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Bremen - Frank Baumann versuchte es mal wieder mit einem Scherz. „So viele Spiele, wie ich mir anschaue, so viele Trainer kann ich gar nicht verpflichten“, sagte der Werder-Sportchef und schmunzelte.
Wenige Sekunden zuvor hatte er den Bericht der DeichStube bestätigt, sich am Sonntag das Schweizer Spitzenspiel zwischen dem FC Basel und Young Boys Bern live vor Ort angeschaut zu haben. Angeblich wegen der vielen interessanten Spieler, so Baumann. Aber es ging um Berns Coach Adi Hütter. Das Problem: Der Österreicher will seine Young Boys nicht für Werder verlassen. Damit ist das Thema erledigt. Baumann sucht zwar weiter, aber es deutet sich immer mehr an, dass die Lösung Florian Kohfeldt heißt.
Baumann lobt Kohfeldt
„Aktuell ist er der Cheftrainer – und er macht das sehr, sehr gut“, lobte Baumann den jungen Trainer. Der hatte sich zuvor wie schon am Dienstagmorgen bei der ersten Einheit mächtig ins Zeug gelegt. Es wurde sehr intensiv trainiert, mit vielen neuen Übungen und ungewohnt vielen Anweisungen des Cheftrainers. Während Alexander Nouri meistens die Zuschauerrolle einnahm und nur selten bei den einzelnen Trainingsformen eingriff, war Kohfeldt mittendrin, stand im Spielfeld und war nicht zu überhören.
„Neun Mann stellen zu, einer nicht – das kann nicht funktionieren“, fauchte er einmal, um dann sofort den Adressaten Aron Johannsson den richtigen Laufweg zu zeigen. Ähnlich erging es Maximilian Eggestein, der erst ein lautes „Stopp, stopp, warum?“ zu hören bekam und dann ein „Warte auf den Moment“. Bei Robert Bauer war es umgekehrt: erst ein Lob („Schön, dass du mitgehst“), dann die Kritik („Aber du musst auch hinten im Blick haben“).
Es gab in Abwesenheit der Nationalspieler aber nicht nur viel zu hören, sondern auch zu sehen. Kohfeldt setzte wie schon bei seinem ersten Spiel in Frankfurt auf ein 4-3-3-System – mit einer klaren A-Elf: Gebre Selassie, Sane, Caldirola, Bauer in der Viererkette, Bargfrede als Sechser, Gondorf und Maximilian Eggestein davor als Achter und dann das Angriffstrio Bartels, Kruse, Junuzovic. Johannsson und Hajrovic durften sich mit Bartels und Junuzovic abwechseln. Da nur drei Ballkontakte erlaubt waren, wurde ziemlich schnell gespielt. Und die Profis schonten sich nicht, schon gar nicht die Leihgaben aus der U23. Es ging ordentlich zur Sache.
„Sie haben doch gesehen, wie intensiv hier gearbeitet wird“, meinte Baumann nach der Einheit auf die Frage, ob Werder in der Trainerfrage nicht unter Zugzwang stehe. Baumann sieht den Tabellenvorletzten in den Händen von U23-Coach Kohfeldt gut aufgehoben. Trotzdem schaut er sich nach Alternativen um: Hütter war dabei ein ganz heißer Kandidat. Der 47-Jährige steht für erfolgreichen und attraktiven Fußball. Mit RB Salzburg ist er Meister geworden, mit Bern steht er an der Tabellenspitze. „Ich kann mir den Adi als Werder-Trainer sehr gut vorstellen“, urteilte der Ex-Bremer Andreas Herzog. Und das ist insofern bemerkenswert, weil Herzog gerne selbst Werder-Coach werden würde. Trotzdem lobt er seinen Landsmann in den höchsten Tönen.
Kohfeldts Chancen steigen
Möglicherweise hätte Werder zugeschlagen, doch Hütter selbst machte die Tür schon früh zu. Er will lieber Bern zur ersten Meisterschaft nach über 30 Jahren führen. Das ist nachvollziehbar. „Wir müssen erst einen Besseren finden“, sagte Baumann zu Kohfeldts Chancen bei der Trainersuche. Eine Entscheidung bis zum Spiel in zwölf Tagen gegen Hannover 96 sei das Ziel, aber nicht zwingend notwendig: Man habe schließlich Kohfeldt. Und der machte am Dienstag beim Start in die Trainingswoche den Eindruck, als fühle er sich nicht nur für den Moment als Chef.
Er holte kurzerhand Fitnesskoordinator Axel Dörrfuß auf den Platz zurück. Den hatte Nouri kurz nach seinem Start vor gut einem Jahr aussortiert. Und es waren an diesem Dienstag keine reinen Trainingseinheiten zum Erhalt der Fitness in der Länderspielpause. Kohfeldt führte seine Arbeit der Vorwoche konsequent fort. Er will anders Fußball spielen lassen – offensiver und mutiger. Die Frage ist nun, ob ihn das Werder dauerhaft lässt. Die Wahrscheinlichkeit wird immer größer.