Werder-Co-Trainer im Interview

„Mio darf noch die eine oder andere Kante entwickeln“: Werders Torwart-Trainer Vander im Interview über Zetterer-Abgang und Backhaus-Zukunft

Christian Vander, Torwart-Trainer des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über den Abgang von Michael Zetterer und die Zukunft von Mio Backhaus!

Bremen – Ganze zehn Jahre lang begleitete Christian Vander als Torwarttrainer beim SV Werder Bremen Keeper Michael Zetterer. Schon zuvor kannten sich beide aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der deutschen U20-Nationalmannschaft und pflegen seither ein vertrautes Verhältnis. Nach Zetterers Wechsel zu Eintracht Frankfurt nahm sich Vander ausführlich Zeit für ein Interview mit der DeichStube – über den Transfer und gemeinsame Tränen beim Abschied. Zudem erklärt der 44-Jährige, weshalb der Schlussmann gegen Bielefeld noch gespielt hat, wie Werders weitere Torwart-Planung aussieht und warum Mio Backhaus den Schritt zur Nummer eins verdient hat.

Herr Vander, Sie sind seit 2014 als Torwarttrainer bei Werder tätig. Inwiefern ist dies die turbulenteste oder aufregendste Vorbereitung, die Sie seither miterlebt haben?

Ich würde die Vorbereitung überhaupt nicht als turbulent oder aufregend bezeichnen. Natürlich hatten wir mit Blick auf die Verletztenlage bisher viel Pech. Was die Torhüter betrifft, hatten wir auch in der Vergangenheit schon Szenarien, in denen wir kurzfristig reagieren mussten. Daher waren wir auch auf alle Eventualitäten gut vorbereitet und der Sommer eher „business as usual“.

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Sie waren also schon länger darauf eingestellt, dass ein Zetterer-Abgang in diesem Sommer möglich sein könnte?

Es ist kein Geheimnis, dass der Verein Transfererlöse erzielen möchte. Dass Zetti zudem einen Markt hat, war allen sehr früh bewusst. Außerdem haben wir in den vergangenen zwei Jahren planmäßig versucht, Mio Backhaus Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Unter anderem deshalb haben wir ihn damals auch verliehen.

Von außen betrachtet hat der Zeitpunkt – so kurz vor dem Bundesliga-Start und unmittelbar nach der öffentlichen Bekanntgabe, dass er die neue Nummer eins ist – für viel Wirbel gesorgt. Können Sie diese Unruhe nachvollziehen?

Ich habe auch schon gelesen, dass alles sehr chaotisch abgelaufen sein soll. Das ist absoluter Quatsch. Wir sind im Leistungsfußball und hatten zwei richtig gute Torhüter. Dennoch ist Zetti mit einem Vorsprung in die Vorbereitung gegangen, den er sich erarbeitet hat. Deshalb hätte er auch gespielt, wenn er hiergeblieben wäre. Gleichzeitig war unsere Kommunikation mit Mio zu jeder Zeit sehr transparent. Er hat die Leistungsunterschiede selbst so gesehen. Intern war deshalb überhaupt nichts unklar. Speziell an der Situation ist einzig, dass wir am Wochenende direkt gegen Frankfurt spielen – auf den Spielplan haben wir aber keinen Einfluss.

Christian Vander (links), Torwart-Trainer des SV Werder Bremen, spricht im Interview mit DeichStube-Reporter Bjarne Voigt (rechts) über den Abgang von Michael Zetterer und die Zukunft von Mio Backhaus!

Werder Bremens Christian Vander: „Ich hatte nullkommanull das Gefühl, dass es für Mio schwierig oder eine große Belastung war“

Wie haben Sie die beiden Torhüter in den letzten Tagen und Wochen erlebt?

Ich hatte nullkommanull das Gefühl, dass es für Mio schwierig oder eine große Belastung war. Bei Zetti war aufgrund der verschiedenen Angebote zuletzt natürlich viel Stressresistenz gefragt. Dennoch gab es intern immer eine offene Kommunikation, weshalb ich die Situation nicht als unruhig empfunden habe.

Sie begleiten Michael Zetterer nun seit über zehn Jahren. Was bedeutet sein Abgang für Sie persönlich?

Natürlich hat mich das sehr mitgenommen. Das war damals bei Jiri Pavlenka aber ähnlich. Wenn man so lange zusammenarbeitet, entsteht mehr als eine reine Trainer-Spieler-Bindung. Bei Zetti war das noch einmal intensiver, da ich ihn bereits aus der U20-Zeit beim DFB kenne und auch seine schwere Verletzung damals hautnah miterlebt habe – als es so aussah, als könnte es mit dem Fußball vielleicht gar nicht mehr weitergehen. Ein solcher Abschied berührt einen persönlich sehr, aber am Ende gehört das eben zum Geschäft.

