DeichStube-Interview
„Jetzt wollen wir den Gruppensieg“: Kanada-Co-Trainer und Werder-Legende Paul Stalteri über persönlichen WM-Traum
Kanadas Co-Trainer Paul Stalteri spricht im DeichStube-Interview über seinen persönlichen WM-Traum und eine besondere Werder-Bremen-Begegnung.
Legendenstatus in zwei Welten erreichen wahrlich nicht viele Fußballer – Paul Stalteri ist dieses Kunststück geglückt. Als einer von Werder Bremens Double-Helden aus dem Jahr 2004 genießt er bis heute Kultstatus am Osterdeich, in seiner Heimat Kanada zählt er zudem zur „Hall of Fame“ des Fußballverbands. Aktuell ist Stalteri, inzwischen 48 Jahre alt, als Co-Trainer der kanadischen Nationalmannschaft mittendrin bei der Weltmeisterschaft in seinem Heimatland. Mit der DeichStube hat er sich vor dem letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz über eine ungeahnte Begegnung am Spielfeldrand und die Fußball-Euphorie der Kanadier unterhalten. Darüber hinaus hat Stalteri erklärt, welches Wort ihm bis heute ein gutes Gefühl verschafft.
Kanada-Co-Trainer und Werder-Bremen-Legende Paul Stalteri: „Jetzt wollen wir den Gruppensieg“
Herr Stalteri, Sie haben mit der kanadischen Nationalmannschaft Geschichte geschrieben: Der 6:0-Erfolg gegen Katar war der erste Sieg Ihres Heimatlandes bei einer Weltmeisterschaft überhaupt. Wie ist die Stimmung im Team-Quartier?
Sehr gut! Das war ein riesengroßer Erfolg für uns, nachdem wir im ersten Spiel gegen Bosnien (1:1, Anm. d. Red.) ja schon den ersten kanadischen WM-Punkt geholt hatten. Die Mannschaft kann stolz auf sich sein. Wir führen die Tabelle in der Gruppe an. Das ist eine gute Ausgangsposition, die wir unbedingt nutzen wollen. Jetzt ist der Gruppensieg das Ziel. Die Jungs sind sehr fokussiert und wollen den Weg erfolgreich weitergehen.
Bisher führte dieser Weg über die Spielorte Toronto, ihre Heimatstadt, und Vancouver, wo es im Anschluss an die Partien jeweils große Partys gab. Wie erleben Sie die Fußballbegeisterung der Kanadier?
Der Stellenwert des Fußballs hat in Kanada in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das ging schon mit der WM-Teilnahme 2022 los. Zwei Jahre später, 2024, sind wir bis ins Halbfinale der Copa America gekommen, wo wir leider an Argentinien gescheitert sind. Das hat sehr viel ausgelöst und den Fußball in Kanada populär gemacht. Die Vorfreude der Kanadier auf die WM war unglaublich groß. Umso schöner, dass wir bisher für gute Ergebnisse sorgen konnten. Das Spiel gegen Katar haben in Kanada knapp zwölf Millionen Menschen am Fernseher verfolgt. Das ist bei uns ein neuer Rekord für ein Fußballspiel.
Mit vier Punkten nach zwei Spielen und einem Torverhältnis von 7:1 ist der Einzug in die K.o.-Runde angesichts des Modus praktisch erreicht. Was ist für Kanada bei der Heim-WM noch alles möglich?
Wichtig ist, dass wir die Aufgaben weiterhin Stück für Stück angehen. Ja, wir sind fast in der K.o.-Runde, aber eben nur fast. Gegen die Schweiz müssen wir im letzten Vorrundenspiel (Mittwoch, 21 Uhr, Anm. d. Red.) wieder alles abrufen, denn Gruppensieger zu werden, wäre ein großer Vorteil. Dann könnten wir für unser Sechzehntelfinale in Vancouver bleiben und hier das dritte Spiel in Folge bestreiten. Das ist unser nächstes Ziel, nichts anderes. Danach sehen wir in Ruhe weiter.
Während Ihrer aktiven Karriere haben Sie 85 Länderspiele für Kanada bestritten, viele davon als Kapitän des Teams. 2017 wurden Sie sogar in die Hall of Fame des kanadischen Verbands aufgenommen. Eine WM-Teilnahme war Ihnen als Spieler aber nie vergönnt. Nun erleben Sie das Turnier als Co-Trainer. Geht für Sie gerade nachträglich ein Traum in Erfüllung?
