DeichStube-Interview
„Bin mehr unterwegs als zu meiner aktiven Zeit“ – Ex-Profi Groß über sein Leben als Scout, die Werder-Saison und Ole Werner
Ex-Profi Christian Groß spricht im DeichStube-Interview über den SV Werder Bremen, Ole Werner, seinen Job als Scout bei Bayer Leverkusen und die Idee, eines Tages Sportdirektor zu werden.
Bremen – 118 Pflichtspiele absolvierte Christian Groß in seiner Karriere für den SV Werder Bremen und das, obwohl der gebürtige Bremer erst im stolzen Alter von 30 Jahren sein Profi-Debüt für den SVW feierte. Das emotionale Karriereende des heute 36-Jährigen liegt mittlerweile etwas über ein Jahr zurück, seitdem hat er sich größtenteils aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit September vergangenen Jahres arbeitet der frühere defensive Mittelfeldspieler als Scout für Bayer 04 Leverkusen. Im DeichStube-Interview spricht Christian Groß darüber, warum es zuletzt ruhig um ihn geworden ist, wie viel Freude ihm seine neue Aufgabe bereitet und welche Karriereziele er für die Zukunft ins Auge fasst. Außerdem blickt er auf die vergangene Werder-Saison zurück – und zeigt sich überrascht über das Aus von Trainer Ole Werner an der Weser.
Christian Groß, nach Ihrem Karriereende ist es ruhig um Sie geworden. Deshalb zunächst die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?
Uns geht es sehr gut, danke der Nachfrage. Es stimmt – es ist stiller um mich geworden. Wenn man aus dem aktiven Fußballgeschäft ausscheidet, tut es zunächst gut, etwas Abstand zu gewinnen und das Geschehen aus einer neuen Perspektive als Beobachter zu betrachten. Ich habe mich daher bewusst ein wenig zurückgezogen. Gleichzeitig muss ich sagen: Man ist schneller raus, als man denkt. Die Spiele laufen weiter, das Fußball-Geschäft dreht sich ununterbrochen. Aber ich war ohnehin nie jemand, der unbedingt jedes angefragte Interview geben musste – deshalb hat mir diese Phase der Ruhe persönlich sehr gutgetan.
Werder Bremen-Ex-Profi Christian Groß im DeichStube-Interview über die Zeit nach dem Karriereende
Bei Ihrem Abschied aus Bremen erwähnten Sie, dass Sie mit Ihrer Familie vor dem Start in Leverkusen noch einmal verreisen wollten. Dürfen Sie verraten, wo es hinging?
Wir haben viele Teile der Welt bereist – unter anderem Singapur, Australien, Neuseeland und Hawaii. Alles tolle Reiseziele, aber am schönsten war es, die gemeinsame Zeit mit den Kindern zu erleben. Nach den intensiven Jahren zuvor haben wir als Familie einfach mal in den Tag hineingelebt. Rückblickend war das eine der schönsten Zeiten, die ich bislang erleben durfte.
Wie sehr hat Ihnen diese Zeit geholfen, das Karriereende und den emotionalen Abschied von Werder zu verarbeiten?
Da wir direkt nach dem Abschied auf Reisen gegangen sind und unser Fokus ganz auf diesen Erlebnissen lag, war das eine willkommene Abwechslung und auch eine Art Ablenkung. Ich hatte kaum Gelegenheit, über das Karriereende oder den Fußball allgemein nachzudenken. Selbst die Europameisterschaft in Deutschland, die zu der Zeit stattfand, habe ich hauptsächlich nur wegen Fülle (Niclas Füllkrug, Anm. d. Red.) mit einem halben Auge verfolgt.
Es ist bekannt, dass Sie und Niclas Füllkrug ein gutes Verhältnis pflegen. Wie intensiv ist der Austausch heute noch?
Wir stehen weiterhin regelmäßig in Kontakt – nicht unbedingt jede Woche, aber immer dann, wenn es passt. Mit der Zeit hat sich daraus eine wirklich schöne Freundschaft entwickelt.
Würden Sie sich freuen, wenn Füllkrug in der kommenden Saison wieder in der Bundesliga spielen würde?
Ich würde mich freuen, wenn er für sich die richtige Entscheidung trifft – wie auch immer die aussehen mag. Ob er in England bleibt oder zurück in die Bundesliga wechselt. Wichtig ist, dass er sich wohlfühlt und die Entscheidung mit Überzeugung trifft.
