Sportchef fordert, sich von der guten Stimmung nicht blenden zu lassen
Baumann im Interview: „Euphorie ist nicht angebracht“
Bremen - Es ist ein Jahrhundert-Sommer – und für die Werder-Fans sogar noch ein bisschen mehr. Denn ihr Lieblingsclub hat mit seinen Personalentscheidungen in den vergangenen Wochen für Furore gesorgt. Nach dem Rekordtransfer von Davy Klaassen und der Rückkehr von Claudio Pizarro drohte das eine oder andere Herz der Fans sogar vor Freude zu explodieren.
Selten war die Vorfreude auf eine Saison größer. Doch nun tritt Sportchef Frank Baumann mit voller Wucht auf die Euphoriebremse. Grund: Er will endlich mal einen guten Saisonstart erleben und schärft deshalb vor der Reise am Samstag ins Trainingslager in Grassau die Sinne. Im Interview mit der DeichStube betont der 42-Jährige auch, dass kein Stammspieler den Club noch verlassen darf. Egal, welches Angebot kommen sollte.
Herr Baumann, wann spielt Werder wieder in Europa?
Frank Baumann: Das ist schwer zu sagen. Das kann man auch nicht planen. Im Fußball ist es nicht einfach, sich Step für Step weiterzuentwickeln und in der Tabelle von Jahr zu Jahr ein paar Plätze nach oben zu kommen. Man muss gute Grundvoraussetzungen schaffen. Da sind wir als Verein auf einem guten Weg. Und wir haben ja in unseren strategischen Zielen als Verein definiert, dass wir dauerhaft einen einstelligen Tabellenplatz anstreben und auch mal wieder nach Europa wollen. Denn es ist einfach wichtig, als Verein Visionen zu haben. Doch versprechen kann man das nicht.
Durch die vielen und vor allem auch großen Transfers ist der Eindruck entstanden: Jetzt will es Werder aber wissen. Ist das so?
Baumann: Wir haben immer betont, dass wir mutig sein wollen. Und wir wollen das auch vorleben. Florian Kohfeldt als Cheftrainer, wir als Geschäftsführung. Und dazu gehören dann auch mutige Transfers. Aber mutig war es auch schon, Max Kruse vor zwei Jahren zu holen – oder Serge Gnabry. Man muss das alles vernünftig einordnen.
Wie?
Baumann: Sicher, Davy Klaassen ist unser Rekordtransfer, aber es gibt in dieser Saison schon acht Clubs, die mehr als 25 Millionen Euro für neue Spieler bezahlt haben - also mehr als wir. Drei, vier weitere Clubs werden noch dazu kommen, die Bayern sind noch gar nicht dabei. Nur vier Vereine haben bislang ein Transferplus erzielt. Wir konnten so viel ausgeben, weil wir durch den Verkauf von Thomas Delaney viel eingenommen haben. Wir haben jetzt ein kleines Minus, aber das ist überschaubar. Und dann gibt es noch einen Punkt.
Welchen?
Baumann: Das Gehaltsgefüge. Wir sind in dieser Saison zwar im Bundesliga-Vergleich zwei Plätze nach oben geklettert, aber das liegt an den prominenten Absteigern. Wir bewegen uns in der zweiten Hälfte, wenn nicht sogar im letzten Drittel der Liga. Wir zahlen mehr als früher, die anderen Vereine aber auch. Trotzdem: Im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten haben wir einen sehr spannenden Kader. Mit dem können wir eine sehr gute Saison spielen.
Was wäre eine sehr gute Saison?
Baumann: Die sechs, sieben Mannschaften, die das meiste Geld haben, werden im Normalfall oben stehen. Ein bis zwei Mannschaften fallen da vielleicht mal raus und bieten Platz für andere - wie in der Vergangenheit für Berlin, Frankfurt, Augsburg oder Freiburg. In solchen Momenten müssen auch wir mal da sein.
Die Fans sprechen schon ganz offen von Europa.
Baumann: Das bekommen wir natürlich mit, das ist auch okay. Und wir freuen uns darüber. Aber ich warne auch: Diese Stimmungslage muss für uns alle Verpflichtung sein, konzentriert zu arbeiten. Sie darf uns nicht ablenken, sie darf uns nicht blenden, sie darf uns keinen Handgriff weniger machen lassen. Euphorie ist nicht angebracht. Denn wir haben Stand jetzt überhaupt nichts erreicht. Erst jetzt haben wir das Team komplett zusammen. Jetzt beginnt die entscheidende Phase der Vorbereitung.
