DeichStube-Kolumne

Taktik-Analyse: 60 Minuten Hoffnung, 30 Minuten Kopfschütteln - Werders zwei Gesichter gegen den BVB

Werder Bremen überzeugt gegen Borussia Dortmund sechzig Minuten lang durch ein starkes Pressing sowie einen riskanten Spielaufbau. Dann jedoch bricht Werder ein und verliert 0:3. Die Niederlage in der Taktik-Analyse.

Werder Bremens Start in das Jahr 2026 hatte sich leicht verschoben. Durch den Ausfall der Partie gegen Hoffenheim kam es für die Bremer zum Auftakt knüppeldick: Horst Steffens Elf musste auswärts bei Borussia Dortmund antreten. Ausgerechnet beim Tabellenzweiten sollte Werders Sieglos-Serie enden. Lange Zeit hielt sich die Bremer Elf besser, als viele erwartet hatten. Steffens Team überzeugte durch einen starken Spielaufbau und ein aggressives Pressing. Auf Niko Kovac‘ Umstellungen nach der Pause fand Werder jedoch keine Antwort und kassierte eine 0:3-Niederlage.

Werder Bremens Trainer Horst Steffen tobt beim 0:3 gegen Borussia Dortmund an der Seitenlinie.

Werder Bremens Niederlage gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: Keine Antwort auf BVB-Umstellungen

Direkt vor der Winterpause hatte Werder-Coach Horst Steffen die Dreierkette eingeführt. Auch gegen Borussia Dortmund begann die Bremer Elf mit drei Innenverteidigern. Gegen den Ball fielen die beiden Außenverteidiger weit zurück, sodass eine Fünferkette entstand. Werder Bremen verteidigte in einem klassischen 5-2-3. Auch Dortmunds Trainer Niko Kovac bevorzugt diese Formation. Er versetzte seinen etatmäßigen Stammstürmer Serhou Guirassy auf die Bank, für ihn begann Fabio Silva. Der BVB ist in dieser Saison vor allem für seinen Pragmatismus bekannt. Kovac‘ Dortmunder achten auf eine hohe Kompaktheit sowie eine gute Organisation im Spiel gegen den Ball.

In der ersten Halbzeit gelang es Werder einige Male, diese Organisation durcheinander zu bringen. Werder Bremen eröffnete das Spiel mit viel Risiko: Die Abwehrspieler ließen den Ball laufen. So lockten sie Borussia Dortmund in ein hohes Pressing. Im Anschluss spielten Bremens Verteidiger den Ball flach ins zentrale Mittelfeld. Von hier aus wollten die Bremer Tempo aufnehmen.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Bemühungen, im zentralen Mittelfeld eine Überzahl gegen den BVB herzustellen. Romano Schmid ließ sich immer wieder fallen.

Taktik-Analyse: Wie Werder Bremen sich gegen den BVB eine Überzahl erspielte

Diese Spielidee ging besonders in der Anfangsphase auf. Das lag vor allem an Romano Schmid: Werders Spielgestalter ließ sich immer wieder ins Mittelfeld fallen. So stellte er zusammen mit Jens Stage und Senne Lynen eine Überzahl her gegen Dortmunds Doppelsechs. Werder Bremen gelang es, über Schmid die erste Pressinglinie der Dortmunder zu überspielen. Im Anschluss wollte Werder das Tempo der eigenen Sturmreihe einsetzen. Justin Njinmah startete als zentraler Stürmer immer wieder hinter die Abwehr. Auch Marco Grüll sollte mit seiner Sprintgeschwindigkeit seine Gegenspieler abhängen. Später versuchte Werder, die beiden Angreifer direkt aus der Abwehr einzusetzen.

Werder Bremen hatte indes mit einem altbekannten Manko zu kämpfen: Die Stürmer setzten sich in ihren Duellen selten bis gar nicht durch. Werder spielte bis zur Mittellinie gefälligen Fußball. Dahinter scheiterten Njinmah und Grüll jedoch wieder und wieder an Waldemar Anton. Werders fehlende Durchschlagskraft bleibt auch zum Jahresauftakt 2026 das große Gesprächsthema.

