Verteidiger über Defensiv-Stärke und Karriereende
Moisander im Interview: „In mir brennt dieses Feuer“
Bremen - Niklas Moisander spricht im Interview mit der DeichStube über die neue Defensiv-Stärke von Werder Bremen, das Spiel bei Borussia Dortmund - und Gedanken ans Karriereende.
Die Haltung kerzengerade, obwohl der hohe Tisch verführerisch zum Vorbeugen einlädt. Dazu hellwache Augen, ein kräftiger Händedruck zur Begrüßung. Niklas Moisander sitzt schon ein paar Minuten vor dem verabredeten Termin im Medienraum des Weserstadions, weil er findet, dass es sich so gehört.
Während des Interviews soll es um Werders neue Abwehrstärke gehen, schließlich trägt der 32-Jährige dazu einen großen Teil bei. Moisander hat aber noch mehr zu sagen. Der Finne spricht darüber, was das Weihnachtsfest für ihn und seine Familie bedeutet, warum Bremen für ihn vom ersten Tag an Heimat war – und weshalb es zu seiner Persönlichkeit gehört, Verantwortung zu übernehmen.
Herr Moisander, nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten. Wissen Sie schon, wie Sie die Feiertage verbringen?
Niklas Moisander: Ich bin über Weihnachten in Schweden bei der Familie meiner Freundin. Danach geht es nach Finnland für ein paar Tage. Ich freue mich sehr auf diese Zeit. Es ist schön, eine kleine Pause zu haben. Fußball ist sehr intensiv, wir stehen unter großem Druck. Da tut es gut, etwas runterzufahren und bei der Familie zu sein.
Welche Bedeutung hat das Weihnachtsfest für Sie?
Moisander: Oh, es hat eine sehr große Bedeutung für mich. Seit ich klein bin, kann ich mich daran erinnern, dass immer die ganze Familie zusammenkommt. Wir fahren dann immer zu meiner Großmutter mit allen Cousins und Cousinen. Das sind echt viele Leute. Es ist eine Zeit der Ruhe, in der man versuchen sollte, sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig im Leben ist. Für mich sind das die Familie und die Freunde.
Ist Fußball dann überhaupt Thema, oder können Sie Werder und die Bundesliga völlig ausblenden?
Moisander: Meine Familie ist eine Fußball-Familie. Meine Eltern kommen aus dem Fußball, mein Bruder spielt in Finnland. Wir sprechen also gerne über Fußball, aber wir sprechen schon während der Saison so viel darüber, dass wir an Weihnachten lieber über andere Themen reden.
Gibt es spezielle Traditionen in der Familie Moisander?
Moisander: Ja, wir gehen an Heiligabend zusammen in die Kirche. Danach essen wir sehr viel (lacht). Weihnachten hat nun einmal viel mit Essen zu tun. Es ist eine Zeit im Jahr, in der ich auch mal ungesunde Dinge genießen kann.
Bevor es soweit ist, stehen in der Bundesliga noch drei schwere Aufgaben an. Wie viele Punkte muss das Team holen, damit Sie zufrieden sind?
Moisander: Normalerweise schaue ich nicht so weit in die Zukunft und zähle Punkte, aber ich weiß, dass die Leute in Deutschland das sehr gerne machen. Es ist ja auch klar, dass wir Punkte brauchen, damit wir mit einem guten Gefühl in die Pause gehen können. Also mache ich mal eine Ausnahme: Gegen Mainz zu Hause müssen wir gewinnen, in den beiden Auswärtsspielen sollten wir auch etwas holen. Eine Zahl nenne ich aber nicht (lacht).
Also Minimum fünf Punkte. Der nächste Gegner ist Borussia Dortmund - für den BVB lief es in den vergangenen Wochen nicht gerade rosig. Was erwarten Sie?
Moisander: Es ist für uns ein guter Moment, auf Dortmund zu treffen, weil sie seit einigen Wochen sehr unter Druck stehen. Das haben wir natürlich mitbekommen. Sie spielen nicht mehr so gut wie zu Beginn der Saison. Es gibt also Möglichkeiten für uns - auch, weil Dortmund gerade erst von einem schweren Champions-League-Spiel aus Madrid zurückgekommen ist. Sie haben aber trotzdem große Qualität, vor allem im Angriff. Das ist schon beeindruckend, wie gut sie da sind. Aber die Bundesliga ist verrückt. Diese Saison zeigt es ja wieder: Jeder kann gegen jeden gewinnen. Bayern München ist das einzige Team, das einen großen Vorsprung vor allen anderen hat.