Es ist Ihre dritte Vorbereitung als Sportchef. Bislang ging der Start danach immer schief, welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Baumann: Das ist genau jetzt unser Thema. Wir sollten alle auch mit dem Blick auf die vergangenen Jahre sensibilisiert sein. Wir sollten uns jetzt nochmal veranschaulichen, dass wir nur etwas erreichen, wenn wir jetzt voll da sind. Die gute Stimmung, die durch die gute Rückrunde und die Transfers entstanden ist, muss dazu führen, noch eine Schippe drauf zu legen. Wir wollen sofort gute Ergebnisse abliefern.
Da kommt Florian Kohfeldt ins Spiel: Muss der Trainer mit diesem Kader nicht einfach erfolgreich sein?
Baumann: Genau diese Denkweise dürfen wir nicht übernehmen. Interessante Namen schießen keine Tore. Ja, wir fühlen uns mit dem Kader sehr wohl. Wir wollen auch keine Alibis mehr haben. Wir müssen jetzt gemeinsam alles daran setzen, unser Potenzial zu entfalten. Da ist neben dem Cheftrainer, jeder in seiner Funktion gefordert.
Der Plan, die Mannschaft schon früh mit den wichtigsten Neuzugängen komplett zu haben, ist aufgegangen. Wie hat das funktioniert?
Baumann: Da zahlt sich unser Scouting aus, das wir in den letzten zwei Jahren wieder aufgebaut haben. Wir wussten genau, was wir wollten und konnten früh suchen. Auch unsere Art, Fußball zu spielen, hat geholfen. Davy Klaassen, Kevin Möhwald oder Yuya Osako wären ansonsten wahrscheinlich nicht gekommen. Sie setzen sehr aufs Spielerische.
Für Thomas Delaney wurde Davy Klaassen geholt, auch die Abgänge anderer Leistungsträger wurden mehr als kompensiert. Ist der Kader stärker als vor einem Jahr?
Baumann. Es ist immer schwer, einzelne Spieler miteinander zu vergleichen. Davy ist ein ganz anderer Typ als Thomas. Aber eines kann man schon sagen: Wir sind in der Offensive breiter aufgestellt, sind da wesentlich flexibler, können in einem Spiel nachlegen. In den beiden vergangenen Jahren fehlte uns am Anfang verletzungsbedingt Max Kruse. Jetzt könnten wir den Ausfall eines solchen Ausnahmespielers sicherlich besser auffangen.
Max Kruse hat verkündet, dass er mindestens noch ein Jahr bleibt. Wie sieht es mit der geplanten Vertragsverlängerung aus?
Baumann: Natürlich sind wir mit Max und seinen Beratern in Gesprächen. Meinetwegen kann er auch die nächsten acht Jahre noch für uns spielen.
Dann wäre er fast so alt wie jetzt Claudio Pizarro. Über dessen Verpflichtung haben sich viele gefreut, aber es gab auch Kritik, einem fast 40-Jährigen einen Gnadenvertrag zu geben.
Baumann: Das ist kein Gnadenvertrag! Natürlich gibt es auch Argumente, die gegen eine Verpflichtung von Claudio gesprochen haben. Aber für uns haben die Vorteile überwogen. Claudio wird uns helfen.
Pizarro hat einen sehr leistungsbezogenen Vertrag. Wird Werder arm, wenn sich Pizarro die Torjägerkanone sichert?
Baumann: Claudio hat keine Torprämie. Davon halten wir nichts. Es geht immer um den Erfolg der Mannschaft. Deshalb gibt es bei uns nur Einsatz- und Punktprämien.
Baumann: Wenn sich etwas ergibt und wir es für sinnvoll erachten, dann werden wir es machen.
Sind noch weitere Einkäufe denkbar, falls sich eine günstige Gelegenheit ergibt?
Baumann: Nein.
Wollen Sie noch Spieler aus der zweiten Reihe wie Ole Käuper, Jean-Manuel Mbom oder Johannes Eggestein ausleihen, um ihnen woanders Spielpraxis zu verschaffen?
Baumann: Nein, das ist aktuell nicht geplant.
Was machen Sie, wenn ein großes Angebot zum Beispiel für WM-Fahrer Ludwig Augustinsson hereinkommt?
Baumann: Nichts. Wir werden keinen Stammspieler und auch keinen Spieler, der unter den ersten 16, 18 im Kader ist, abgeben. Das ist und bleibt unsere Mannschaft.
Schon gelesen?
Hört vorab in den neuen Werder-Song von Jan Delay rein
Marko Marin über Stefanos Kapino: „Eigentlich ist er zu gut für eine Nummer zwei“
Leihe zu Juventus Turin: Werders Idrissa Toure trainiert jetzt mit Cristiano Ronaldo
Frank Baumann: Seine Karriere in Bildern



