In Nürnberg ein Leader, bei Werder nur Ersatz

Möhwald im Interview: „Ich bereue nichts“

Die Konkurrenzsituation im Bremer Mittelfeld bezeichnet Kevin Möhwald mit einem Lachen als seinen „persönlichen Mount Everest“. Aber er freut sich drauf, den zu besteigen, sagt er.
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Die Konkurrenzsituation im Bremer Mittelfeld bezeichnet Kevin Möhwald mit einem Lachen als seinen „persönlichen Mount Everest“. Aber er freut sich drauf, den zu besteigen, sagt er.

Bremen - Um seine ersten Wochen bei Werder Bremen zusammenzufassen, reichen im Grunde zwei Worte: dumm gelaufen. Was mit einem Muskelfaserriss mitten in der Vorbereitung zusammenhängt. Was seinen Hauptgrund aber in einer nicht erwarteten Welle von weiteren, spektakulären Transfers hat.

Davy Klaassen, Nuri Sahin, im Zweifel auch Yuya Osako – sie alle spielen auf den Positionen „Sechs“ und „Acht“, auf die auch der vom 1. FC Nürnberg gekommene Möhwald spezialisiert ist. Folge: Der 25-Jährige hat noch keine Pflichtspielminute für Werder absolviert, gegen Eintracht Frankfurt stand er zuletzt – obwohl fit – nicht einmal im Kader.

Doch wer denkt, Möhwald sei sauer, frustriert, verärgert, desillusioniert oder entwickle irgendwelche Gefühle in diese Richtung, der irrt. Er hat eine bemerkenswerte Einstellung zur eigenen Lage entwickelt. Darüber sowie über das bevorstehende Wiedersehen mit seinem Ex-Club Nürnberg und sein seit dem Testspiel gegen den FC Emmen lädiertes Sprunggelenk spricht er im Interview mit der DeichStube.

Diagnose Bänderdehnung: Sie sind bei dem harten Foul Ihres Gegenspielers Glenn Bijl beinahe schadlos davongekommen. Wie geht es dem Fuß aktuell?

Kevin Möhwald: Es hat sich sehr gut entwickelt. Ich hoffe, dass ich im Testspiel gegen den SV Meppen (Samstag, 15.00 Uhr in Cloppenburg, d. Red.) wieder dabei bin. Ich bin in der wichtigsten Phase der Vorbereitung für drei Wochen ausgefallen – dann ist die Länderspielpause die Chance, den Rückstand wieder aufzuholen. Wieder auszufallen, wäre blöd. Deshalb bin ich froh, dass ich mich nicht schlimmer verletzt habe und sich die Ausfallzeit auf ein paar Tage begrenzt.

Wie sehr geistert schon der Gedanke an das Spiel gegen Ihren Ex-Club 1. FC Nürnberg am Sonntag in einer Woche in ihrem Hinterkopf herum?

Möhwald: Natürlich will ich dann dabei sein. Aber als ich in Leer nach dem Foul am Boden lag, habe ich bestimmt nicht an Nürnberg gedacht. Ich habe eigentlich nur gehofft, dass es nichts Schlimmeres ist. Denn im ersten Moment hatte ich schon extreme Schmerzen. Zum Glück ist es glimpflich ausgegangen.

Gegen Frankfurt haben Sie nicht zum 18er-Kader gehört. Dann ist noch Nuri Sahin verpflichtet worden, die Konkurrenz ist also noch größer geworden. Wie schätzen Sie nun Ihre Situation ein?

Möhwald: Absolut positiv.

Ernsthaft?

Möhwald: Ja! Ich bin zu Werder Bremen gekommen, um genau diesen Konkurrenzkampf zu haben. Ich glaube, dass ich in meiner persönlichen Entwicklung noch ein, zwei Schritte gehen kann, dass da noch mehr in mir steckt. Die Konkurrenzsituation ist riesig – aber das wusste ich auch schon, als ich bei Werder unterschrieben habe. Ich wusste doch, dass es nicht dabei bleibt, dass wir nur drei Mann im Mittelfeld haben.

DeichStuben-Reporter Carsten Sander im Gespräch mit Werder-Profi Kevin Möhwald.

Aber wussten Sie auch, dass Spieler der Güteklasse Klaassen und Sahin kommen würden?

