DeichStube-Interview

„Ich habe eine Nacht durchgeweint“: Yukinari Sugawara im Interview über sportliche Rückschläge und seinen Traum-Einstand bei Werder Bremen

Yukinari Sugawara spricht im DeichStube-Interview über seinen Wechsel zu Werder Bremen, den turbulenten Start an der Weser und tränenreiche Rückschläge in seiner Karriere!

Bremen – Yukinari Sugawara ist viel unterwegs – nicht nur beim SV Werder Bremen, wo der Japaner seit seinem Wechsel aus Southampton auf einem beeindruckenden Niveau die rechte Außenbahn bearbeitet, sondern auch ganz generell. Erst der Umzug aus England an die Weser, dann stand auch schon wieder ein Trip zur Nationalmannschaft samt Überseeflug an. Doch der 25-Jährige nimmt die Strapazen auf sich, weil er große Ziele verfolgt: Sugawara will erst bei Werder glänzen und dann im nächsten Sommer zur WM. Im Interview mit der DeichStube spricht er über seinen turbulenten Start in Bremen, den frühen Transfer nach Europa und tränenreiche Rückschläge in seiner Karriere.

Yukinari Sugawara (rechts) spricht im Interview mit DeichStube-Reporter Malte Bürger (links) über seine Ziele mit Werder Bremen, den turbulenten Start an der Weser und tränenreiche Rückschläge in seiner Karriere!

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview über seine Schulterprobleme: „Es ist nichts Wildes“

Die wichtigste Frage zu Beginn: Sie haben bei Ihrer Vorstellung betont, dass Sie unbedingt ein gutes japanisches Restaurant in Bremen finden müssen. War die Suche erfolgreich?

(lacht) Ich habe es wirklich versucht, aber es ist nicht so einfach.

Aber hungern mussten Sie bisher nicht?

Ein bisschen vielleicht, daher muss ich wirklich etwas finden. Notfalls in einer anderen Stadt.

Sie haben zuletzt aufgrund von Schulterproblemen nicht trainiert. Haben Ihnen zu viele Menschen anerkennend draufgeklopft?

(grinst) Nein, das ist nicht der Grund. Nach einem Sturz auf die Schulter habe ich da ein paar kleinere Schmerzen, aber es ist nichts Wildes. Für das Spiel gegen Freiburg bin ich zumindest zuversichtlich. Darüber hinaus war ich in den letzten Wochen einfach viel unterwegs, hatte lange Flüge zur Nationalmannschaft. Daher bin ich dankbar, dass es mir der Verein ermöglicht hat, etwas durchzuschnaufen.

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview: „Vor dem Gladbach-Spiel habe ich nachts überhaupt nicht geschlafen“

Seit dem 26. August sind Sie erst offiziell bei Werder, haben nur wenige Trainingseinheiten absolviert und waren zwischendurch mit dem japanischen Nationalteam in den USA. Trotzdem sagt Trainer Horst Steffen: „Yuki spielt seit Anfang an so, als wäre er schon ewig hier.“ Wie ist das möglich?

Ich habe das Pokal- und Frankfurt-Spiel vor meinem Wechsel gesehen, darüber hinaus wusste ich von den Verantwortlichen, was sie von mir erwarten. Mio Backhaus (Werder-Torhüter mit japanischen Wurzeln, Anm. d. Red.) hat mir ebenfalls wertvolle Tipps gegeben, auch mit anderen Spielern habe ich viel gesprochen. Diese Kommunikation war der Schlüssel. So konnte ich alles schnell adaptieren und so gut spielen. Doch ich bin noch nicht bei 100 Prozent, ich kann noch besser werden.

Vielleicht ist die Bundesliga aber auch schlichtweg zu einfach für Sie…

Nein, überhaupt nicht. Die Spiele waren richtig hart. Gegen Gladbach hatten wir vorher auch noch eine vierstündige Busfahrt, durch meinen Jetlag von der Reise zur Nationalmannschaft habe ich nachts überhaupt nicht geschlafen.

