DeichStube-Interview
„Ich habe noch was vor im Leben“ – Werders scheidender Frauen-Trainer Horsch über Erbe und Zukunft
Thomas Horsch spricht im DeichStube-Interview über seine Zeit beim SV Werder Bremen, seine persönliche Zukunft und die Weiterentwicklung der Werder-Frauen.
Bremen – Seine Arbeit als Trainer der Fußballerinnen beim SV Werder Bremen ist erledigt, jetzt hat Thomas Horsch eigentlich schon Urlaub. Für die DeichStube hat sich der 56-Jährige, der sich gegen eine Vertragsverlängerung beim SVW entschied, aber noch Zeit genommen für ein ausführliches Abschiedsinterview. Darin spricht er über seine Pläne für die Zukunft, seine Bilanz nach mehr als vier Jahren bei den Werder-Frauen, sein persönliches Highlight und den Stand des Frauenfußballs.
Vietnam-Reise zum Abschied: Scheidender Frauen-Trainer des SV Werder Bremen Thomas Horsch im Interview
Thomas Horsch, Sie waren nach Saisonende mit ihrer Mannschaft auf Vietnam-Reise. Wie viel hatte das schon von Urlaub?
Das hatte noch nichts wirklich von Urlaub. Für uns war es mehr eine schöne Dienstreise, die wir nochmal gemeinsam zum Abschluss der Saison gemacht haben. Die andere Klimazone und die Zeitumstellung waren schon anstrengend, aber wir haben super Eindrücke gesammelt, das offizielle Länderspiel gegen die vietnamesische Nationalmannschaft war auch etwas Besonderes. Es war für mich auch nochmal schön zu sehen, wie die Mannschaft den allerletzten Tropfen Schweiß aus sich herausgeholt hat. Das alles haben die Spielerinnen mit Bravour bestanden. Aber bis auf die Temperaturen hatte das noch keinen Urlaubscharakter.
Wie ist es andersherum: Wie viel Arbeit steckt nun in Ihrem Urlaub?
Das erste Mal seit Jahren steckt keine Arbeit in meinem Urlaub. Das ist schon ein besonderes Gefühl, dass ich keinen Gedanken haben muss an Trainingslager, an Spielerinnengespräche, an Vorbereitungsspiele und so weiter. Es stehen keine organisatorischen Dinge an. Von daher ist das seit Jahren mal anders.
Ist das ein gutes Gefühl, eines, das Sie bewusst gesucht haben?
Nein, nicht unbedingt. Es ist im Moment noch so wie immer: Am Ende einer Saison bist du einfach platt und durch und freust dich auf eine fußballlose Zeit. Dann im Laufe des Urlaubs merkst du: Jetzt kann es wieder losgehen. Das ist das, woran ich mich noch gewöhnen muss, dass es dann eben noch nicht wieder losgeht.
Abschied von Werder Bremen – und dann? SVW-Frauen-Trainer Thomas Horsch im Interview
Bei Ihnen steht also immer noch nicht fest, wie es weitergeht?
Genau.
Wie planen Sie?
Ich habe bestimmt noch was vor im Leben, aber es muss dann auch das Richtige sein. Wenn man Mitte 50 ist, dann macht man nicht alles. Ich warte auf ein spannendes Projekt. Es kam noch nicht das Passende.
Was kommt denn infrage? Oder anders: Weiter Frauenfußball, ja oder nein?
Es ist alles möglich, gerne weiter Frauenfußball, gerne auch Männerfußball, oder andere Arten, im Fußball zu arbeiten. Ich habe schon so viel erlebt und bin da völlig offen. Ich bin jetzt froh, mal kurz durchzuatmen und dann wieder neu zu starten. Einen Zeitrahmen habe ich dafür nicht.
Worauf legen Sie wert?
Ich bin mittlerweile dreifacher Großvater, die Kinder sind aus dem Haus, ich bin quasi weltweit flexibel, aber meine Homebase wird immer Bremen bleiben. Ich werde als Rentner definitiv in Bremen zu Hause sein, aber bis dahin bin ich durchaus bereit, zeitweise von zu Hause weg zu sein.
Trainer Thomas Horsch erklärt im Interview seinen Abschied von den Frauen des SV Werder Bremen
Warum haben Sie sich überhaupt entschieden, Werder zu verlassen?
Es war eine Entscheidung, die über längere Zeit in mir gewachsen ist. Ich habe das Projekt viereinviertel Jahre betreut und hier in Zusammenarbeit etwas entwickelt – von einer Fahrstuhlmannschaft zu einem etablierten Bundesligisten. Ich habe für mich das Gefühl gehabt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, nochmal ein anderes Projekt zu beginnen. Für mich ist auch klar: Wenn du eine Gruppe anleitest, dann darf es nie zu dem Punkt kommen, dass die Mannschaft das Gefühl hat, der Trainer macht einen Meter weniger oder wird schlechter. Dann ist der Zeitpunkt überschritten – und das will ich vermeiden.
