Nach Sieg gegen Heidenheim

Capo-Rede, Schulterschluss – und die ganz große Erleichterung: Denkwürdige Fan-Szenen vor Werder-Sieg gegen Heidenheim

Vor Werder Bremens Heimsieg gegen den 1. FC Heidenheim spielten sich im Weserstadion denkwürdige Fan-Szenen ab. Im Mittelpunkt: Eine Capo-Rede!

In der Geschichte des SV Werder Bremen hat es schon etliche denkwürdige Momente gegeben, doch die Szenen, die sich am Samstagnachmittag unmittelbar vor dem Kellerduell gegen den 1. FC Heidenheim abspielten, waren ein Novum. Der Capo der Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ hatte sich das Stadionmikrofon reichen lassen und agierte in diesem Augenblick nicht als Vorsänger in der Kurve, sondern richtete emotionale Worte an alle Fans im Stadion. Vier Minuten lang dauerte die Aktion, die nach einem Vorstoß der Fanszene entstanden war und der Werder im Vorfeld zugestimmt hatte. Während seiner Rede erklärte der Fan-Vertreter einerseits die Bilder der Vorwoche, als die Profis nach der Niederlage auf St. Pauli vor dem Gästeblock weggeschickt worden waren, und beschwor andererseits den Zusammenhalt in dieser kritischen Phase.

Sichtbarer Schulterschluss mit den Fans: Nach dem Sieg gegen den 1. FC Heidenheim feierten die Spieler des SV Werder Bremen vor der Ostkurve.

Beeindruckender Schulterschluss zwischen Fans und Profis des SV Werder Bremen bei Heimsieg gegen 1. FC Heidenheim

„Jede Wut und Fassungslosigkeit, die wir haben, die ist berechtigt, keine Frage“, sagte der Capo des SV Werder Bremen. „Aber es war wichtig, Kontrolle hereinzubringen und Ruhe, denn es bringt uns gar nichts, wenn wir uns jetzt selbst zerfleischen, wenn wir auf die Mannschaft, die eh schon verunsichert ist, weiter eindreschen. Wir dürfen jetzt die Mannschaft nicht auspfeifen.“ Genau deshalb sei das Team in der Vorwoche auch vom Anhang ferngehalten worden. „Wir haben uns unter der Woche getroffen und uns darauf geeinigt, dass wir und die Spieler alles für den Klassenerhalt geben. Es gibt keinen Riss zwischen den Fans und der Mannschaft. Wir haben sie letzte Woche weggeschickt, weil die Reaktionen nicht schön gewesen wären. Aber das, was jeder Fan hier im Stadion erwarten darf und muss, ist, dass die Mannschaft – und das haben wir ihr gesagt – sich jetzt reinhängen muss.“

Es waren Worte, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Im Stadion, wo Werder Bremens Profis in der Folge geschlossen angetrieben wurden, aber auch innerhalb der Kabine, wo der Austausch unter der Woche Spuren hinterließ. „Es hat uns gepusht. Wir wurden nochmal mehr sensibilisiert dafür, was dieser Verein für die Stadt und die Fans bedeutet“, sagte etwa Romano Schmid, dem der Club aber auch so alles andere als egal ist. „Ich bin ein Mensch, der im Sommer seit sechs Jahren hier ist. Mir liegt extrem viel an Werder“, betonte der Österreicher. „Es gibt Leute, die seit ihrem zweiten, dritten Lebensjahr Fan sind. Dass sie in so einer Phase leiden, ist komplett nachvollziehbar. Aber für mich und viele andere Spieler ist es genauso schlimm, in so einer Situation zu stecken und der Verantwortliche dafür zu sein. Deswegen ist es gut, mal Sichtweisen auszutauschen.“ Vor allem dann, wenn das Ziel identisch ist. „Wir sind aus dem Gespräch rausgegangen und haben gesagt: Wir machen es gemeinsam. Wir geben in den letzten elf Spielen gemeinsam Vollgas für den Verein“, erklärte Schmid. „Damit haben wir als Mannschaft und die Fans heute angefangen. So muss es jetzt weitergehen. Wenn Werder lebt, gibt es nichts Schöneres, als in diesem Stadion zu spielen. Es ist schön, zu sehen, wie erleichtert viele Fans heute waren. Da bekomme ich Gänsehaut.“

Denkwürdige Capo-Rede bei Werder Bremens Heimsieg gegen Heidenheim: „Es gibt keinen Riss zwischen Fans und Mannschaft“

Auch Clemens Fritz als Werder Bremens Geschäftsführer Fußball zeigte sich tief beeindruckt von der verbindenden Geste. „Man hat heute deutlich gesehen, dass wir Fans haben, die hinter uns stehen. Natürlich fordern sie auch etwas ein, das ist ganz klar“, sagte der 45-Jährige und hob hervor: „Es gibt keine Probleme zwischen Verein, Mannschaft und Fans. Dieses Stadion kann große Energie entfachen. Das ist das, was wir brauchen. Um es zu bekommen, müssen wir unseren Job auf dem Platz machen. Es war ein gutes Zeichen unserer Kurve, dafür sind wir sehr dankbar.“ Das sah auch Trainer Daniel Thioune so. „Ein Riesenkompliment an dieses Stadion, dafür, wie es uns getragen hat“, sagte er. „Ich habe immer viel von der Werder-Familie gehört – heute durfte ich sie erleben.“ (mbü)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Max Vincen

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