Erleben Sie gerade die anstrengendsten Wochen Ihrer Karriere?

Ja. Ich bin in einen neuen Club, eine neue Umgebung gekommen, war beim Nationalteam und habe obendrein noch immer kein Haus gefunden, sondern lebe weiterhin im Hotel. Dadurch fühle ich mich etwas müde, aber ich genieße es unheimlich, jetzt hier zu sein.

War es schon immer so, dass Sie sich bei neuen Stationen schnell integrieren konnten?

Nicht wirklich. Als ich damals nach Alkmaar gekommen bin, habe ich kein Wort Englisch oder Niederländisch gesprochen und konnte mich im Prinzip mit niemandem unterhalten. Das war wirklich eine schwierige Zeit.

Wie lange hat das angedauert?

Anderthalb Jahre etwa. Dann habe ich beschlossen, dass ich unbedingt Englisch lernen muss und hatte vier bis fünf Stunden die Woche. Dadurch konnte ich endlich besser mit meinen Mitspielern kommunizieren. Trotzdem gab es jeweils die niederländische, dann die englische und jetzt die deutsche Kultur. Das macht es nicht immer einfach, aber auch daran muss und kann man sich gewöhnen.

So sehen Fans das Bundesliga-Spiel des SV Werder Bremen gegen den SC Freiburg live im TV und im Livestream!

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview: „Ich hatte nie Heimweh, weil ich hierhergekommen bin, um erfolgreich zu sein“

Sie sind bereits im Alter von 19 Jahren nach Europa gewechselt. Wie wichtig war dieser frühe Schritt für Ihre Entwicklung?

Sehr wichtig. Es ist ein großer Schritt für einen jungen Spieler, aus Asien nach Europa zu wechseln. Aber jeder will für einen europäischen Club spielen, am liebsten in einer der großen Ligen. Wenn man dann die Chance dazu bekommt, dann muss man sie als Spieler auch ergreifen.

Haben Sie Japan damals sehr vermisst?

Ich hatte eigentlich nie Heimweh, weil ich hierhergekommen bin, um erfolgreich zu sein – und nicht etwa, um zu chillen oder das Land zu genießen. Diese Mentalität war damals sehr wichtig für mich.

Dieses Mindset hatten Sie schon in einem derart jungen Alter?

Ja. Ich habe vorher mit vielen Spielern gesprochen, die schon nach Europa gegangen sind. Von ihnen wollte ich wissen, was man tun muss, um Erfolg zu haben. Einer von ihnen hat mir gesagt, dass man sich voll und ganz auf Fußball konzentrieren muss, nicht durch die Stadt ziehen und das Nachtleben genießen sollte. Natürlich würde man seine Familie, Freunde und das heimische Essen vermissen, aber man sei ja schließlich wegen des Fußballs gekommen – und genau diesem Ratschlag bin ich gefolgt. Nur dadurch hatte ich die Chance, in der Premier League zu spielen und jetzt hier bei Werder.

Wie haben Sie Ihre Liebe zum Fußball entdeckt? Hat wie bei vielen anderen japanischen Kindern Comicfigur Captain Tsubasa eine Rolle gespielt?

(lacht) Ich habe die Bücher früher tatsächlich viel gelesen. Aber einer meiner Freunde hat damals schon gespielt und mich einfach zu einem kleinen Verein mitgenommen. Und jetzt spiele ich hier in diesem Stadion, das ist unglaublich.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie besser sind als andere?

Ich habe mich eigentlich nie besser als andere Spieler gefühlt, nur für mich wollte und will ich besser werden. Aber als ich 17 Jahre alt war und plötzlich meinen ersten Profivertrag angeboten bekam, da hat es sich toll angefühlt, dass ich mit Fußball Geld für die Familie verdienen kann. Ich habe eine ältere Schwester und einen älteren Bruder, meine Eltern haben auch immer hart gearbeitet – aber schon mein erstes Gehalt war höher als alle anderen zuvor in unserer Familie. Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass Geld den Menschen verändert und ich nicht zu sehr darauf schauen soll. Das stimmt auch, aber in dem Moment hat es mich für die Familie sehr glücklich gemacht.

