DeichStube-Interview

„Der FC Bayern muss uns erstmal schlagen“: Werder-Kapitänin Lina Hausicke über Pokalfinale, Fahnen-Fotos und nervige Vergleiche

Werder Bremens Kapitänin Lina Hausicke spricht im DeichStube-Podcast eingeDEICHt über das DFB-Pokal-Finale gegen den FC Bayern, Prämien-Verhandlungen mit Sportchef Clemens Fritz und nervige Vergleiche mit männlichen Fußballern.

Bremen - Monatelang hat Lina Hausicke wegen eines Kreuzbandrisses gefehlt, nun steht die 27-Jährige mit den Frauen des SV Werder Bremen im DFB-Pokalfinale. Im DeichStube-Podcast eingeDEICHt schätzt die Kapitänin der Mannschaft die Chancen gegen den großen FC Bayern München ein, spricht von Prämien-Verhandlungen mit Clemens Fritz und erzählt, wie sehr die ständigen Vergleiche mit männlichen Fußballern nerven.

Jetzt können Sie es ja verraten: Wie intensiv war die Party am Sonntag nach dem Finaleinzug, Lina Hausicke?

Wild. (lacht) Andererseits ist das gar nicht so einfach, wenn man vorher ein derart intensives Spiel hatte. Man hat zwar immer Kraft zu feiern, aber für mich war es dann auch nicht so lang, weil ich nicht mehr die Jüngste bin und 120 Minuten nach einer längeren Verletzungspause sehr viel sind. Es war trotzdem schön und besonders – und das haben wir uns verdient.

Werder Bremens Lina Hausicke über „schöne und besondere“ Partynacht nach DFB-Pokal-Finaleinzug: „Das haben wir uns verdient“

Nehmen Sie uns mit ins Erlebnis Volksparkstadion: Wie würden Sie den Abend beschreiben?

Das Spiel war genauso wild, wie wir später gefeiert haben. Wir sind am Ende einfach nur glücklich, dass wir gewonnen haben, denn das war zwischenzeitlich so nicht abzusehen. Es war eine krasse Energieleistung. Solch ein Spiel kannst du wahrscheinlich auch nur genießen, wenn du es gewinnst. Es ist unfassbar, ich kann noch immer nicht ganz verstehen, was dort passiert ist. Ich bin gespannt, wann ich das wirklich realisieren werden.

Hand aufs Herz: Gab es im Vorfeld den Moment, in dem Ihnen bewusst wurde, dass Sie und Ihre Mannschaft liefern müssen, weil es sonst auch unangenehm werden könnte? Sie galten trotz Auswärtsspiel und Rekordkulisse schließlich als klarer Favorit, der Finaleinzug wurde fast schon erwartet.

Das war uns bewusst. Und ehrlich gesagt, hatten wir schon ein bisschen die Hosen voll. Wir haben sehr lange gebraucht, um ins Spiel zu kommen, haben in der ersten Halbzeit brutal viele Fehler gemacht. Trotzdem wussten wir, dass die Hamburgerinnen irgendwann müde werden würden. Ich hätte im Vorfeld dennoch nicht gedacht, dass es so hart werden würde und wir sogar über 120 Minuten gehen müssen.

Bricht dann kurz vor Schluss der regulären Spielzeit eine kleine Welt zusammen, wenn dem HSV plötzlich doch noch das 1:1 gelingt?

Als wir das erste Tor geschossen haben, habe ich gedacht, dass wir das jetzt sauber zu Ende verteidigen. Wir haben schließlich einige Erfahrung darin, solch ein Ergebnis über die Bühne zu bringen. Es ist dann schon bitter, wenn du weißt, dass du zu zehnt nochmal 30 Minuten spielen musst. Aber wir hatten trotzdem den Glauben, dass wir unsere Chancen kriegen würden – und eigentlich haben wir zu zehnt besser gespielt als vorher.

Werder Bremens Lina Hausicke im DeichStube-Interview über DFB-Pokal-Finale: „FC Bayern muss uns erstmal schlagen“

Wie sehr musste Saskia Mattheis nach ihrem Platzverweis getröstet werden, da sie nun definitiv auch das Finale am 1. Mai verpassen wird?

Das ist für eine Spielerin das Brutalste, was passieren kann. Da kommst du endlich mal ins Finale und darfst dann nicht mitspielen. Für sie war das deshalb verständlicherweise sehr hart. Leider können wir es jetzt nicht mehr ändern.

Ein Foto von Ihnen hat für viel Furore gesorgt: Sie haben beim Jubeln eine Eckfahne des HSV in die Höhe gereckt – ein Motiv, das es so in der Vergangenheit schon einmal von Marvin Ducksch in Werders Zweitligasaison gab. Wie vorbereitet war das?

Ich habe es mir abgeschaut. Ein Fotograf von uns hatte im Vorfeld eine Fotomontage mit meinem Kopf auf dem Bild von Marvin Ducksch angefertigt und gemeint: ,Du weißt, was zu tun ist.‘ Dass es dann später so groß werden würde, war nicht die Intention. In dem Moment dachte ich nur: Was Marvin Ducksch kann, sollten wir vielleicht auch können.

Nun geht es im Finale gegen den FC Bayern München. Ohne den Stimmungstöter geben zu wollen: Das wird nun alles andere als einfach.

