Werder-Oldie über nahendes Karriereende
„Ich habe immer versucht, für diesen Verein mein Herz auf dem Platz zu lassen“: Werder-Profi Christian Groß im DeichStube-Interview
Werder Bremens Oldie Christian Groß spricht im DeichStube-Interview über sein nahendes Karriereende, Aufs und Abs seiner Laufbahn, die Freundschaft zu Niclas Füllkrug und eine spezielle Geste, die er ihm gerne zeigen würde.
Bremen - Die Stimmung ist gelöst, Christian Groß ist mit sich und der Entscheidung, seine Profi-Karriere demnächst zu beenden, völlig im Reinen. Folglich wird viel gelacht, als der 35-jährige Profi des SV Werder Bremen zum exklusiven Interviewtermin mit der DeichStube erscheint, um Bilanz zu ziehen, über Rückschläge und Höhepunkte zu sprechen. Und über Freundschaften. Eine davon pflegt er zu Niclas Füllkrug, dem er am Samstag beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund (18.30 Uhr) Auge in Auge begegnet. Und dem er am liebsten eine ganz spezielle Geste zeigen würde.
Helfen Sie uns, welcher Song der 90er ist denn nun der beste?
Jetzt gerade ist es für mich „Around the world“ von Daft Punk. Ich schicke Nick Woltemade auch jedes Mal einen Screenshot, wenn ich im Auto sitze und der Song gerade zufällig auf meinem 90er-Sender läuft – und das tut er gefühlt fünf Mal am Tag. (lacht)
Merkt man, dass man alt wird, wenn die Teamkollegen mit dem eigenen Musikgeschmack nicht mehr ganz so viel anfangen können?
Man merkt vor allem, dass man alt wird, wenn man sieht, welche Jahrgänge im Fußball inzwischen so herumturnen. Ich habe den Bericht vom letzten Barcelona-Spiel gesehen, da waren zwei Spieler aus dem Jahrgang 2007 unterwegs – da erkennt man dann schon, dass jetzt wohl der richtige Zeitpunkt ist, um die Karriere ausklingen zu lassen.
Woran spüren Sie, dass Sie inzwischen 35 Jahre alt sind?
Körperlich natürlich. Ich habe viele Verletzungen mit mir herumgetragen, meine beiden Knie sind nicht mehr top. Wenn sich das im Training bemerkbar macht, ist das die eine Sache, aber wenn es den privaten Alltag einschränkt, sollte man nicht so lange weitermachen, bis irgendwann gar nichts mehr geht. Ich möchte schließlich noch viel Zeit mit meiner Familie und den Kindern verbringen, doch schon jetzt ist es schwierig, über einen längeren Zeitraum auf dem Boden zu knien. Daher war es mir wichtig, dass ich entscheide, wann Schluss ist und nicht irgendjemand anders.
Christian Groß beendet Karriere beim SV Werder Bremen: „Da erkennt man schon, dass jetzt wohl der richtige Zeitpunkt ist“
Ole Werner hat kürzlich noch einmal Ihre Bedeutung für das Team, die über den rein sportlichen Aspekt hinausgeht, hervorgehoben. Was glauben Sie, was macht Ihre soziale Qualität aus?
Ich habe viel gesehen, nicht nur den Bundesliga-Alltag. Gerade den jungen Spielern kann ich deshalb mitgeben, wie schön diese Welt hier für sie gerade ist. Es gibt zwar sportliche oder persönliche Rückschläge, aber eben auch deutlich schlechtere Bedingungen anderswo. Man muss die nötige Dankbarkeit zeigen und hart dafür arbeiten, den nächsten Schritt zu gehen. Nick Woltemade ist das beste Beispiel. Er hat eine Leihe in die 3. Liga gehabt, vor der er mich zweifelnd angeschaut hat. Trotzdem war es der richtige Schritt für ihn, er ist gereift, hat eine gute Saison gespielt und hier jetzt ein ganz anderes Standing. Ich war dafür wichtig, dass auch mal über den Tellerrand hinausgeschaut wird.
Ist diese Form einer Mentoren-Rolle etwas, in der Sie sich zukünftig bei Werder sehen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich muss mir erst einmal ein Bild davon machen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Ich habe mich aber erst einmal dazu entschieden, den Fokus zu verschieben und eine längere Pause einzulegen. Ich möchte der Familie etwas zurückgeben.
Das klingt nach viel Urlaub.
Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber wir werden die Welt ein wenig erkunden, bevor die Große zur Schule kommt.
Ihr Anschlussvertrag, den Sie bei Werder besitzen, wird also erst einmal auf Eis gelegt?
