Werder-Remis in der Taktik-Analyse
Überzahl schmeckt Werder nicht: Das Remis gegen den BVB in der Taktik-Analyse
Der SV Werder Bremen spielte bei Borussia Dortmund fast 70 Minuten in Überzahl, dennoch brauchte die Mannschaft von Trainer Ole Werner lange, um diesen Vorteil auszuspielen. Warum sich Werder beim 2:2 (1:0) Signal Iduna Park derart schwertat und wieso Werners Wechsel den Umschwung brachten, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Dortmund – Nico Schlotterbeck hätte in dieser Saison besser kein Spiel gegen Werder Bremen bestritten. Bereits im Hinspiel musste der Verteidiger des BVB frühzeitig den Platz verlassen, nach 73 Minuten sah er die Gelb-Rote Karte. Im Rückspiel war sein Einsatz noch kürzer: Bereits nach 21 Minuten setzte der deutsche Nationalspieler zur Notbremse an – und sah die Rote Karte. Für Werder gibt es eine unschöne Parallele zwischen dem Hin- und Rückspiel: In beiden Duellen gegen Borussia Dortmund wusste Werder die Überzahl nicht auszunutzen. Auf ein dröges 0:0 im Weserstadion folgt nun ein 2:2 im Signal Iduna Park.
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Neuer Trainer bei Borussia Dortmund, neuer Plan
Werder-Coach Ole Werner ist nicht für radikale Experimente bekannt. Auch nach dem schwachen Start ins Kalenderjahr 2025 (drei Spiele, ein Punkt) baute er seine Elf nur marginal um. Senne Lynen kehrte nach seiner Sperre gegen den BVB in die Startelf zurück. Er sicherte als Sechser vor der Abwehr ab. In der Dreierkette ersetzte Milos Veljkovic den erkrankten Niklas Stark. Die größte Änderung in der Startformation betraf die Rolle von Romano Schmid: Er agierte als dritter Mittelfeldspieler und nicht wie gewohnt als linker Halbstürmer. Werder Bremen verteidigte gegen Borussia Dortmund in einem kompakten 5-3-2-System.
Größer fielen die Änderungen aufseiten von Borussia Dortmund aus. Nach der Entlassung von Nuri Sahin krempelte Interimscoach Mike Tullberg sein Team um. Der BVB begann die Partie gegen Werder Bremen in einem 4-1-4-1-System. Pascal Groß übernahm erstmals seit längerer Zeit die Rolle als alleinige Sechs, die beiden Achter rückten weit nach vorne.
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Borussia Dortmund sucht Kontrolle
Der BVB erlangte zunächst die Kontrolle über die Partie. Die Abwehrspieler versuchten, das Spiel aus einer stabilen Ordnung zu eröffnen. Dazu bewegte sich die Viererkette kaum nach vorne. Sie hielten im Aufbau lange die Positionen. Auch Sechser Groß bewegte sich nicht allzu weit nach vorne. Es gab somit eine klare Aufteilung im Spiel von Borussia Dortmund: Fünf Akteure waren für die Defensive zuständig, fünf für die Offensive.
Werder Bremen gelang es in der Anfangsviertelstunde nicht, Zugriff auf das Aufbauspiel von Borussia Dortmund zu bekommen. Das war keine Überraschung: Mit der tiefen Viererkette ließen sich die Dortmunder nur schwer pressen. Sie spielten den Ball von Außenverteidiger zu Außenverteidiger. Werder konnte mit den beiden Stürmern nur hinterherschieben, nicht aber Zugriff erlangen. Gleichzeitig gelang dem BVB wenig Raumgewinn, da Werder gewissenhaft im 5-3-2-System verschob.
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Werder und der verblassende Umschaltmoment
Die Rolle des SV Werder Bremen in dieser Partie war klar umrissen: Die Grün-Weißen sammelten zwar deutlich weniger Ballbesitz als der BVB; bis zur 20. Minute lag ihr Ballbesitzwert bei knapp über 30 Prozent. Dafür versuchten sie, nach Umschaltmomenten schnell umzuschalten. Wenn Borussia Dortmund in der wuchtigen 4-3-3-Formation zum Pressing ansetzte, schlug Werder den Ball sofort halbhoch in Richtung der Stürmer. Sie sollten die Bälle halten und ablegen.