Wann hat er Sie endgültig über seine Entscheidung informiert?

Da ich Individualtrainer bin, spreche ich täglich mit meinen Jungs. Wir gehen auch mal einen Kaffee trinken, um persönlicher ins Gespräch zu kommen. Deshalb wusste ich schon früher, in welche Richtung es bei ihm gehen könnte. Die jüngsten Entwicklungen waren für mich also keine große Überraschung mehr. Als sich die Vereine dann final geeinigt hatten, haben wir uns aber noch einmal länger in den Arm genommen – und da floss auch ein kleines Tränchen.

Stichwort Tränen: Es waren herzzerreißende Szenen, als Michael Zetterer nach dem Bielefeld-Spiel bitterlich vor der Werder-Kurve geweint hat. Wie haben Sie ihn rund um dieses Spiel erlebt?

Wir haben am Spieltag im Hotel noch einmal sehr lange gesprochen, da ich nicht genau wusste, wie er mit der Situation umgeht. Wie bereits gesagt, hat Zetti speziell in den letzten Wochen eine außergewöhnliche Stressresistenz entwickelt. Seine Leistung im Spiel hat für sich gesprochen. Und seine Tränen zeigen einfach, was Werder für ihn bedeutet. Das ist hier eben nicht nur ein Arbeitgeber, sondern auch ein Stück Heimat und Gefühl. Das hat man in diesem Moment gemerkt – und ich finde es schön, dass es so etwas heutzutage im Fußball noch gibt.

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Werder Bremens Torwart-Trainer Christian Vander über Mio Backhaus: „Wir sind von ihm und seinen Fähigkeiten absolut überzeugt“

Sie haben es vorhin schon kurz angedeutet: Können Sie noch einmal erklären, was Sie im Trainerteam dazu bewogen hat, Zetterer zuvor als Nummer eins zu bestätigen?

Er hat eine sehr starke Vorbereitung gespielt und war im letzten Testspiel gegen Udinese ein kleines Stück besser als Mio. Dazu fallen andere Führungsspieler aufgrund von Verletzungen aus. Für uns war es die logische Konsequenz, auf den erfahreneren und gefühlt etwas sichereren Weg zu setzen.

Gab es Überlegungen, ihn angesichts des bevorstehenden Abgangs gegen Bielefeld nicht mehr einzusetzen?

Nein, das stand für uns nie zur Debatte. Außen wird es schnell so dargestellt, als herrsche bei uns Unruhe, aber intern wusste jeder genau, woran er ist. Deshalb konnte Zetti in Bielefeld auch so spielen, wie er gespielt hat. Und genauso konnte Mio am Samstagmorgen gegen Osnabrück seine Leistung bringen – weil alle die ganze Zeit über die neuesten Entwicklungen informiert waren.

Richten wir den Blick auf die Zukunft: Im Tor wird bei Werder nun Mio Backhaus stehen. Können Sie bestätigen, dass er die neue Nummer eins ist?

Er startet als Nummer eins in die Saison. Genauso wie es bei Zetti gewesen wäre, liegt es dann am Spieler selbst, wie lange er diesen Status behält. Unser Glaube an ihn ist aber sehr stark. Ich bin ein großer Freund von Leistungsprinzip und Konkurrenz – und die wird Mio auch an die Seite gestellt bekommen. Trotzdem muss man festhalten: Mio hat seit der U14 im Verein riesige Schritte gemacht und ist jetzt absolut bereit, im Weserstadion mit voller Unterstützung aufzulaufen. Deshalb haben wir ihm auch die erste Halbzeit gegen Udinese gegeben, damit er dieses Gefühl schon einmal erleben kann, mit den Einlaufkindern ins Stadion zu gehen. Man hat gemerkt, dass ihn das sehr bewegt hat, weil es immer sein Traum war. Wir sind von ihm und seinen Fähigkeiten absolut überzeugt – und diese Überzeugung werden wir auch nicht verlieren, wenn er mal einen Fehler machen sollte. 

Werder Bremens Christian Vander über Mio Backhaus: „Er ist ein sehr lieber, hilfsbereiter und ein Stück weit auch demütiger Mensch“

Inwiefern lassen sich die beiden Torhüter Mio Backhaus und Michael Zetterer miteinander vergleichen?

Man sollte Mio nicht direkt mit Zetti vergleichen. In manchen Bereichen ist er womöglich schon besser. Aber was das Spiel mit dem Ball am Fuß angeht, wird es sehr schwer, jemanden zu finden, der Zetti das Wasser reichen kann. Das liegt nicht an Mio, sondern daran, dass es international generell kaum jemanden gibt, der in diesem Bereich besser ist. Natürlich kann sich Mio hier noch weiterentwickeln – und das hat er in den vergangenen Jahren bereits getan. Wenn seine Entwicklung mit der Spielerfahrung in den Pflichtspielen so weitergeht, dann kann das richtig gut werden.

