DeichStube-Interview
„Ein großer Traum, den ich hier leben kann“: Werder-Torhüter Backhaus über seinen Weg zur Nummer eins und die schwierige Nationalelf-Wahl
Mio Backhaus, Torwart des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über die Rolle als Nummer eins, Transfergerüchte und die schwierige Wahl bei der Nationalmannschaft.
Bremen - Mio Backhaus ist dort angekommen, wo er immer hinwollte: in die Fußball-Bundesliga. Seit Saisonbeginn ist der 21-Jährige die Nummer eins beim SV Werder Bremen. Im Interview mit der DeichStube spricht der Deutsch-Japaner über die Erfüllung seines Traums, Wechselgedanken und darüber, wie schwer es ihm fällt, sich für ein Nationalteam zu entscheiden.
Vor etwas mehr als einem halben Jahr haben Sie sich in ein Mediengespräch von Keke Topp eingeschleust und ihm ein paar Fragen gestellt. Wie würde die „Backhaus-Presse“, wie Sie sich damals genannt haben, nun dieses Gespräch eröffnen?
Puh, da haben Sie sich was einfallen lassen, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.
Das hatte ich gehofft.
Ich überlasse das besser Ihnen, Sie stellen hier doch die Fragen. (lacht)
Einverstanden. Haben Sie eigentlich schon realisiert, was in den Monaten seit diesem besagten Mediengespräch alles bei Ihnen passiert ist?
Ja, schon. Irgendwann ist nicht mehr alles neu und passiert zum ersten Mal. Da wird es zur Routine, dass man sich jede Woche aufs Spiel vorbereitet und jetzt auch wirklich auf dem Platz steht. Man läuft nicht nur mit strahlenden Augen durch die Gegend und findet alles toll, sondern man ist da auch in der Realität angekommen.
Beim Debüt gegen Eintracht Frankfurt haben Sie direkt vier Gegentore kassiert, die Fans skandierten trotzdem hinterher Ihren Namen. Was geht in so einem Moment in Ihnen vor?
Da haben sie richtig Größe gezeigt. Ich habe damit nicht gerechnet und deshalb hat es mich enorm gefreut. Auch wenn sie schon vor dem Spiel meinen Namen bei der Aufstellung rufen, ist das super, denn so weiß ich, dass ich sie im Rücken habe. Das gibt mir aber auch das Gefühl, dass ich ihnen jetzt etwas zurückgeben möchte.
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Werder Bremen-Torwart Mio Backhaus über seinen Bundesliga-Start, die Schulter-Verletzung und seine Aura
Und dann kam wenig später der Trainingsunfall samt Schulterverletzung. Wie bitter war das für Sie, nachdem Sie doch gerade erst spielen durften?
In den ersten ein, zwei Tagen war es ein Schock. Zumal da noch der Hintergedanke war: „Ey, du hättest jetzt gegen die Bayern gespielt.“ Das ist schließlich das Beste, was es für einen Torwart in der Bundesliga gibt. Das hat mich ein paar Tage sehr mitgenommen.
Zumal Manuel Neuer Ihr Vorbild ist. Sie haben einmal gesagt, seinetwegen haben Sie als kleiner Junge das erste Mal Handschuhe angezogen. Schmerzte es deshalb gleich doppelt?
In dem Moment habe ich darüber gar nicht nachgedacht, aber im Nachhinein war es schon schade. Aber gut, es gibt ja noch ein Rückspiel.
Rein statistisch gab es in sechs Partien für Sie zwölf Gegentore, aber zweimal stand am Ende auch die Null. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Start?
Insgesamt war es ein ordentlicher Start, es gibt aber natürlich auch immer Luft nach oben, um die letzten Millimeter herauszuholen.
Jetzt sind Sie mit 21 Jahren der jüngste Stammtorwart der Bundesliga. Fühlt sich das wie ein Privileg an – oder wie ein Riesendruck?
Ich will nicht nach dem Motto „Dafür, dass er so jung ist, ist er aber schon ganz gut“, sondern wie alle anderen Keeper in der Liga aufgrund meiner Leistung bewertet werden. Das Alter spielt da keine Rolle, ich muss genauso performen wie jeder andere Keeper auch.
Haben Sie mental in den vergangenen Jahren besonders an sich gearbeitet, um so abgeklärt auf ihre Aufgabe zu schauen?
