Vor Werder gegen HSV
Das Lächeln von der Autobahn: Werder und die Fans machen sich heiß fürs Nordderby – aber mit Einschränkung
Die Fans des SV Werder Bremen fiebern dem Nordderby gegen den Hamburger SV entgegen - Fußball-Chef Clemens Fritz appelliert im Vorfeld an die Vernunft aller Beteiligten!
Bremen – Für Marco Friedl ist die Rechnung ganz einfach: „Die Fans sind ja schon seit Wochen heiß“, sagt der Kapitän des SV Werder Bremen, „und wir werden unter der Woche heiß werden.“ Der Innenverteidiger weiß, worauf es ankommt, denn er gehört zu den ganz wenigen Profis des aktuellen Kaders, die schon erfahren haben, wie sich ein echtes Nordderby anfühlt. Friedl war am 27. Februar 2022 Teil der Startelf, als Werder – damals noch zu Zweitligazeiten – den bis dato letzten Vergleich beim Hamburger SV mit 3:2 für sich entschied. Ein Doppelpack von Marvin Ducksch sowie ein Treffer von Niclas Füllkrug hatten die Bremer feiern lassen. Nun kehrt das Duell der Erzrivalen erstmals seit 2018 wieder ins deutsche Fußball-Oberhaus zurück, auch damals jubelte am Ende der SVW. Nach einem Eigentor von Rick van Drongelen. Einen klassischen Derbyheld gab es also nicht – doch jetzt wird genau ein solcher wieder gesucht. Aber wer hat das Zeug dazu?
Werder Bremens Keke Topp vor Nordderby gegen HSV: „Gerade für mich ist es etwas Besonderes, weil ich als Kind immer mitgefiebert habe“
Justin Njinmah wäre als Hamburger Jung mit HSV-Bettwäsche in Jugendtagen aus Bremer Sicht sicherlich eine dieser im Fußball so typisch-kitschigen Optionen. Karim Coulibaly wechselte zudem einst aus dem Nachwuchs des Hamburger SV an die Weser und käme somit auch für eine klassische „Ausgerechnet“-Geschichte in Frage. Aber Werder hat natürlich noch mehr potenzielle Heroen im Kader. Keke Topp vielleicht. „Gerade für mich ist es etwas Besonderes, weil ich als Kind immer mitgefiebert habe. Ich bin glücklich, dass jetzt auch die Chance da ist, es nächste Woche zu spielen“, sagt der 21-Jährige, der beim SV Werder Bremen aktuell an Sturmkonkurrent Victor Boniface vorbeigezogen ist und mit seiner engagierten Spielweise zumindest theoretisch das mitbringt, was vor allem die Fans von ihrer Mannschaft auf dem Platz sehen wollen: den unbedingten Willen, das für sie wichtigste Spiel des Jahres zu gewinnen. Genau deshalb gab es bereits am vergangenen Samstag, unmittelbar nach dem 1:1 gegen Köln, antreibende Worte aus der Ostkurve, um das Team auf die Aufgabe einzuschwören. „Sie haben uns heiß und bereit gemacht, dass wir uns mit einem Lächeln auf der A1 treffen“, sagt Topp.
Die grün-weiße Gemeinschaft wird auf ihrem Weg zum Nordderby beim Hamburger SV (Sonntag, 15.30 Uhr im DeichStube-Liveticker) allerdings gefordert sein, erhebliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Und zwar in doppelter Hinsicht. Denn auf der Autobahn 7 wird ausgerechnet an diesem Wochenende der Elbtunnel wegen Bauarbeiten gesperrt, da drohen einige Staus und Umleitungen beim Trip nach Stellingen. Viele Anhänger des SV Werder Bremen wollen sogar schon um 12 Uhr in Othmarschen sein, wo am dortigen Bahnhof ein Fanmarsch Richtung Volksparkstadion starten wird. Besondere Spiele erfordern eben besondere Signale.
Werder Bremens Clemens Fritz: „Wir wünschen uns doch alle ein packendes Fußballspiel, ein echtes Highlight vor toller Kulisse“
Clemens Fritz hat viele davon selbst erlebt. Der heutige Fußball-Chef des SV Werder Bremen trug als Aktiver insgesamt 19 Mal das W auf dem Trikot, wenn der HSV auf der anderen Seite des Platzes stand. Auch bei den legendären Derby-Wochen 2009 war er dabei, als sich beide Clubs binnen 19 Tagen gleich vierfach in der Liga, im DFB-Pokal sowie im Uefa-Cup begegneten. Nun wird er auf den Rängen der ausverkauften Arena mitfiebern, passenderweise an seinem 45. Geburtstag. Ein Geschenk in Form von drei Punkten würde da ziemlich gelegen kommen.
Die grundsätzlichen Voraussetzungen scheinen zu stimmen, denn Clemens Fritz hat eine klare Botschaft für alle parat, die möglicherweise daran zweifeln, ob sich sämtliche Profis – egal, ob nun geliehen oder fest verpflichtet – der gesamten Tragweite dieser traditionsreichen Begegnung bewusst sind. „Natürlich geht die große Aufmerksamkeit, die das Derby erfährt, an unseren Spielern nicht vorbei. Sie wissen alle, dass das Duell eine hohe Relevanz hat – für die Fans, aber auch für uns als Verein. Gesondert darauf hinweisen müssen wir also nicht“, betont der 44-Jährige im Gespräch mit der DeichStube. Gleichzeitig appelliert der Fußball-Chef des SV Werder Bremen aber auch an die Vernunft aller Protagonisten. „Wir wünschen uns doch alle ein packendes Fußballspiel, ein echtes Highlight vor toller Kulisse, das beide Clubs und ihre Fans genießen können und bei dem auch im Umfeld alles ruhig und sicher bleibt.“
Selbstverständlich wollen sie sich den Nachmittag auf Seiten des SV Werder Bremen aber noch ein wenig mehr schmecken lassen als es der Hamburger SV tun soll. Marco Friedl hat genau vor Augen, was dafür nötig ist: „Es wird viele Emotionen und viel Aggressivität geben, aber wir müssen unser Spiel durchdrücken. Und das nicht nur in einer Halbzeit. Schaffen wir das, bin ich zuversichtlich, dass wir gewinnen.“ (mbü/dco)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Max Vincen