Je nachdem, wann ich wiederkomme, werde ich mit Clemens Fritz (Werders Leiter Profifußball, Anm. d. Red.) alles in Ruhe besprechen und ausloten, welche Möglichkeiten es gibt.
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Wenn ein Lob vom Coach wie das erwähnte kommt: Wollen Sie das eigentlich hören, wenn ein Profi doch am allerliebsten nur spielen will?
Natürlich will jeder spielen, aber ich kann Oles Vorgehen absolut nachvollziehen. Wie in jedem anderen Berufsfeld kommt irgendwann ein Jüngerer, der ein Potenzial besitzt, das über das eigene hinausgehen kann. Dass dann die Zeit in den jungen Spieler investiert wird, ist völlig normal. Daran musste ich mich erst gewöhnen und meine Qualitäten abseits des Platzes suchen, aber wahrscheinlich hätte ich als Trainer ganz ähnlich gehandelt.
Wäre Ihre Karriere-Entscheidung trotzdem anders ausgefallen, wenn Sie unangefochtener Stammspieler wären?
Das denke ich nicht. Vielleicht wäre es mir ein Stückweit schwerer gefallen, aber wie gesagt, ich habe diesen Zeitpunkt bewusst für mich und meine Familie gewählt.
Wie außergewöhnlich ist für Sie rückblickend der Ritt bei Werder gewesen?
Es war Wahnsinn. Ich bin wirklich stolz und dankbar, dass ich das erleben durfte. Ich hatte eine tragende Rolle, durfte eine Bundesliga-Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen. Ich kann gar nicht richtig in Worte fassen, was mir das bedeutet.
Welche Bedeutung hat Florian Kohfeldt in Ihrem Leben?
Eine große. Er hat mir damals die Tür geöffnet, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Er hat mich spielen lassen und mir das Vertrauen geschenkt – und ich konnte es ihm zurückzahlen. Er wird immer einen besonderen Platz in meinem Leben haben.
Wie eng ist Ihre Verbindung heute?
Wir tauschen uns ab und an aus, so wie auch im vergangenen Sommer, als er in Eupen übernommen hat. Ich habe großen Respekt vor seiner Arbeit und seiner Leistung.
Werder Bremens Christian Groß verrät: Es gab Gespräche über Wechsel nach Belgien mit Florian Kohfeldt
Wie nah war denn ein Wechsel nach Belgien?
Es gab Gespräche, ich möchte aber nicht zu sehr ins Detail gehen. Am Ende bin ich glücklich so, wie es gekommen ist.
Darf Werder überhaupt noch den Sprung nach Europa schaffen? Würde es nicht brutal schmerzen, bei diesem Abenteuer nicht mehr dabei zu sein?
Es ist der Entwicklungsweg, den wir eingeschlagen haben. Und deswegen ist es auch gut, wenn ältere Spieler Platz machen, damit jüngere nachrücken können.
Wenn es um Ihre Person geht, wird schnell von einem Fußball-Märchen gesprochen. Gab es eine Zeit, in der Sie das einfach nicht mehr hören konnten?
Ja, weil ich häufig fand, dass ich in der öffentlichen Wahrnehmung unterm Radar geflogen bin. Es schwebte immer mit, dass ich der Spieler aus der 3. Liga beziehungsweise zweiten Mannschaft bin. Ich fand schade, dass es immer auch um die Vergangenheit ging, um das Märchen und Glück. Aber Glück gibt es im Leistungssport nicht. Man muss sich alles hart erarbeiten. Egal, welcher Trainer da war, ich habe immer meine Spielzeit bekommen – und zwar nicht, weil die Coaches dabei an ein schönes Märchen gedacht haben.
Steter Begleiter war die Kritik an Ihrer Geschwindigkeit, manch Fan hat Ihnen sogar komplett die Qualität für die Bundesliga abgesprochen. Bis jetzt haben Sie 111 Pflichtspiele für Werder gemacht, so falsch kann es also nicht gewesen sein…
Man ertappt sich ja selbst dabei, dass man gewisse Spielertypen nicht mag. Das gehört dazu und macht den Fußball aus. Trotzdem muss man gewisse Dinge objektiv und sachlich betrachten können. Genau das hat mir manchmal gefehlt. Ich habe es aber immer geschafft, das Drumherum auszublenden. Für mich war einzig und allein wichtig, was auf dem Feld passiert.
Ist es trotzdem umso schöner, es den Kritikern gezeigt zu haben?
Natürlich. Ich merke ja auch, wie die Situation in der Fanszene ist und dass ich mittlerweile einen ganz guten Status bekommen habe. Ich war nie ein Spieler, der drei Gegner mit einem Übersteiger ausgespielt hat, aber ich habe immer versucht, für diesen Verein mein Herz auf dem Platz zu lassen.