Werder Bremen-Ex-Profi Christian Groß ist nun Scout bei Bayer 04 Leverkusen: „Paradebeispiel im deutschen Fußball“
Kommen wir zu Ihnen: Seit September vergangenen Jahres sind Sie Teil der Scouting-Abteilung von Bayer 04 Leverkusen. Wie gut haben Sie sich in Ihrer neuen Rolle eingelebt?
Ich habe mich gut eingelebt – auch wenn der Tagesablauf ein ganz anderer ist. Rückblickend lernt man das Privileg des Profifußballer-Daseins noch einmal ganz neu zu schätzen, denn der Alltag ist nun deutlich strukturierter. Es macht mir aber großen Spaß, die Abläufe und Strukturen bei Bayer 04 Leverkusen im Detail kennenzulernen. Das erste Jahr war für mich sehr lehrreich, und ich bin überzeugt, dass es der richtige Schritt war. Dass ich hier nochmal eine neue Struktur und besonders auch viele neue Leute und ihr Fußballwissen kennenlernen konnte, hilft mir enorm weiter. In dem Bereich ist Leverkusen schon ein Paradebeispiel im deutschen Fußball.
Wie kann man sich Ihren beruflichen Alltag konkret vorstellen?
Runtergebrochen könnte man sagen: Fußballspiele schauen (lacht). Tatsächlich sehe ich sehr viele Spiele, um Spieler vergleichen zu können. Das macht mir auch am meisten Spaß – dass ich mir so viel Fußball anschauen darf, und das in den unterschiedlichsten Ländern.
Worauf achten Sie gezielt, wenn Sie sich vor Ort einen Spieler anschauen?
Da ich selbst Profi war, weiß ich, wie viel sich abseits des Balls abspielt. Kommunikation, Körpersprache, aber auch die Stressresistenz in besonderen Situationen – etwa in einem Derby – sind zentrale Beobachtungspunkte. Bei einem wichtigen Spiel oder wenn die Atmosphäre im Stadion besonders laut wird, lässt sich vor Ort deutlich besser einschätzen, wie ein Spieler reagiert.
Was hat Sie an der Aufgabe im Scouting besonders gereizt?
Mich hat besonders gereizt, dass man in relativ kurzer Zeit einen enormen Überblick über den Markt bekommt. Unabhängig davon, was in der Zukunft für mich noch ansteht, ist dieser Überblick über den Spielerpool extrem wertvoll. Man lernt verschiedene Ligen kennen, verfolgt die Entwicklung von Spielern und beobachtet, wie Trainer ihre Spielsysteme umsetzen – oder diese im Spielverlauf kreativ anpassen. Auch wenn mein Fokus auf den Spielern liegt, ist es mir persönlich wichtig, mir möglichst viel Fußballwissen anzueignen – etwa zur Bewertung der Qualität einzelner Ligen in Europa.
Christian Groß nach Werder Bremen-Abschied Scout für Bayer Leverkusen: „Intensität über das Jahr ziemlich konstant“
Ole Werner sagte im März über Sie: „Wer ihn kennt, weiß, dass er sich in solche Themen akribisch einarbeitet.“ Wie akribisch mussten Sie sich in die neue Rolle einarbeiten?
Es freut mich natürlich, dass er das so über mich gesagt hat (lacht). Wenn man erfolgreich sein will – im Fußball wie auch sonst – muss man bereit sein, mehr zu investieren als andere. Das war schon als Spieler mein Ansatz. Es geht darum, die einzelnen Märkte kennenzulernen, so viele Spiele wie möglich zu sehen und sich ein umfassendes Bild zu machen. Man schaut dann eben elf Spiele statt nur eines, um im Detail vorbereitet zu sein.
Wie viel sind Sie denn unterwegs und wie viel Zeit verbringen Sie im Büro?
Mein Arbeitsrhythmus orientiert sich stark am Spielplan. Eine genaue Aufteilung kann ich gar nicht beziffern, aber ich bin definitiv mehr unterwegs als zu meiner aktiven Zeit.
Wenn Sie heute ein Spiel beobachten – juckt es da manchmal noch in den Füßen?
Es gab durchaus das eine oder andere Spiel, bei dem ich gerne nochmal die Schuhe geschnürt hätte (lacht). Dieses Kribbeln vor einem Spiel ist etwas ganz Besonderes – und das vermisse ich tatsächlich mit am meisten.
Ein Blick auf die Gegenwart: In Leverkusen deutet sich ein größerer Umbruch im Kader an. Wie arbeitsintensiv werden die kommenden zwei Monate für Sie? Oder haben Sie als Scout bereits einen Großteil der Vorarbeit geleistet?
