Werder-Pleite in der Analyse
Bremer Derbyfrust! Wieso Werder keine Antwort auf den Matchplan des HSV fand - die Taktik-Analyse
Das erste Bundesliga-Nordderby nach acht Jahren geht mit 3:2 (0:1) an den Hamburger SV. Werder Bremen kam bereits vor der Pause kaum zu Chancen. Spätestens nach der Pause fand Werder keine Antwort mehr auf den Hamburger Matchplan, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Hamburg – Derbys folgen eigenen Gesetzen: Die Fans von Werder Bremen wissen dies nur zu gut. In der Vergangenheit gab es viele legendäre Duelle gegen den Hamburger SV. Die Spiele zwischen den Rivalen wurden nicht immer über fußballerisches Können entschieden. Sobald die Partie hitzig wird, sind Leidenschaft, aber auch ein kühler Kopf gefragt.
Am Sonntagabend bot der SV Werder Bremen keine der beiden Facetten einer guten Fußballmannschaft an. Der HSV gewann beim 3:2-Erfolg nicht nur deutlich mehr Zweikämpfe, Hamburgs Trainer Merlin Polzin hatte zudem einen Plan entworfen, auf den Werder-Coach Horst Steffen mit seiner Mannschaft nie eine Antwort fand.
Werder Bremen gegen den Hamburger SV in der Taktik-Analyse: HSV hat sich etwas einfallen lassen
Werder-Coach Horst Steffen ließ seine Mannschaft im Vergleich zum 1:1 gegen den 1. FC Köln unverändert. Die Bremer wechselten erneut flexibel zwischen Fünfer- und Viererkette. Marco Grüll bewegte sich bei eigenem Ballbesitz weit nach vorne. Bei gegnerischem Ballbesitz füllte er die Abwehrkette auf. Somit spielte Werder Bremen in einer Mischung aus 4-2-3-1- und 5-2-3-System.
HSV-Coach Merlin Polzin ließ sich einen Plan einfallen, um Grülls Rolle auszunutzen. Die Hamburger spielten wie Werder Bremen eine Mischung aus 4-2-3-1- und 5-2-3-System. Ihr Scharnier zwischen den Formationen war Rechtsverteidiger Bakary Jatta: Er agierte auf derselben Seite wie Grüll. Der gambische Flügelflitzer agierte äußerst offensiv, sodass Grüll häufig weit nach hinten arbeiten musste. Der HSV wollte auf diese Weise die Bremer in eine Fünferkette drücken.
Die vornehmliche Angriffsroute des Hamburger SV führte indes über die andere Seite. Linksaußen Jean-Luc Dompé sollte den Ball an der Seitenlinie erhalten. Er bekam in der Folge Unterstützung durch seine Teamkollegen. Rechtsaußen Fabian Vieira bewegte sich dazu auf die halblinke Seite. Linksverteidiger Aboubaka Soumahoro bewegte sich Richtung Zentrum. All diese Bewegungen verfolgten ein klares Ziel: Werder Bremen sollte den Fokus auf Dompé verlieren, sodass dieser in Eins-gegen-Eins-Duelle gelangen konnte.
Werder Bremen gegen den HSV in der Taktik-Analyse: Hamburger Plan geht zunächst nicht auf
Die erste Halbzeit war bestimmt von den Versuchen des Hamburger SV, ihren Matchplan in die Tat umzusetzen. Werder Bremen verhielt sich zunächst passiv. Der HSV durfte den Ball in der Abwehr laufen lassen, ohne dass Werder allzu aggressiv anlief. Die Bremer konzentrierten sich darauf, die Passwege vom Mittelfeld in den Angriff zuzustellen.
Über weite Strecken der ersten Halbzeit gelang dies den Bremern. Der HSV sammelte zwar 60 Prozent Ballbesitz, doch die Kugel flog nur selten in den Strafraum des SV Werder Bremen. Insgesamt war das Hamburger Ballbesitzspiel zu langsam. So konnte Werder nachschieben und vermeintliche Lücken in der eigenen Defensive schließen.
Offensiv hingegen blieb Werder in der ersten Halbzeit blass. Die Grün-Weißen versuchten, das Mittelfeld schnell mit flachen oder halbhohen Pässen zu überspielen. Allerdings landeten diese Bälle fast durchgehend bei der gegnerischen Abwehr.
