DeichStube-Interview
„Menschen, die mir den Tod wünschen, kann man leider nicht verhindern“: Wolfsburg-Kapitän Max Arnold über Werder, Ducksch und Hass im Netz
Wolfsburgs Rekordspieler Maximilian Arnold spricht im DeichStube-Interview über das Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen, seine Motorsport-Leidenschaft und Hass im Netz. Der 30-Jährige verrät zudem, wieso er seinen DFB-Traum nicht aufgibt und warum er auf dem Platz ein Heißsporn ist.
Wolfsburg – Seit Jahren ist er der Kapitän und das Gesicht des VfL Wolfsburg: Maximilian Arnold. Vor dem Duell mit Werder Bremen am Sonntag (17.30 Uhr im DeichStube-Liveticker) hat sich der 30 Jahre alte Rekordspieler der Niedersachsen (353 Bundesliga-Partien) Zeit für ein Interview mit der DeichStube genommen. Herausgekommen ist ein interessantes Gespräch über die Qualität von Marvin Ducksch, Hass im Netz, den Regenbogen-Trikot-Eklat um Kevin Behrens, Arnolds Motorsport-Faible und seinen nicht endenden Traum vom DFB-Team.
VfL Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold im Interview: „Privat bin ich völlig anders als auf dem Fußballplatz“
Maximilian Arnold, in der Bundesliga war Länderspielpause. Wo findet man Sie an den freien Tagen eher: In der Wolfsburger Autostadt oder irgendwo auf der Rennstrecke?
(lacht) Auf der Rennstrecke wäre ich gerne gewesen, aber mein Kumpel (DTM-Fahrer Luca Engstler, d. Red.) ist in Barcelona gefahren. Das habe ich zu spät mitbekommen. Aber ich muss ja auch ein bisschen auf die Familie achten, wir waren im Thüringer Wald in einem Familienhotel.
Woher kommt Ihre Leidenschaft für den Motorsport?
Das kann ich gar nicht so genau sagen, ich fand das irgendwie schon immer cool. Ich mag laute Autos, eigentlich alles, was laut ist. Das ist ein Hobby geworden, das mir richtig Spaß macht. Es ist mega, über die Strecke heizen zu können. Dass ich jetzt noch einen guten Freund habe, der in der DTM fährt und ich da hinter die Kulissen schauen kann, ist einfach extrem spannend und sehr interessant.
Sie mögen es nicht nur auf der Rennstrecke laut, sondern auch auf dem Platz. Sie gelten als Wortführer und Heißsporn. Warum ist das so?
Ich war das schon von klein auf. Ich hasse es einfach zu verlieren. Das hört sich zwar plakativ an, aber ich beiße mir sogar richtig auf die Zunge, wenn ich meine Kinder beim Spielen mal gewinnen lasse. Auf dem Platz gibt es mir zusätzliches Adrenalin, laut zu sein. Ich versuche, alles zu tun, damit wir gewinnen.
Kürzlich haben Sie gesagt, dass Sie damit umgehen können, wenn Leute den Fußballer Maximilian Arnold als Arschloch bezeichnen. Wieso kriegen es manche Fans nicht hin, den Menschen hinter dem Fußballer zu respektieren?
Die meisten Leute sehen eben einfach nur die 90 Minuten am Wochenende. Privat bin ich aber eine völlig andere Person als auf dem Fußballplatz. Außer wenn ich mit meinen Kindern spiele (lacht). Nein, Spaß bei Seite. Ich gebe in diesen 90 Minuten einfach alles für den VfL Wolfsburg. Und da ist mir völlig egal, was alle drumherum über mich denken, weil für den Fußballer Max Arnold in dem Moment nur der VfL zählt. Danach bin ich dann ganz normal Privatperson, Papa und Ehemann.
Hass im Netz? VfL Wolfsburgs Maximilian Arnold: „Das ist traurig, weil es leider die Gesellschaft widerspiegelt“
Wie schwierig war es für Sie nach Ihrem Zweikampf mit dem Stuttgarter Atakan Karazor und dessen Platzverweis so im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik zu stehen und mit Hasskommentaren im Netz überflutet zu werden?
Ich habe schon einen Tag gebraucht, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Am meisten hat mich gestört, dass unter einem Instagram-Post über ein Projekt für krebskranke Kinder, das ich unterstütze, viele solcher Kommentare zu finden waren. Das ist traurig, weil es leider in meinen Augen die Gesellschaft widerspiegelt. Aber dann hat meine Frau zu mir gesagt: ‚Die Leute kennen dich doch nicht.‘ Menschen, die so etwas schreiben, die mir eine Verletzung oder den Tod wünschen, oder dass der Familie irgendwas passiert - das kann man leider nicht verhindern. Man muss irgendwie lernen, damit umzugehen.