Möhwald: Namen kannte ich natürlich nicht. Aber ich war mir bewusst, dass da richtig gute Qualität verpflichtet werden sollte, weil wir auch hohe, ambitionierte Ziele haben. Um die zu erreichen, braucht man auch internationale Erfahrung im Kader. Die haben wir dazu bekommen. Und ich bin einfach froh, dass ich von solchen Spielern lernen darf. Klar, ich bin jetzt 25 Jahre alt und habe auch schon einige Spiele im Prof-Fußball gemacht. Deshalb will ich mich auch nicht kleiner machen, als ich es bin. Fakt ist aber auch, dass man an der Seite von Kollegen und Konkurrenten, die schon Champions-League-Erfahrung gesammelt haben, wachsen kann.

Die Kehrseite ist aber, dass Sie aus dem Quartett Philipp Bargfrede, Davy Klaassen, Maximilian Eggestein und Nuri Sahin mindestens einen verdrängen müssen, um überhaupt in den Kader zu gelangen. Das ist schon ein gewaltiger Berg, den Sie als Spieler ohne Erstliga-Erfahrung da besteigen müssen.

Möhwald (lacht): Ja, das ist mein persönlicher Mount Everest.

Nehmen Sie es auf mit den Vieren?

Möhwald: Wir können auch alle gemeinsam spielen, da gibt es Möglichkeiten. Es ist nicht nur ein Entweder-oder für den Trainer. Und außerdem: Jeder bringt seine ganz speziellen Qualitäten mit – ich auch. Davy ist ein sehr dynamischer Spieler mit einem extrem großen Aktionsradius. Maxi hat ein unglaublich gutes Auge für Räume, ist laufstark. Ich bin ein Spieler mit einem sehr guten Passspiel. Da ist es bei der Auswahl auch immer wichtig, wer gerade am besten zum jeweiligen Gegner passt. Die anderen sind natürlich eine Hausnummer, aber ich will mich auf jeden Fall mit ihnen messen. Am Ende werden wir alle von diesem gesunden Konkurrenzkampf profitieren.

In Nürnberg waren Sie die Hausnummer. Hätten Sie es sich nicht einfach machen können, indem Sie nach dem Aufstieg einfach dort geblieben wären?

Möhwald: Ja, und ich habe auch lange das Für und Wider abgewogen, aus dieser Wohlfühloase Nürnberg wegzugehen. Ich habe mich für einen Wechsel entschieden, weil ich herauskitzeln möchte, was noch in mir schlummert. Und dafür brauche ich diese Konkurrenzsituation, die es verlangt, in jedem Training Vollgas zu geben, um sich überhaupt für den Kader zu empfehlen. Darin liegt für mich ein besonderer Reiz. Das mag man mir jetzt glauben oder nicht, aber ich bin über jeden Qualitätsspieler froh, den wir im Kader haben. Deshalb: Ich bereue überhaupt nichts.

Wie sehr würde es Sie wurmen, gegen Ex-Club Nürnberg wieder auf der Tribüne zu sitzen?

Möhwald: Ich wäre natürlich enttäuscht. Aber es liegt ja an mir. Ich habe noch das Testspiel gegen Meppen und ein paar Trainingstage, um richtig aufzudrehen.

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Sie lassen keine Anzeichen von Frust oder Verzagtheit erkennen. Wie machen Sie das?

Möhwald: Die Situation, in der ich mich jetzt befinde, ist mir nicht neu. In Nürnberg war es zu Beginn meiner drei Jahre dort ähnlich. Damals bin ich aus der dritten in die zweite Liga gekommen – das war eine große Umstellung. Jetzt komme ich aus der zweiten in die erste Liga – und ich weiß, dass auch diese Umstellung nicht mal eben von heute auf morgen zu bewältigen ist. Aber ich weiß auch, dass ich die Qualität mitbringe, um auch Werder Bremen in der Bundesliga helfen zu können. Ich bin auch keiner, der nach dem ersten Rückschlag den Kopf in den Sand steckt und sagt: ,Alles Mist, ich lasse es sein.’

Sie waren also mental vorbereitet auf eine Rolle als Herausforderer und Außenseiter?

Möhwald: Ich bin die Sache jedenfalls nicht blauäugig angegangen. Dass ich als Spieler aus der zweiten Liga nicht als Stammkraft für eine Position eingeplant werde, war mir von vornherein klar. Dass dann nochmal zwei Kracher kommen, gegen die ich mich durchsetzen muss, ist zwar hart für mich, aber ich freue mich auf die Aufgabe.