Was müssen Sie und Ihre Mitspieler machen, um Dortmunds Topstürmer Aubameyang zu stoppen?
Moisander: Im Eins-gegen-Eins ist Aubameyang kaum zu stoppen. Bei uns müssen hinten die Abstände stimmen, wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Das ist der einzige Weg, wie man solche Spieler ausschalten kann. Aber es ist möglich.
Sie können die Aufgabe selbstbewusst angehen, schließlich stellt Werder derzeit die drittbeste Abwehr der Bundesliga. Wie fühlt sich das an?
Moisander: Sehr gut. Als ich im letzten Jahr hierher gekommen bin, haben wir viele Tore kassiert. Ich kannte vorher schon die Geschichte des Vereins und wusste, dass es schon länger ein Problem war. Es ist schön, dass wir für einen positiven Wandel sorgen konnten. Jetzt ist es aber wichtig, dass wir die gute Arbeit weiter fortsetzen. Das gilt für die ganze Mannschaft. Als wir im letzten Jahr die vielen Tore kassiert haben, war nicht nur die Abwehr Schuld. Jetzt machen auch die Spieler vor uns die Arbeit für uns leichter, weil sie den Gegner früh unter Druck setzen. Wir sind da wirklich besser geworden in dieser Saison.
Wie sehr ist das noch ein Verdienst von Ex-Trainer Alexander Nouri?
Moisander: Er hat den Grundstein dafür gelegt, das sollte niemand vergessen. Zu Beginn der Saison hatten wir Pech mit den Ergebnissen, aber die Defensive hat sehr gut gearbeitet. Die gute Entwicklung ging schon in der letzten Saison los, und im Sommer haben wir mit Nouri intensiv daran gearbeitet. Unter dem neuen Trainer setzten wir den Weg fort. Das fühlt sich gut an.
Was auffällt: Unter Ihren neun Saisonspielen finden sich alle fünf, in denen Werder bisher kein Gegentor kassiert hat. Warum sind Sie so wichtig für die Mannschaft?
Moisander: Ich habe viel Erfahrung, ich bin ja auch schon 32 Jahre alt. Ich achte sehr darauf, wie ich mich auf dem Platz positioniere und auch darauf, dass ich die Spieler um mich herum coache, dass ich ihnen im Spiel helfe. Ich weiß zwar, dass meine Rolle wichtig ist, aber sie ist auch nicht zu wichtig. Die ganze Mannschaft macht es gut. Aber ich bin natürlich froh, dass es für mich nach meiner Verletzung (Moisander fehlte zu Saisonbeginn wegen eines Muskelfaserrisses, Anm. d. Red.) so gut läuft. Ich bin stärker zurückgekommen.
Sie sind Teil des Mannschaftsrates, vom ersten Tag an ein Führungsspieler. Einige nennen Sie sogar den heimlichen Kapitän. Was halten Sie davon?
Moisander: (lacht) Zladdi (Zlatko Junuzovic, Anm. d. Red.) ist der erste Kapitän, da gibt es keinen heimlichen. Aber ich bin Vize-Kapitän und habe eine wichtige Rolle in der Mannschaft. Neben Thomas und Max (Thomas Delaney und Max Kruse, Anm. d. Red.), die auch im Mannschaftsrat sind, gehöre ich zu den Führungsspielern. Es ist wichtig, so viele Anführer wie möglich zu haben. Im Moment sind wir da in der Mannschaft gut aufgestellt.
Auch bei Ihren vorherigen Stationen waren Sie immer einer der wichtigsten Spieler, haben Verantwortung übernommen.
Moisander: Es gehört vermutlich zu meiner Persönlichkeit und hat sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt. In Alkmaar war ich das erste Mal Kapitän, später dann auch bei Ajax und in der Nationalmannschaft. In mir brennt dieses Feuer und versuche immer, den anderen Spielern zu helfen. Ich achte sehr auf die Mannschaft. Wir arbeiten hier jeden Tag im Stadion. Da ist es doch wichtig, dass man immer 110 Prozent gibt. Dann bereut man nach einer Saison auch nichts.
Sportchef Frank Baumann hat kürzlich über Sie gesagt, dass er sich freuen würde, noch lange über Ihr Vertragsende 2019 hinaus mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Wie stehen die Chancen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht?