Aber ist da nicht auch für Sie irgendwann der Punkt erreicht, zu sagen: Jetzt gehe ich dagegen vor?
Nein, das sehe ich nicht so. Dadurch gebe ich den Leuten nur eine unnötige Lobby.
Ihr Teamkollege Kevin Behrens hat letzte Woche für Negativschlagzeilen gesorgt, weil er sich geweigert hat, ein Regenbogen-Trikot zu unterschreiben. Was haben Sie gedacht als Sie von seiner Aussage gehört haben?
Die Aussage ist nicht gut gewesen. Das muss man ganz klar sagen. Kevin hat sich öffentlich dafür entschuldigt. Ich finde, jeder verdient eine zweite Chance.
Kommen wir zum Sportlichen: Vor der Länderspielpause gab es einen wichtigen 3:1-Sieg in Bochum. Warum kommt der VfL jetzt richtig ins Rollen?
Wenn man Siege einfährt oder zumindest nicht verliert, wird natürlich die Brust breiter und der Glaube wächst. Das spüren wir jetzt auch: Die Dinge, die vorher nicht geklappt haben, gehen plötzlich wieder viel leichter von der Hand. Dann springt der 50/50-Ball auch mal wieder öfter zu dir. Dieses Momentum wollen wir mitnehmen.
Wolfsburgs Maximilian Arnold beeindruckt von Werder Bremen: „Die Reaktion nach dem Bayern-Spiel war schon stark“
Welche Rolle spielt Ihr Trainer Ralph Hasenhüttl – was zeichnet ihn aus?
Er ist ein Typ, der vor der Mannschaft auch mal offen Fehler eingesteht. Das macht auch nicht jeder Trainer so. Damit holt man die Jungs manchmal mehr ab, als wenn man immer nur seine Linie durchdrücken will. Mir gefällt an Ralph Hasenhüttl auch sehr, dass er gerne ins Gegenpressing geht und attackiert – das erinnert so ein bisschen an die RB-Schule, wie wir sie auch unter Oliver Glasner hatten.
Am Wochenende geht’s gegen Werder. Zwischen Wolfsburg und dem SVW sind zuletzt oft viele Tore gefallen. Warum wird es nie langweilig gegen die Bremer?
Weil Werder auch offensiv eine super Qualität hat. Speziell Marvin Ducksch, der wirklich genau weiß, was er mit dem Ball zu machen hat. Das hat einfach Hand und Fuß. Für Werder Bremen ist er ein sehr wichtiger Spieler und deshalb wird er meiner Meinung nach auch noch viele Tore machen.
Wie schätzen Sie die Bremer generell ein und was trauen Sie ihnen diese Saison zu?
Speziell die Reaktion, die sie nach dem Bayern-Spiel gezeigt haben, hat mich beeindruckt. Wenn man dann nach 18 Minuten plötzlich 0:3 in Hoffenheim zurückliegt und dann so zurückkommt – das ist schon stark. Klar, ihnen hat die Rote Karte in die Karten gespielt, aber das ist nicht selbstverständlich. Das zeigt, man darf Werder nie abschreiben. Wo sie am Ende landen, kann ich nicht einschätzen.
Sie haben in Wolfsburg mit den Ex-Bremern Naldo, Diego und Kevin de Bruyne zusammengespielt. Wer war der beste Spieler von denen?
Da muss ich schon sagen, dass Kevin der Beste war. Er hat zwar auch ein halbes Jahr gebraucht bei uns, aber dann ist er so richtig explodiert und es war ein purer Genuss, mit ihm zusammenzuspielen.
VfL Wolfsburgs Kapitän Max Arnold lobt Werder Bremens Marvin Ducksch: „Was er mit dem Ball macht, hat Hand und Fuß“
Wenn Sie sich aus der heutigen Bremer Mannschaft einen Werder-Spieler aussuchen dürften, mit wem würden Sie dann gerne in einem Team spielen?
(überlegt) Wir haben zwar schon eine hohe Qualität in der Offensive, aber ich glaube, wenn ich wählen müsste, würde ich Marvin wählen. Obwohl ich mich mit ihm um die Freistöße streiten müsste. Vielleicht nehme ich ihn dann lieber doch nicht (lacht).
Hat Werder Bremen eigentlich auch mal bei Ihnen angeklopft?
Nein. Nicht, dass ich wüsste.
Bleiben Sie der „ewige Wolfsburger“ oder wollen Sie noch einmal etwas Anderes ausprobieren?
