Angst vor „Mord, Zwangsheirat, Folter“

Merz‘ Regierung bricht Versprechen: Afghanischer Familie droht Abschiebung – „es ist wirklich unmenschlich“

Die Regierung entzieht Ortskräften die Aufnahmezusage. Vertreter von Mission Lifeline sprechen von Wortbruch: Im schlimmsten Fall drohe Betroffenen in Afghanistan der Tod.

Islamabad/Berlin – Lange lebten in Pakistan ausharrende Afghaninnen und Afghanen trotz ihrer Aufnahmezusagen aus Deutschland im Unklaren; für einige von ihnen gibt es nun Gewissheit – jedoch eine traurige. Rund 130 Menschen, die Zusagen aus dem Ortskräfte-Programm der Bundesregierung hatten, und ihren Familien wurde nach Angaben der Hilfsorganisation Kabul Luftbrücke die Aufnahmezusage entzogen. 

Die Regierung unter Kanzler Merz entzieht früheren Afghanistan-Ortskräften die Aufnahmezusage – kurz nachdem Innenminister Alexander Dobrindt über Verantwortung sprach. (Symbolbild)

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media schildern Samim Jabari und Jule Klemm von der Hilfsorganisation Mission Lifeline die prekäre Lage einer Familie und richten deutliche Kritik an die Bundesregierung. Jabari hat selbst sieben Jahre als TV-Journalist für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet: „Glücklicherweise bin ich jetzt hier in Deutschland.“ Anderen afghanischen Ortskräften droht mit der Entscheidung der Regierung nun ein anderes Schicksal, wie Jabari am Beispiel von N. schildert, der mit seiner Familie – zwei Söhne und zwei Töchter im Alter zwischen 6 und 13 Jahren – nach Afghanistan abgeschoben werden soll. Der Name des Betroffenen wurde für seine Sicherheit und die seiner Familie anonymisiert.

Regierung Merz entzieht Ortskräften die Aufnahmezusage – nach Dobrindt Ansprache über „Verantwortung“

Die Regierung sieht sich an Aufnahmezusagen über die Menschenrechtsliste und das Überbrückungsprogramm von rund 650 in Pakistan wartenden Afghaninnen und Afghanen nicht gebunden. Nun wurde jedoch auch die Zusage von Ortskräften widerrufen – kurz nachdem Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) Ende November erklärt hatte, bis Jahresende dem Großteil dieser Menschen mit rechtsverbindlichen Aufnahmezusagen die Einreise zu ermöglichen: „Ortskräfte sind für uns Personen, für die wir eine nachlaufende Verantwortung sehen.“

Von diesem Verantwortungsbewusstsein scheint nicht mehr viel übrig: Früheren Ortskräften – Menschen, die vor der erneuten Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 für deutsche Institutionen gearbeitet haben – droht nun die Abschiebung nach Afghanistan.

Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime

Kabul Flughafen
Im Jahr 2021 zogen sich die USA aus Afghanistan zurück. Zugleich rückten auch die übrigen NATO-Truppen ab, darunter die deutsche Bundeswehr. Nachdem ein Großteil der ausländischen Truppen das Land verlassen hatte, eroberten die Taliban Afghanistan in Windeseile zurück. Am 15. August 2021 übernahmen sie die Macht in dem Land.  © Imago
Frauen in Afghanistan
Trotz anfänglicher Versprechen, Frauenrechte im Rahmen der Scharia zu respektieren, erließen die Taliban bereits in den ersten Monaten zahlreiche Verbote. Diese hinderten Frauen und Mädchen daran, ihre grundlegenden Rechte auf Meinungsäußerung, Freiheit, Arbeit und Bildung wahrzunehmen. In nur wenigen Monaten höhlten die Taliban mit unvergleichlicher Härte das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung aus. © Mads Nissen/dpa
Mädchen in Afghanistan
Als eine der ersten politischen Handlungen verboten die Taliban Mädchen den Besuch von weiterführenden Schulen. Zwar liefen einige Kurse online weiter, doch zu den Prüfungen waren die Studentinnen nicht zugelassen. Ohne Bildung steigt das Risiko für Mädchen, ausgebeutet, missbraucht oder früh verheiratet zu werden. © Aref Karimi/AFP
Afghan refugee
Seit der Machtübernahme der Taliban sind die Berufsmöglichkeiten für Frauen stark eingeschränkt. Vielen wurde gekündigt, andere dürfen nur noch von zu Hause aus arbeiten. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, braucht für den Weg dorthin einen männlichen Begleiter (Mahram). Die Berufsverbote der Frauen stürzen viele Familien noch tiefer in die Armut. Im Jahr 2023 versinnbildlichte Liza Anvary mit dieser Aufnahme, dass Frauen in Afghanistan wie in einem Gefängnis leben. Anvary arbeitete für die afghanische Regierung, ehe sie nach zwei Mordanschlägen über Pakistan nach Spanien flüchtete. © Ximena Borrazas/Imago
Lage in Afghanistan
Die Taliban erließen strenge Bewegungsfreiheits- und Kleidervorschriften für Frauen. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur unterwegs sein, wenn sie von einem männlichen Verwandten begleitet werden. Generell dürfen sie das Haus nur zu dringenden Besorgungen und nur vollständig verschleiert verlassen. Halten sich Frauen nicht an die Kleidervorschriften, droht ihren männlichen Verwandten Haft. © Julian Frank/dpa
Lage in Afghanistan
Das landesweite Unterstützungssystem für Überlebende sexualisierter Gewalt, das Frauenrechtlerinnen in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut hatten, ist fast vollständig zusammengebrochen. Frauenhäuser mussten schließen, Mitarbeitende von Organisationen werden bedroht oder müssen verdeckt arbeiten. Das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hat keine Gültigkeit mehr. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Aghanistan
Auf ihrem Eroberungszug durch das Land ließen die Taliban 2021 systematisch Gefangene frei. Viele von ihnen waren wegen geschlechtsspezifischer Gewalt verurteilt worden. Das Frauenministerium wurde abgeschafft und durch das berüchtigte „Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhütung des Lasters“ ersetzt, das die frauenfeindlichen Erlasse des Regimes umsetzt. © Bashir Darwish/Imago
Taliban in Afghanistan
Schon vor dem Sieg der Taliban war eines von drei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet worden. Diese hohe Zahl stieg bis 2023 weiter an. Um nicht zu verhungern, verheiraten immer mehr Eltern ihre oft noch sehr jungen Töchter gegen einen Brautpreis. Manche Familien verheiraten ihre Töchter auch, um sie vor einer Zwangsheirat mit einem Mitglied der Taliban-Miliz zu schützen. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Afghanistan
