Aus Damaskus
Merz‘ Aussage in Syrien als Wunschdenken entlarvt: „80 Prozent wollen eher in Deutschland bleiben“
Ein Satz vom Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) sorgt für Angst unter den Syrern und Chaos in Deutschland – und eine Erklärung des Präsidenten Ahmed Al-Sharaa (43) in London kontert die Aussage.
Während der Pressekonferenz im Kanzleramt am Montag, bei der der syrische Präsident Ahmed Al-Sharaa in Berlin empfangen wurde, sagte Bundeskanzler Merz einen umstrittenen Satz: „80 Prozent der Syrer wollen zurück“ und stellte ihn als Wunsch des syrischen Präsidenten dar. Was daran stimmt und wie die Realität wirklich ist: Viele Syrer sagen, dass dies nicht aufgehen wird – es sei „vielmehr Wunschdenken“ des Kanzlers. Während eines Gesprächs bei der Denkfabrik Chatham House in London stellte der Präsident am Dienstag dann klar, dass die Aussage etwas überspitzt sei. „Sie wurde von Herrn Bundeskanzler geäußert.“, so der syrische Präsident. Er sei aus einem Gespräch zitiert worden: „Ich habe gesagt, dass die Rückkehr der Flüchtlinge direkt mit dem Wiederaufbau Syriens zusammenhängt.“
Ussama Saleh ist ein deutsch-syrischer Ingenieur im technischen Bereich. Seit einem Jahr ist er nach Syrien zurückgekehrt und arbeitet unter anderem für das Telekommunikationsministerium in Damaskus. Seine Einschätzung: „Es ist schwierig zu sagen, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer nach Syrien zurückkommen wollen, es ist vielmehr Wunschdenken des Kanzlers und ich glaube, dass eher 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer in Deutschland bleiben wollen.“
Merz‘ Aussage in Syrien als Wunschdenken entlarvt: „80 Prozent wollen eher in Deutschland bleiben“
Saleh stützt sich dabei auf seine Gespräche: „Ich habe mit vielen Syrern gesprochen, dass am Anfang der Befreiung Syriens viele Leute den Wunsch hatten, zurückzugehen. Jetzt, mittlerweile fast eineinhalb Jahre später, ist die Situation wieder anders. Die Leute sehen, dass es hier kaum Wohnraum oder Arbeit gibt. Insofern haben sich, glaube ich, auch viele erst mal entschieden, lieber in Deutschland zu bleiben, um ein bisschen abzuwarten, bis sich hier etwas ändert. Viele Syrer in Deutschland würden gerne ihr Land zwar besuchen und sich selbst ein Bild vor Ort machen – aber nicht endgültig zurückkehren.“, so der 58-jährige Deutsch-Syrer.
Der politische Aktivist und Syrien Experte aus Idlib Majid Abdul Noor (39): „Derzeit ist Syrien aufgrund der angeschlagenen Wirtschaft und der zerstörten Infrastruktur nicht in der Lage, die Rückkehr der Flüchtlinge zu bewältigen. Bis heute ist es dem Land nicht gelungen, das Problem der Flüchtlingslager zu lösen, geschweige denn die Millionen Syrer im Exil. Die zerstörten Städte und Dörfer brauchen Milliarden von Dollar für den Wiederaufbau, und die wirtschaftliche Lage ist in jeder Hinsicht äußerst schlecht.“
Vor allem seien die syrischen Flüchtlinge in Deutschland eine wichtige Stütze für ihre bedürftigen Familien im Land. „Die meisten syrischen Familien sind auf die Überweisungen ihrer im Ausland lebenden Angehörigen angewiesen. Die Arbeitslosenquote ist sehr hoch, und es können keine Arbeitsplätze für Millionen junger Menschen gesichert werden, sollten sie nach Syrien zurückgedrängt werden. Daher: Syrien ist nicht bereit für die Rückkehr der Flüchtlinge, bevor die Wirtschaft wieder in Schwung kommt und die Infrastruktur wiederaufgebaut ist.“
Und weiter: „Ich bin der Auffassung, dass Deutschland die Flüchtlinge nicht abschieben wird, da es sich des Ausmaßes der Schwierigkeiten und Herausforderungen in Syrien bewusst ist. Allerdings wird Deutschland aus politischen Gründen nur eine geringe Anzahl von Straftätern abschieben, es wird aber keine großen Gruppenabschiebungen geben.“
Der syrische Flüchtling Ibrahim lebt mit der Angst vor Abschiebung. Der Familienvater lebt in Bayern und will aus Angst seinen Nachnamen nicht nennen – für ihn sei die Aussage des Kanzlers ein Albtraum gewesen: „Ich bin 2024 in Deutschland angekommen. Ich bin aus Syrien geflohen, um dem Tod zu entkommen. Seit meiner Ankunft habe ich mich intensiv um das Erlernen der Sprache bemüht, ich habe nun das Integrationszertifikat erworben und die Prüfung „Leben in Deutschland“ bestanden.“
Derzeit lerne er Deutsch auf Niveau B2, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern, „damit ich eine Berufsausbildung beginnen kann, die mir Sicherheit für meine Zukunft gibt!“ Er habe hart gearbeitet, um nach den Regeln des deutschen Gesetzes zu leben. „Ich hoffe, man schickt mich nicht wieder zurück. Denn ich habe mein Haus verkauft, um nach Deutschland zu kommen und zu arbeiten und eine vernünftige Zukunft für meine vier Kinder zu ermöglichen!“
Ein zügiges Wegschicken sieht auch der syrische Präsident nicht: „Dankenswerterweise haben einige europäische Länder die Flüchtlinge aufgenommen, während das syrische Volk Zerstörung und Elend ausgesetzt war. Die Aufgabe besteht jedoch nicht nur darin, diese Personen ins Flugzeug zu setzen und sie dann in ihr Land zu schicken, wo sie einen gewissen Schock erleiden und vielleicht erneut auswandern möchten.“ Daher müsse die Sache richtig und ordentlich gehandhabt werden, und „die Wohltaten, die einige dieser Länder geleistet haben, dürfen nicht negativ enden. Das Recht, freiwillig und aus eigener Entscheidung zurückzukehren, muss bewahrt bleiben.“
*Mo Rabie ist Journalist und lebt in Damaskus. Er war während der Terrorherrschaft des syrischen Diktators Assad nach Deutschland geflohen und lebt jetzt wieder in seiner Heimat Syrien.
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