Vor Werder gegen Hoffenheim

„Es war dort gefährlich“: Werder-Neuzugang Rafael Borré im DeichStube-Interview über seine Kindheit, das Salutieren und Mathematik

Rafael Borré im Gespräch mit DeichStube-Reporter Daniel Cottäus: Der Stürmer hat mit dem SV Werder Bremen viel vor.
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Rafael Borré (re.) im Gespräch mit DeichStube-Reporter Daniel Cottäus: Der Stürmer hat mit dem SV Werder Bremen viel vor.

Bremen – Mit Rafael Borré sind beim SV Werder Bremen große Hoffnungen verknüpft. Nach dem Abgang von Niclas Füllkrug zu Borussia Dortmund soll der Kolumbianer möglichst zum neuen Torlieferanten werden. In bisher drei Einsätzen hat der Leihspieler von Eintracht Frankfurt bereits einmal getroffen, seinen speziellen Jubel erklärt der 28-Jährige nun im Interview mit der DeichStube. Außerdem spricht Borré über Bandenkriminalität in Kolumbien, seine Vorliebe für Zahlen, die beste Fußballzeit seines Lebens – und über den Wunsch, nicht nur ein Jahr lang bei Werder zu bleiben.   

Herr Borré, wann immer Sie ein Tor schießen, salutieren Sie in Richtung Tribüne. Was steckt hinter diesem Torjubel?

Zum ersten Mal habe ich so gejubelt, als ich noch für River Plate in Argentinien gespielt habe. Wegen meines Onkels Rafael, er hat den gleichen Vornamen wie ich, habe ich als Kind mit dem Fußballspielen angefangen. Auch deshalb ist er ein ganz wichtiger Mensch für mich. Weil er damals seinen Militärdienst in Kolumbien abgeleistet hat, habe ich beim Jubeln salutiert, um ihm das Tor zu widmen. Das kam auch bei den Fans gut an, deshalb habe ich es bis heute beibehalten.

Also ist jeder Torjubel von Ihnen ein kleiner Gruß in die Heimat…

Ja, absolut. Ich denke sehr gerne an meine Kindheit und Jugend in Kolumbien zurück und freue mich immer, wenn wir mit der Nationalmannschaft in meiner Heimatstadt Barranquilla (mit 1,3 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Kolumbiens, Anm. d. Red.) spielen. Dann kommen die ganzen Bilder von früher wieder, und das genieße ich sehr.

Lassen Sie uns gerne daran teilhaben. Was sind das für Erinnerungen?

Ich bin in einem schwierigen Viertel aufgewachsen. Man kann schon sagen, dass es dort gefährlich war. Mein Onkel hat damals Fußballturniere organisiert, da war ich immer gerne dabei, auch wenn ich anfangs nur die Taschen tragen oder Balljunge sein durfte. Als ich größer wurde, durfte ich auch mal einspringen, wenn jemand gefehlt hat. Fast jede Straße hatte ihr eigenes Fußballteam, die Rivalität untereinander war sehr groß.

Rafael Borré im DeichStube-Interview: Bei Werder Bremen muss jeder Spieler erst seine Rolle finden

Das klingt nach echter Fußballromantik! Aber wenn Sie sagen „schwieriges, gefährliches Viertel“ – wie hat sich das geäußert? Kolumbien ist international bekannt für seinen Drogenkrieg, für eine hohe Kriminalitätsrate. Haben Sie das zu spüren bekommen?

Eines der größten Probleme, das in Kolumbien in dieser Hinsicht vorherrscht, ist die Bandenkriminalität. Schlägereien, Raubüberfälle, Einschüchterungsversuche, das war auch in meinem Viertel früher an der Tagesordnung. Ich persönlich habe davon als Kind und Jugendlicher nicht besonders viel mitbekommen. Auch später, als bekannter Fußballer, bin ich nie in so etwas hineingeraten. Meine Familie musste da zum Glück keine schlechten Erfahrungen machen.

Ihr Vater Ismael arbeitet in Barranquilla als Mathematik- und Physiklehrer. Haben Sie auch einen besonderen Hang zu Zahlen und Formeln?

Ja, tatsächlich. Während meiner Schulzeit sind mir diese Fächer immer relativ leichtgefallen. Ich hatte aber natürlich auch den Vorteil, dass ich zu Hause einen Lehrer hatte, der mir bei Fragen sofort helfen konnte.

Das heißt, sollte einer Ihrer Mitspieler bei Werder mal Hilfe bei der Steuererklärung benötigen, könnten Sie einspringen?

(lacht) Irgendwie könnte ich sicherlich helfen. Ob das am Ende wirklich zielführend ist, weiß ich nicht. Aber meine Hilfe anbieten würde ich.

Bleiben wir bei Zahlen, kommen aber zum Sportlichen: Nach sechs Spieltagen hat Werder sechs Punkte auf dem Konto. Ist das gut? Zu wenig? Im Rahmen der Möglichkeiten?

In der Mannschaft gab es einen größeren Wandel, da muss jeder Spieler seine Rolle erst finden. In dieser Phase befinden wir uns gerade. Ich habe nicht das Gefühl, dass es im Team an Motivation und Engagement fehlt. Alle wollen unbedingt erfolgreich sein.

Beim 2:4 in Darmstadt ist das zuletzt nicht gelungen. Sie sind bereits nach der ersten Hälfte ausgewechselt worden. Wie gehen Sie mit so etwas um?

