Werder-Pleite in der Analyse

Defensiver Totalausfall: Werders 2:4-Schlappe in Darmstadt in der Taktik-Analyse

Die Probleme bei der Niederlage gegen Darmstadt 98 lassen sich nicht ausschließlich auf mangelnde Konzentration zurückführen, meint DeichStube-Kolumnist Tobias Escher ist seiner Taktik-Analyse. Er sieht größere Lücken in Ole Werners System.
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Die Probleme bei der Niederlage gegen Darmstadt 98 lassen sich nicht ausschließlich auf mangelnde Konzentration zurückführen, meint DeichStube-Kolumnist Tobias Escher ist seiner Taktik-Analyse. Er sieht größere Lücken in Ole Werners System.

Aufsteiger gehören in dieser Saison nicht zu Werder Bremens Lieblingsgegnern. Die Probleme bei der 2:4-Niederlage gegen Darmstadt 98 lassen sich nicht ausschließlich auf mangelnde Konzentration zurückführen, meint DeichStube-Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse. Er sieht größere Lücken in Ole Werners System.

Darmstadt – Die Leistungen des SV Werder Bremen in dieser Saison geben Rätsel auf, Noch vor einer Woche überzeugte Werder beim 2:1-Sieg über den 1. FC Köln, beim 2:4 gegen den SV Darmstadt 98 stimmte hingegen gar nichts: Bereits nach einer Stunde lag Werder mit 0:4 zurück, weder defensiv noch offensiv konnten die Bremer mit dem Aufsteiger mithalten.

Nun wäre es leicht, die Schwächen bei Werder Bremen auf mangelnde Konzentration zu schieben. Bereits beim Aufsteiger aus Heidenheim agierte Werder schläfrig, wie gegen Darmstadt 98 kassierten sie vier Gegentore. Doch beide Spiele in Summe decken gravierende Mängel im Bremer System auf – Mängel, die die Aufsteiger besser zu bespielen wussten als Köln oder Mainz.

Werder Bremen gegen den SV Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Mannorientierungen auf dem gesamten Feld

Coach Ole Werner schickte seine Elf in der bekannten 5-3-2-Formation auf das Feld. In der Innenverteidigung musste er angesichts der Ausfälle von Marco Friedl und Niklas Stark improvisieren: Christian Groß begann als zentraler Innenverteidiger in der Abwehrkette. Vorne agierte Romano Schmid erneut in einer Mischrolle: Mal war er im Mittelfeld zu finden, mal rückte er auf die Rechtsaußen-Position. So konnte Werder Bremen den SV Darmstadt 98 im 3-4-3 pressen.

Auch Darmstadts Trainer Thomas Lieberknecht entschied sich für eine Formation mit einer Fünferkette. Seine Mannschaft begann die Partie druckvoll: Der SV Darmstadt 98 störte mit drei Angreifern die drei Innenverteidiger des SV Werder Bremen im Spielaufbau. Die Hausherren agierten jedoch nicht durchgehend im 3-4-3. In vielen Phasen zog sich ein Angreifer in den Zehnerraum zurück, Darmstadt verteidigte so in einem 5-2-1-2.

Beide Teams spiegelten die Formation des Gegners: Darmstadts 2-1-Stellung im Mittelfeld sah sich einer Bremer 1-2-Stellung gegenüber. So bekam jeder Spieler einen direkten Gegenspieler zugeteilt. Das führte zu einer hektischen Anfangsphase: Beide Teams pressten hoch und suchten die Eins-gegen-Eins-Duelle. Häufig mussten sich die Verteidiger mit langen Schlägen aushelfen, um den Ball zu klären.

Werder Bremen gegen den SV Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Darmstadt bespielt die Manndeckung cleverer

Beide Trainer hatten sich einen Plan zurechtgelegt, um die Manndeckung des Gegners zu knacken. Werder Bremen versuchte, über das Zentrum anzugreifen. Bremens zentrale Mittelfeldspieler bewegten sich viel nach außen oder starteten in die Spitze. Sie wollten so die Doppelsechs des SV Darmstadt 98 aus der Formation ziehen. Marvin Ducksch ließ sich anschließend in die entstehende Lücke fallen.

Die Idee war gut, doch die Ausführung scheiterte beim SV Werder Bremen oftmals an technischen Mängeln. Ducksch brachte in der ersten Halbzeit nur erschreckende 36% seiner Zuspiele zum Mitspieler. Auch Schmid (33% Passgenauigkeit) und Mitchell Weiser (54%) blieben unter ihrem Niveau.

