Werder-Verteidiger im Interview

„Es soll nach oben gehen“: Werder-Neuzugang Wojcik über seine Zukunft, eine schwere Knie-Verletzung und Streitereien mit seinem Bruder

Oskar Wojcik spricht im DeichStube-Interview über seine Zukunft beim SV Werder Bremen, schwierige Momente und Streitereien mit seinem Bruder!

Bestens gelaunt erscheint Oskar Wojcik zum Interviewtermin mit der DeichStube, die Begrüßung auf Deutsch klappt bereits unfallfrei. Den Rest des Gesprächs führt der neue polnische Innenverteidiger des SV Werder Bremen dann aber doch lieber auf Englisch, fühlt sich dabei pudelwohl, streut immer wieder erfrischende Lacher in seine Ausführungen ein. Dabei hat der 23-Jährige auch schwierige Momente erlebt – von denen er ganz offen berichtet. Und Wojcik erzählt, was er sich von seinem Werder-Wechsel erhofft und wie es ist, einen Scout und Videoanalysten als Bruder zu haben.

Oskar Wojcik (rechts) spricht im Interview mit DeichStube-Reporter Malte Bürger (links) über seine Zukunft beim SV Werder Bremen, schwierige Momente und Streitereien mit seinem Bruder!

Werder Bremens Oskar Wojcik über Fans und Weserstadion: „Ich habe viel von der Atmosphäre, die hier herrschen kann, mitbekommen“

Herr Wojcik, als Sie zu Werder kamen und die ersten Fotos von Ihnen gemacht wurden, war just im Stadion ein Teil der Tribüne eingestürzt. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie das Ausmaß live gesehen haben?

(lacht) Ich war verwundert und habe gedacht: Was ist denn hier passiert? Ich habe gefragt, wie das passiert ist, aber dann hat man mir alles erklärt und ich war beruhigt.

Was wissen Sie sonst über das Weserstadion?

Ich habe viel von der Atmosphäre, die hier herrschen kann, mitbekommen. Ich habe viele Videos gesehen, auch viele Fotos. Als die Verantwortlichen zu mir nach Polen kamen, um mit mir über einen Transfer zu sprechen, haben sie mir eine Präsentation und Clips über die Fans gezeigt. Danach habe ich sehr viel gelesen und mir weitere Videos angesehen. Danach wusste ich: Die sind wirklich unglaublich hier.

Sie haben noch vor dem Transfer in einem Interview in Ihrer Heimat gesagt: „Ein Wechsel muss gut überlegt sein. Es geht nicht darum, zum erstbesten Verein zu wechseln.“ Werder hatte zuletzt keine einfache Saison, was hat Sie trotzdem überzeugt?

Ich wollte diese Verbindung spüren, das Gefühl haben: Okay, hier werde ich gebraucht, hier kann ich spielen. Genau das hatte ich bei Werder. Ich weiß, dass die letzte Saison nicht gut war – aber das war vorher, jetzt ist es eine neue Saison, ein neues Kapitel.

Werder Bremens Oskar Wojcik im Interview über seine schwere Knie-Verletzung: „Das war das härteste Jahr meines Lebens“

Können Sie es eigentlich selbst glauben, dass Sie es in rasender Geschwindigkeit bis zu einem Bundesligisten geschafft haben? Sie haben gerade mal ein erstes richtiges Profijahr in der polnischen Ekstraklasa hinter sich.

Es ist wirklich alles sehr schnell gegangen. Aber ich war auch vorher schon bereit, um bei den Profis zu spielen, doch ich saß auf der Bank und war auch mal lange verletzt. Als ich bereit war, hat der damalige Trainer nicht auf mich gesetzt. Dann kam der neue Coach, und ich habe von Anfang an gespielt. Dann passierte eins nach dem anderen: Ich spielte die ganze Saison, habe mein Debüt in der Nationalmannschaft gegeben und bin jetzt hier. Das zeigt nur, dass ein Jahr im Fußball eine sehr lange Zeit ist.

Da wäre es nur normal, wenn auch mal wieder eine Delle, ein kleiner Tiefpunkt käme…

Nein, nein, nein. (lacht) Ich will auf dieser Linie bleiben, es soll immer schön nach oben gehen und nie nach unten. Und ich glaube auch, dass ich das schaffen kann und es so sein wird.

