Werder-Absturz in der Analyse

Absturz im Zeitraffer: Wie aus dem Europapokal-Anwärter Werder Bremen binnen neun Monaten ein Abstiegskandidat werden konnte

Desolate Transfers, falsche Trainer-Entscheidungen, Verletzungspech: Wie aus Werder Bremen ein Abstiegskandidat werden konnte - eine Analyse!

Zwölf Spiele in Folge innerhalb einer Bundesliga-Saison nicht gewonnen – das gab es in der Vereinsgeschichte des SV Werder Bremen vor der aktuellen Krise erst ein einziges Mal. Im Mai 2013 hatte es die sportlich größtmögliche Zäsur zur Folge: Double-Trainer und Vereinsikone Thomas Schaaf wurde entlassen – rumms! – nach 14 Jahren im Amt. So betrachtet, ist es nach dem zwölften Sieglos-Spiel im Hier und Jetzt, dem 0:3 gegen den FC Bayern München, am Osterdeich fast schon gespenstisch ruhig geblieben.

Vom Europapokal-Anwärter zum Abstiegskandidaten: Der SV Werder Bremen ist unter Trainer Horst Steffen (links) abgestürzt - kann Daniel Thioune (rechts) die Grün-Weißen retten?

Auf frühzeitige Trainer-Verpflichtung folgt bei Werder Bremen ein desolater Transfersommer

Zu stark der Gegner, zu frisch noch immer der Trainerwechsel von Horst Steffen hin zu Daniel Thioune und vor allem zum mutmachenden Auftritt des SV Werder Bremen in Hälfte zwei – so die allgemeine und nachvollziehbare Lesart der Partie. Wodurch sich an der hochbrisanten Lage aber nichts ändert. Vielmehr steht bei Fans und Beobachtern nach wie vor die Frage im Mittelpunkt: Wie konnte das eigentlich passieren? Wie ist es möglich, dass aus einem Club mit ernsthafter Tuchfühlung zum europäischen Geschäft binnen neun Monaten ein desillusionierter Abstiegskandidat, dass aus angestrebter Weiterentwicklung ein krachender Absturz geworden ist? Die Gründe dafür sind vielfältig. Und nahezu alle hausgemacht.

Rückblende, Frühling 2025: Als Horst Steffen am 29. Mai als neuer Cheftrainer vorgestellt wird, ist die Werder-Welt noch in Ordnung. Den Bossen um Geschäftsführer Fußball Clemens Fritz ist es nur zwei Tage nach der Freistellung von Ole Werner gelungen, einen Nachfolger zu präsentieren, was intern wie extern mit Anerkennung bedacht wird. Werder Bremen zeigt sich kurz nach Werners Entscheidung, seinen ein Jahr später auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern zu wollen, gut vorbereitet und handlungsstark – und holt in Steffen einen ebenso anerkannten wie sympathischen Fachmann, der sich bei der SV Elversberg einen hervorragenden Ruf in der Entwicklung junger Spieler erarbeitet hat. Genau da möchte Werder hin. Allgemeiner Tenor: Das passt, kulturell wie sportlich. Was folgt, ist allerdings ein desolater Transfersommer, der die Grundlage für den Niedergang bilden wird. Weder auf der Zugangs- noch auf der Abgangsseite erreicht die sportliche Führung ihre Ziele. Die Folgen sind bis heute unübersehbar. 

Werder Bremens Horst Steffen soll die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als er den körperlichen Zustand von Victor Boniface sah

Dass es partout nicht gelingt, einen Leistungsträger wie Mittelfeldspieler Romano Schmid teuer (oder überhaupt) zu verkaufen, schränkt die wirtschaftlichen Möglichkeiten ein. Lediglich die Abgänge von Marvin Ducksch und Torhüter Michael Zetterer spülen Geld in die Kasse. Den intern unliebsam gewordenen Ducksch gen Birmingham ziehen zu lassen, ist im Zuge einer geplanten Umstrukturierung des Teams nachvollziehbar. Es umzusetzen, ehe ein Nachfolger für den Stürmer in Sicht ist, entpuppt sich jedoch als schwerwiegender strategischer Fehler. Zumal Duckschs Quote in all seinen Jahren beim SV Werder Bremen mehr als nur manierlich war. Die Suche nach einem neuen Angreifer entwickelt sich zum Dauerthema des Sommers – zumal genau diese Position für die Offensividee von Horst Steffen entscheidend ist. Ein Happy End gibt es nicht. Bis zum Deadline Day steht der Club mit leeren Händen da. Die Saison ist da bereits zwei Spieltage alt. Dem großen Risiko, Ducksch ohne Nachfolger ziehen zu lassen, begegnen Fritz, Leiter Profifußball Peter Niemeyer und Kaderplaner Johannes Jahns schließlich mit einem noch viel größeren – und holen Victor Boniface nach Bremen. Steffen soll die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als er den körperlichen Zustand des Spielers sah.

