Gastkommentar des Ex-Werder-Stars
Naldo: Neymar nicht immer der Buhmann
Von Naldo. Bevor ich gleich erkläre, warum Brasilien für mich diesmal tatsächlich reif für den Titel ist, fange ich mit Neymar und dem, was ihm im Achtelfinale gegen Mexiko als Theater angekreidet wurde, an.
Ich habe Neymar an dieser Stelle zwar auch schon für sein Verhalten und so manche Schauspieleinlage kritisiert, aber dass auf einmal er im Fokus steht, obwohl ihm Miguel Layun auf das Fußgelenk gestiegen ist, verstehe ich nicht. Das war eine Aktion, bei der der Ball nicht im Spiel war, es geschah außerhalb des Spielfeldes und es war – wie ich finde – Absicht. Es hätte Rot für Layun geben müssen, notfalls auch mit Einsatz des Videobeweises. Dass Neymar dann ein bisschen viel Theater macht – okay, das war so. Aber Foul bleibt Foul und gehört bestraft. Der Fokus sollte also auf Layuns unfaire Aktion gerichtet sein, nicht auf Neymars Reaktion.
Aber jetzt zum Fußball und zu dem Grund, weshalb Brasilien für mich immer mehr zum Titelanwärter wird bei dieser WM. Ausnahmsweise geht es dabei nicht um Neymar, sondern um die Defensive der „Selecao“. Vier Spiele, nur ein Gegentor – das ist wirklich bemerkenswert und gar kein Vergleich mehr zur WM 2014. Das 1:7 gegen Deutschland, Sie wissen schon...
Die aktuelle Stabilität trägt eindeutig die Handschrift von Trainer Tite. Ihm ist Abwehrarbeit sehr wichtig, eine starke Defensive gehört zu seiner Philosophie. Und in Thiago Silva sowie Miranda hat er zwei Innenverteidiger gefunden, die eine wirklich starke WM spielen. Jeder weiß, dass ich selbst auch gerne in Russland dabei gewesen wäre, aber was die beiden machen, verdient absoluten Respekt. Ich freue mich für sie!
De Bruynes Ideen im Keim ersticken
Ein wichtiger Faktor in der Arbeit gegen den Ball war bislang auch Casemiro im defensiven Mittelfeld. Im Viertelfinale gegen Belgien wird er jedoch gelbgesperrt fehlen. Das tut Brasilien bestimmt weh und ist auf den ersten Blick eine echte Schwächung. Aber ich rechne damit, dass Fernandinho für ihn auf die Position rutscht – versehen mit dem Auftrag, Kevin De Bruyne aus dem Spiel zu nehmen. Die beiden spielen gemeinsam bei Manchester City, kennen sich also bestens. Fernandinho ist deshalb genau der Richtige, um De Bruynes Ideen im Keim zu ersticken.
Ich kenne Kevin aus unserer gemeinsamen Zeit beim VfL Wolfsburg ebenfalls gut und weiß, dass er manchmal genial ist. Mit seinem scharfen Blick für die Freiräume, seinen präzisen Pässen und seiner Cleverness am Ball ist er der Spieler, auf dem das schnelle belgische Angriffsspiel aufbaut. Auf ihn, auf den bulligen Lukaku und auf Eden Hazard muss Brasilien wirklich gut aufpassen. Für die Defensive wird das Viertelfinale auf jeden Fall die bislang schwerste Prüfung.
Zur Person: Naldos erste Station in Deutschland war Werder Bremen (2005 bis 2012). Es folgten der VfL Wolfsburg (2012 bis 2016) und der FC Schalke 04 (seit 2016). Für sein Heimatland Brasilien hat der Innenverteidiger (35) vier Partien absolviert. Mittlerweile besitzt Ronaldo Aparecido Rodrigues auch einen deutschen Pass. Von den Bundesliga-Kollegen kürzlich zum besten Feldspieler der Saison gewählt.
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