Seit meiner Zeit in den Niederlanden (Backhaus war 2023/2024 an den FC Volendam verliehen, Anm. d. Red.) arbeite ich mit einem externen Mentaltrainer zusammen. Das hat mir sehr weitergeholfen. Ich muss diese Mitte finden zwischen Entspanntheit und Angespanntheit. Wenn du dein erstes Bundesligaspiel machst, musst du daran arbeiten, dass du etwas gelassener bist. Wenn es sich dann wie Liga-Alltag anfühlt, muss wieder die nötige Spannung vorhanden sein. Es geht jede Woche um so viel, da hilft es, wenn man auch an kleinen Dingen arbeitet.
Ihr Torwarttrainer Christian Vander hat zu Saisonbeginn in einem DeichStube-Interview gesagt, dass Sie ruhig „noch die eine oder andere Ecke und Kante entwickeln“ dürfen. Hat er Recht?
Torhüter sollten eine Präsenz oder Aura entwickeln, die sofort signalisiert, dass da jemand im Tor steht, an dem du nicht vorbeikommst. Vor dem die Gegenspieler vielleicht auch ein bisschen Angst haben. Da kann ich sicherlich noch einen Schritt machen.
Werder Bremens Mio Backhaus im DeichStube-Interview über Trainer Christian Vander und Konkurrent Karl Hein
Wie schmal ist der Grat, keine Rolle zu spielen, sondern man selbst zu blieben?
Das ist genau der schwierige Punkt. Ich werde mich als Mensch nicht verändern – aber trotzdem kann ich bestimmt noch etwas aus mir herauskitzeln.
Eine alte Fußball-Weisheit besagt, dass Torhüter und Linksaußen eine ordentliche Macke haben – da sie als Kind tatsächlich erst Linksaußen waren und später während Ihrer Zeit in Japan ins Tor gewechselt sind, vereinen sie beide Aspekte des Sprichworts. Also: Wie verrückt sind Sie?
(lacht) Ich glaube, dass ich ein ganz entspannter Mensch bin.
Sagen das auch Ihre Freunde?
Das hoffe ich doch.
Nochmal zurück zu Christian Vander: Er war für Michael Zetterer eine Art Ziehvater, wird überhaupt von vielen Seiten für seine Arbeit gelobt. Was zeichnet Ihre Beziehung aus?
Er weiß ganz genau, was ich wann brauche oder wann ich auch mal in Ruhe gelassen werden muss. Er hat ein sehr gutes Gespür und ich fühle, dass er für mich und meine Leistung das Optimum herausholen möchte. Wir verstehen uns richtig gut.
Trotzdem: Wenn der Torwarttrainer so einen engen Draht zum vorherigen Stammkeeper hatte, gibt es dann nicht automatisch Gedanken wie „Ich habe da eh keine Chance. Die verstehen sich so gut, dass er sich nie für mich entscheiden wird“?
Das Gefühl hatte ich nie. Ich wusste natürlich, dass sie sich gut verstehen – aber ähnlich gut verstehen auch wir uns. Ich hatte immer den Eindruck, dass „Kiki“ jeden Torwart gleich gesehen und ihn gefördert hat.
Erst Michael Zetterer, jetzt Karl Hein: Wie schafft man es eigentlich, mit jemandem gut auszukommen, der einem den Job wegnehmen will?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass beide tolle Menschen sind. Selbst wenn wir vielleicht keine besten Freunde werden, können wir doch trotzdem ein gutes Verhältnis haben. Und es ist zu spüren, dass der eine den anderen besser macht.
Mio Backhaus im DeichStube-Interview über „Herzensverein“ Werder Bremen und Transfergerüchte um den FC Barcelona
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Markus Kolke als dritter Torwart?
Er hat mir schon im letzten Jahr sehr geholfen, als ich vielleicht mal den einen oder anderen nicht so schönen Tag hatte. „Kolle“ verfügt über so viel Erfahrung, das hilft mir enorm weiter. Aus Spaß sage ich manchmal „Onkel Markus“ zu ihm, weil er so eine große Rolle für mich spielt und mir so viel hilft.
Als 14-Jähriger sind Sie damals zu Werder gekommen, haben hier sportlich und auch privat vieles erlebt. Was bedeutet Ihnen der Verein?
Das ist mein Lieblings-, mein Herzensverein. Wenn ich hier in der Nähe des Stadions unterwegs bin, kenne ich immer mindestens drei Leute, die mir über den Weg laufen. Ich bin hier aufgewachsen, bin dem Verein und vielen Leuten, die hier arbeiten, unglaublich dankbar. Für mich ist das gerade ein großer Traum, den ich hier leben kann. Das kann man mit keinem anderen Verein vergleichen, denn für keinen anderen empfinde ich so.
