Werder in der Analyse

Matchplan schlägt Ballbesitz: Werders Heimsieg gegen St. Pauli in der Taktik-Analyse

Werder-Trainer Horst Steffen veränderte gegen den FC St. Pauli seine Formation – und lag damit goldrichtig: Unser Taktikanalyst Tobias Escher erklärt, warum die Gäste von der neuen Bremer Taktik überrascht wurden.

Bremen – Horst Steffen hat offenbar auf sein Bauchgefühl gehört: Gegen den FC St. Pauli veränderte der Trainer des SV Werder Bremen seine taktische Formation. Statt im gewohnten 4-4-2- trat Werder in einem 4-3-3-System an. Diese kleine, aber feine Anpassung war mitentscheidend für den Bremer 1:0-Sieg. Werder überzeugte am Samstagnachmittag dabei vor allem in der Defensive.

Trainer Horst Steffen veränderte gegen den FC St. Pauli die taktische Formation des SV Werder Bremen - diese Entscheidung erwies sich als goldrichtig, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Werder Bremens Heimsieg gegen den FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: 4-3-3- gegen 3-4-3-Formation

Personell veränderte sich die Startformation des SV Werder Bremen im Vergleich zur 0:4-Niederlage gegen den FC Bayern München zwar nicht. Auf den zweiten Blick zeigte sich jedoch, dass gleich mehrere Spieler andere Positionen bekleideten als noch in der Allianz Arena vor einer Woche. So rückte Justin Njinmah aus dem Sturmzentrum auf die rechte Seite, dafür begann Romano Schmid gegen den FC St. Pauli als Mittelstürmer.

Besonders stark änderte sich die Rolle von Cameron Puertas: Er begann nicht als Zehner, sondern im zentralen Mittelfeld auf einer Höhe mit Jens Stage. Dadurch verteidigte Werder Bremen gegen den FC St. Pauli nicht – wie zumeist in dieser Saison – in einem 4-4-2-, sondern in einem 4-3-3-System.

Damit reagierte Werder-Coach Horst Steffen auf die Spielweise des Gegners: Der FC St. Pauli setzt in der Regel auf eine offensive 3-4-3-Formation. Auch die Hamburger verzichten dabei auf einen klassischen Stoßstürmer. Bei ihnen lässt sich Mittelstürmer Danel Sinani dann häufig auf die Zehner-Position fallen.

Werder Bremen spiegelte mit der eigenen Formation somit den Spielaufbau des Gegners. Vorne konnten die drei Stürmer die drei Innenverteidiger des Gegners aufnehmen. Dahinter setzte Werder auf eine enge Manndeckung: Puertas und Stage bewachten die Doppelsechs des FC St. Pauli. Senne Lynen wiederum deckte Sinani.

Die Grafik zeigt Werder Bremens 4-3-3-System, mit dessen Hilfe sie gegen den FC St. Pauli das Zentrum kontrollieren konnten. Die drei Stürmer liefen nicht aggressiv an, sondern achteten darauf, die Passwege zu schließen. Dahinter verteidigte Werder eng Mann-gegen-Mann. So hielten die Bremer St. Pauli aus der Spielfeldmitte fern.

Werder Bremens Heimsieg gegen den FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Frühes Tor spielt Werder in die Karten

Der FC St. Pauli hatte mit der Bremer Umstellung offenbar nicht gerechnet. In der Anfangsphase hatten die Hamburger Schwierigkeiten mit der Zuordnung. So konnte Werder Bremen das Spiel nach nicht einmal zwei Minuten unbedrängt von einer Seite auf die andere verlagern. Justin Njinmah legte den Ball zurück an den Strafraum, von wo aus Samuel Mbangula den Führungstreffer erzielte.

Dieses Tor spielte den Bremern stark in die Karten. Fortan konnten sie sich auf die defensiven Vorteile ihrer Formation verlassen. Vorne blockierten die drei Angreifer die Passwege der gegnerischen Dreierkette in Richtung Zentrum. Dahinter standen die Spieler des SV Werder Bremen ihren Gegnern auf den Füßen. Nur einmal schaffte es der FC St. Pauli, sich im Zentrum an den Bremern vorbei zu kombinieren: Keeper Karl Hein parierte in der Folge jedoch glänzend gegen Mathias Pereira Lage (7.).