Ja, absolut! Als Spieler war es immer ein großes Ziel von mir, mit Kanada eine WM zu spielen. Es ist schade, dass daraus nichts geworden ist. Wir hatten zu meiner Zeit auch eine gute Mannschaft, im Jahr 2000 haben wir sensationell den Gold Cup gewonnen. Ein großartiger Erfolg! Dass ich die WM jetzt als Co-Trainer erleben darf, ist wunderschön. Sie haben es ja gesagt: Das erste Spiel war in meiner Heimatstadt Toronto. Schöner geht es ja gar nicht! Ich bin dankbar, dass ich das alles als Teil des Teams miterleben darf.
Werder-Legende Paul Stalteri über Kanadas Team: „Das Team ist sehr athletisch und hat ein hohes Tempo“
Was zeichnet die aktuelle kanadische Nationalmannschaft denn aus?
Das Team ist sehr athletisch, hat ein hohes Tempo und dazu auch fußballerische Qualität. Viele der Jungs spielen in starken europäischen Ligen. Dazu kommt, dass die Gruppe super harmoniert. Die Atmosphäre ist top, auf dem Platz und auch im Drumherum.
Einen Wermutstropfen gab es allerdings auch schon: Der Sieg gegen Katar wurde durch die schwere Verletzung von Ismael Koné überschattet, der während des Spiels einen Beinbruch erlitten hat. Wie geht es ihm? Und wie hat die Mannschaft den Schreckmoment verarbeitet?
Die Gefühlslage nach dem Spiel war schon sehr speziell. Einerseits war da bei allen die Freude über den Sieg, andererseits aber auch die Sorge um Ismael. Er ist noch am selben Abend operiert worden und konnte das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen. Jetzt ist er zurück im Team-Quartier, und wir schauen, dass er bis zum Ende des Turniers bei der Mannschaft bleiben kann. Sein Ausfall ist ein harter Schlag – für ihn persönlich, aber auch für das Team, weil er ein wichtiger Spieler für uns ist. Das Schöne ist, dass er schon wieder lächelt und gute Laune verbreitet. Ein richtig guter Typ!
Blicken wir auf das letzte Gruppenspiel. Wissen Sie eigentlich, dass Sie gegen die Schweiz auf einen alten Werder-Bekannten treffen?
Oh, wirklich? (überlegt) Ich glaube, da müssen Sie mir helfen.
Es geht um Physiotherapeut Florian Lauerer, der bis heute für Werder und seit 2025 auch für den Schweizer Verband aktiv ist. Er kam 2003 nach Bremen und dürfte sich auch um Ihre Muskulatur gekümmert haben, ehe Sie 2005 zu Tottenham gewechselt sind.
Ja, klar! Flo! Das ist ja lustig. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Okay, dann freue ich mich jetzt noch etwas mehr auf das Spiel gegen die Schweiz.
Kanada-Co-Trainer und Werder-Legende Paul Stalteri: „Bremen war ein Wohlfühlort für mich“
Was Sie beide verbindet, ist Werders sensationelles Double aus der Saison 2003/04. Wie oft denken Sie noch an diese Zeit zurück?
Ganz ehrlich: ständig! (lacht) Diese Saison war von vorne bis hinten einfach nur überragend. Ich erinnere mich aber grundsätzlich gerne an meine Jahre bei Werder. Es war definitiv die beste Zeit meiner Karriere – sportlich, aber auch, was das Leben außerhalb des Fußballs betrifft. Bremen war ein Wohlfühlort für mich. Wenn ich nur das Wort „Werder“ höre, gibt mir das bis heute ein gutes Gefühl.
Werders Trainer hieß damals Thomas Schaaf, bei dessen Familie Sie nach Ihrem Wechsel aus Kanada im Jahr 1997 für eine Zeitlang gewohnt haben. Bis heute gilt ihr Verhältnis als sehr vertraut. Da Sie inzwischen selbst Trainer sind: Wie viel Thomas Schaaf findet sich in Ihrer Arbeit wieder?
Oh, das ist schwer zu sagen. Thomas war aber definitiv der wichtigste Trainer und Förderer, den ich in meiner Karriere hatte. Er und seine Familie haben mir dabei geholfen, in Bremen als Mensch und Sportler ankommen zu können. Ich kam 1997 als junger, unerfahrener Spieler aus Kanada und wurde von den Schaafs mit offenen Armen empfangen. Es stimmt, dass unser Verhältnis bis heute sehr gut ist.
Genau wie Schaaf genießen auch Sie in Bremen als einer der Double-Helden nach wie vor Kultstatus. Wann sehen wir Sie mal wieder am Osterdeich?
Ich habe gehört, dass Werder im September ein großes Spiel zum 100. Geburtstag des Weserstadions plant. Ich muss noch klären, ob ich an dem Termin Zeit habe – hoffentlich ist das so! Falls ja, schaue ich sehr gerne mal wieder bei Werder vorbei. (dco)
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