Moisander: Über meine Zukunft habe ich noch gar nicht so viel nachgedacht. Es war ein sehr intensives letztes Jahr, es war die verrückteste Saison, die ich in meiner Karriere bisher hatte. Am Anfang waren wir im Abstiegskampf, am Ende fast in der Europa League. Dieses Jahr ging es dann wieder schwierig los, sodass ich nicht viel Zeit hatte, darüber nachzudenken. Außerdem habe ich ja noch ein ganzes Jahr vor mir. Wir werden sehen. Ich kann nur sagen, dass ich sehr glücklich in Bremen bin. Ich mag den Verein, ich mag es, mit den Menschen hier zu arbeiten. Und auch innerhalb der Mannschaft läuft es hervorragend.
Wenn Ihr Vertrag in Bremen ausläuft, sind Sie fast 34. Wie lange wollen Sie generell Fußball spielen?
Moisander: Ich habe auf jeden Fall noch viel Motivation in mir und bin sehr glücklich, weitere Erfahrungen in der Bundesliga sammeln zu können. Ich hatte in meiner Karriere schon einige schlimmere Verletzungen. Deswegen ist es das Wichtigste, fit zu bleiben, um für Werder spielen zu können. Ich möchte so lange spielen, wie es geht und mir Spaß macht.
Also könnte es auch sein, dass Sie ähnlich wie Ihr Ex-Mitspieler Claudio Pizarro mit 39 Jahren noch aktiv sind?
Moisander: (lacht) Das ist nicht ausgeschlossen. Gerade auf meiner Position als Innenverteidiger ist das gut möglich. Da kann man sehr lange spielen.
Wobei Werders Innenverteidiger unter Trainer Florian Kohfeldt deutlich mehr laufen müssen als unter Nouri. Wie gefällt Ihnen das?
Moisander: Ich merke es auf jeden Fall nach den Spielen. Aber man sieht ja, dass es gute Resultate bringt. Wir spielen als Team besser und stehen kompakter. Es ist schön zu sehen, dass wir Innenverteidiger das leisten können. Es ist aber auch sehr herausfordernd für mich. Auch in meinem Alter kann man sich noch verbessern. Körperlich bin ich deutlich stärker geworden, seit ich bei Werder bin.
Aus der finnischen Nationalmannschaft sind Sie kürzlich zurückgetreten. Wie schwer war die Entscheidung?
Moisander: Einer der Gründe dafür war, dass ich so lange, wie es geht, auf höchstem Niveau spielen möchte. Die Entscheidung war sehr schwer, aber ich hatte schon länger über einen Rücktritt nachgedacht. Ich habe nach anstrengenden Länderspielreisen gemerkt, dass mein Körper mehr Zeit zur Erholung braucht. Deswegen war der Zeitpunkt zum Aufhören einfach gekommen.
Wie waren die Reaktionen darauf in Ihrer Heimat?
Moisander: Ich habe viele nette Reaktionen bekommen, unter anderem von Spielern, mit denen ich zusammengespielt habe. Einige waren schon etwas überrascht, weil ich bisher immer fester Bestandteil des Teams war. Die Leute haben meine Entscheidung aber verstanden. Für mich war das bittersüß. Die Entscheidung war richtig, aber ich war auch traurig, als klar war, dass es nicht mehr weitergeht.
Jetzt also nur noch Werder. Ein gutes Jahr sind Sie nun in Bremen. Was bedeuten Club und Stadt für Sie?
Moisander: Ich kam ja aus Italien, wo die Kultur ganz anders ist als in Deutschland. Als ich nach Bremen kam, war es sofort wie ein Nachhausekommen. Die Mentalität der Menschen hier passt sehr gut zu mir und meiner Familie. Es ist kein großer Unterschied zu Amsterdam, wo ich lange gelebt habe oder zu Finnland, wo ich herkomme. Wichtig ist auch, dass sich meine Freundin und meine Tochter in Bremen wohlfühlen. Meine Tochter geht hier in den Kindergarten. Wir sind wirklich glücklich hier. Der einzige Wunsch, den ich habe, ist es, in der Liga besser dazustehen. Ich glaube fest daran, dass es uns bald gelingt. Werder ist ein großer Verein. Ich werde immer stolz darauf sein, hier gespielt zu haben.
Das klingt, als ob ziemlich viel dafür spräche, die Karriere eines Tages bei Werder zu beenden...
Moisander: In meinem Alter sollte man nicht mehr zu viel planen, wenn es um Fußball geht (lacht). Aber es ist möglich, dass ich hier eines Tages meine Karriere beende.
Niklas Moisander: Seine Karriere in Bildern




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