In einem früheren Interview mit der DeichStube hatten Sie erklärt, Sie hätten sich bislang immer für die Clubs entschieden, bei denen Sie die Möglichkeit sahen, kontinuierlich zu spielen. Bei Werder könnte das sehr schwer werden. Haben Sie einen Fehler gemacht?

Möhwald: Nein. Das Versprechen hast du bei keinem Verein. Du entscheidest dich für eine Perspektive, für einen Spielstil, der zu dir passt. Kontinuierlich zu spielen, heißt nicht, dass du in den ersten paar Wochen alle Spiele über 90 Minuten absolvierst. Erstmal draußen zu sitzen, ist etwas, das dazugehört, wenn du den nächsten Schritt machen willst.

Es klingt alles so sachlich und vernünftig. Sind Sie so oder müssen Sie sich dazu zwingen?

Möhwald: Ich bin eben ein Typ, der die Lage realistisch einzuschätzen weiß. Was aber nichts daran ändert, dass ich an mich den Anspruch habe, jedes Spiel spielen zu wollen.

Wie groß ist bei Ihnen die Ungeduld, endlich das erste Bundesliga-Spiel machen zu dürfen?

Möhwald: Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Ich würde lieber heute als morgen auf dem Platz stehen und meine ersten Minuten sammeln. Dafür gebe ich auch alles.

Wie intensiv verfolgen Sie die Entwicklung und den Saisonstart des 1. FC Nürnberg?

Möhwald: Natürlich bin ich interessiert. Mit den meisten Spielern im Team habe ich drei Jahre lang zusammengespielt, wir haben mit dem Aufstieg gemeinsam etwas Großes erreicht. Das verbindet. Ich habe der Mannschaft vor den Spielen gegen Hertha und Mainz (0:1 und 1:1, d. Red.) auch viel Glück gewünscht. Ich finde, die Jungs haben auch schon gezeigt, dass sie sich nicht in der Liga verirrt haben, sondern guten Fußball spielen können.

Kevin Möhwald will möglichst bald wieder auf dem Platz stehen und seine ersten Minuten sammeln.

Also ist der „Club“ kein Abstiegskandidat?

Möhwald: Wer neben Fortuna Düsseldorf den niedrigsten Etat der Liga hat, muss sich automatisch nach unten orientieren. Das erste Ziel der Nürnberger ist natürlich der Klassenerhalt. Sie müssen versuchen, Woche für Woche die Punkte zusammenzukratzen. Das wird bis zum letzten Spieltag ein Kampf werden.

Wie halten Sie den Kontakt nach Nürnberg?

Möhwald: Ich telefoniere und schreibe mit vielen ehemaligen Mitspielern, weil es Freunde geworden sind. Mein bester Kumpel ist Tim Leibold (Stammkraft in der Abwehr des FCN, d. Red.), mit ihm habe ich schon in der U20 zusammengespielt. Auch mit Trainer Michael Köllner tausche ich mich noch aus.

Wieso ist Ihnen das wichtig?

Möhwald: Michael Köllner hat mich in der vergangenen Saison nochmal besser gemacht. Durch ihn ist eine gewisse Konstanz in meine Leistung gekommen. Vorher war es immer ein bisschen Achterbahn, aber er hat mich dann auf ein anderes Level gebracht. Dafür bin ich ihm dankbar.

Was hat er gemacht, und wie hat er es gemacht?

Möhwald: Ich war ein Spieler, der immer im Spiel sein wollte – auch in Phasen, in denen es nicht nötig war. Also bin ich überall auf dem Platz rumgeturnt, hatte keine Positionsdisziplin. Da hat er mir in Gesprächen und mit Hilfe von Videosequenzen erklärt, wie ich mich richtig verhalte. Wenn du dann merkst, dass es fruchtet und du auch viel im Spiel bist, wenn du nicht überall rumläufst, dann ist das für dich auch plausibel. Diese Positionsdisziplin hat mich besser gemacht.

Und der Kontakt zu Ihrem Kumpel Tim Leibold?

Möhwald: Wir schreiben uns täglich Nachrichten. Da ist auch viel Blödsinn dabei. Aber wenn er – wie nach dem Spiel gegen den FC Emmen – liest, dass bei mir eine Bänderverletzung vermutet wird, meldet er sich sofort und will wissen, was los ist.

Er wird in einer Woche spielen. Sie auch?

Möhwald (lacht): Michael Köllner hat mir geschrieben, ich solle zusehen, dass ich dann auf dem Acker stehe. Das ist mein Ziel.

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