Der Trainer hat gesagt, dass wir keine Chance haben – aber genau die wollen wir nutzen. Wir sind jetzt im Finale und wollen auch gewinnen. Aber allein dort hinzukommen, ist natürlich schon historisch. Wenn man dann sieht, wie wir beim dritten Tor alle gemeinsam – Spielerinnen, Staff, einfach alle – vor der Kurve jubeln, schweißt das unglaublich zusammen. Jetzt haben wir bis zum 1. Mai Zeit, um diese Energie mitzunehmen, und dann muss uns der FC Bayern erstmal schlagen. Wir haben nichts zu verlieren. Am Ende hast du halt Silber – aber zu Gold würde ich natürlich auch nicht nein sagen.

Werder Bremens Kapitänin Lina Hausicke über auslaufenden Vertrag: „Es gibt nichts, dass ich vermelden könnte“

Welche Rolle spielt es, dass Sie und Ihr Team Ihrem Trainer Thomas Horsch, der bereits seinen Abschied zum Saisonende angekündigt hat, den perfekten Schlusspunkt servieren könnten?

Es ist eine dieser Geschichten, die der Fußball erzählen kann. Für Thomas freut es mich total, weil er maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass wir jetzt im Finale stehen. Wenn wir uns damit belohnen und für uns sagen können, dass wir alles gegeben haben, dann ginge es nicht besser.

Ihr Vertrag läuft im Sommer ebenfalls aus. Gibt es schon Pläne, wird miteinander gesprochen?

Ja, es wird gesprochen, aber es gibt nichts, das ich in die eine oder andere Richtung vermelden könnte. Ich bin da ganz entspannt und lasse alles auf mich zukommen. Ich bin froh, dass ich nach meiner langen Verletzung überhaupt wieder spielen kann. Da wollte ich für mich erst einmal schauen, ob ich auf mein altes Niveau komme – aber nach den 120 Minuten in Hamburg kann ich sagen, dass ich wieder nah dran bin.

Es kein Geheimnis, dass im Frauenfußball deutlich weniger verdient wird als bei den männlichen Kollegen. Ein guter Bonus sind in beiden Bereichen Prämien. Haben Sie als Kapitänin mit Blick auf den Finaleinzug vernünftig verhandelt?

Ich wollte das tatsächlich machen, aber für das Finale können wir jetzt sicherlich noch einmal in den Dialog gehen. Ich habe mit Clemens Fritz (Werders Geschäftsführer Fußball, Anm. d. Red.) auch schon gesprochen. Alle sind sehr zufrieden mit unserer Entwicklung und er hat schon gesagt, dass er großzügig etwas in unsere Mannschaftskasse tun wird. Wie genau das aussehen wird, weiß ich nicht, aber wenn man etwas derart Historisches schafft, dann sollte man das auch entlohnen. Zumal die Männer in Bielefeld ausgeschieden sind. Da ist es dann vielleicht ein guter Trost, dass wir und auch die U19 im Endspiel stehen.

Nerven diese ständigen Vergleiche mit den Männern eigentlich? Wenn Marvin Ducksch oder wer auch immer am Samstag gegen Kiel ein Tor erzielt, wird niemand hinterher sagen, dass er den Treffer im Stile einer Sophie Weidauer gemacht hat. Umgekehrt passiert das eher.

Ja, schon. Andererseits wird überall in der Gesellschaft ständig verglichen. Daher ist das irgendwo menschlich und sportlich. Aber es ist natürlich schon komisch, wenn jemand wie Sophie ein absolutes Traumtor schießt und hinterher mit einem männlichen Spieler verglichen wird. Das soll uns aber nicht zu sehr interessieren, wir können es doch eh nicht ändern.

Werder Bremens Kapitänin Lina Hausicke im DeichStube-Interview: „Ich glaube, die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende“

Sie haben auch andere Zeiten bei Werder erlebt, als der Frauenfußball noch nicht so groß geschrieben wurde. Wie blicken Sie auf die Entwicklung der letzten Jahre?

Es ist sehr viel, sehr schnell passiert. Ich bin jetzt seit acht Jahren im Verein, und natürlich hat sich der Frauenfußball generell entwickelt – da wäre es schlimm, wenn nicht auch wir Schritte nach vorn gemacht hätten. Aber am Anfang war es utopisch, dass wir mal im Weserstadion spielen würden. Jetzt hatten wir schon das dritte Spiel in dieser Form, und es kamen mehr als 20.000 Leute.

Demnächst soll es das sogar zweimal im Jahr geben, wie Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry angekündigt hat.

Das ist auch genau der richtige Schritt, weil wir gesehen haben, dass dadurch auch wieder mehr Menschen zu uns auf Platz 11 kommen. Und auch für die kleinen Mädels ist das toll. Ich hatte sowas früher nicht. Ich war 2010 einmal beim Pokalfinale in Köln zwischen Jena und Duisburg, was es noch krasser macht, dass ich da jetzt demnächst auch spielen werde. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir jetzt Geschichte mitschreiben konnten.

Wohin kann die Reise bei Werder insgesamt noch gehen?

Ich habe gerade gelesen, dass wir eine Art Sympathieträger bei Werder sind. Das trifft es ganz gut. Wir wurden manchmal etwas stiefmütterlich behandelt, der Frauenfußball ist immer etwas nebenhergelaufen. Jetzt konnten wir nochmal ein richtiges Ausrufezeichen setzen und zeigen, dass wir eine totale Berechtigung im Verein haben. Das gesamte Präsidium und der komplette Aufsichtsrat waren in Hamburg dabei, was auch zeigt, dass sie uns unterstützen wollen. Das ist ein sehr gutes Zeichen und deshalb glaube ich, dass die Entwicklung noch lange nicht zu Ende ist. Da kann noch sehr viel kommen. (mbü/tst)

Rubriklistenbild: © DeichStube

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