Frauen sind seit der Machtübernahme aus dem politischen Leben völlig ausgeschlossen. Vor der Taliban-Herrschaft waren dank einer Quotenregel 27 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen. Landesweit gab es 21 Prozent Strafverteidigerinnen und 265 von insgesamt 1951 Richterinnen waren Frauen. In der neuen Regierung gibt es keine einzige Ministerin. © Wakil Kohsar/AFP
Taliban in Afghanistan
Aus Angst vor Repressionen hörten seit der Machtergreifung der Taliban 84 Prozent der Frauen, die im Journalismus tätig waren, auf, weiter in dieser Branche zu arbeiten. Die, die weitermachen, tun das unter Lebensgefahr. Inländische Medien müssen sich an strenge Inhaltsvorschriften halten. © Wakil Kohsar
Taliban in Afghanistan
Frauen, die dringend benötigte humanitäre Projekte umsetzen, können nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt arbeiten. Seit April 2023 dürfen sie nicht mehr für die UN tätig sein. Das gleiche Bild zeigt sich im Bildungs- oder Gesundheitssektor. Ärztinnen dürfen beispielsweise keine männlichen Patienten behandeln oder sich mit ihren männlichen Kollegen austauschen. © Javed Tanveer/AFP
Taliban in Afghanistan
Afghanistan hat eine der höchsten Raten an Müttersterblichkeit der Welt. Nach UN-Schätzungen stirbt alle zwei Stunden eine afghanische Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Ursachen sind das oft junge Alter, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren. Das Verkaufsverbot von Verhütungsmitteln, das die Taliban Anfang 2023 erließen, kann tödliche Folgen für Frauen haben. © Hoshang Hashimi
Frauen unter dem Taliban Regime
Die Schließung von Beauty Salons wurde im Juni 2023 angeordnet, was einen weiteren Eingriff in den Bereich der persönlichen Körperpflege, des Wohlbefindens und der Arbeitsmöglichkeiten von Frauen darstellt. Diese Maßnahme traf Tausende von Frauen, die in diesen Salons arbeiteten und ihre Familien ernährten. Ein Beispiel für die Veränderungen zeigt das Bild: Sofort nach der Taliban-Machtübernahme übermalte eine Mitarbeiterin eines Schönheitssalons in Kabul ein großes Foto einer Frau.  © Imago
Demo in Dänemark
Die mehrheitlich schiitischen Hazara sind seit langer Zeit Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt. Mit der Machtübernahme der Taliban hat die Unterdrückung zugenommen. Insbesondere Frauen und Mädchen sind von multiplen Formen der Diskriminierung und Gewalt betroffen. Zahlreiche Anschläge wurden gezielt auf Frauen und Mädchen der ethnischen Minderheit Hazara verübt. In Europa kommt es deswegen häufiger zu Demonstrationen, wie hier im Oktober 2022 in Kopenhagen. © Thibault Savary/Imago
Taliban in Afghanistan
Mit Sorge beobachten Frauenrechtsaktivistinnen, wie überall islamische Schulen entstehen. Weil sie sonst keine Chance auf Unterricht haben, besuchen auch immer mehr Mädchen und junge Frauen diese Madrasas. Dort verbreiten die Lehrenden islamistisches und radikales Gedankengut, das die Schülerinnen in ihre Familien tragen. © Mustafa Noori/Imago
Flucht aus Afghanistan
Die Angst vor der Gewaltbereitschaft der neuen Taliban-Machthaber haben zu noch mehr Fluchtbewegungen geführt. Annähernd 700.000 Menschen haben laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR allein im Jahr 2021 ihre Dörfer und Städte verlassen. Rund 3,25 Millionen Afghaninnen und Afghanen leben aktuell als Binnenvertriebene im eigenen Land. © Diego Radames/Imago
Taliban in Afghanistan
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich nach der Machtübernahme rapide: Inflation und Arbeitslosenrate stiegen stark an, das Bankensystem kollabierte. Die USA froren Milliarden-Reserven der Zentralbank des Landes ein. Kontoinhaber konnten nur noch kleine Beträge abheben, es gab keine Kredite mehr und vielen Afghaninnen und Afghanen fehlt das Geld zum Leben. © Ramin Sulaimankhail/Imago
Tomatensaison in Afghanistan
