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Abschiebung nach Syrien wird „Mangel verschärfen“: Experten zerpflücken Merz‘ Aussagen
Kanzler Friedrich Merz möchte die meisten Geflüchteten aus Syrien in Deutschland zurückschicken. Besonders für den Arbeitsmarkt hätte das drastische Auswirkungen. Eine Analyse.
Will Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nun 80 Prozent der Syrer in Deutschland zurückschicken oder nicht? Die am Montag im Zuge des Besuchs des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin vom Kanzler getätigte Aussage beschäftigt das Land weiterhin. Zum einen, weil Merz erst sagte, den Großteil der Syrer binnen drei Jahren zurückschicken zu wollen – um dann zu beteuern, dass die hohe Zahl vom syrischen Präsidenten komme – der das aber umgehend dementierte. Ein kommunikatives Hin und Her. Zum anderen ist die Frage nach der Zukunft von Syrern in Deutschland für den Arbeitsmarkt enorm wichtig. Denn: Etliche von ihnen sind hier dringend gebrauchte Arbeitskräfte, warnen nun Experten.
„Deutschland ist zunehmend auf Zuwanderung angewiesen – und dazu zählen auch Geflüchtete. Die aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt unterstreichen das deutlich“, sagt Angelina Hackmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Konjunkturprognose und den Arbeitsmarkt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), gegenüber dieser Redaktion als Reaktion auf die Aussagen des Kanzlers. „Seit April 2023 sinkt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit deutscher Staatsbürgerschaft kontinuierlich, während die Beschäftigung von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit steigt“, so die Expertin.
Syrer in Deutschland abschieben? Die wirtschaftlichen Folgen wären groß
Trotz anhaltender Wirtschaftskrise in Deutschland bleiben etliche Arbeitsplätze unbesetzt und es kommen wenige junge Menschen nach. Deutschland ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, doch die Erwerbsmigration ist viel zu niedrig, um frei werdende Jobs zu füllen. Das weiß auch das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Im Jahr 2024 kamen über reguläre Erwerbszuwanderung lediglich 54.590 Personen aus Drittstaaten außerhalb der EU nach Deutschland – bei Weitem nicht genug, um den Renteneintritt der Babyboomer auszugleichen“, heißt es von den Experten. „Allein in dieser Legislatur gehen 5,1 Millionen Babyboomer in Rente, aber nur zwei Millionen kommen nach.“
Das weiß auch Hackmann vom arbeitnehmernahen DIW in Berlin. „Vor diesem Hintergrund ist es zentral, das Potenzial der bereits in Deutschland lebenden Menschen stärker zu nutzen. Neben einer schnelleren und unbürokratischeren Anerkennung von Abschlüssen ist insbesondere die gezielte Weiterqualifizierung entscheidend“, so die Forscherin. Insgesamt leben in Deutschland gerade etwa 950.000 Syrer (inklusive Kindern). Im August 2025 waren laut Bundesagentur für Arbeit 260.000 dieser Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, rund 80.000 arbeiteten in Engpassberufen – also in Jobs, für die es zu wenige Bewerber gibt. Am stärksten vertreten sind Syrer dem IW zufolge in der Kfz-Branche, Gastronomie, Logistik sowie im Gesundheitswesen. Es gibt aber auch eine Arbeitslosenquote von 34 Prozent unter Syrern in Deutschland, sagt der Mediendienst Integration.
Abschied vom Bürgergeld: 20 Jahre SGB II – von Hartz IV bis zur Grundsicherung
Knapp die Hälfte der arbeitenden Syrer in Deutschland ist in Helfertätigkeiten beschäftigt, „obwohl die Nachfrage in diesem Segment künftig deutlich zurückgehen wird“, prognostiziert Arbeitsmarktforscherin Hackmann gegenüber dieser Redaktion. „Gleichzeitig arbeiten etwa 42 Prozent als Fachkräfte. Das zeigt, dass hier ein erhebliches Potenzial besteht, durch Qualifizierung und Aufstiegsperspektiven den Fachkräftemangel wirksam zu dämpfen.“
Für die Forscherin ist klar: „Eine großflächige Rückführung, etwa von 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer, würde daher einen erheblichen Verlust für den Arbeitsmarkt bedeuten“, so Hackmann. Einerseits seien schon heute viele dieser Menschen in Beschäftigung. Andererseits, so die Lesart, hat Deutschland gerade nicht den Luxus, sich seine Arbeiter frei auszusuchen. „Eine Rückführung würde daher nicht nur bestehende Arbeitsverhältnisse beenden, sondern auch bereits erfolgte Integrations- und Qualifizierungsanstrengungen zunichtemachen“, sagt Hackmann. „Vor dem Hintergrund eines ohnehin schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzials würde dies den Fachkräftemangel weiter verschärfen und den Arbeitsmarkt zusätzlich unter Druck setzen.“
Die Zahlen zeigen, dass gelungene Integration in den Arbeitsmarkt vor allem Zeit benötigt. Die Arbeitslosenquote von Geflüchteten sinkt laut Mediendienst Integration bei längerem Aufenthalt. So zeigt auch ein Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, dass Syrer, die sieben Jahre oder länger in Deutschland bleiben, in 61 Prozent der Fälle eine Arbeit haben.
Für die Arbeitsmarktexperten ist also klar, dass eine beinahe flächendeckende Rückführung von Hunderttausenden Geflüchteten erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf Deutschland hätte. Beim IW plädiert man deshalb für einen differenzierten Blick. „Eine pauschale Rückkehrforderung wird der Komplexität der Integration der Syrer nicht gerecht und birgt das Risiko, dass auch qualifizierte und gut integrierte Personen freiwillig abwandern“, so die Experten. „Statt die Integration generell infrage zu stellen, sollte die Politik die Interessen Syriens beim Wiederaufbau mit den Bleibewünschen gut integrierter Menschen in Deutschland austarieren.“ (Verwendete Quellen: Eigene Recherche/Gespräche, DIW, IW, Mediendienst Integration, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Bundesagentur für Arbeit)