Werder-Verteidiger im DeichStube-Interview

„Ich muss mich hier vor keinem verstecken“: Anthony Jung spricht im Interview über den Konkurrenzkampf bei Werder und Kritik aus dem Fanlager

Anthony Jung spricht im DeichStube-Interview über den Konkurrenzkampf bei Werder Bremen, Kritik aus dem Fanlager und die Besonderheiten seines Vertrags.
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Anthony Jung spricht im DeichStube-Interview über den Konkurrenzkampf bei Werder Bremen, Kritik aus dem Fanlager und die Besonderheiten seines Vertrags.

Anthony Jung spricht im DeichStube-Interview über die Wertschätzung seiner Leistungen, die „Geilheit“ aufs Verteidigen und das direkte Duell mit Eren Dinkci im anstehenden Bundesliga-Spiel des SV Werder Bremen beim 1. FC Heidenheim.

Bremen  Der Nächste, bitte. Seit Anthony Jung 2021 zum SV Werder Bremen gekommen ist, besitzt er ein Abonnement auf den Stammplatz auf der linken Außenbahn. Nach Lee Buchanan probiert sich künftig Olivier Deman als Herausforderer, der den 31-Jährigen verdrängen möchte. Aber ob der das überhaupt zulässt? Im Interview mit der DeichStube spricht Jung über die Wertschätzung seiner Leistungen, die „Geilheit“ aufs Verteidigen und das direkte Duell mit Werder-Leihgabe Eren Dinkci während des Gastspiels beim Aufsteiger 1. FC Heidenheim am kommenden Sonntag (Anpfiff: 15.30 Uhr im DeichStube-Liveticker).

Wann sind Sie das letzte Mal so richtig ausgeflippt?

(Überlegt lange) So richtig aus der Haut gefahren? Auf dem Platz oder allgemein?

Gern beides. Wenn Sie aber derart lange nachdenken müssen, spricht das ja nicht wirklich dafür, dass es allzu häufig vorkommt, oder?

Das stimmt. Jetzt, wo wir darüber sprechen, fällt es mir erst so richtig auf. 

Ich frage deshalb, weil es in der Regel so wirkt, als seien Sie die Ruhe selbst. Auch auf dem Platz strahlen Sie unabhängig vom Spielverlauf eine enorme Gelassenheit aus. Täuscht der Eindruck?

Das ist mein Pokerface. (schmunzelt)

Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Ich bin eigentlich ein temperamentvoller Typ“

Also innerlich brodelt es in Ihnen?

Nein. Ich versuche einfach, eine gewisse Balance im Leben zu schaffen. Zu viele emotionale Ausschläge nach oben oder unten tun nicht gut.

Mussten Sie das erst lernen?

Ich bin eigentlich ein temperamentvoller Typ – habe ich mir zumindest sagen lassen. Ich würde behaupten, dass ich in der Jugend und zu Beginn meiner Profizeit noch emotionaler war. Mittlerweile bedarf es einiger Aktionen, um mich so richtig sauer zu machen. Wenn es aber mal überschwappt, dann so richtig.

Klingt nach einem echten Schiedsrichter-Liebling…

Das weiß ich nicht. Aber ich habe die Haltung, dass das auch nur Menschen sind, die Fehler machen können. Was bringt es mir, mich aufzuregen, wenn die Entscheidung getroffen ist? Ich versuche, den Fokus lieber auf das zu richten, was ich beeinflussen kann. Aber natürlich, manchmal rege ich mich auch auf. (grinst)

Dass Sie das können, war kürzlich im Training zu sehen, als Sie nicht ganz so gut auf Nachwuchskeeper Spyros Angelidis zu sprechen waren und etwas lauter wurden.

Das war eine blöde Aktion. Es war hektisch auf dem Platz, wir haben Vier-gegen-Vier gespielt. Da gibt es dann nicht viel Zeit zum Erklären oder Diskutieren. Ich habe ihn da etwas angeschrien, aber im Nachhinein war zum Glück alles halb so wild.

Werder Bremens Anthony Jung über Abwehr-Kritik von Niclas Füllkrug: „Ich habe da nie eine böse Intention wahrgenommen“

Apropos Kritik: Was haben Sie eigentlich gedacht, als Niclas Füllkrug vor ein paar Wochen öffentlich die Abwehr angezählt hat?

(lacht) Er hat keinen bösen Hintergedanken gehabt, sondern es als Wachrüttler gesehen. Ich weiß auch nicht, ob es an dem Tag hätte sein müssen, dass man derart hoch gegen die Bayern verliert, andererseits hätte man vorne vielleicht auch ein Tor schießen können. Aber das ist hinterher immer schnell gesagt. Das sind aber alles Themen, an denen wir arbeiten. Zuletzt gegen Mainz hat man ja auch gesehen, dass wir es können.

Ist es zumindest in dieser Hinsicht ganz gut, dass Niclas Füllkrug nicht mehr da ist und Sie und Ihre Kollegen eine derartige Kritik nicht mehr hören müssen?

