Werder-Chef im DeichStube-Interview
„Wir werden keine Spieler verramschen“: Werder-Boss Filbry im Interview über Mbangula, mögliche Abgänge und Was-wäre-wenn-Gedanken im Fall Woltemade
Klaus Filbry, Geschäftsführer des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über benötigte Transfererlöse, verheißungsvolle Top-Talente und die Suche nach einem Stadionsponsor!
Zell am Ziller – Der zweitteuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte, ein neuer Cheftrainer, benötigte Transfererlöse und verheißungsvolle Top-Talente – rund um den SV Werder Bremen gibt es im Sommer 2025 etliche spannende Themen. Geschäftsführer Klaus Filbry hat sich während des Trainingslagers im Zillertal Zeit für ein ausführliches Interview mit der DeichStube genommen, um die wichtigsten Punkte einzuordnen.
Herr Filbry, Ihr Verein hat mit der Verpflichtung von Samuel Mbangula ein echtes Ausrufezeichen gesetzt. Welche Bedeutung messen Sie der Verpflichtung bei?
Sportlich betrachtet, ist Samuel ein Perspektivtransfer mit großem Wachstumspotenzial. Er ist ein sehr spannender Spieler, den wir schon lange kennen. Umso mehr freuen wir uns, dass wir ihn jetzt zu uns holen konnten. Wir sind von seinen Fähigkeiten absolut überzeugt.
Werder lässt sich Mbangulas Dienste zehn Millionen Euro Ablöse kosten, inklusive Nachzahlungen könnte das Volumen auf zwölf Millionen Euro steigen – Summen, die am Osterdeich nicht alltäglich sind. Wie stemmen Sie das wenige Jahre, nachdem der Club durch Corona-Pandemie und Abstieg wirtschaftlich am Boden lag?
Wir haben vor anderthalb Jahren durch das regionale Bündnis 38 Millionen Euro eingenommen und damals gesagt, dass wir die Mittel für die sportliche Weiterentwicklung nutzen werden. Das heißt, dass wir junge Perspektivspieler verpflichten und die Kaderstabilität erhalten wollen. Außerdem geht es darum, die sportliche Infrastruktur weiterzuentwickeln. Wenn man sich anschaut, was seitdem passiert ist, dann haben wir unseren Kader stetig weiterentwickelt, wichtige Leistungsträger an Werder gebunden und gleichzeitig eine hohe Summe in die Infrastruktur in der Pauliner Marsch investiert. Wir wollten mit dem Geld Wachstum generieren, und das haben wir sukzessive umgesetzt.
Ist das Geld inzwischen aufgebraucht?
Es ist auf jeden Fall weniger geworden. Die genaue Zahl gehört aber nicht in die Öffentlichkeit, das ist ein internes Thema. Was ich sagen kann, ist, dass wir weiterhin handlungsfähig sind.
Werder Bremens Klaus Filbry im DeichStube-Interview: „Wenn unsere Vorstellungen widergespiegelt werden, kann es zu Abgängen kommen“
Sportchef Clemens Fritz hat unlängst über die Mbangula-Verpflichtung gesagt, dass es wichtig gewesen sei, diesen Transfer jetzt zu tätigen und damit Mut zu beweisen. Hat bei Werder ein Umdenken stattgefunden? Agieren Sie jetzt mit mehr Bereitschaft zum Risiko?
Der Einstieg des regionalen Bündnisses hat es uns ermöglicht, vor der Welle zu sein. Im Transfergeschäft ist es von Vorteil, so viel wie möglich frühzeitig realisiert zu haben. Dafür braucht es gewisse Mittel. Es gibt zwar auch immer wieder Möglichkeiten am Ende eines Transferfensters, in beide Richtungen, aber die wichtigen Themen frühzeitig abgearbeitet zu haben, hilft sehr.
Die Konkurrenz wird zur Kenntnis nehmen, dass Werder den zweitteuersten Transfer seiner Vereinsgeschichte getätigt hat. Wie wichtig ist darüber hinaus das Signal, dass sich ein hochgehandelter Spieler wie Mbangula gegen andere Optionen und für den Standort Bremen entschieden hat?
Ganz egal, ob Sie jetzt Werder Bremen oder beispielsweise Eintracht Frankfurt nehmen – wir sind ambitionierte Vereine, gleichzeitig aber auch für andere Ligen eine Entwicklungsplattform. Mit Horst Steffen und seinem Trainerteam sowie der Reputation von Werder Bremen ist es uns gelungen, diesen talentierten Spieler von uns zu überzeugen, weil wir ihm die Perspektive aufzeigen konnten, dass er sich bei uns in einem Traditionsumfeld mit tollen Fans, einem vollen Stadion bei offensiv-attraktivem Fußball gut weiterentwickeln kann.