Werder Bremens Christian Groß über nahendes Karriereende: „Ich freue mich jetzt auf jeden Tag, den ich hier noch erleben kann“
Wie stellen Sie sich Ihren perfekten Abgang vor? Mit einem emotionalen Schlussakkord am letzten Spieltag gegen Bochum samt Ehrenrunde? Oder würden Sie am liebsten einfach so durch die Hintertür verschwinden?
Wie haben Sie mich kennengelernt? (lacht) Natürlich durch die Hintertür. Ich bin kein Mann, der da stehen muss und jeder sollte meinen Namen rufen. Ich freue mich jetzt einfach auf jeden Tag, den ich hier noch erleben kann.
Gibt es einen Mitspieler, der Sie besonders beeindruckt hat?
Es gab da einige. Da ist mein bester Freund Halil Safran aus Osnabrück, von dem ich viel gelernt habe. Er hat mich unfassbar geprägt.
Inwiefern?
Vor allem in der Hinsicht, wie man sich bei Gesprächen mit dem Trainer verhält. Dass man auch mal eine andere Meinung haben darf und sich immer im Sinne der Mannschaft verhält. Das muss man als junger Spieler erst lernen, wenn man meist nur im Trainerbüro sitzt und einfach zuhört. Aber auch hier bei Werder gab es unglaubliche Persönlichkeiten.
An wen denken Sie?
Claudio Pizarro, Nuri Sahin, Theo Gebre Selassie oder Ömer Toprak. Die hatten alle eine ganz andere Vita, doch auf einmal stand ich mit ihnen auf dem Platz. Ich habe unheimlich viel von ihnen gelernt. Auch von Niclas Füllkrug. Bei ihm habe ich erkannt, dass alles aus Arbeit besteht und man auch in diesem Alter noch nicht fertig ist. Du musst immer mehr wollen. Dass Fülle hier die Tore geschossen hat und das jetzt auch in Dortmund tut, ist für mich kein Zufall. Er hat eine richtig gute Einstellung, von der ich mir viel abgeguckt habe. Wenn die jungen Spieler schon gegessen haben, war er nochmal im Kraftraum – und hat dabei übrigens auch die 90er und Ballermann-Hits gehört. (lacht)
Waren Sie besser vorbereitet auf das Profileben, weil Sie schon einige Jahre höherklassig gespielt hatten?
Ich war entspannter. Vor vielen Jahren war ich beim HSV und wollte unbedingt nach oben, was nicht geklappt hat. Jetzt war ich ein älterer Spieler, der überhaupt keinen Druck hatte. Ich habe alles auf mich zukommen lassen, war überhaupt nicht nervös. Was mir auch unheimlich gutgetan hat, waren die Geburten meiner beiden Töchter. Früher war alles blöd, wenn der Spieltag nicht gut war. Nun war das anders. Ich erinnere mich noch an das Nordderby von 2021, als ich meinen Aussetzer hatte, HSV-Torhüter Daniel Heuer Fernandes umgegrätscht und Gelb-Rot gesehen habe. Am nächsten Morgen hat mich zu Hause die Kleine in den Arm genommen – und da habe ich erkannt, dass das Leben eben doch mehr als nur Fußball ist.
Werder Bremen-Profi Christian Groß über Marvin Ducksch: „Ich erlebe ihn durchweg positiv“
Auf welche Mechanismen des Profitums hätten Sie gut und gerne verzichten können?
Wenn es gut läuft, gibt es viele Schulterklopfer. Wenn nicht, gibt es viel Kritik. Da wirst du häufig auf den Fußball reduziert, doch ich wäre gern als der Mensch gesehen worden, der ich eigentlich bin. Ich erinnere mich da an das 1:6 in München und den Morgen danach, als ich zur Kita gefahren bin. Da gab es dann schon den einen oder anderen blöden Spruch, womit ich aber umgehen kann.
Ist diese Lockerheit etwas, was Sie aktuell auch Marvin Ducksch mitgeben können, der öffentlich häufig in der Kritik steht, zuletzt auch Fans und Medien kritisierte? Wie erleben Sie ihn?
Ich erlebe ihn durchweg positiv. Was er und auch Niclas Füllkrug geschafft haben, davor ziehe ich meinen Hut. Sie waren in der 2. Liga, haben Werder mit ihren Toren nach oben und sich selbst zur Nationalmannschaft geschossen. Ich weiß gar nicht, wie hoch ich diese Leistungen hängen soll. Dass es mal Phasen gibt, in denen es weniger gut läuft, ist normal. Aber ich verstehe nicht, wie man so schnell eine derartige Entwicklung infrage stellen kann. Wie Marvin mit der Kritik umgeht, muss er selbst für sich entscheiden. Der eine Spieler geht in die Konfrontation, für mich zählte, die anderen Leute machen zu lassen und es ihnen auf dem Platz zu zeigen.