Sie haben Ihre schwere Verletzung erwähnt. Vor fast genau vier Jahren, im August 2022, haben Sie sich das Kreuzband gerissen – ausgerechnet nach Ihrem ersten Trainingslager mit den Cracovia-Profis. Ein Arzt soll Ihnen damals gesagt haben, dass Sie vielleicht nie wieder auf Profi-Niveau spielen könnten. Warum haben Sie es doch geschafft?

Das war nur irgendein Arzt, aber nicht mein eigentlicher Arzt. Aber ich bin sowieso eher der Typ: Wenn mir jemand sowas sagt und er mir nicht nahesteht wie meine Familie oder meine Freunde, dann ist mir das egal. Ich wollte aber beweisen, dass ich noch mehr kann und habe mir deshalb vorgenommen, so hart zu trainieren wie möglich. Weil ich immer versuche, ganz oben zu sein.

Inwiefern hat diese Verletzung Ihren Blick auf den Fußball verändert?

Sehr stark. Das war das härteste Jahr meines Lebens, weil man aufwacht und sich nicht bewegen kann. Man kann einfach nichts machen – das war hart. Vorher gab es für mich nur Fußball, Training, ab nach Hause – und das war‘s. Aber nach dieser Verletzung habe ich angefangen, den Fußball wirklich zu genießen, weil ich wusste, wie es vorher war. Ich war acht Monate lang nur im Fitnessstudio. Danach habe ich alles auf dem Platz viel mehr zu schätzen gewusst. Außerdem war ich als Verteidiger vorher eher schmächtig, nach der Verletzung bin ich kräftiger geworden, was mir sehr geholfen hat.

Werder Bremens Oskar Wojcik: „In meiner Familie lieben alle den Fußball, aber mein Onkel war es, der mich mit zum Training genommen hat“

Ihr erster Trainer war Ihr Onkel. Welche Rolle spielt er für Ihre Fußballkarriere?

Auf jeden Fall hat er viel dazu beigetragen. In meiner Familie lieben alle den Fußball, aber mein Onkel war es, der mich als Fünf- oder Sechsjähriger damals mit zum Training genommen hat.

Wo Sie zunächst Stürmer gespielt haben.
Auch, aber eigentlich habe ich überall gespielt. Wenn wir gewonnen haben, war ich aber meist Verteidiger, wenn wir verloren haben, war ich Stürmer. (lacht)

Weil Sie das Tor nie getroffen haben?
Nein, eigentlich war ich schon immer mit der Beste in meinem Alter – aber halt überall einsetzbar. Das hat sich damals gut gezeigt.

Werder Bremens Neuzugang Oskar Wojcik zeigt sich im DeichStube-Interview bestens gelaunt.

Und wann sind Sie endgültig zum Verteidiger geworden?

Das war, als ich mit 14 Jahren zu Cracovia gekommen bin. In den drei Jahren von der U15 bis U17 habe ich mich dann aber schwerer getan. Das hat sich dann in der U19 wieder geändert. Warum weiß ich gar nicht genau. Auch dort gab es damals einen Trainer, der einfach an mich geglaubt hat. Er hat mir sehr viel gegeben, danach ging es bergauf – bis zur Knieverletzung.

Stimmt es, dass Sie früher 30 Kilometer mit dem Bus zum Training gefahren sind?

Ja, das ist richtig. Ich komme aus einem kleinen Dorf, da gab es sonst nichts. Außer den Bus – und der fuhr nur alle drei Stunden.

Was haben Sie die ganze Zeit während der Fahrt gemacht?

Eigentlich habe ich die ganze Zeit geschlafen. (lacht)

Und Sie haben nie die Haltestelle verpasst?

Nein, das hat immer gut geklappt. In meinem Dorf war die Endstation, da konnte nichts schiefgehen.

Apropos Dorf: Der dortige Bürgermeister ist großer Fan von Ihnen, postet gern bei Facebook etwas über Sie.

Ja, manchmal. Er postet nicht nach jedem Spiel etwas, aber ab und zu. Und nach dem Transfer zu Werder war auch einiges los bei uns. Da wohnen nur knapp 5000 Menschen, jeder kennt jeden.

