DeichStube-Interview
„Pyrotechnik ist Teil der Fußball-Fankultur“: Werder-Geschäftsführerin Laufmann über Fans, Frauen und Klimaschutz bei den Grün-Weißen
„Pyrotechnik ist doch kein Verbrechen“? Bei diesem heiß diskutierten und auch besungenem Thema tut sich auch was beim SV Werder Bremen. Geschäftsführerin Anne-Kathrin Laufmann spricht im Interview über die bengalischen Feuer, ihre Arbeit und die Frauenförderung beim SVW.
Zell am Ziller – Nicht nur für die Fußball-Profis sind die Tage im Zillertal wichtig – auch für die vierköpfige Geschäftsführung des SV Werder Bremen. Anne-Kathrin Laufmann ist auf diesem Posten in der Bundesliga als Frau eine absolute Ausnahme. Die 45-Jährige, die bei Werder für die Bereiche Sport und Nachhaltigkeit zuständig ist, spornt das an, sich weiter für das Thema „Frauen im Fußball“ zu engagieren. Im Interview mit der DeichStube spricht Laufmann auch über die Bedeutung der Fans, die Ziele beim Klimaschutz und Lösungen beim schwierigen Streitfall Pyrotechnik, für das sie bei Werder zuständig ist.
Werder Bremens Geschäftsführerin Anne-Kathrin Laufmann im Interview über die Bedeutung der Werder-Familie und ihre Arbeit
Anne-Kathrin Laufmann, am Donnerstag haben Sie gemeinsam mit Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald die Fans im Zillertal mit Freibier glücklich gemacht. Wie wichtig ist so ein Trainingslager für den Club – mal abgesehen von der Vorbereitung der Bundesliga-Mannschaft?
Sehr, sehr wichtig. Wir merken, dass wir den Fans eine ganz andere Nähe zu Werder ermöglichen als im Alltag in Bremen – gerade zur Mannschaft. Und die Fans haben hier die Möglichkeit, sich untereinander kennenzulernen, da gibt es inzwischen viele Freundschaften durch das Zillertal. Da passt der Begriff Werder-Familie bestens.
Es gab Zeiten, da war die Bezeichnung Werder-Familie eher verpönt.
Das stimmt leider. Da ging es um den angeblichen Klüngel bei Werder und fehlende Impulse von außen. Uns wurde zum Beispiel vorgehalten, bei Werder würde sich gar nicht gestritten. Aber genau das passiert doch in Familien, die sich zudem durch neue Partner etc. immer wieder verändern und weiterentwickeln. Am Ende ist es doch so: Wenn du dich in einer Umgebung befindest, in der du eine psychologische Sicherheit hast, kannst du sehr gut performen. Deswegen hat für mich die Werder-Familie etwas sehr Positives.
Was sind speziell Ihre Aufgaben hier im Zillertal im Umgang mit den Fans, aber gerade auch bei den Treffen mit dem Aufsichtsrat und den Sponsoren?
Das ist Stakeholder-Management. Es geht darum, gemeinschaftlich zu gucken, wie wir alle zusammen arbeiten. Da stellt man Geschäftsbereiche vor, spricht über Weiterentwicklungen. Hier ist einfach eine schöne Atmosphäre, man sitzt abends zusammen und lernt sich auf einem ganz anderen Niveau kennen.
Sie sind seit eineinhalb Jahren Geschäftsführerin. Wie zufrieden sind Sie mit sich?
(lacht) Das ist eine gemeine Frage, weil ich immer sehr kritisch mit mir bin. Ich versuche, immer zu schauen, wo ich mich und meine Bereiche kontinuierlich verbessern kann. Dabei vergesse ich manchmal, darauf zu achten, welche Erfolge man vorweisen kann. Aber ich kann schon sagen: Ich bin total glücklich, weil mir zurückgespielt wurde, dass ich angekommen bin. Genau dafür habe ich mir ein Jahr Zeit gegeben. Das habe ich ganz transparent gesagt, nun fühle ich mich darin bestätigt. Manchmal ist es schwieriger und braucht länger, sich im eigenen Stall zu beweisen als woanders.
Verfolgt das Zillertal-Trainingslager des SV Werder Bremen im DeichStube-Ticker!
Anne-Kathrin Laufmann im Interview über die Frauenförderung beim SV Werder Bremen
Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?
Ich kann mir da keines rauspicken. Aber ich habe zu den anderen Profi-Sportarten Tischtennis, Handball und Schach, die ich betreue, eine ganz neue Leidenschaft entwickelt. Da wächst man rein und merkt, wie spannend das ist. Natürlich wird mir das Thema Frauenförderung im Fußball weiter am Herzen liegen. Da ist gerade die Kooperation mit „Fußball kann mehr“ für uns ganz wichtig, um das vorantreiben zu können. Wir sind als Werder mutig, gehen voran und haben sogar eine Frauenquote für unsere Gremien ausgerufen.
Die soll 2026 eigentlich bei 50, aber mindestens bei 25 Prozent liegen. Selbst das wirkt noch sehr ambitioniert.