Sie haben Niclas Füllkrug jetzt mehrfach angesprochen, am Samstag kommt es zum sportlichen Wiedersehen beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Was zeichnet Ihre Beziehung aus?
Eine unfassbare Ehrlichkeit, die selten im Fußball ist. Da gibt es viele Menschen, die nur sagen, was du hören willst. Ich habe Fülle immer ehrlich meine Meinung gesagt und er mir seine. Ich war auch der Einzige, der ihn auf dem Spielfeld anschreien durfte, ohne dass er zurückgeschrien hat. Darüber haben wir schon oft gelacht. Ich erinnere mich noch an ein Heimspiel gegen Bochum, als wir 3:0 geführt haben und er wohl dachte, dass er nun vorne parken darf. Da habe ich ihn schön angeschrien, hinterher haben wir uns totgelacht. Das ist eine gegenseitige Wertschätzung, aus der Größeres geworden ist. Wir telefonieren ein bis zwei Mal die Woche, tauschen uns auch viel über familiäre Dinge aus.
Niclas Füllkrug hat bis zuletzt gefordert, dass Sie noch ein zweites, richtiges Werder-Tor nachlegen müssen, da Ihr erster Treffer gegen Leipzig damals abgefälscht war. Wäre das jetzt nicht genau der passende Zeitpunkt, um das Tor zu erzielen?
Wenn es so kommen sollte, unterschreibe ich das gern. Und vielleicht würde ich ihm dann auch meinen Bizeps zeigen. (lacht)
Gutes Stichwort. Sehen wir Christian Groß demnächst auch mal mit einem Bäuchlein, wenn das tägliche Training wegfällt und man sich etwas gehen lassen kann?
Ich habe viel dafür getan, um athletisch in einem guten Zustand zu sein. Für einen 35-Jährigen muss ich mich sicherlich nicht verstecken, wenn ich am Strand herumlaufe. Und so wird es auch weitergehen. Ich bin sport- und vor allem fußball- und tennisaffin. Außerdem werde ich auch weiter regelmäßig ein Fitnessstudio besuchen. Sport ist Teil meines Lebens und wird es auch immer bleiben.
Werder Bremens Christian Groß über seine Tennis-Leidenschaft: „Da bin ich wie Stefan Raab bei Schlag den Raab“
Wie gut sind Sie denn beim Tennis?
Wenn Rafael Nadal mich in seiner Akademie sehen würde, würde er mit der Zunge schnalzen und sich wünschen, dass ich noch einmal zehn Jahre jünger wäre. (lacht). Nein, ich bin ein laienhafter Spieler, der aber unfassbar gerne spielt – und zwar wie beim Fußball mit viel Herz und Engagement. Da bin ich wie Stefan Raab damals bei „Schlag den Raab“: immer reinbeißen und den Gegner mental mürbe machen. (grinst)
Was würde der Christian Groß von heute seinem jüngeren Ich von vor zehn Jahren sagen?
Niemals aufgeben!
Würde das jüngere Ich das glauben?
Jein. Es gab sicherlich den einen oder anderen Moment, in dem man nicht mehr an seinen großen Traum geglaubt hat. Andererseits bin ich überzeugt davon, dass ich an jeder Station hart gearbeitet habe. Das ist vielleicht etwas, was mich von anderen Spielern unterschieden hat. Und ich glaube fest daran, dass man irgendwann seine Belohnung bekommt.
Sie sind also rundum zufrieden mit Ihrer Karriere?
Auf jeden Fall. Und vor allem dankbar. Mich haben unfassbar viele Leute auf dem Weg unterstützt. Meinen Arzt in Berlin, der meine Knie gemacht hat, könnte ich heute noch anrufen und am Abend hinfahren, um behandelt zu werden. Das ist nicht selbstverständlich. Und da gab es noch mehr Menschen, die immer an meiner Seite waren. Ich habe immer versucht, es so gut wie möglich zurückzugeben. Da ist es dann auch egal, ob man erste, zweite, oder dritte Liga spielt – am Ende geht es immer um den Menschen. Das sollte auch in den Stadien so sein, denn in den Trikots stecken echte Menschen. Jede Gewalt, jeder Hass ist fehl am Platz. Man soll gern seine eigene Mannschaft unterstützen – aber bitte immer auf respektvollem Wege. (mbü)