Sie haben die Entscheidung schon am Tag nach dem Pokal-Viertelfinal-Sieg in Leverkusen bekanntgegeben. Warum so früh?
Um dem Verein Planungssicherheit zu geben. Ich hatte schon vor Weihnachten ein Gespräch mit Clemens Fritz, dann nochmal im Januar oder Februar. Dann war die Entscheidung für mich endgültig. Wir haben nach dem richtigen Zeitpunkt der Verkündung gesucht und wollten vor dem Pokalspiel keine Unruhe stiften, also haben wir gesagt, wir machen es direkt nach dem Viertelfinale – egal, wie es ausgeht.
Welche Rolle hat es gespielt, dass Sie mit Werder womöglich das Limit ausgeschöpft haben? Bundesliga-Mittelfeld, Pokalfinale – viel mehr geht wohl nicht.
Es gibt nicht immer nur das Thema Meisterschaft oder Pokalsieg. Es geht immer um etwas. Darum, für den Verein Werte zu schaffen, Spielerinnen zu entwickeln. Wir reden im Frauenfußball immer noch über die Basics, das ist ein Riesenfeld. Egal, ob es um die Champions League oder den Klassenerhalt geht, du hast nebenbei noch so viele Themen. Man darf nicht nur auf die Tabelle gucken. Aber ich gehe davon aus, dass die Uefa zukünftig weitere Wettbewerbe einführt. Wenn die Plätze fünf und sechs für eine Europa League reichen, wird es für viele Mannschaften interessanter.
Entwicklung des Frauen-Fußballs in Deutschland und bei Werder Bremen – so sieht es Trainer Thomas Horsch
Was verändert die Aufstockung der Frauen-Bundesliga auf 14 Teams?
Mehr Spiele! Dieser nicht vorhandene Rhythmus, wenn du wochenlang frei hast, war schon sehr schwierig. Ich hoffe, dass sich die 14er-Liga irgendwann auch qualitativ gut darstellt, aber dadurch, dass sich der Spielermarkt internationalisiert und die Lizenzvereine wie Union Berlin, HSV, Borussia Dortmund und wie sie alle heißen auf den Zug aufspringen, glaube ich schon, dass die Konkurrenzsituation größer wird. Aber das ist noch eine Riesenaufgabe, weil auch jetzt in der 12er-Liga noch viele qualitative Missstände vorhanden sind: Taktisch, technisch, physisch – das sind immer noch Riesenbaustellen, um dieses Produkt auf dem Platz interessanter zu machen.
Wie sehen Sie den Frauenfußball-Bereich bei Werder für die Zukunft aufgestellt?
Es gibt nichts Uninteressanteres als Tipps von ehemaligen Angestellten, da sollte man sich zurückhalten… (lacht) Aber ich glaube, es liegt an jedem Verein selbst, was er bereit ist, in diese Sparte zu investieren. Sämtliche Bundesligisten können locker in den Frauenfußball investieren, wenn sie denn wollen. Das hat jeder Verein für sich in der Hand: Was möchte ich investieren? Was nehme ich dafür woanders weg? Was will ich für Infrastruktur, Spielerinnen und Kompetenz ausgeben?
Ist das bei Werder schon im richtigen Verhältnis?
Das ist schwer zu sagen, aber es hat sich auf jeden Fall entwickelt. Wir spielen jetzt einmal im Jahr im Weserstadion, wir haben wie das Leistungszentrum bessere Umkleiden, wir trainieren auf besseren Plätzen. Es geht aber immer mehr. Je besser du von der Struktur und Kompetenz her aufgestellt bist und je besser du Spielerinnen halten oder neu verpflichten kannst, desto besser stehst du da. Wenn du in diesem Konzert mitspielen willst, dann musst du da weiter dranbleiben. Wir können nicht mit 20 Spielerinnen aus der U17 oder aus der 2. Frauen bestehen. Aber wenn du Larissa Mühlhaus vom HSV oder Sophie Weidauer aus Potsdam holen kannst oder Livia Peng und WM-Torhüterin Cata Pérez für Werder begeistern kannst, dann kannst du auch mal 3:3 gegen Wolfsburg spielen oder Frankfurt schlagen. Wenn nicht, sortierst du dich weiter unten ein.
Thomas Horsch spricht im Interview über seine besondere Zeit und sein Erbe bei den Frauen des SV Werder Bremen
Wann wird Werder erstmals eine deutsche A-Nationalspielerin haben?
Wir haben mit Sophie Weidauer, Tuana Mahmoud und Larissa Mühlhaus inzwischen drei richtig gute U23-Nationalspielerinnen, das ist auch schon aller Ehren wert. Bei Tuana und Larissa, die hier noch unter Vertrag stehen, ist die Entwicklung definitiv noch nicht abgeschlossen. Gerade Larissa spielt das erste Jahr Bundesliga und ist extrem präsent. Und Tuana als Spielerin aus der Region hat eine Riesenentwicklung genommen. Wir haben Spielerinnen mit riesigem Potenzial, deswegen hoffe ich, dass sich da mal wer in Richtung A-Nationalmannschaft durchsetzen kann.