Taktik-Analyse: Werder Bremen nutzt Fehler von Borussia Dortmund nicht - mangelnde Durchschlagskraft bleibt

Auch gegen den Ball zeigte Werder Bremen in der ersten Halbzeit starke Ansätze. Schmid rückte auf eine Höhe mit Grüll und Njinmah. So konnte Werder die Dreierkette Dortmunds mannorientiert anlaufen. Dahinter verteidigte Werders Doppelsechs eng am Mann. Die etwas schläfrig wirkenden Dortmunder spielten einige Fehlpässe in die Füße der Bremer Mittelfeldspieler.

Zur Halbzeit sprach vieles für Werder: Sie hatten mehr Ballbesitz gesammelt und sich die besseren Chancen erspielt. Das Problem: Es stand 0:1. Borussia Dortmund war nach einer cleveren Eckball-Variante in Führung gegangen (11.). Nico Schlotterbeck hatte sich freigestohlen, nachdem die Dortmunder mit allen Spielern im Fünfmeterraum herumgewuselt waren. Diese starke Szene genügte dem BVB zur Pausenführung.

Werder Bremens Niederlage gegen den BVB in der Taktik-Analyse: Niko Kovac‘ Umstellungen fruchten

Nach der Pause schien das Spiel zunächst so weiterzulaufen wie vor dem Abpfiff. Kovac hatte zwar seine Außenspieler Maximilian Beier und Carney Chukwuemeka angewiesen, die Flügel zu tauschen. Dies blieb jedoch ohne Effekt. Nach 63 Minuten nahm er die beiden Flügelflitzer vom Feld. Der geschmähte Guirassy kam ins Spiel. Silva wechselte auf die linke Seite, Marcel Sabitzer rückte eine Reihe weiter nach vorne auf die Rechtsaußen-Position. In der neuen personellen Konstellation entfaltete Borussia Dortmunds Angriff eine gänzlich andere Wucht: Sie spielten jetzt deutlich häufiger durch das Zentrum. Sabitzer bewegte sich einige Male auf die halblinke Seite, um hier eine Überzahl zu kreieren.

Auch defensiv agierte der BVB in der Folge wachsamer. Schmid bekam weniger Freiräume im zentralen Mittelfeld. Ein Abwehrspieler rückte weit vor, um ihn zu stellen. Häufig war dies der jeweilige Linksverteidiger. Werder Bremen konnte die entstehende Lücke auf Dortmunds linker Seite jedoch nie bespielen.

Taktik-Analyse: Werder Bremen verliert trotz ordentlicher Ansätze deutlich gegen Borussia Dortmund

Steffen hingegen zögerte lange, ehe er wechselte. Neuzugang Jovan Milosevic kam in der 69. Minute, hing jedoch in der Luft. Als es bereits 0:2 stand, wechselte Horst Steffen dreifach. Damit ging jedoch kein Formationswechsel einher. Die taktische Balance blieb unberührt. Borussia Dortmund eroberte nun mehr Bälle und griff wuchtiger an. Zumeist kamen sie über den linken Halbraum vor das Bremer Tor. Die Bremer wirkten mit jeder Minute unkonzentrierter, sodass der BVB das Ergebnis auf 3:0 hochschraubte.

Aus Bremer Sicht bleibt ein zweigeteiltes Fazit. 60 Minuten lang wusste das Team durchaus zu überzeugen. Gerade im Spielaufbau wagte der SV Werder Bremen mehr Risikobälle als zuletzt. Zugleich bestanden auch schon in dieser starken Phase altbekannte Probleme. Werder fehlt derzeit im letzten Drittel jegliche Durchschlagskraft. Nach einer Stunde zeigte die Bremer Leistungskurve rapide nach unten. Während Kovac‘ Umstellungen das eigene Spiel verbesserten, verblassten Steffens Einwechslungen. Beim finanzstarken BVB war für Werder erwartungsgemäß nichts zu holen.

Rubriklistenbild: © Andreas Gumz

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