Ich finde es aber immer besser, ein gewisses Ambitionsniveau zu haben, anstatt es so runterzuschrauben, damit ich es auf jeden Fall erreiche. So kommt man ins Gespräch, so müssen sich im Vorfeld einer Wahl alle damit beschäftigen. Natürlich geht es immer darum, dass es auch die richtigen Leute sind, denn am Ende muss die Qualität den Ausschlag geben und nicht die Quote. Aber in der Vergangenheit sind Frauen einfach nicht auf dem Radar gewesen, das ändert sich nun durch so eine Quote. Viele haben Angst vor einem Qualitätsverlust – ich nicht! Denn ich bin überzeugt, dass wir im Werder-Umfeld sehr viele hochqualifizierte Frauen haben, die bei Werder in einem Gremium mitarbeiten können.
Werden die Wahlen zu den Gremien so gestaltet, dass die Mindestquote auf jeden Fall erreicht wird oder kann es durch das Votum der Mitglieder auch anders kommen?
Eine Wahl ist eine Wahl, es soll demokratisch zugehen. Aber jetzt ist eine andere Sensibilität da, im Vorfeld nach geeigneten Kandidatinnen zu suchen. Zur letzten Wahl zum Aufsichtsrat war mit Ulrike Hiller nur eine Frau aufgestellt worden. Ziel muss es jetzt natürlich sein, weitere gute Kandidatinnen zu finden, um eine höhere Anzahl zur Wahl stellen zu können. Wir befinden uns nicht nur mit Blick auf die Gremienwahlen bei Werder, aber auch gesellschaftlich in einem Transformationsprozess. Es gibt ja viele Punkte, die man verändern kann, um wirklich zu zeigen, dass man möglichst viele Menschen berücksichtigt und niemanden ausschließt – dazu gehört zum Beispiel eine gendergerechte Sprache. Ich merke schon, dass wir inzwischen im Unternehmen eine hohe Sensibilität zu diesem Thema haben, die wir vor ein paar Jahren noch nicht hatten.
Sie sind als Geschäftsführerin im Bundesliga-Geschäft trotzdem weiterhin eine Ausnahme.
Es sind nur vier Prozent Frauen in den Vorständen der Clubs in der 1. und 2. Liga. Wir sind da bei Werder einen großen Schritt vorangegangen. Es wird noch seine Zeit dauern, bis sich das bundesweit ändern wird.
Pyrotechnik im Fußball: Das sagt Werder Bremens Geschäftsführerin Anne-Kathrin Laufmann
Werder will spätestens 2040 klimaneutral sein, was sind da jetzt die wichtigsten Schritte und wie soll das gerade bei den vielen Reisebewegungen durch die Spiele der Bundesliga-Mannschaft gelingen?
Wir sind gerade dabei, eine Dekarbonisierungsstrategie zu entwickeln, also weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien. Das hat sich durch Umstrukturierungen bei uns etwas verzögert. Wir haben eine neue Leiterin für diesen Bereich von extern geholt. Inzwischen kennen wir unseren CO2-Fußbadruck und müssen schauen, wo die größten Hebel sind. Die Fanreisen an den Spieltagen nehmen mit 60 Prozent den größten Faktor ein. Hier gilt es jetzt weitere Ideen zu entwickeln, um den C02-Ausstoß zu reduzieren. Wir haben bereits eine Pendler-Plattform, man kann das Zugfahren insgesamt attraktiver für Fans machen. Da ist jedoch die ganze Liga gefordert. Ich kann aber schon jetzt sagen: Am Ende werden wir kompensieren müssen. So ehrlich muss man sein.
Sie sind auch für das Thema Pyrotechnik zuständig. Was ist wahrscheinlicher: Dass gar nicht mehr gezündelt wird oder es erlaubt wird?
Dass es erlaubt wird. Es gibt bereits entsprechende Diskussionen. Pyrotechnik ist Teil der Fußball-Fankultur, sonst würde gar nicht darüber gesprochen werden, es zu legalisieren. Und wir sehen ja, dass Strafen von den Verbänden an die Clubs und deren Weiterreichen an die Fans nicht dazu geführt hat, dass nicht mehr gezündelt wird. Zudem haben wir ein Sicherheitszertifikat und eine gute und kontinuierliche Fanarbeit, sind da also vorbildlich unterwegs und bekommen es trotzdem nicht in den Griff – wie übrigens auch alle anderen Clubs nicht. Deshalb müssen wir mit allen Beteiligten in die Diskussion für alternative Lösungen gehen.
Wo sehen Sie Werder in zehn Jahren?
Ich hoffe, dass wir weiterhin so ein weltoffener und toleranter Verein sind, der für seine Werte einsteht. Dann wünsche ich mir, dass wir uns unter den Top 5 in der Bundesliga platzieren können und der Frauen-Fußball nochmal einen großen Schritt macht, was die Gleichberechtigung betrifft. Und Werder darf dann gerne auch von einer Frau geführt werden. (kni)