Wie gesagt, ich habe da nie eine böse Intention wahrgenommen. Ich konnte immer einordnen, was er meint und dass er erfolgreich sein möchte. Diesen Anspruch haben wir Verteidiger aber auch an uns selbst. Gibt es vielleicht noch Fragen, die nicht mit ,Fülle‘ zusammenhängen? (schmunzelt)

Auf jeden Fall, doch wir bleiben defensiv. Es gab in den Pflichtspielen bisher drei Niederlagen und viel öffentliche Schelte, danach das begeisternde 4:0 gegen Mainz und allerlei Applaus. Helfen Sie uns: Wo genau steht Werder jetzt eigentlich und ist die Abwehr wirklich stabiler als vorher?

Auch da geht es wieder darum, die Balance zu halten. Wir dürfen jetzt nicht zu viel Lob an uns heranlassen (lacht). Im Ernst: Wir haben am Ende der vergangenen Rückrunde definitiv zu viele Tore kassiert, aber unsere Abläufe in der Dreier- beziehungsweise Fünferkette sind jetzt viel klarer. Alle wissen, dass die Verteidigung schon vorne anfängt, hoch angelaufen werden muss und frühe Ballgewinne enorm wichtig sind. Es ist dennoch klar, dass wir uns noch immer weiter steigern müssen.

Ist es schwierig, sich konstant in dieser – nennen wir es – Grauzone zu bewegen, wenn es drumherum fast nur noch das Denken in Schwarz oder Weiß gibt?

Es beschäftigt einen und damit ist nach manchen Spielen einfacher umzugehen als nach anderen. Niederlagen tun eben weh, besonders wie in Freiburg. Am Ende müssen wir uns aber darauf konzentrieren, was wir beeinflussen können – indem wir eine gute neue Trainingswoche hinlegen. Das ist nicht immer leicht, aber Teil des Jobs.

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Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Ich muss mich hier vor keinem verstecken“

Sie haben lange gewusst, dass auf Ihrer Position personell nachgebessert werden soll. Nun hat es bis zum vorletzten Tag der Transferphase gedauert, ehe Olivier Deman verpflichtet wurde.

Da haben sie mich hier wirklich alle auf die Folter gespannt… (lacht)

Hat Sie das Warten genervt?

Nein. Ich wusste seit dem Winter, dass etwas gemacht werden sollte. Groß beschäftigt hat es mich aber nicht. Ich bin jemand, der hier schon einige Spiele machen durfte und auch seine Leistung gebracht hat. Ich kam in einer Phase, in der Werder einen nicht ganz so hohen Puls hatte – und ich war Teil davon, dass die Mannschaft wieder aus der 2. Liga aufgestiegen ist und zuletzt eine solide Saison gespielt hat. Ich muss mich hier vor keinem verstecken.

Ist es für Sie ein echtes Erfolgserlebnis, wenn Sie einen wesentlich jüngeren Herausforderer wie Lee Buchanan auf die Bank verdrängen und dieser später sogar noch verkauft wird?

Erfolgserlebnis ist zu drastisch formuliert. Es fühlt sich aber gut an, den Konkurrenzkampf gewonnen zu haben. Was dann später mit dem Spieler passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand.

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Werder Bremens Anthony Jung über Kritik an ihm: „Gute Leistungen, die gebracht wurden, werden sehr schnell vergessen

Die vergangene Saison war Ihre erste echte als Bundesliga-Stammspieler – Sie sind dabei in 32 von 34 Partien von Beginn an dabei gewesen. Bedeuten Ihnen solche Zahlen etwas?

Nicht direkt, es schwingt allenfalls ein bisschen mit. Ich mache scheinbar nicht so viel falsch, was meinen Körper und meinen Kopf betrifft.

Im Zillertal-Trainingslager haben Sie bereits von einer speziellen Ernährung berichtet. Ist das etwas, was sie schon lange verfolgen?

Ich würde es nicht speziell nennen. Ich ernähre mich ausgewogen, gönne mir nach einem Spiel aber auch mal einen Burger oder Schokolade. Ich beschränke mich da nicht, weiß aber, was meinem Körper auf und neben dem Platz guttut. Nicht nur beim Essen, sondern was zusätzliche Übungen und die Pflege angeht. Dadurch trainiere ich regelmäßig und habe genau diesen Rhythmus, den ich brauche.

Als es um eine Verstärkung auf der linken Seite ging, wurde gerade im Fanlager der Wunsch laut, dass der neue Spieler unbedingt besser sein müsse als Sie. Fühlen Sie sich manchmal nicht genügend wertgeschätzt?

Gute Leistungen, die gebracht wurden, werden sehr schnell vergessen – aber so ist nun einmal das Geschäft. Jeder hat einen anderen Blick auf das Spiel. Das Wichtigste ist, dass der Trainer sieht, was ich der Mannschaft geben kann. Ich weiß, dass ich ein wichtiger Bestandteil des Teams bin, aber es ist ganz normal, dass es den einen oder anderen gibt, der etwas Neues oder Besseres sehen will. Das ist aber nichts, mit dem ich mich lange aufhalte. Das sorgt ja eher für negative als positive Energie.

Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Ich bin fit und der Motor läuft noch“

Wenn der Trainer derart konstant auf Sie setzt – wie enttäuscht waren Sie, dass Werder nur für ein Jahr mit Ihnen verlängern wollte?

In meinem etwas höheren Fußballeralter hätte ich mir natürlich zwei Jahre gewünscht, aber das ist kein Wunschkonzert. Ich bin fit und der Motor läuft noch. Es ist aber auch verständlich, wenn der Verein das jetzt so gesehen hat.

Aber geht es nicht auch um Vertrauen, ein Zeichen der Wertschätzung?

Diese Aspekte sind bei mir nicht wirklich angegriffen worden. Ich war am Ende zufrieden, auch mit der Laufzeit des Vertrages und dass er eine Option beinhaltet. Es war alles so, dass ich beruhigt sagen konnte: Ja, wir machen das.

Kann man als Profi wirklich so locker damit umgehen, dass man nicht so genau weiß, wie die Zukunft aussieht?

Mein Vertrag in Dänemark ist damals ausgelaufen, als meine Frau hochschwanger war. Ich hatte hier noch nicht unterschrieben, habe meine Wohnung dort gekündigt und bin erst einmal in meine eigene Wohnung nach Wiesbaden gezogen. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein Risiko-Typ bin, aber ich scheue es auch nicht.

Sie haben die Option angesprochen. Es ist zu hören, dass sich Ihr Vertrag ab einer gewissen Einsatzzahl automatisch bis 2025 verlängert. Ist das nicht zusätzlicher Druck, der während einer Saison mit Konkurrenzkampf nicht auch noch benötigt wird?

Überhaupt nicht. Es ist keine kaputte Schallplatte, aber auch da liegt mein Fokus wieder ganz allein auf mir. Wenn ich fit und gesund bin, dann werde ich auch spielen – da bin ich mir sicher und das ist meine Überzeugung. Natürlich muss ich das mit Leistung bestätigen. Aber ich sitze jetzt nicht zu Hause und führe eine Strichliste über meine absolvierten Spiele. Das macht dich ja verrückt.

Sie haben Ihr Alter angesprochen, feiern im November Ihren 32. Geburtstag. Wie oft ertappen Sie sich dabei, dass Sie überlegen, wie lange Fußball auf diesem Niveau noch möglich ist?

So weit blicke ich eigentlich nicht in die Zukunft. Ich versuche stattdessen, den Moment zu genießen. Wenn ich daran denke, dass ich vor einigen Jahren noch in Dänemark auf einem Kunstrasenplatz gegen den FC Nordsjælland gespielt habe, dann sind ein Eröffnungsspiel gegen die Bayern oder eine Heimpartie vor dieser Kulisse gegen Mainz schon Dinge, auf die ich sehr stolz bin. Es ist okay, ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen – aber nicht zu weit.

Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Wir müssen jetzt den Schwung aus dem Mainz-Spiel mitnehmen“

Am Wochenende geht es zum jüngsten Mitglied der Bundesliga-Familie, dem 1. FC Heidenheim. Sie haben im Laufe Ihrer Karriere sechs Mal gegen den jetzigen Aufsteiger gespielt, auswärts gab es zwei Niederlagen und einen Sieg. Was macht es so besonders, in Heidenheim zu spielen?

Ich bin froh, dass wir jetzt dort spielen, denn da sieht der Rasen noch gut aus. (lacht) Für die Teams, die dort im Dezember und Januar ranmüssen, wird es sicher nicht ganz so spaßig. Ich weiß aber nicht, ob es insgesamt wirklich so besonders ist. Das ist vielleicht ein Mythos, den wir uns selbst geschaffen haben. Wir haben dort schon gespielt und kennen das Stadion. Wenn du aber sonst nur die großen Arenen gewohnt bist, kann das vielleicht ganz schnell eine ganz eigene Dynamik annehmen.

Sie bekommen es vermutlich mit einem guten Bekannten zu tun, Werder-Leihgabe Eren Dinkci ist bei den Heidenheimern derzeit auf der rechten Seite unterwegs. Ist es einfacher oder schwieriger, gegen jemanden zu verteidigen, den man aus vielen gemeinsamen Trainingseinheiten kennt?

Ich glaube, dass es eher ein Vorteil ist.

Worauf müssen Sie genau aufpassen?

Eren ist natürlich schnell. Wir dürfen aber insgesamt nicht zu viel Tiefe zulassen und müssen jetzt den Schwung aus dem Mainz-Spiel mitnehmen. Dieses gute Gefühl, dass wir zu null gespielt haben. Wir müssen diese Mentalität kreieren, dass wir – ganz egal, was passiert – auf jeden Fall zu null spielen werden. Unsere Stürmer können dann fünfmal den Pfosten oder die Latte treffen, aber hinten passiert nichts. Es muss für uns genauso geil sein, ein Tor zu verhindern wie eines zu erzielen. (mbü)

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