Das weiß ich nicht. Das liegt ja nicht nur an mir, sondern hängt auch davon ab, was die Verantwortlichen beim VfL über mich denken. Aber mein Ziel ist es auf jeden Fall, so lange wie möglich auf diesem Niveau zu spielen. Ob das jetzt immer beim VfL sein wird oder ob ich kurz vorm Karriereende nochmal etwas anderes versuche, kann ich überhaupt noch nicht sagen. Dafür ist der Fußball viel zu schnelllebig.
VfL Wolfsburg-Legende Maximilian Arnold im DeichStube-Interview: „Ich muss das Spiel anders lesen, damit ich nicht alt aussehe“
Bei Olympia waren Sie einst Teamkollege von Amos Pieper. Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm?
Nein, aber ich habe gerne mit ihm zusammengespielt. Auf Spieler wie ihn kann man sich einfach immer absolut verlassen. Man weiß, was man bekommt und was nicht. Im Fußball kommt es meistens auf Konstanz an - und Amos oder auch Niklas Stark sind Jungs, auf die man zählen kann.
Sie gelten als absoluter Musterprofi, der viel mit Spezialisten arbeitet. Sie setzen auch auf Augen-Koordination und neurozentriertes Training. Warum?
Ich bin ja nicht der Schnellste. Und weil um mich herum alle immer schneller werden, muss ich einen Weg finden, wie ich da mithalten kann. Ich würde sagen, dass ich im Kopf relativ schnell bin. Und deswegen versuche ich, so meine Qualität noch viel besser einzusetzen. Ich brauche keine 60-Meter-Sprints zu machen, das ist nicht mein Spiel. Ich muss das Spiel anders lesen, damit ich nicht alt aussehe und mich nicht jeder überläuft. Deswegen mache ich diese Einheiten noch zusätzlich.
Gefühlt sind Sie der letzte Spieler aus der eigenen Jugend, der beim VfL den Durchbruch zu den Profis geschafft hat. Klammert man mal Omar Marmoush und Anton Stach ein wenig aus, die erst woanders durchgestartet sind. Woran liegt das?
So pauschal habe ich jetzt keine Antwort darauf. Da müsste man sich mit den Verantwortlichen aus der Akademie, den Trainern oder dem Nachwuchsleiter zusammensetzen. Junge Spieler müssen auch Geduld haben. Ich glaube, dass das viele Talente heute nicht mehr in dem Umfang wie früher haben. Ich selbst habe anderthalb Jahre dafür gebraucht, mich bei den Profis durchzusetzen. Aber heute einem Jugendspieler zu sagen, du musst dich anderthalb Jahre durchkämpfen, um es nach oben zu schaffen: Da glaube ich nicht, dass das so viele machen.
Vor Spiel gegen Werder Bremen - Wolfsburgs Maximilian Arnold lobt Talent Bennit Bröger: „Bei ihm sehe ich Parallelen zu mir“
Sie haben kürzlich verraten, dass Sie den 18-jährigen Nachwuchskicker Bennit Bröger ein bisschen unter Ihre Fittiche genommen haben. Was mögen Sie an ihm?
Der Junge ist anders als die anderen. Er ist sehr zurückhaltend und bodenständig. Er nimmt Tipps und Ratschläge von mir an und das mag ich einfach. Er ist nicht schnell, ist kein physischer Spieler, aber seine Technik gefällt mir sehr gut. Bei ihm sehe ich auch ein paar Parallelen zu mir früher.
Trauen Sie ihm den Sprung zu den Profis zu?
Ich hoffe nicht, dass er das liest, weil das auch immer eine Gefahr sein kann. (lacht) Aber ich kann mir vorstellen, dass er es schaffen kann.
Herr Arnold, wie und mit welchen Gefühlen schauen Sie aktuell eigentlich die deutschen Länderspiele?
Ich richte mein Leben jetzt nicht danach aus. Im Familienurlaub musste ich laufen gehen und meine drei Kinder bespaßen. Da war Action angesagt. Wir waren oft in der Turnhalle und haben Fußball gespielt. Abends war ich mausetot und bin ins Bett. Da war mir das Länderspiel dann relativ egal (lacht). Aber ich merke schon, dass in Deutschland wieder eine Euphorie entsteht und das ist auch gut so.
Vor zehn Jahren haben Sie debütiert, seitdem drei Länderspiele bestritten und waren zuletzt vor zwei Jahren dabei. Wie sehr glauben Sie noch an ein DFB-Comeback?
Der Glaube ist immer da. Ich schreibe es nie ab. Das ist einfach so. Wenn es kommt, freue ich mich. Wenn nicht, genieße ich die Tage mit der Familie. So gehe ich das an. (mwi)