Nach Absturz auf Platz 17

Werder-Trainer Thioune verschärft den Ton – und greift zu speziellem Video-Trick

Die Krise beim SV Werder Bremen wird immer schlimmer. Welche Erklärungen Trainer Daniel Thioune dafür hat und wie er sie beenden will.

Viel Schlaf, das vorab, hat Daniel Thioune in der Nacht zu Montag nicht bekommen. „Es ging eher ums Verarbeiten“, sagte der Trainer des SV Werder Bremen, als er rund 15 Stunden nach der schmerzhaften 1:2-Niederlage beim FC St. Pauli in Bremen vor die Journalisten trat. Als Tabellen-17., wohlgemerkt, mit dem Rücken zur Wand – und jeder Menge Arbeit vor sich.

Benennt die Probleme des SV Werder Bremen knallhart: Daniel Thioune skizziert, wie er die Krise beenden und den Abstieg verhindern will.

Werder Bremens Trainer Daniel Thioune gibt zu: „Habe uns weiter gewähnt, als wir sind.“

Dass die Pleite am Millerntor nicht nur Thiounes dritte im dritten Spiel als Werder-Chefcoach, sondern darüber hinaus ein echter Wirkungstreffer gewesen war, konnte der 51-Jährige trotz demonstrierter Entschlossenheit nicht verhehlen. Mit Blick auf seine bisherige Werder-Vita hielt er fest: „In einer normalen Welt kann man gegen Freiburg verlieren, in einer normalen Welt holt man auch nichts gegen Bayern München, aber in einer normalen Welt darf man gegen St. Pauli gewinnen.“ Stimmt. Nachdem nun aber auch daraus nichts geworden ist, musste Daniel Thioune feststellen, „dass ich uns weiter gewähnt habe, als wir sind“. Fraglos eine schonungslose Bestandsaufnahme. Bereits am Vorabend hatte der Trainer des SV Werder Bremen den Ton gegenüber seinen Spielern, die abermals erschreckend harmlos und fehlerhaft aufgetreten waren, merklich verschärft.

Daniel Thioune sieht fehlendes Selbstvertrauen beim SV Werder Bremen – und stärkt Mio Backhaus mit Video-Trick

„Wir haben aktuell nicht mehr viel, was für uns spricht, deshalb müssen wir uns das Stück für Stück selbst zurückholen“, forderte der Coach des SV Werder Bremen, der ob der Fehlerquote seiner Profis am Millerntor beinahe verzweifelt war. „Es ist grotesk, dass man so viele falsche Entscheidungen von so vielen guten Fußballern sieht“, haderte Daniel Thioune und führte zum Beleg den schwachen Auftritt von Romano Schmid an. „Er ist einer unserer besten Spieler, aber die letzten Pässe nicht richtig zu temperieren, ist grob fahrlässig.“ Das müsse klar angesprochen werden, „und dann müssen wir es besser machen“, sagte Thioune, der es als „klaren Arbeitsauftrag an mich“ versteht, dafür zu sorgen, dass ein Profi wie Schmid solche Bälle künftig wieder an den Mann bringt.

Die mangelnden Leistungen Einzelner und des Kollektivs sieht der Trainer dabei nicht in grundsätzlich fehlender Qualität, sondern im seit Monaten leidenden Selbstvertrauen begründet. Genau dort will er nun ansetzen, mit dem Team „noch kleinteiliger“ arbeiten und zur Abwechslung auch mal wieder für positive Momente sorgen. So bekam die Mannschaft während der Videoanalyse des St.-Pauli-Spiels am frühen Montagmorgen nicht etwa noch einmal den schweren Patzer von Torhüter Mio Backhaus vorgeführt, sondern einen Zusammenschnitt mit guten Szenen des jungen Keepers aus der laufenden Saison. „Es ging darum, aufzuzeigen, wie gut er eigentlich ist“, berichtete Daniel Thioune. „Was Mio bisher gespielt hat, war hervorragend. Er genießt die volle Unterstützung des Teams.“ Und als solches müsse Werder Bremen jetzt mehr denn je zusammenstehen. Anders dürfte der dritte Abstieg der Vereinsgeschichte auch kaum mehr abzuwenden sein.

Werder Bremen steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand – und jetzt kommt Schlusslicht 1. FC Heidenheim

Bereits am kommenden Spieltag steht für die Bremer das nächste gefühlte Endspiel an, wenn das Schlusslicht Heidenheim ins Weserstadion kommt (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker). Die einzige Mannschaft, die noch etwas schlechter dasteht als Werder Bremen. Die mit ihrem Auftritt beim 3:3 gegen Stuttgart am Sonntagabend aber ein beachtliches Lebenszeichen gesendet hat – und deren aktuelle Sieglos-Serie „nur“ zehn gegenüber der 13 Bremer Spielen beträgt. Mehr Krisengipfel geht nicht. Da klang es fast nach dem berühmten Pfeifen im Walde, als Werders Sportchef Clemens Fritz nach dem 1:2 am Millerntor festhielt: „Ich sehe keine Mannschaft, die nicht weiß, wie sie spielen soll. Ich sehe einen sehr engagierten Trainer, der pusht und Einfluss nimmt. Wir müssen jetzt dranbleiben, denn es fehlt ja nicht viel.“

Eine Einschätzung, die längst nicht jeder Beobachter teilt. Anders ausgedrückt: Eine positive Entwicklung ist nicht auszumachen, auch nach dem Trainerwechsel nicht. „Wir brauchen jetzt einfach Siege“, weiß auch Fritz. Damit die Stimmung nicht endgültig kippt. Daniel Thioune versicherte am Montagmorgen, „dass meine Energie ungebrochen ist“. Am Vorabend, kurz nach dem Abpfiff am Millerntor, war dem Coach aber deutlich anzumerken gewesen, wie viel Kraft Werder Bremen ihn in den vergangenen Wochen bereits gekostet hat. „Es wird bis zum letzten Spieltag gehen“, betonte er, wohlwissend, dass es auch um seinen Posten nicht eben ruhiger werden dürfte, sollte gegen Heidenheim tatsächlich die vierte Niederlage in Serie hinzukommen. (dco)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Oliver Ruhnke

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