Afghanistan gehört zu den Ländern auf der Welt, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die ausbleibenden Niederschläge führen dazu, dass Ernten ausfallen, Tierfutter und Trinkwasser knapp sind. Zugleich haben sich die Preise für Lebensmittel, Dünger und Treibstoff in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Die Lage der Bauern ist so dramatisch, dass Eltern teilweise ihre Kinder verkaufen müssen. © Ahmad Zubair/dpa
Humanitäre Lage in Afghanistan
Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 97 Prozent der Bevölkerung in Armut und zwei Drittel sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Vier Millionen Menschen sind akut unterernährt, darunter 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Laut World Food Programme sind zwei Drittel der Bevölkerung 2023 auf humanitäre Hilfe angewiesen – fast dreimal so viel wie 2021. © Khibar Momand/dpa
Afghanistan Pakistan
Zwangsrückführungen verschlimmern die Krise. Hunderttausende Geflüchtete sehen sich nach einer Ankündigung der pakistanischen Behörden im Oktober 2023 mit ihrer Abschiebung konfrontiert. Iran und Pakistan haben im Rahmen staatlicher Maßnahmen gegen Migranten und Geflüchtete fast zwei Millionen Menschen zurück nach Afghanistan abgeschoben. Viele der Abgeschobenen hatten Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben außerhalb Afghanistans verbracht. © Hussain Ali/Imago
Konflikt in Afghanistan
Die Kürzungen bei den US-Hilfsprojekten durch die Trump-Regierung haben Programme zum Erliegen gebracht, die für die Ernährungssicherheit unverzichtbar waren. Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – rund 23 Millionen Menschen – ist auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Bis Juli mussten mehr als 400 Gesundheitseinrichtungen aufgrund fehlender Mittel schließen, die zum Großteil aus der offiziellen Entwicklungshilfe von Geberregierungen stammten. © Saifurahman Safi/dpa
Demo Berlin
Seit August 2021 demonstrieren afghanische Frauen und afghanische Frauen- und Diasporagruppen (wie hier in Berlin) immer wieder friedlich für Bildung, Arbeit, Gerechtigkeit und Frieden. Ihre Proteste setzten sie trotz der Brutalität des Regimes, trotz Verhaftungen und Entführungen von Demonstrantinnen fort. Afghaninnen, die friedlich für ihre Rechte protestieren, werden bedroht, verhaftet und gefoltert. Frauenrechtsaktivistinnen berichten von Entführungen, Kinderehen, Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen. © Gerald Matzka/dpa
Frauen in Afghanistan
Die Taliban setzen seit 2024 ein drakonisches Gesetz zur „Verbreitung von Tugend und Verhinderung von Laster“ rigoros durch, das Kleidungs- und Verhaltensweisen reglementiert. Lokale Komitees führen Razzien an Arbeitsplätzen durch, überwachen öffentliche Plätze und haben Kontrollpunkte eingerichtet, um Mobiltelefone zu überprüfen. Die Taliban haben Menschen wegen angeblicher Verstöße festgenommen. © Wakil Kohsar/AFP
Achundsada
Im Juli 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und den obersten Richter, Abdul Hakim Hakkani. Ihnen werden wegen der Entrechtung von Frauen und Mädchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nach Auffassung des Gerichts betreiben die Taliban eine Politik, die zu schweren Verletzungen der Grundrechte und -freiheiten der Zivilbevölkerung führt: Mord, Inhaftierung, Folter und Vergewaltigung.  © Mohd Rasfan/AFP
Flughafen Hannover - Ankunft Afghanen mit Aufnahmezusage
Im September 2025 konnten mehrere afghanische Familien nach Deutschland einreisen. Sie hatten in Deutschland geklagt, um ihre Einreise durchzusetzen. Die schwarz-rote Koalition hatte das Aufnahmeprogramm im Mai gestoppt. Am 18. Juli 2025 hatte Deutschland 81 Betroffene nach Kabul abgeschoben – die ersten Abschiebungen nach Afghanistan unter der neuen Regierung. In den USA hat die Trump-Regierung den vorübergehenden Schutzstatus für afghanische Staatsangehörige aufgehoben und Afghanistan in die Liste der Länder mit Einreiseverbot aufgenommen. Tausenden afghanischen Staatsangehörigen droht somit die Abschiebung, auch in Drittländer. © Michael Matthey/dpa