Auch die weiteren Transfers des SV Werder Bremen sitzen nicht. Samuel Mbangula, der den Verein bis 2028 insgesamt zehn Millionen Euro Ablöse kostet, ist ein spannendes Versprechen für die Zukunft, offensichtlich aber noch nicht bereit für die Bundesliga. Nach Horst Steffen setzt ihn nun auch dessen Nachfolger Daniel Thioune lieber auf die Bank. Von den sechs Leihspielern, die im Sommer kommen, weisen lediglich Yukinari Sugawara und Ersatztorhüter Karl Hein verlässlich Startelf-Qualität nach, auch Winter-Leihe Jovan Milosevic ist sie bisher schuldig geblieben. All das zahlt auf eine Transferbilanz ein, die sich seit Jahren wenig erbaulich liest. Anders formuliert: Auf der Suche nach dem letzten festen Neuzugang für das Bundesligateam, der dauerhaft zur Stammkraft wurde, landet man bei Senne Lynen. Und der kam 2023. Da die gut funktionierende Aufstiegsmannschaft von 2022 in weiten Teilen bis zum vergangenen Sommer zusammengeblieben ist und unter Ole Werner Ergebnisse lieferte, fiel das nicht weiter auf. Jetzt fällt es Werder auf die Füße. Weil in der Zwischenzeit kein Gerüst nachgewachsen ist.

Karim Coulibaly und Mio Backhaus sind zwei der wenigen Lichtblicke beim SV Werder Bremen in dieser Saison

Als Pluspunkt dürfen die Bosse verbuchen, dass sie in Karim Coulibaly und Mio Backhaus zwei Toptalente von Werder Bremen überzeugt haben. Trotz ihres jungen Alters zählen der Keeper und der Innenverteidiger zu den besten Bremern in der laufenden Saison – und sind angesichts ihrer Marktwerte schon jetzt wirtschaftlich mindestens genauso wichtig wie sportlich. Das Duo allein konnte die schwierigen Bedingungen, mit denen sich Horst Steffen bei Werder arrangieren musste, aber auch nicht verschwinden lassen. Dass sich während der Vorbereitung ein beispielsloses Verletzungspech eingestellt hat und in Mitchell Weiser (Kreuzbandriss) der beste Fußballer des Teams bis heute noch kein Spiel bestreiten konnte, ist freilich niemandem anzulasten, verschärft die Lage aber weiter.

Hinzu kommt, dass Horst Steffen bei seiner ersten Trainerstation in der Bundesliga die tektonischen Kräfte innerhalb der Kabine des SV Werder Bremen unterschätzt und mit mehreren Personalentscheidungen für eine Eiszeit in Teilen des Teams gesorgt hat. Sie rechtzeitig abzutauen, ist ihm nicht mehr gelungen. Dass er nach zehn sieglosen Spielen gehen musste, ist branchenüblich, wenn auch wenig Werder-like, wo normalerweise länger an Cheftrainern festgehalten wird, wenn sie nicht gerade ihren Impfpass fälschen. Bei der Trennung dürfte die Erinnerung an den Abstieg 2021 eine Rolle gespielt haben, als Trainer Florian Kohfeldt erst gehen musste, als es bereits fünf nach zwölf war. Diesen Fehler wollten sie am Osterdeich kein zweites Mal begehen.

So sehen Fans das Bundesliga-Spiel des SV Werder Bremen beim FC St. Pauli live im TV und im Livestream!

Neu-Trainer Daniel Thioune verkörpert glaubhaft, der richtige Mann für den SV Werder Bremen zu sein

Seit Anfang Februar ist es nun an Daniel Thioune, den Totalschaden abzuwenden und die Saison irgendwie ins Ziel zu retten, ehe im Sommer alles auf den Prüfstand kommen dürfte, bestenfalls ohne Denkverbote. Für die Geschäftsführung des SV Werder Bremen könnten es ungemütliche Tage werden, wenn es darum geht, den Absturz gegenüber dem Aufsichtsrat zu erklären. Was bis dahin nicht nur den Bossen, sondern auch den Fans Mut macht: Mit seiner energiegeladenen Art verkörpert der 51-jährige Thioune sowohl vor dem Mikrofon als auch an der Seitenlinie glaubhaft, dass er sich nicht nur selbst für den richtigen Mann am richtigen Ort hält, sondern genau das auch sein könnte – der Werder-Retter. Nach den Niederlagen gegen Freiburg (0:1) und die Bayern ist es für ihn nun an der Zeit, diesen Eindruck mit Ergebnissen zu untermauern. Am Sonntag (17.30 Uhr/DeichStube-Liveticker), auswärts beim FC St. Pauli, der in der Tabelle einen Platz unter dem 16. Werder steht. (dco)

Rubriklistenbild: © Imago/osnapix/Eibner

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