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview: „Meine Mutter hatte nicht erwartet, dass ich das Haus verlassen würde“

Wie hart ist es für Ihre Familie, nicht dauerhaft in Ihrer Nähe zu sein?

Ich bin mit 15 Jahren in eine Fußball-Akademie gekommen und bin es also gewohnt, von der Familie getrennt zu sein. Für einen Spieler ist es ohnehin leichter, weil er eine Herausforderung hat. Meine Schwester und meine Mutter haben dagegen geweint, als ich nach Europa gegangen bin. Meine Mutter hatte nicht wirklich erwartet, dass ich das Haus und sogar Japan verlassen würde. Mittlerweile ist es zum Glück einfacher geworden, weil wir uns recht problemlos Flugtickets leisten können, um uns zu sehen.

Also gibt es auch Pläne, dass Ihre Familie Sie demnächst in Bremen besuchen kommt?

Ich denke, dass sie im Dezember in der Weihnachtszeit kommen werden. Mein Vater liebt Bier und möchte unbedingt ein Beck’s probieren, auch eine Bratwurst darf nicht fehlen. (lacht)

Insgesamt fünf Jahre waren Sie beim niederländischen Club AZ Alkmaar, haben im vergangenen Jahr den Sprung zum damaligen Premier-League-Club FC Southampton gewagt – und sind mit dem Verein abgestiegen. Zweifelt man da automatisch auch an den eigenen Qualitäten?

Ich habe sehr häufig darüber nachgedacht. Aber die Premier League ist auch eine sehr schwierige Liga, Vereine können für viel Geld Spieler kaufen. Für mich bedeutete das, dass ich unbedingt noch mehr arbeiten und mich verbessern musste. Am Ende waren wir alle nicht zufrieden, das war sehr hart. Es ist nicht so einfach zu erklären: Aber ich habe sehr viel in diesem Jahr gelernt.

Sportlich oder persönlich?

Für die Persönlichkeit. Wir haben nur zwei Spiele während der Saison gewonnen. Niemand kann sich vorstellen, wie schlimm sich das anfühlt. Ich habe versucht, immer positiv zu bleiben, aber das war wirklich schwierig.

Yukinari Sugawara ist bis zum Saisonende an den SV Werder Bremen ausgeliehen - der Japaner verrät im DeichStube-Interview, wie er über einen längerfristigen Verbleib an der Weser denkt.

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview: „Werder ist ein unglaublicher Verein, die Fans sind großartig“

Sie hätten im Sommer sagen können: Ich repariere diesen Unfall und arbeite weiter für den Traum von der Premier League. Wann stand für Sie fest, dass Sie doch lieber wechseln möchten?

Mein eigentlicher Plan war, in Southampton zu bleiben und den Wiederaufstieg zu schaffen. Als Spieler denkt man aber auch immer darüber nach, wie man noch besser werden kann. Als dann das Angebot von Werder kam, war für mich klar, dass das genau die richtige Gelegenheit ist. Es war nicht einfach, das dem Manager dort mitzuteilen, aber ich musste so handeln – und sie haben mich verstanden.

Es heißt, Sie hätten auch nach Italien gehen können. Wie nah war ein Transfer in die Serie A?

Ich habe niemals ein Angebot aus Italien gehabt und habe deshalb auch nie darüber nachgedacht, dorthin zu gehen. Sicherlich gab es mehrere Clubs, die mal Interesse gezeigt haben, aber es gab nie ein richtiges Angebot.