Was macht Backhaus Ihrer Meinung nach schon richtig gut – und wo hat er noch Luft nach oben?

Er hat alle Werkzeuge für einen richtig guten Torwart. Sowohl in der Ziel- als auch in der Raumverteidigung ist er bereits auf Top-Niveau. Außerdem kann er mittlerweile mit beiden Füßen aktiv das Aufbauspiel gestalten. Jetzt geht es für ihn in erster Linie darum, in Pflichtspielen Erfahrungen zu sammeln und zu wissen, was in welchen Momenten gefragt ist. Das kann der entscheidende nächste Baustein in seiner Entwicklung werden.

Wie glauben Sie, wird er mit dem Druck umgehen, in so jungen Jahren Bundesliga-Stammtorwart zu sein?

Ich denke, dass es gar nicht so viel mit ihm macht. Er hat bereits in Volendam in der ersten niederländischen Liga gespielt und kennt aus der vergangenen Saison zudem die Bundesligastadien. In unserer Arbeit versuche ich es immer so herunterzubrechen, dass es keinen Unterschied macht, ob man die Handschuhe auf Platz 11, im Training oder im Stadion in Frankfurt anzieht. Wir wollen jeden Tag unsere bestmögliche Leistung abrufen. Ob die Atmosphäre dann etwas mit ihm macht, wird man erst beantworten können, wenn er die Spiele absolviert hat. Da ich aber viele seiner Partien in den Niederlanden live gesehen habe, glaube ich nicht, dass es ein Problem sein wird – ich habe ihn immer sehr stabil und präsent erlebt.

Wie würden Sie ihn allgemein als Typen beschreiben?

Er ist ein sehr lieber, hilfsbereiter und ein Stück weit auch demütiger Mensch. Für das Positionsprofil Torwart darf er im Laufe der Zeit sicher noch die eine oder andere Ecke und Kante entwickeln. Aber es ist völlig normal, dass das mit 21 Jahren noch nicht vollständig ausgeprägt ist.

Werder Bremens Torwart-Trainer Christian Vander im Interview: „Mio Backhaus muss seine Entwicklungsschritte weitergehen“

Bekanntlich sucht Werder noch nach einem zweiten Torwart. Nach welchem Profil halten Sie Ausschau?

Wir suchen vom Profil her einen Konkurrenten für Mio, der sich im täglichen Training noch weiterentwickeln möchte. Ich arbeite gerne mit Jungs, die noch nicht am Ende ihrer Entwicklung stehen, die hungrig sind. Mir gefällt es, wenn in der Torwartgruppe eine gewisse Dynamik entsteht, wenn man sich auch mal gegenseitig beäugt – das stachelt alle noch einmal zu ein paar Prozent mehr an.

Wenn Sie von Konkurrent sprechen, meinen Sie damit, dass der neue Torwart zunächst die Herausforderer-Rolle einnimmt?

Das ergibt sich allein schon durch das Timing, da Mio die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert hat. Der neue Torwart muss das Team erst einmal kennenlernen, hat dann aber die klare Aufgabe, sich zu beweisen und das Maximum aus sich herauszuholen. Gleichzeitig muss Mio seine Entwicklungsschritte weitergehen – in dem Wissen, dass er sich nicht ausruhen kann.

Neben Mio haben Sie mit Stefan Smarkalev ein weiteres junges Torwart-Talent im Verein. Wie bewerten Sie seinen aktuellen Leistungsstand?

Er bringt bereits diese natürliche Autorität und ein Stück weit auch Arroganz mit, die man als Torwart braucht. Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und kann inzwischen auch sehr gut mitspielen. Dennoch muss er erst den Schritt vom Junioren- in den Seniorenbereich meistern. Deshalb ist er in dieser Saison fest für die U23 eingeplant. Dort soll er sich beweisen – und in wenigen Jahren wird man sehen, ob er der nächste Kandidat sein kann oder nicht.

Zum Abschluss mit Blick auf das Frankfurt-Spiel, in dem Zetterer sehr wahrscheinlich auf der anderen Seite stehen wird: Was trauen Sie ihm für einen weiteren Weg zu?

Unsere gemeinsame Zielsetzung im vergangenen Jahr war es, dass er Nationaltorwart wird. Das haben wir, auch wenn er einmal auf Abruf stand, knapp verpasst. Ich bin aber überzeugt, dass er dieses Ziel erreichen kann, wenn er gesund bleibt und in einem neuen Umfeld vielleicht sogar noch ein paar Prozent mehr herausholt. Auch wenn es in Frankfurt ein harter Konkurrenzkampf um Einsatzzeiten sein wird, halte ich die Nationalmannschaft nach wie vor für sein nächstes logisches Ziel. (bvo)

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