Wenn man als Trainer nach ein paar Jahren geht, ist es einem ja oft wichtig, dass man den Verein besser hinterlässt als man ihn vorgefunden hat. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Bilanz?
Das ist auch so ein Lieblingsthema von mir. Es gibt ein altes Video von Jose Mourinho, als er von „Football heritage“ spricht, also von einem Erbe. Er hat dann gesagt: Wenn man als Trainer irgendwo anfängt, findet man ein gewisses Niveau vor, und der nächste Trainer setzt dann wiederum auf dem Niveau des Vorgängers an. Wenn ich überlege, wie ich am 1. April 2021 angefangen bin und wo wir jetzt stehen, dann kann ich schon ruhigen Gewissens auf das blicken, was ich als Erbe hinterlasse. Natürlich wird es noch die eine oder andere Veränderung im Kader geben, aber wir sind auf einem ganz anderen physischen, technischen und taktischen Niveau, auch die Mentalität hat sich verbessert. Von daher bin ich schon zufrieden, welches Niveau ich hinterlasse.
Was waren Ihre größten Errungenschaften?
Das ist schwer. Wir haben viele schwierige Momente überstanden, ich denke da an die sensationelle Saison, in der wir mit neun Toren 18 Punkte geholt haben. Uns stand in den ersten Jahren das Wasser bis zum Hals – das haben wir überstanden. Die Weiterentwicklung der fußballerischen Qualität war auch eine Errungenschaft: vom Verteidigen und Grätschen hin zu einer spielerischen Mannschaft. Dann auch diese grundsätzliche Mentalität, diese Leidens- und Kritikfähigkeit. Oder das Thema Frauenfußball überhaupt weiter in den Fokus zu bringen und sichtbar zu machen: Im Pokalhalbfinale und Finale wollten uns über 100.000 Menschen live spielen sehen! Der Einsatz der einzelnen Spielerinnen für diese gemeinsame Geschichte ist gar nicht hoch genug zu bewerten.
Was war Ihr Highlight?
Mein persönliches Highlight war, als ich Lina Hausicke im Hamburger Volksparkstadion nach dem Abpfiff im Arm hatte und merkte, wie sie völlig leer war, aber stolz, und das Gefühl hatte: Wir haben geliefert. Das Pokalfinale und die Nationalhymne zu hören, das war schon groß, aber das Halbfinale in Hamburg war das Größte! Ein Derby, 57.000 Zuschauer, die Dramaturgie des Spiels – das war schon ein absolutes Highlight.
Thomas Horsch im Interview über die Zukunft der Werder Bremen-Frauen und den Europapokal
Welche Baustellen bleiben?
Es muss weitergehen. Ich würde nicht von Baustellen reden, es verändern sich einfach die handelnden Personen. Das Trainerteam muss neu aufgestellt werden, die eine oder andere Spielerin muss ersetzt werden, es wird einfach eine neue Mischung. Wir haben über Jahre dieses Projekt entwickelt, und jetzt müssen andere es weiterentwickeln.
Neu ist Friederike Kromp, die als Trainerin von Ihnen übernimmt. Gab es einen Austausch mit ihr?
Nein, den gab es nicht. Der Verein hat sich dabei etwas gedacht, die Trainerin hat sich dabei etwas gedacht, und dann würde ich mal ganz norddeutsch sagen: Lasst sie mal machen.
Abschlussfrage: Wir haben Anfang 2024 zum Interview zusammengesessen und ich hatte abschließend gefragt…
… wer eher international spielt: die Männer oder die Frauen?
Genau! Was sagen Sie heute?
Die Männer haben es ja fast geschafft, von daher sind sie einen Tick näher dran. Wir haben eine Saison gespielt, in der wir megaviele Rückschläge haben hinnehmen müssen: Michelle Ulbrich ging weg, Lina Hausicke war noch lange raus nach dem Kreuzbandriss, Verena Wieder war erst spät und Sharon Beck quasi gar nicht dabei. Wenn bei uns alles zusammengepasst hätte, dann hätten wir auch noch weiter nach oben gehen können, dann bist du so in dem Bereich von Leverkusen (Tabellenvierter, Anm. d. Red). Wenn es in der 14er-Liga irgendwann so weit kommt, dass auch Platz fünf und sechs oder ein Pokalsieg für internationale Begegnungen reichen, dann hat vielleicht auch mal die Frauen-Mannschaft die Chance, das zu erreichen. Unter den jetzigen Voraussetzungen ist der Weg in die Champions League schon extrem weit. Von daher: Es ist immer noch völlig offen, wer es als Nächstes schaffen könnte. Aber das Ziel am Horizont sollte man in beiden Sparten haben. (han)
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