Es gab viele Spekulationen um Ihre Zukunft, ehe Sie den Vertrag bei Werder im Sommer verlängert haben. Wenn sie derart vom Verein schwärmen: Gab es überhaupt Überlegungen woanders hinzugehen?
Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht und mit vielen Leuten über meine Zukunft gesprochen, aber dann habe ich auch schnell eine Entscheidung getroffen. Ich wollte hierbleiben und unbedingt um meinen Platz kämpfen. Das hat mich angetrieben, den neuen Vertrag zu unterzeichnen. Eine erneute Leihe kam für mich nie in Frage.
Zuvor wurde von einem Interesse des FC Kopenhagen berichtet, viel früher machte sogar der Name FC Barcelona die Runde. Was macht das mit einem jungen Spieler, wenn man mit solchen Clubs in Verbindung gebracht wird?
Erst einmal hat es mich gefreut. Aber ich wusste auch, dass ich mich nicht großartig damit beschäftigen muss, solange es nicht auch etwas Konkretes gibt. Deswegen bin ich da relativ entspannt gewesen.
Hat Barca denn jemals richtig angeklopft? Kennt man dort Ihren Namen?
Das weiß ich nicht. Wer weiß. Aber da müsst ihr eher meinen Berater fragen.
Wie sehr baggert der japanische Verband eigentlich an Ihnen?
Wir haben eine gute Kommunikation, alle Seiten wissen, was Sache ist – auch der DFB. Wenn ich im November eingeladen werde, reise ich erstmal wieder zur deutschen U21, alles andere sehen wir dann.
WM mit Japan? Werder Bremen-Keeper Mio Backhaus erklärt schwere Wahl der Nationalmannschaft
Im nächsten Jahr findet die WM in den USA, Mexiko und Kanada statt. Wäre es als Teil des japanischen Teams für Sie nicht einfacher, an solch einem Turnier teilzunehmen?
Selbstverständlich ist das für mich hochinteressant und ich hatte auch schon Gedanken an die WM – sie wird mich bei der Entscheidungsfindung aber nicht beeinflussen. Aktuell steht für mich Werder an erster Stelle, hier möchte ich erst einmal Woche für Woche performen. Im November nach Japan zu fliegen, vielleicht Spiele zu machen, dann zurückzukommen und vielleicht nur zwei Tage Vorbereitung auf das nächste Bundesligaspiel zu haben – diesen Stress will ich mir gerade einfach nicht geben. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum ich jetzt sage: Vielleicht ist es noch nicht Japan. Aber auch, weil ich mich beim deutschen Verband sehr wohlfühle.
Fällt die Entscheidung auch so schwer, weil sie für das ganze Leben ist?
Ja, ganz genau. Wenn man sich für das eine Land entscheidet, dann entscheidet man sich automatisch gegen das andere. Das ist für mich ungemein schwierig. Dazu fühle ich mich einfach noch nicht bereit.
Wie lange können sie die Entscheidung denn hinauszögern?
Bis der richtige Moment gekommen ist.
Nochmal zurück zu Keke Topp. Sie sind seit Jahren mit ihm befreundet, er hat uns einmal erzählt, dass Sie wahrscheinlich mit ihm am häufigsten über die eigene sportliche Zukunft reden würden. Jetzt können Sie es ja verraten: Was hat er Ihnen damals geraten? Gehen oder bleiben?
Er hat mir keinen Ratschlag in die eine oder andere Richtung gegeben. Keke hat mir einfach Dinge mitgegeben, die ihm in einer vergleichbaren Situation wichtig wären. Das habe ich dann natürlich auch in meine Entscheidungsfindung mit einbezogen.
Und was raten Sie ihm jetzt, wo er mit einem Winter-Wechsel in Verbindung gebracht wird?
Dass er die beste Entscheidung für sich trifft. (grinst) Aber ich persönlich würde ihn natürlich gern hierbehalten.
Warum passt es so gut zwischen Ihnen und Topp?
Wir kennen uns schon lange – und damit lange genug, um auch über solche Themen zu sprechen. Wir sind insgesamt brutal ehrlich zueinander, was natürlich auch viel an Keke liegt, der im Prinzip alles sagt, was er denkt. Man kann aber auch einfach mal Blödsinn zusammen in der Kabine machen. Es gibt da einen guten Mix bei uns. (mbü)
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