Bisher hat kein Leistungsträger den Verein verlassen, einen Abgang in relevanter Größenordnung gab es noch nicht. Wird das noch passieren? Muss es sogar noch passieren?
Das müssen wir abwarten. Es war schon immer die Philosophie von Werder, dass wir miteinander sprechen, wenn Interesse an einem unserer Spieler da ist und wir von einem anderen Verein kontaktiert werden. Wenn unsere Vorstellungen widergespiegelt werden, kann es zu Abgängen kommen. Aktuell ist das aber nicht der Fall.
Das heißt, derzeit gibt es bei keinem Spieler konkrete Angebote oder Gespräche?
Nein, mir ist nicht bekannt, dass es momentan konkretes Interesse an einem unserer Spieler gibt.
Muss Werder in diesem Sommer denn Transfererlöse erzielen, oder ginge das auch zu einem späteren Zeitpunkt, beispielsweise in der Winterpause oder unmittelbar nach der kommenden Saison?
Man kann die Transfererlöse strecken, aber gewollt sind sie grundsätzlich immer, weil die Erlöse ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäftsmodells sind. Wir sind liquide und handlungsfähig, aber natürlich möchten wir nicht jedes Jahr ein negatives Ergebnis vermelden und unser Eigenkapital komplett abbauen. Wir möchten uns über Transfereinnahmen weiter finanziell stabilisieren. Das ist nicht zuletzt für die Banken wichtig, damit sie sehen, dass es in die richtige Richtung geht.
Ist es denkbar, dass Werder im Sommer 2025 so verfährt wie 2019, als nahezu alle Leistungsträger geblieben sind?
Wir werden keine Spieler verramschen. Das haben wir nicht nötig. Wir haben einen guten Kader mit sehr spannenden Spielern, die wir am liebsten bei Werder Bremen halten würden. Sollte es aber andere Möglichkeiten geben, sind wir offen dafür, über sie zu diskutieren.
Werder Bremens Klaus Filbry im DeichStube-Interview: „Wir sind weiterhin liquide und haben ein positives Eigenkapital“
In den vergangenen Monaten tauchte medial immer wieder eine Summe auf: 7,5 Millionen Euro. Ein Transferüberschuss in dieser Höhe ist im Wertpapierprospekt der Mittelstandsanleihe als Prämisse vermerkt, damit Werder das inzwischen beendete Geschäftsjahr 2024/25 mit einem ausgeglichenen Ergebnis abschließen kann. Eingenommen hat der Verein das Geld vor dem Stichtag nicht. Was bedeutet das?
Das werden wir im November bei der Mitgliederversammlung sehen, wenn wir die Zahlen für 2024/25 öffentlich präsentieren und erklären.
Werden es rote Zahlen sein?
Wie gesagt, das werden wir im November sehen. Zur Einordnung: Diese 7,5 Millionen Euro waren keine Hausaufgabe, die wir erfüllen müssen, und wenn es nicht gelingt, steigen wir ab. Es war eine Anforderung, die wir als Ziel in den Prospekt mit aufgenommen haben. Wir sind aber auch so weiterhin liquide und haben ein positives Eigenkapital. Unser Ziel ist es, Wachstum zu generieren, und das geht nicht nur durch Sparen und Verkaufen, sondern auch durch Investitionen.
Werder hat die Mittelstandsanleihe kürzlich neu aufgelegt und damit 25 Millionen Euro generiert, mehr als erwartet. Ist es denkbar, dass das Instrument zur Dauerlösung im Finanzplan wird?
Wir haben in der Krise ein landesverbürgtes Darlehen und die Anleihe aufgenommen, haben also Schulden gemacht. Jetzt sind wir in der Lage, das Darlehen im nächsten Jahr abzubezahlen. Bei der Anleihe haben wir uns dazu entschieden, sie nochmal neu aufzulegen, weil wir etwas mehr Beinfreiheit haben wollten, wenn sich beispielsweise bei den Infrastrukturprojekten Verteuerungen ergeben sollten. Man darf aber nicht vergessen, dass es Schulden sind, die irgendwann zurückgeführt werden müssen. Dass wir die Anleihe ein weiteres Mal neu auflegen, ist nicht gewünscht, aber auch nicht ausgeschlossen.
Wie sehr schmerzt es Sie eigentlich, wenn Sie die Summen hören, die in diesem Sommer mit Ex-Werder-Spieler Nick Woltemade in Verbindung gebracht werden, der Bremen vor einem Jahr ablösefrei verlassen hat?