Ich habe es ganz ruhig aufgefasst, denn ich habe in Darmstadt nicht gut gespielt. Das muss ich einfach selbstkritisch sagen. Dann ist es auch in Ordnung, wenn ich in der Halbzeit ausgewechselt werde.

Rafael Borré im DeichStube-Interview: Darum will ich gerne länger bei Werder Bremen bleiben

Bei Ihrer Vorstellung als Neuzugang haben Sie kürzlich gesagt, dass Sie gerne länger bei Werder bleiben würden als nur diese eine Saison, die Sie Eintracht Frankfurt nach Bremen ausgeliehen hat. Warum ist das wichtig für Sie?

Ein Jahr ist eben kein besonders langer Zeitraum. Ich würde gerne länger bei Werder sein, weil ich mich dann mehr an der Entwicklung des Vereins beteiligen könnte. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich kann mit der aktuellen Situation auch gut leben. Aber über den nächsten Sommer hinaus noch bei Werder zu spielen, würde mich freuen.

Mit Frankfurt haben Sie 2022 die Europa League gewonnen, im Finale gegen die Glasgow Rangers haben Sie den entscheidenden Elfmeter verwandelt. Bei der Eintracht müssten Sie eigentlich Legendenstatus genießen, und trotzdem wurde nicht mehr mit ihnen geplant. Warum?

Ich wollte auf jeden Fall mehr Spielzeit haben als zuletzt in Frankfurt, wo Randal Kolo Muani in der vergangenen Saison gesetzt war. So oft draußen zu sitzen, hat mich frustriert. Noch so ein Jahr wollte ich definitiv nicht erleben. Deswegen kam der Impuls zum Wechsel auch mit von mir. Bei meinem Abschied gab es kein böses Blut, alle haben mit offenen Karten gespielt.

Sie sind bereits 2016 zum ersten Mal nach Europa gewechselt, von Deportivo Cali zu Atlético Madrid, das sie umgehend zum FC Villareal verliehen hat. Nur ein Jahr später ging es zurück nach Südamerika. Warum hat es mit dem ersten Europa-Anlauf nicht geklappt?

Ich war damals noch sehr jung. Meine Konkurrenten im Sturm hießen bei Atlético damals Antoine Griezmann, Jackson Martinez und Kévin Gameiro. Das sind unglaubliche Fußballspieler, an denen ich mit meiner damaligen Erfahrung und Qualität nicht vorbeigekommen bin. Bei Villareal lief es auch nicht viel besser. Ich war einfach noch nicht reif genug für Europa. Deswegen habe ich mich 2017 zur Rückkehr nach Südamerika entschieden.

Sie sind zum argentinischen Topclub River Plate gewechselt, haben in 149 Spielen 56 Tore geschossen und 2018 die Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant der Champions League, gewonnen. Die bisher beste Zeit Ihrer Karriere?

Ja! Insgesamt haben wir acht Titel gewonnen, haben viel international gespielt. Daran bin ich gewachsen. Unter Trainer Marcello Gallardo habe ich den für mich idealen Spielstil entwickelt. Das hat mich gut auf den zweiten Anlauf in Europa vorbereitet.

Der folgte dann 2021 mit dem Wechsel nach Frankfurt. Obwohl Sie als Stammspieler bei River Plate hohes Ansehen genossen, haben Sie ihren Vertrag nicht verlängert. Warum?

Wir hatten mit River Plate alles gewonnen, was man so gewinnen kann. Da war es für mich Zeit für ein neues Kapitel, für neue Ziele. Außerdem hatte ich mit Europa ja noch eine Rechnung offen (lacht).

Rafael Borré: „Als ich mich für Werder Bremen entschieden habe, war mir natürlich bewusst, dass es hier nicht vorrangig um Titel gehen würde“

Stichwort Titel: Als Werder Bremen 2009 seinen bis dato letzten geholt hat, waren Sie 13 Jahre alt. Und auch aktuell spricht nicht unbedingt viel dafür, dass Sie ihrer Sammlung in Bremen eine Trophäe hinzufügen können. Wie stellen Sie sich auf die neue sportliche Realität, den Abstiegskampf, ein?

Als ich mich für Werder entschieden habe, war mir natürlich bewusst, dass es hier nicht vorrangig um Titel, sondern um andere Ziele gehen würde. Ich sehe es aber so, dass wir mit dem Team, das wir sind, und damit meine ich nicht nur die Spieler, sondern alle Menschen im Verein, jetzt die Grundlage dafür legen können, dass Werder Bremen irgendwann in Zukunft wieder international vertreten ist.

Als Nationalspieler Kolumbiens müssen Sie regelmäßig weite Flugreisen antreten, so auch in der kommenden Länderspielpause wieder. Wie stecken Sie die Strapazen weg?

Die Reisen sind schon anstrengend, das kann man nicht anders sagen. Es sind viele Flugstunden und es ist viel Wartezeit an Flughäfen. Dazu kommt die Zeitverschiebung von sieben Stunden. Inzwischen bin ich das aber gewöhnt und kann mich darauf einstellen.

Kolumbien gilt als fußballverrücktes Land und Sie sind eines der Gesichter des Nationalteams. Was bedeutet es Ihnen, das Trikot Ihrer Nation zu tragen?

Das erfüllt mich mit unglaublichem Stolz. Wir haben ja gerade eben von Titeln gesprochen. Einen mit Kolumbien zu gewinnen, ist eine Art Lebenstraum von mir.

Herr Borré, letzte Frage: Wann sehen wir Sie im Werder-Trikot wieder salutieren?

(lacht) Ich hoffe, dass es schon am Samstag gegen Hoffenheim wieder so weit ist.

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