Die Idee von Darmstadt 98 war auf dem Papier ähnlich: Auch sie wollten Bremer Spieler aus der Formation ziehen und im Anschluss die freiwerdenden Räume attackieren. Sie hatten vor allem die rechte Abwehrseite des SV Werder Bremen als Schwachstelle ausgeguckt. Außenverteidiger Weiser agiert hier äußerst offensiv, auch Amos Pieper rückt gerne vor. Stürmer Tim Skarke und Linksverteidiger Fabian Nürnberger starteten immer wieder in die Tiefe.

Werder Bremen gegen den SV Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Individuelle wie kollektive Patzer

Im Gegensatz zum Plan des SV Werder Bremen funktionierte die Darmstädter Idee nicht nur auf dem Papier. Darmstadt 98 agierte in der Offensive wesentlich passgenauer. Immer wieder suchten und fanden sie die Passoption in der Tiefe.

Werder Bremen half dabei kräftig mit: Immer wieder klebten die grün-weißen Verteidiger an ihren Gegenspielern, ohne ihre Umgebung zu beachten. Gerade beim Darmstädter Treffer zum 2:0 (25.) wurde dies deutlich, als die gesamte rechte und halbrechte Abwehrseite ihre Gegenspieler verfolgte, niemand aber den Raum dahinter sicherte. Das Problem der fehlenden Absicherung ist eine langwährende Schwäche der Bremer. Die Aufsteiger 1. FC Heidenheim und der SV Darmstadt 98 nutzten dies aus.

Die Grafik zeigt diesmal keine Formation, sondern eine Szene - und zwar das 0:2. Hier sieht man die fehlende Abstimmung der Fünferkette am deutlichsten: Pieper und Weiser rücken mannorientiert heraus, lassen ihre Seite dadurch völlig offen. Groß klebt in seiner Manndeckung an Pfeiffer, während Veljkovic das Abseits aufhebt. Hollands Pass hinter die Abwehr auf Skarke ist die logische Folge.

Gegen Darmstadt 98 sorgten individuelle Patzer dafür, dass die kollektiven Schwächen umso stärker wogen. Vor dem 0:1 (5.) spielte Mitchell Weiser einen Fehlpass zu Rafael Borré. Der Stürmer des SV Werder Bremen hatte zuvor seinen Laufweg falsch angezeigt. Vor dem 0:3 (50.) unterlief Pieper ein katastrophaler Fehlpass ins Zentrum, das 0:4 (62.) entstand nach einem Handspiel durch Groß. Kein Verteidiger erreichte Normalform.

Werder Bremen gegen den SV Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Aufbäumen kommt zu spät

Angesichts des 0:4-Rückstands blieb die Bremer Aufholjagd nur eine Fußnote. Ole Werner hatte bereits zur Pause zweimal gewechselt: Nick Woltemade und Justin Njinmah kamen für Rafael Borré und Senne Lynen. Werder Bremen stellte damit auf ein klares 3-4-3-System um. Njinmah ging nach Rechtsaußen, Woltemade ins Sturmzentrum und Ducksch besetzte den linken Flügel. Das verbesserte das Bremer Anlaufverhalten, die Bremer Defensive stabilisierte der Wechsel aber nicht.

Erst nach der Einwechslung von Naby Keita (69., für Schmid) entwickelte Werder Bremen vermehrt Torgefahr. Er agierte als alleiniger Sechser vor der Abwehr, während die restlichen Akteure weit vorrückten. Zum Ende der Partie griff Werder in einem enorm offensiven 4-2-4 an. Es half nichts: Obwohl der SV Darmstadt 98 den hohen Laufaufwand der ersten sechzig Minuten nicht aufrechterhalten konnten, brachte der Aufsteiger die Führung über die Zeit.

Werder Bremen offenbarte nicht nur in kämpferischer und technischer Hinsicht ein erschreckendes Niveau. Darmstadt 98 war nach Heidenheim der zweite Gegner, der zeigt, wie man die Werder-Defensive bespielen muss. Mit cleveren Rochaden und zahlreichen Tiefenläufen fanden sie immer wieder Lücken – Räume, die Werder angesichts der offensiven Mannorientierungen selbst öffnete. Wenn Werder unbedingt diesen riskanten Fußball spielen möchte, muss die Mannschaft zumindest offensiv überzeugen. Aber auch das tat sie nicht. Somit rücken abermals die eklatanten Fehler in der Defensive in den Blickpunkt.

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