Erstmal freut es mich, dass ein Spieler, der bei Werder Bremen ausgebildet wurde, der seit seinem achten Lebensjahr bei uns gespielt hat, sich zu so einem tollen Menschen und Fußballer entwickelt hat. Dass wir ihn gerne behalten hätten, ist kein Geheimnis – genauso wenig wie die Tatsache, dass ich natürlich auf die jetzige Situation schaue und mich frage: „Was wäre gewesen, wenn?“ Die Dinge sind aber so, wie sie sind und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Also müssen wir sie annehmen.
Hat Ihr Verein bei Woltemade eine große Chance verkannt?
Ich weiß nicht, ob wir sie verkannt haben, denn am Ende muss ein Trainer immer so aufstellen, dass die größtmögliche Wahrscheinlichkeit auf Erfolg gegeben ist. Das beißt sich manchmal mit der Weiterentwicklung von jungen Spielern. Dass die vielleicht ungeduldig werden und ihren Karriereweg woanders fortsetzen wollen, ist ihr gutes Recht. Nick hat sich dafür entschieden. Er hat bei uns zu wenig Spielzeit für sich gesehen, in einer Phase, in der wir als Mannschaft erfolgreich waren. Ole Werner hat sich damals so entschieden, weil er den sportlichen Erfolg über die Entwicklungsspielzeit für einen hochtalentierten Spieler gesetzt hat. Mit dieser Entscheidung müssen wir jetzt leben. Ich glaube, Nick hätte seinen Weg auch sehr gut bei uns weitergehen können.
Werder Bremens Klaus Filbry im DeichStube-Interview über Top-Talente: „Wir sollten ihnen keinen Rucksack aufsetzen“
Karim Coulibaly, Patrice Covic, Salim Musah und Co. – aktuell hat Werder eine ganze Reihe hochveranlagter Talente unter Vertrag. Welchen Stellenwert nimmt deren Weiterentwicklung in der Zukunftsplanung ein?
Vorab: Auch unser neuer Trainer Horst Steffen wird mit seinem Trainerteam am sportlichen Erfolg gemessen. Es ist schön, dass sieben Spieler aus der U19 im Trainingslager der Profis im Zillertal dabei sind, die kürzlich den U19-DFB-Pokal gewonnen haben. Wir sollten ihnen aber keinen Rucksack aufsetzen und erwarten, dass sie alle in der nächsten Saison in der Bundesliga spielen.
War die Fähigkeit, junge Spieler entwickeln zu können, ein zentrales Kriterium bei der Suche nach einem Nachfolger für Ole Werner?
Es gab verschiedene Kriterien. Wir wollten einen Trainer haben, der für attraktiven Fußball steht und die Fähigkeit besitzt, aus weniger mehr zu machen. Auch der kulturelle Fit war definiert: Passt der Kandidat zu Werder, in die Region Bremen und zu den Menschen hier? Und es war natürlich hinterlegt, dass der Trainer Spieler besser machen soll – ganz egal, ob sie jung oder alt sind. All das ist bei Horst Steffen gegeben. Mit ihm und seinem Trainerteam können wir den nächsten Entwicklungsschritt gehen. Ob der jetzt einen Tabellenplatz besser oder schlechter ist, ist für uns nicht so relevant. Uns geht es darum, dass wir uns als Verein insgesamt weiterentwickeln.
Vor zwei Jahren fehlten zwei Tore, in der vergangenen Saison zwei Punkte für Europa. Werder ist zurück im Dunstkreis der spannenden Tabellenplätze. Kann es nach so einer Entwicklung vor der neuen Spielzeit ein anderes sportliches Ziel geben als das internationale Geschäft?
Wir werden kein Saisonziel ausgeben, denn uns geht es um Entwicklung. Die Aussage: „Jetzt wollen wir nach Europa“, wird es von uns nicht geben. Vielleicht holen wir im nächsten Jahr mehr Punkte als in der letzten Saison, werden aber trotzdem nur Zehnter. Trotzdem hätten wir uns dann weiterentwickelt. Die Spieler individuell und wir als Kollektiv wollen den nächsten Schritt gehen. Wenn das gelingt, bin ich zuversichtlich, dass am Ende etwas Gutes dabei herauskommt.
Gilt diese Zuversicht auch für die laufende Suche nach einem neuen Stadionsponsor? Wie ist der aktuelle Stand?
Wir haben drei Möglichkeiten. Die finanziell lukrativste ist der komplette Verkauf des Stadionnamens, darauf folgt die Vornamenslösung, wie wir sie mit Wohninvest hatten. Die dritte Lösung ist, dass wir eine Variante finden, in der der Name Weserstadion erhalten bleiben kann. Das ist allerdings die finanziell am wenigsten attraktive. Wir führen zu allen Lösungen Gespräche, bei den ersten beiden sind sie etwas konkreter. Ob wir in den nächsten Wochen und Monaten zu einem Abschluss kommen, kann ich noch nicht sagen, möchte es aber auch explizit nicht ausschließen. (dco)
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