Nach 17 Jahren Arbeit für die GIZ in Afghanistan: „Sie waren sich sicher, dass sie nach Deutschland gebracht würden“

So auch der Familie von N., die sich seit fast einem Jahr in Pakistan aufhält: „Sie hatten in Afghanistan all ihren Besitz verkauft und wollten in Deutschland ein neues Leben starten“, berichtet Jabari im Gespräch mit unserer Redaktion. Dieser Traum von einem neuen Leben ist mit der Entscheidung der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz geplatzt. Fast 17 Jahre hatte N. in Afghanistan für die GIZ als Fahrer gearbeitet – bis zur Machtübernahme der Taliban.

Nach der Machtübernahme konnte der ehemalige lokale Mitarbeiter seine Familie und sich selbst mit der Ausreise nach Pakistan vorerst in Sicherheit bringen – seine Mutter musste er in Afghanistan zurücklassen. Dort starb sie an einem Schlaganfall wegen des Stresses, wie Jabari schildert. In Afghanistan wurde N. schon einmal Opfer von Gewalt durch die Taliban.

Psychische Belastung für frühere afghanische Ortskräfte: „Sie denken an Mord, Zwangsheirat, Folter“

Nachdem die Terrororganisation die Macht übernommen hatte, drangen sie in eine GIZ-Wohnung ein, in der er sich aufhielt – er wurde „wirklich hart geschlagen“, berichtet Jabari. Damals habe N. begonnen, deutschen Behörden Anträge für die Aufnahme in Deutschland zu schicken. Einige Unterlagen liegen unserer Redaktion vor. Die Familie bekam eine Zusage, „und sie waren sich sicher, dass sie nach Deutschland gebracht würden“.

Doch nun sollen N., seine Ehefrau und die vier Kinder nach Afghanistan abgeschoben werden: Die psychische Belastung sei so groß, dass alle Familienmitglieder erkrankten. Jabari schildert: „Wissen Sie, eine Familie, die all ihren Besitz verkauft, hat keine Hoffnung mehr, in Afghanistan zu leben. Sie hätten nichts zu essen und zu trinken. Sie haben nichts: keine klare Zukunft, und sie denken ständig an Mord, Zwangsheirat, Folter.“ Aufgrund der psychischen Leiden werde die Familie aktuell im Krankenhaus in der Stadt Peshawar in der Nähe des Flughafens behandelt. Die GIZ wartet, bis sie aus dem Krankenhaus entlassen wird; dann sollen sie zurück nach Afghanistan geschickt werden. 

Der Umgang der Regierung Merz mit Afghaninnen und Afghanen: „Ich schäme mich dafür“

Auch mit dem Chef des früheren lokalen Mitarbeiters, H. Dittberner, hat unsere Redaktion gesprochen. Zehn Jahre hat er in Afghanistan als Adviser für die Entwicklung erneuerbarer Energien gearbeitet: „Ich habe 2014 aus rein moralischen Gründen meine Arbeit in Afghanistan aufgegeben und ich habe prophezeit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Taliban wiederkommen.“ Über N., dem nun die Abschiebung nach Afghanistan droht, sagt Dittberner im Gespräch: Wenn einer die Aufnahme verdient hätte, „ist es er“.

Wie Deutschland nun mit diesen Menschen umgeht, sei „beschämend“. Zu der psychischen Belastung der Familie sagt er: „Diese Menschen hat man eigentlich dorthin getrieben, er war ein wirklich physisch und psychisch ausbalancierter Mitarbeiter, der allen Respekt verdient. Aber wenn man einen Menschen nach Pakistan holt, die Kinder ein Jahr lang nicht zur Schule gehen und ihm nach der Zusage den Boden unter den Füßen wegzieht, mehr kann ich da eigentlich gar nicht mehr sagen.“ Über den Umgang der Regierung mit diesen Menschen sagt Dittberner: „Ich schäme mich dafür.“

Deutschlands Versprechen gebrochen: Afghanistan-Ortskräften droht Abschiebung – und Lebensgefahr

Für ehemalige Ortskräfte bedeutet eine Rückkehr nach Afghanistan Lebensgefahr, wie Jabari und Klemm schildern. Die Taliban betrachten ehemalige Mitarbeiter westlicher Organisationen als „Spione, die getötet werden müssen“, warnt Jabari. Neben der Bedrohung für Leib und Leben durch die Taliban fehle es der Familie durch den Verkauf ihres Eigentums auch an Mitteln zur Sicherung ihrer Existenzgrundlage in Afghanistan. Der Bundesregierung wirft Jabari vor diesem Hintergrund vor, sich nun bereits zum zweiten Mal nicht an ihre Versprechen zu halten, und: „Sie spielt fast schon mit der Zukunft ihrer lokalen Mitarbeiter.“