Ansonsten tat sich der FC St. Pauli schwer, das Mittelfeld der Bremer zu überspielen. Sie versuchten zwar immer wieder, die Bremer ins Pressing zu locken. Dabei zog sich jedoch die gesamte Hamburger Mannschaft zurück. Gerade Rechtsverteidiger Arkadiusz Pyrka hielt sich zurück. Das erleichterte der Bremer Abwehrkette die Defensivarbeit: St. Pauli zog das Spiel nie in die Breite. Ihr gesamtes Spiel ist auf Pässe ins Zentrum ausgelegt. Diese waren gegen Werder Bremen jedoch kaum möglich.

Die einzige Alternative des FC St. Pauli waren lange Bälle. Zwischenzeitlich schien es so, als hätten die Kiezkicker Bremens linke Seite als Schwachstelle ausgemacht. Immer wieder schlugen die Verteidiger lange Bälle Richtung Karim Coulibaly. Der 18-jährige Innenverteidiger des SV Werder Bremen gewann zwar nur drei seiner sieben Luftduelle, in den meisten Fällen hinderte er mit seiner Zweikampfführung jedoch seinen Gegenspieler daran, das Spiel schnell weiterzuführen.

Werder Bremens Heimsieg gegen den FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Wenig Zug nach vorne

Der FC St. Pauli mag sich am Samstag kaum Chancen erspielt haben, Werder Bremen kam jedoch auch nur selten vor das gegnerische Tor. Horst Steffens Team kämpfte offensiv mit ähnlichen Problemen wie St. Pauli. Auch die Bremer versuchten, den Gegner über einen flachen Spielaufbau ins Pressing zu locken. Anschließend wollten sie den Ball zwischen die gegnerischen Linien spielen. Alternativ wählten sie den langen Ball auf die halbrechte Seite. Hier rückte Stage vor, um sich in möglichst viele Kopfballduelle zu werfen.

Doch ähnlich wie der FC St. Pauli zerschellte auch die Bremer Offensive an der Verteidigung des Gegners. Die langen Bälle konnte Werder selten erobern. Auch zwischen den Linien verloren Puertas und der zurückfallende Schmid immer wieder die Eins-gegen-Eins-Duelle. So konnte Werder Bremen nie aus dem Zentrum heraus das Tempo der Außenstürmer bedienen.

Die Bremer konnten das Spiel nur selten in die gegnerische Hälfte tragen. Mit zunehmender Spielzeit ließ der FC St. Pauli Ball und Gegner laufen. In der ersten halben Stunde war der Ballbesitz noch ausgeglichen. Zwischen der 31. und der 60. Minute sammelte St. Pauli dann 59 Prozent Ballbesitz, in der finalen halben Stunde lag ihr Wert sogar bei 65 Prozent. Den Ballbesitz spielte St. Pauli aber vornehmlich in der eigenen Hälfte aus. Die Passwege durch das Zentrum hielt Werder Bremen weiter geschlossen.

Werder Bremens Heimsieg gegen den FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Werder nutzt die Konterchancen nicht

In den Schlussminuten kam noch einmal Schwung in die Partie: St. Paulis Trainer Alexander Blessin stellte mit einem Dreifachwechsel in der 70. Minute auf ein 4-4-2-System um. Sein Team nutzte nun die Breite des gesamten Feldes. Gleichzeitig positionierten sich mehr Spieler im Strafraum. Werder Bremens Cheftrainer Horst Steffen reagierte sofort und veränderte die eigene Formation zu einem 4-4-1-1. So konnten die Bremer die Breite besser verteidigen.

St. Paulis enorm offensive Formation bot Werder Bremen die Chance, zu eigenen Kontern anzusetzen. Der eingewechselte Victor Boniface postierte sich in den Schlussminuten so, dass er direkt hinter die gegnerische Abwehr starten konnte. Tatsächlich hatte Werder in der Schlussphase die besseren Möglichkeiten, doch sowohl der ebenfalls eingewechselte Patrice Covic (84.) als auch Boniface (90.+4) verpassten es, das zweite Tor zu erzielen.

Am Ende sprang dennoch ein Sieg für den SV Werder Bremen heraus. In der Anfangsphase schockten die Bremer den FC St. Pauli mit einer unerwarteten Formation. Danach war es vor allem der Bremer Defensive zu verdanken, dass die drei Punkte im Weserstadion verblieben. Horst Steffen hat damit erstmals ein Ausrufezeichen gesetzt - als Taktikfuchs. Es dürfte nicht das letzte gewesen sein.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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