hat.“
Dass sich Holsten überhaupt zur Wahl stellen muss an diesem Abend in einer Versammlung vor Ort und bei den Parteifreunden vor den Bildschirmen, ist einer Wahlkreisreform am Ende des vergangenen Jahres geschuldet. Eigentlich war der Rotenburger Gemeindeverbandschef, seit 2017 Nachfolger der langjährigen Abgeordneten und ehemaligen Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann, bereits im September nominiert worden. 100 Prozent Zustimmung gab es damals. Die gibt es heute nicht mehr – weil mit Oyten und Ottersberg zwei Kommunen aus dem Kreis Verden den bisherigen sechs Rotenburger Altkreiskommunen zugeordnet worden sind und der 53-jährige Gieschen aus Quelkhorn an seiner Absicht festhielt, den Schritt nach Hannover zu wagen. 180 Freunde und Unterstützer habe er in den vergangenen Wochen dazu bewegt, in die CDU einzutreten, sagt er – Holsten hatte bereits im Vorfeld geahnt, dass es bei der zweiten „Kampfkandidatur“ für ihn noch knapper wird.
Ich bin hoch motiviert, das Mandat zu verteidigen. Ich werde hart arbeiten und Vollgas geben.
Rund 1 100 stimmberechtigte Christdemokraten gibt es am Ende. Dass die sich unbeeindruckt von den auf zwölf Minuten festgelegten und tatsächlich wenig spektakulären Bewerbungsreden am Freitagabend bereits festgelegt haben, zeigt die Resonanz, bevor es an die Wahlurnen in Mulmshorn, Lauenbrück, Wittorf und Bassen geht: Von den 400 Plätzen im Mulmshorner Gasthaus sind weit mehr als die Hälfte unbesetzt, im Stream verfolgen nur gute zwei Dutzend CDU-Rechner das Geschehen. Als Formalien und Reden nach gut einer Stunde erledigt sind und es für die Mitglieder darum geht, ihre Stimme abzugeben, bilden sich aber lange Schlangen an den Registrierungstischen. 537 Stimmen werden abgegeben: 274 für Holsten, 263 für Gieschen. Sieg mit 51 Prozent.
Vieles war ja auch bereits im Vorfeld gesagt. Wirklich überzeugen mussten die beiden Kandidaten die Mitglieder wohl nicht mehr, und so drehten sich die Reden auch viel um Allgemeines: Ukraine-Krieg, Landespolitik, Digitalisierung und Landwirtschaft. Gerade dieses Thema war es, das den hemdsärmeligen Landwirtschaftsmeister aus Quelkhorn, der sich selbst als „ungeduldig und polterig“ bezeichnet, und den Berufspolitiker aus Rotenburg inhaltlich trennen sollte – am Abend vor der finalen Abstimmung spielt es allerdings kaum eine Rolle. „Durchsetzungsstark und erfolgreich“ sei er, sagt Gieschen, die Interessen des Wahlkreises in Hannover soll nach dem Willen der CDU-Mehrheit aber nach der Wahl am 9. Oktober Holsten weiter vertreten. Die parteiinterne Wahl ist bei der CDU entschieden, aber der nächste Wahlkampf beginnt jetzt: Vornehmlich gegen den „Sheriff aus Vahlde“, wie es Gieschen formuliert – wie 2017 geht es für Holsten nun gegen SPD-Kandidat Tobis Koch. 677 Stimmen lagen damals zwischen beiden.
Gieschen gehört auf der Bühne in Mulmshorn das letzte Wort, er hat noch Tipps für den Jüngeren für die kommenden Monate Ochsentour: „Sei auf den Veranstaltungen nicht der Letzte und gehe nicht als Erster.“ Und, um in seinem Jargon zu untermauern: „Reiß dir den Arsch auf, damit der Wahlkreis bei der CDU bleibt.“
Vertreterin der Russlanddeutschen wirbt emotional um Miteinander
Mit emotionalen Worten hat CDU-Mitglied Galina Schüler während der Aufstellungsversammlung in einem kurzen Redebeitrag als langjährige Vorsitzende der Kreis- und Ortsgruppe Rotenburg der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland um Verständnis in den aktuellen Kriegszeiten geworben. Rund 3 000 Menschen mit Wurzeln in Russland leben ihren Angaben nach derzeit in Rotenburg, man integriere sich gut, sei fleißig und zahle Steuern. „Wir verabscheuen den Krieg, den Putin angezettelt hat“, betonte sie. Der Landesverband der Landsmannschaft habe gerade erst 60 Waisenkinder aus der Ukraine nach Deutschland gebracht. „Traurig und wütend“ sei sie nun, weil vielen Russischstämmigen auch in Rotenburg Vorwürfe gemacht würden: „Aber wir sind nicht die Feinde!“ Es gebe Anfeindungen, zwei Frauen sei in Rotenburg gekündigt worden, weil sie „Russen“ seien, Kinder würden in der Schule ausgegrenzt. Dabei müsse man doch vielmehr „zusammenstehen und gegen den Krieg kämpfen“. Die CDU müsse sich bemühen, dass das Ausgrenzen aufhöre. Schüler lautstark: „Wir sind doch keine Russen, wir sind Deutsche.“