Diese Strategie ging in der ersten Halbzeit exakt einmal auf: Die Bremer schafften es in der 21. Minute, das Pressing des BVB mit einem langen Ball auszuhebeln. Nach wenigen Pässen folgte der Pass hinter die Abwehr, Marco Grüll flitzte seinem Bewacher Schlotterbeck davon. Lehrbuchmäßig kreuzte Grüll den Laufweg von Schlotterbeck und zwang ihn so zur Notbremse. Werder Bremen agierte fortan in Überzahl.
Blöd für Werder, dass danach der BVB in Führung ging. Werder Bremen wiederholte die Fehler aus den ersten Saisonspielen: Auf dem rechten Flügel kamen die Bremer nicht in den Zweikampf, sodass Julian Ryerson unbedrängt flanken konnte. Im eigenen Strafraum stimmte die Zuordnung nicht, sodass Stürmer Serhou Guirassy unbedrängt einköpfen konnte (28.). Es war der einzig nennenswerte Angriff von Borussia Dortmund vor der Pause.
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Fehlende Kreativität auf Bremer Seite gegen Borussia Dortmund
Fortan bot sich auf dem Feld ein völlig anderes Bild: Der dezimierte BVB verteidigte die Führung in einem kompakten 4-4-1-System. Der Ballbesitzwert drehte sich. Werder Bremen hatte ab der 30. Minute 65 Prozent Spielanteile. Plötzlich mussten die Gäste eine kompakte Defensive überwinden.
Dass dies nicht gerade Werders Stärke ist, hatten sie bereits bei der 0:2-Niederlage gegen Augsburg und schon im Hinspiel gegen den BVB unter Beweis gestellt. Werder Bremen gelang es auch im Rückspiel gegen Borussia Dortmund selten bis gar nicht, gefährlich in die Halbräume zu passen. Stattdessen suchten sie den Weg über die Flügel. Doch weder die Hereingaben von Derrick Köhn noch die Dribblings von Mitchell Weiser brachten Gefahr.
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Bremer Wechsel bringen Schwung gegen Borussia Dortmund
Nach der Pause musste Werder Bremen zunächst einen Rückschlag verkraften: Bei einem Freistoß pennte die Abwehr kollektiv, Marco Friedl traf ins eigene Tor (51.). In der Folge spielte sich die Partie jedoch praktisch nur noch in der Dortmunder Hälfte ab. Werder gelang es nun besser, die Flügel in gute Angriffspositionen zu bringen. Es half, dass Werder den Ball geduldiger zirkulierte. Sie lockten den BVB auf eine Seite und spielten im Anschluss schnell auf den anderen Flügel. Darauf war das enge 4-4-1-System der Dortmunder nicht gewappnet. Vor allem die rechte Seite bei Borussia Dortmund um Pascal Groß kam gegen das Tempo der Bremer Flügel immer wieder ins Straucheln.
Kapital schlug Werder Bremen aus diesen Schwächen jedoch erst nach den Wechseln in der 60. Minute. Vor allem der neue Linksverteidiger Issa Kaboré brachte Schwung in die Partie. Der ebenfalls eingewechselte Leonardo Bittencourt half, nach Flanken mehr zweite Bälle zu erobern. Der BVB wurde weiter und weiter nach hinten gedrückt. Bittencourt besorgte per Traumtor den Anschlusstreffer (65.), Marvin Ducksch traf nach einem Angriff über die linke Seite zum Ausgleich (73.).
Werder Bremen gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Werder muss sich nach Remis gegen Borussia Dortmund ärgern
In der Schlussviertelstunde konnte Werder den Druck nicht aufrechterhalten. BVB-Coach Mike Tullberg stellte seine Abwehr auf eine Fünferkette um. Damit konnte Borussia Dortmund die Breite des Platzes wesentlich besser verteidigen. Nun waren die Flügel des SV Werder Bremen wieder isoliert.
Werder hatte die Partie gegen Borussia Dortmund indes nicht in der zweiten Halbzeit weggegeben. Sie machten vor der Pause zu wenig aus der eigenen Überzahl. Negativ stößt auf, dass Werder Bremen sich bei hohen Ballbesitzwerten zu stark auf das Flügelspiel fixiert. Gegen den BVB schlug Werder 27 Flanken und landete damit – wie bereits gegen Augsburg – weit über dem Saisonschnitt. Werder spielte den eigenen Ballbesitz nicht clever genug aus. Da kann Schlotterbeck noch so häufig gegen Werder die Rote Karte sehen – siegen kann Werder auf diese Art nicht.