Werder Bremens Oskar Wojcik über polnische Mitspieler: „Sie geben mir sehr viel, weil ich das erste Mal außerhalb von Polen zum Fußballspielen bin“

In Dariusz Stalmach und Dawid Kownacki gibt es aktuell zwei weitere polnische Spieler im Kader. Wie sehr helfen die beiden beim Ankommen?

Sie geben mir sehr viel, weil ich das erste Mal überhaupt außerhalb von Polen zum Fußballspielen bin. Natürlich ist Dawid auch noch einmal deutlich älter, er kennt Deutschland, die Liga und den Verein. Das hilft ungemein.

Womöglich verlässt Kownacki Werder aber noch, ist das ein Thema bei Ihnen?

Ich hoffe, dass er bleibt. Aber unter dem Strich ist das Wichtigste, dass er selbst glücklich ist. Wenn er hier spielt, dann ist er sicherlich glücklich. Aber im Fußball weiß man nie…

Den großen Durchbruch hat er bei Werder bislang nicht geschafft. Als wie realistisch sehen Sie Ihre eigenen Chancen auf einen Stammplatz?

(grinst) Das ist keine Frage für mich, sondern für den Trainer. Ich hoffe natürlich, dass ich jedes Spiel spielen werde. Daran glaube ich ganz fest.

Wie ist Ihr erster Eindruck nach den bisherigen Trainingseinheiten?

Als ich kam, habe ich mich schon gefragt, wie das wohl beim Training wird. Aber alles war schön, es gab nichts, wo ich mal Probleme hatte.

Oskar Wojcik über Werder Bremens Rolle in der neuen Saison: „Ich hoffe natürlich, dass wir möglichst jedes Spiel gewinnen“

Bevorzugen Sie die Dreier- oder Viererkette in der Abwehr, damit Ihre Stärken am besten zum Vorschein kommen?

Wenn ich spiele, ist mir das eigentlich egal. Früher habe ich häufiger in einer Dreierkette gespielt, was gut geklappt hat, denn eine meiner Stärken ist: Wenn ich gegen einen Spieler auf der Zehnerposition im Eins-gegen-Eins spiele, will ich die ganze Zeit nach vorne drücken – in einer Dreierkette ist das leichter.

Welche Rolle trauen Sie Werder in der neuen Saison zu?

Das ist schwer zu sagen, weil ich die Mannschaften in der Bundesliga noch nicht so gut kenne. Ich hoffe natürlich, dass wir möglichst jedes Spiel gewinnen, aber wir werden sehen.

Sie wirken schon sehr abgeklärt auf dem Platz, sehr erwachsen – trotz Ihres noch jungen Alters und der einjährigen Verletzungspause. Woher kommt die Reife?

Ich glaube, ich hatte das schon immer irgendwie in mir. Ich war immer ruhig, bin ein entspannter Typ und nie gestresst. Ich spiele Fußball, weil ich es liebe, und ich weiß, dass ich die nötige Qualität besitze, um es zu schaffen. Ich war in der Jugend oft Kapitän, auch in der letzten Saison einmal. Ich war immer dieser Typ, der solche Rollen übernehmen kann.

Werder Bremens Oskar Wojcik über seinen Bruder Hubert: „Er sagt mir als großer Bruder immer, was ich noch besser machen soll“

Ihr Bruder Hubert arbeitet als Scout – was hält er von Ihren Leistungen?

Was er davon hält? Wir könnten ihn schnell anrufen! (lacht) Ich glaube, dass er meine Schnelligkeit für einen Verteidiger schätzt, obwohl ich groß bin. Eine meiner größten Stärken ist, dass ich mit dem Stürmer die ganze Zeit mitgehen kann und ihn bis zum Schluss bearbeite.

Analysieren Sie gemeinsam mit ihm Ihre heutigen Auftritte?

Jede Woche. (lacht) Wir streiten deshalb oft, denn er sagt mir als großer Bruder immer, was ich noch besser machen soll. Er macht auch sonst viele Videoanalysen, deshalb sprechen wir dann auch über meine Spiele. Manchmal nervt es und das sage ich ihm auch, aber ich weiß, dass er nur will, dass es hinterher besser wird – und es hilft mir ja auch.

Können Sie gut mit Niederlagen umgehen?

Uh, da spricht man mich besser nicht an.

Wie lange?

Das kommt darauf an, wann das nächste Spiel ist. Aber den nächsten Tag auf gar keinen Fall.

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