Von 2001 bis Sommer 2021, rund 20 Jahre, dauerte der Bundeswehreinsatz. „Deutschland ist damals aus zwei Gründen nach Afghanistan gekommen, die für Afghanistan so dringend notwendig waren, wie der menschliche Körper Sauerstoff braucht: Sicherheit und Entwicklung“, erklärt Jabari. „Die deutsche Regierung versprach unserem afghanischen Volk, unserem Land und auch unseren lokalen Mitarbeitern, dass sie diese beiden Dinge in unser Land bringen würden. Also blieben afghanische lokale Mitarbeiter wie ich, die Bevölkerung und andere Leute bei den deutschen Projekten, um sich zunächst einmal gegen die terroristischen Aktivitäten der Taliban zu wehren.“

Auf der anderen Seite hätten die Menschen versucht, Entwicklung in dem Land voranzutreiben, doch beide Versprechen – Sicherheit und Entwicklung – seien nicht erfüllt worden: Am Ende habe sich Deutschland und Staaten wie die USA von ihren Versprechen abgewandt: „Sie haben Afghanistan verlassen.“ Mit der Entscheidung, frühere Ortskräfte nicht in Deutschland aufzunehmen, breche die Bundesregierung ein weiteres Versprechen.

Samim Jabari: Regierung Merz schickt Menschen „erneut in die Hände unserer Feinde, der Taliban“

Lokale Mitarbeiter seien nun mit „einer wirklich schlimmen Zukunft konfrontiert“. Dabei handle es sich um Menschen, „die dieses Projekt unterstützt und sich gegen die terroristischen Aktivitäten der Taliban gestellt haben“. Die Regierung schicke diese Menschen „erneut in die Hände unserer Feinde, der Taliban“. Für die Terrorgruppe sei dies eine Chance, „sich an den Menschen zu rächen, die gegen sie arbeiten“, warnt der Vertreter von Mission Lifeline: „Es ist wirklich unmenschlich und verstößt gegen die Menschenrechte, diese Menschen nach Afghanistan zurückzuschicken.“

Auch Jule Klemm zeigt sich fassungslos: „Die Regierung verhält sich undemokratisch. Das ist eine Schutzpflicht, die Deutschland gegenüber diesen Menschen hat: sie nicht in den sicheren Tod zu schicken.“ So behandle man generell keine Menschen, die einem geholfen haben: „Und das sind gerade besonders schutzbedürftige Menschen, die nun sicher in die Hände der Taliban geraten werden und im schlimmsten Fall mit dem Tod rechnen müssen. Und letztendlich ist die Regierung dafür verantwortlich.“ Die Bundesregierung hinterlasse damit nicht nur menschliches Leid, sondern auch einen nachhaltigen Vertrauensschaden für künftige internationale Einsätze.

Afghanischer Familie droht Abschiebung: „Egal, ob sie Folter oder Verletzungen durch die Taliban erwartet“

Nach der Rücknahme der Aufnahmezusage wurde nach Informationen der Organisation noch keiner der ehemaligen lokalen Mitarbeiter nach Afghanistan abgeschoben. Die GIZ finanziere die Aufenthalte, solange noch keine endgültige gerichtliche Entscheidung vorliegt, dass der Widerruf der Aufnahme gültig ist, erklärt Klemm. Doch für die Familie sei die Lage aussichtslos, sagt Jabari.

Pakistan hat der Bundesregierung bis zum Jahresende Zeit für die Aufnahmeverfahren gegeben. „Wenn Deutschland sie nicht aufnimmt, dann werden wir sie abschieben. So ist das nun einmal“, kündigte zuletzt Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif im Gespräch mit der Welt an. Weil auch N. in Pakistan keine Visa hat und die Bundesregierung die Aufnahme in Deutschland verweigert, besteht die Gefahr, dass sie nach Afghanistan abgeschoben werden, sobald die Familie aus dem Krankenhaus entlassen ist. Es dürfte auf die Abschiebung hinauslaufen: „Sie müssen nach Afghanistan zurückgehen, egal, ob sie Folter oder Verletzungen durch die Taliban erwartet.“ (Quelle: Eigene Recherche, Mission Lifeline, dpa, Welt) (pav)

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