Letztlich ist es eine Mischung aus beidem. Natürlich bereitet man vieles im Vorfeld vor, aber im Fußball passiert auch oft kurzfristig etwas. Ich würde meinen Job eher als eine kontinuierliche Jahresarbeit beschreiben – nicht unbedingt etwas, das im Sommer plötzlich stressiger wird. Die Intensität ist über das Jahr hinweg ziemlich konstant.
Christian Groß im Interview über das Ole Werner-Aus bei Werder Bremen: „Das hat mich schon überrascht“
Lassen Sie uns über Werder Bremen sprechen: Bei Ihrem Abschied haben Sie betont, dass Sie dem Verein als Fan verbunden bleiben. Wie hat der Fan Christian Groß die vergangene Saison erlebt?
Glücklich. Es war schön zu sehen, dass die positive Entwicklung weiterging – auch wenn es am Ende schade war, dass das Team das Ziel Europa knapp verpasst hat. Das hätte der starken Saison die Krone aufgesetzt. Und der Weg zu den Europapokalspielen wäre für mich in meinem neuen Job auch nicht weit gewesen (lacht).
Wie intensiv verfolgen Sie Werder und die Spiele aktuell?
Ich schaffe es zeitlich nicht mehr, jedes Spiel am Wochenende live zu sehen. Aber ich informiere mich regelmäßig, schaue mir die Highlights an und bekomme einiges mit. Das Interesse am Verein ist bei mir nach wie vor voll da.
Wie sehr hat Sie das Aus von Ole Werner überrascht?
Es hat mich schon überrascht, auch wenn es medial bereits länger begleitet wurde und klar war, dass eine Entscheidung ansteht – möglicherweise auch in diese Richtung. Rückblickend war die Zeit unter Ole Werner mit dem Aufstieg und den ersten Jahren in der Bundesliga sehr positiv. Das Team hat sich stetig weiterentwickelt. Dass man zwei Jahre in Folge nur knapp die europäischen Plätze verpasst hat, spricht meiner Meinung nach für seine Arbeit.
Was zeichnet Ole Werner aus Ihrer Sicht als Trainer besonders aus?
Eine klare Handschrift. Ole weiß ganz genau, welchen Fußball er spielen lassen möchte. Als Spieler bekommt man von ihm einen klaren Matchplan an die Hand und weiß genau, was einen erwartet. Gemeinsam mit seinem Trainerteam hat er über die Jahre in Bremen einen sehr starken Job gemacht.
Ex-Werder-Bremen-Spieler Christian Groß plant Karriere nach der Karriere: „Richtung Kaderplanung oder Sportdirektor gehen“
Was wünschen Sie Werder für die kommende Saison?
Werder hat mit Horst Steffen schnell einen guten neuen Trainer verpflichtet, der ebenfalls für eine klare Spielphilosophie steht. Was er in Elversberg geleistet hat, war wirklich beeindruckend. Ich wünsche mir, dass es auch unter ihm gelingt, die positive Entwicklung fortzusetzen und den nächsten Schritt zu machen – mit dem Ziel, bald wieder europäisch zu spielen.
Und welche nächsten beruflichen Schritte planen Sie für sich?
Natürlich bin ich ein ambitionierter Typ. Es ist durchaus ein Gedankenspiel, irgendwann einmal den Schritt Richtung Kaderplanung oder Sportdirektor zu gehen. Dabei spielt allerdings das richtige Timing eine große Rolle. Aktuell bin ich sehr zufrieden mit meiner Aufgabe in Leverkusen und genieße es, mein Wissen kontinuierlich auszubauen.
Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages noch einmal zu Werder zurückzukehren?
Gerade meine eigene Vita als Spieler hat mir gezeigt, dass man im Fußball nie etwas ausschließen sollte. Das liegt für mich aber alles noch in der Zukunft. Dennoch steht fest: Ich hatte eine wunderschöne Zeit in Bremen und werde dem Verein immer verbunden sein.
Zum Abschluss: Bei Ihrem Abschied haben Sie von Ihren Kollegen ein Trikot mit all Ihren Stationen als Spieler erhalten. Wo hat dieses Shirt heute seinen Ehrenplatz?
Tatsächlich ist es erstmal im Regal gelandet (lacht). Ich bin aber vor Kurzem wieder darüber gestolpert und habe es mir nochmal angeschaut. Es ist ja auch erst ein Jahr vergangen – ich denke, in den nächsten zehn Jahren wird es sich vermutlich Stück für Stück einen immer prominenteren Platz sichern (lacht). (bvo)
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