Als Sie zu Werder kamen, gab es viel Ungewissheit im Kader, die Fans haben sorgenvoll auf die neue Saison geblickt. Jetzt schwappt plötzlich eine kleine Welle der Euphorie durch Bremen. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Werder ist ein unglaublicher Verein. Die Fans sind großartig. Bei meinem ersten Spiel gegen Leverkusen haben sie schon während des Aufwärmens gesungen, das ist völlig verrückt. Die Atmosphäre im Spiel war dann auch stark, was mir sehr viel Kraft gegeben hat. Auch die Menschen, die hier im Verein arbeiten, sind alle unheimlich nett. Für mich ist alles perfekt hier.

Sie haben stets einen lockeren Spruch auf den Lippen, lächeln fast immer. Woher kommt die dauerhaft gute Laune?

Durch die vergangene Saison. Ich habe mich in Southampton fast immer gestresst von den Resultaten gefühlt. Es ist sehr schwer, immer zu lächeln, wenn du erfolglos bist. Aber nach der Saison habe ich mich dann gefragt, ob es nicht auch anders geht. Als Kind war es mein großer Traum, Fußballprofi zu werden. Jetzt ist dieser Traum wahr geworden und ich kann regelmäßig vor 40.000 Zuschauern spielen. Also muss man das auch genießen. Deswegen probiere ich, jetzt immer positiv zu sein.

Verfolgt das Bundesliga-Spiel des SV Werder Bremen gegen den SC Freiburg im DeichStube-Liveticker!

Werder Bremens Yukinari Sugawara im DeichStube-Interview: „Ich habe gelernt, dass ich nicht zu sehr über die Zukunft nachdenken darf“

Sie haben in vielen Juniorenteams der Nationalmannschaft gespielt, waren bei der U20-WM dabei – doch die Träume von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und bei der WM 2022 in Katar platzten. Wie sehr hat es Ihnen wehgetan, nicht dabei zu sein?

Sehr. Das waren die bislang härtesten Entscheidungen, die ich zu akzeptieren hatte. Ich bin fast gestorben, weil ich unbedingt dabei sein wollte. Olympia war in Tokio, meine Familie und Freunde haben erwartet, dass ich dabei bin und eine Medaille gewinne. Als ich dann nicht dabei war, habe ich die Nacht durchgeweint. Vor der WM hatte ich dann eine Knieverletzung, trotzdem habe ich alles versucht, um es zu schaffen. Als ich dann nicht nominiert wurde, habe ich direkt beim Trainerteam angerufen und nach dem Grund gefragt. Man hat es mir erklärt, aber ich konnte es nur schwer akzeptieren. Aus heutiger Sicht haben mich die beiden Erlebnisse aber mental und spielerisch stärker gemacht.

Im nächsten Sommer steht wieder eine Weltmeisterschaft an, Ihr Heimatland ist bereits für das Turnier qualifiziert. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es dieses Mal mit einer Nominierung klappt?

Aus den vorherigen schwierigen Situationen habe ich gelernt, dass ich nicht zu sehr über die Zukunft nachdenken darf, sondern mich auf die Gegenwart fokussieren muss. Wenn ich dort gut bin, dann wird alles Weitere später auch kommen. Deshalb denke ich im Moment überhaupt nicht an die WM.

Viele Werder-Fans haben Sie schon in ihr Herz geschlossen. Die Leihe ist noch jung, es ist früh in der Saison – trotzdem: Können Sie sich vorstellen, auch länger als nur bis zum nächsten Sommer in Bremen zu bleiben?

Es wird davon abhängen, wie ich hier performe. Und natürlich muss auch der Club am Ende entscheiden, ob er mich kaufen möchte oder nicht. Aber damit beschäftige ich mich gar nicht. Was ich sagen kann: Als Leih-Spieler ist es nie einfach, sich als Teil des neuen Vereins zu fühlen. Aber hier habe ich schon jetzt das Gefühl, ganz offiziell ein Spieler von Werder zu sein. Wenn wir dann am Ende ein gutes Resultat erzielen, können wir gern noch einmal über meine Zukunft sprechen. (mbü)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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