Nach Pleite gegen HSV
Keine Niederlage wie jede andere: Werders Derby-K.o. hallt nach und offenbart schonungslos alle Schwächen
Beim SV Werder Bremen herrscht Mega-Frust nach der Nordderby-Niederlage gegen den HSV. Die Partie zeigte die Schwächen des Teams schonungslos auf. Der Nachbericht der DeichStube.
Bremen/Hamburg – Romano Schmid riss sich sein Trikot noch vor der Kabinentür vom Leib, Sekunden später waren laute Frustschreie zu hören. Amos Pieper lehnte sitzend an einer Wand und starrte ins Leere. Spieler um Spieler des SV Werder Bremen stapfte mit malmenden Kieferknochen in die Katakomben, Fußball-Chef Clemens Fritz und Trainer Horst Steffen zogen sich erst einmal für einen minutenlangen Austausch zurück, ehe das mediale Pflichtprogramm aller Beteiligten starten konnte. Starten musste. Denn Lust hatte kein Bremer mehr darauf, während im Hintergrund feiernde HSV-Kicker sangen und tanzten. Fritz machte den Anfang, knurrte ein paar Sätze in die Mikros der wartenden Journalisten und beendete den Spuk dann selbst nach etwas mehr als vier Minuten. Diese 2:3-Pleite im Nordderby, sie hatte merklich Spuren hinterlassen beim SVW. Auf mehreren Ebenen. Weil Niederlagen gegen die Hamburger grundsätzlich ein größeres Gewicht haben – und weil erneut schonungslos offengelegt wurde, woran es bei Werder krankt.
Es war vor allem eine Frage, die nach der insbesondere im zweiten Durchgang turbulenten Partie immer und immer wieder aufkam: „Hat der HSV den Sieg einfach mehr gewollt?“ Während Clemens Fritz dieser These schnell zustimmte („Hintenraus wollten es die Hamburger mehr, da war ihre Gier und Intensität höher“), wischte Coach Steffen diesen Vorwurf zunächst zur Seite. „Ach, das ist immer so einfach zu sagen. Ich glaube, dass beide Mannschaften um den Sieg gefightet haben“, meinte der 56-Jährige. „Wir sind nach dem 1:2 zurückgekommen und haben gezeigt, dass wir das hier nicht herschenken. Es geht im Fußball oft um Positionierungen und darum, ob ein Spieler gut oder nicht so gut funktioniert. Es ist ein Leichtes, hinterher die Einstellung oder Bereitschaft als Grund für eine Niederlage zu wählen, aber das kann ich heute in keiner Weise bestätigen.“
Werder Bremen schlechter als der HSV bei Zweikämpfen, Laufleistung sowie Ballbesitz - und „einen Tick zu ängstlich“
Steffen verwies noch auf die Zweikampfstatistik, die er sich anschauen wolle, denn die hatte er bei der Formulierung seiner Worte noch nicht zu sehen bekommen. Die Werte dürften ihm später nicht gefallen haben: Lediglich 37 Prozent der Duelle auf dem Platz waren an sein Team gegangen, auch bei der Laufleistung hatte seine Elf das Nachsehen (113,33 Kilometer gegenüber 114,56 Kilometern). Werder Bremen hatte zudem weniger Ballbesitz gehabt und weniger Pässe an den Mann gebracht. „Ich finde, dass wir über 90 Minuten nicht gut gespielt haben“, zeigte sich Marco Grüll selbstkritisch. „Wir haben gar nicht das auf den Platz gebracht, was wir uns vorgenommen haben. Wir müssen mit dem Ball besser sein, und vielleicht war es heute auch einen Tick zu ängstlich.“
Ein bedenkliches Urteil. Gerade für ein Nordderby. Fand offenbar auch Noch-Aufsichtsrat Dirk Wintermann, der via Instagram urteilte: „Leider war unser Team zu passiv in vielen Phasen des Spiels. Punktuell fehlte mir auch der absolute Wille in den Zweikämpfen.“ Das scheint auch Leonardo Bittencourt so gesehen zu haben, der ziemlich viel sagte, indem er gar nichts sagte – sondern lediglich ein Bild sprechen ließ. So teilte er in den sozialen Medien kurz nach dem Spiel kommentarlos eine Statistik-Grafik der DeichStube, die im Vorfeld der Partie veröffentlicht worden war. Darauf zu lesen stand: „Der Erfahrene: Von den einsatzfähigen Spielern hat nur Leo Bittencourt Bundesliga-Erfahrung mit dem HSV. Bilanz 3-1-2. Alle Siege erfolgten aber in Heimspielen (für Köln und Hannover).“ Ein unmissverständliches Signal des frustrierten Mittelfeldspielers, der seit Wochen nur noch eine Statistenrolle besitzt und auch im Volkspark nicht helfen durfte. Ob es mit ihm besser gelaufen wäre? Diese Frage wird unbeantwortet bleiben.
Punkte kaschierten zuletzt Mängel bei Werder Bremen: Bei Nordderby-Niederlage stechen Probleme hervor
Trotzdem: Es rumort bei Werder Bremen. Weil eine spielerische Weiterentwicklung nicht erkennbar ist und die Bremer deshalb meilenweit vom gewünschten Unterhaltungsfußball entfernt sind. In den Vorwochen waren es Einzelleistungen von Jens Stage oder Samuel Mbangula, die ebenso späte wie glückliche Punkte gegen Mainz oder Wolfsburg ermöglichten. Und so ganz nebenbei die ganzheitlichen Defizite kaschierten. Bleiben wie jetzt im Nordderby gegen den HSV die Zähler aus, stechen die Mängel umso mehr hervor: Es fehlt an verlässlichen sowie erkennbaren Offensivstrukturen, an denen sich die Spieler festhalten und aufrichten können. Taktische Herausforderungen des Gegners werden nur schwerlich überwunden, schnell segeln dann lange Bälle irgendwo in die andere Spielfeldhälfte. Doch dort hakt es ebenfalls. Der Kader verfügt aktuell in Keke Topp und Victor Boniface über zwei Sturmspitzen, die häufig fehlerhaft und erschreckend harmlos agieren. Vielschichtige Baustellen, die nicht im Vorbeigehen zu beheben sind und alle Protagonisten gleichermaßen in die Pflicht nehmen. Das Gesamtkonstrukt muss in die Balance gebracht werden. Sonst drohen weitere Schmerzen wie in Hamburg.
„Es tut enorm weh“, gab Jens Stage offen zu. „Wir können es besser und wollten den Fans drei Punkte schenken.“ Und Amos Pieper zürnte: „Die dümmere Mannschaft hat verloren. Wenn es 2:2 steht, ist es viel zu einfach, wie wir das Tor kassieren - bei aller Euphorie, die du nach dem Ausgleich hast. Drei Gegentore in einer Halbzeit sind zu viel, auch wenn wir Charakter gezeigt haben. Es ist eine Derbyniederlage, die mir für jeden einzelnen Bremer wehtut.“ (mbü)
Rubriklistenbild: © gumzmedia