Der Hamburger SV störte den SV Werder Bremen zudem wesentlich früher und wuchtiger, als die Bremer dies taten. Immer wieder stellten Hamburgs Angreifer ein Mann-gegen-Mann gegen die Bremer Abwehr her. Diese wusste sich häufig nur mit einem langen Ball zu helfen. Nur in einem Spiel in dieser Saison gelangen Werder weniger erfolgreiche kurze Pässe als gegen den HSV: beim wenig überzeugenden 2:2 gegen Heidenheim.
Werder Bremen gegen den HSV in der Taktik-Analyse: Hamburger Einwechslungen haben nachhaltigen Effekt
Werder Bremen ging trotz einer passiven Spielweise mit einer 1:0-Führung in die Pause. Nach einem hohen Ballgewinn und einem schnell schaltenden Romano Schmid erzielte Jens Stage den Führungstreffer (45.). Der stachelte den Hamburger SV nach der Pause jedoch eher an. Der HSV spielte die eigenen Angriffe fortan wesentlich druckvoller und konsequenter aus. Dabei änderte Polzin nur wenig an seiner Taktik. Jatta drückte weiterhin Grüll nach hinten, auf der anderen Seite kombinierte Dompé etwas häufiger mit Vieira.
Ab der 60. Minute hatten die Hamburger Einwechslungen einen nachhaltigen Effekt auf das Spiel. Miro Muheim traute sich als Linksverteidiger wesentlich öfter nach vorne. Das eröffnete wiederum mehr Möglichkeiten für Dompé. Yussuf Poulsen beschäftigte im Strafraum die Innenverteidiger des SV Werder Bremen.
Zwei der drei Hamburger Tore fielen entsprechend von der linken Seite. Hamburgs erster Treffer (63.) hätte direkt aus Polzins Taktiktafel stammen können: Der HSV schuf auf links eine Überzahl. Die Bremer Verteidiger achteten nur auf Dompé. Der Linksaußen fand jedoch den durchstartenden Muheim. Dessen Flanke auf den zweiten Pfosten leitete Jatta in den Strafraum weiter. Genau auf diesen Angriff hatten die Hamburger eine Stunde lang hingearbeitet. Das zweite Tor des Hamburger SV erzielte Luka Vuskovic nach einem Freistoß sehenswert per Hacke (75.).
Werder Bremen gegen den Hamburger SV in der Taktik-Analyse: Werder findet gegen HSV keine Lösungen
Und Werder Bremen? Die Gäste hatten nicht so recht eine Lösung parat gegen die Hamburger Erfolgstaktik. Zwar konnte Werder zwischenzeitlich dank eines schönen Angriffs über Romano Schmid durch Justin Njinmah (75.) ausgleichen. Dies war jedoch nur ein kurzes Flackern einer kaum lodernden Mannschaftsleistung. Die Probleme auf der eigenen rechten Seite blieben bestehen, sodass auch das dritte Tor des HSV, erzielt durch Poulsen, über diese Seite fiel (84.).
Nach dem Treffer zum 3:2 zog sich der Hamburger SV weit zurück. Die Hausherren bauten eine 5-4-1-Formation am eigenen Strafraum auf. Werder Bremen war nun spielerisch gefragt. Doch es fehlte der kreative Funke, um die Hamburger Abwehr ernsthaft zu beschäftigen. Bis zum Schluss hielt Werder am eigenen 4-2-3-1-Angriff fest. Es war aber der HSV, die weiterhin sämtliche wichtigen Duelle gewannen.
Werder Bremen fand über weite Strecken der Partie keine Antwort auf den gegnerischen Matchplan. Besonders in der zweiten Halbzeit hatte Werders rechte Seite Dompé und Muheim wenig entgegenzusetzen. Der Hamburger SV dominierte das Derby nicht nur aus taktischer Sicht. Sie spulten mehr Kilometer ab, setzten mehr Sprints, gewannen deutlich mehr Zweikämpfe. Aus der langen Geschichte wissen jedoch Bremer wie Hamburger Fans: Ohne vollen Einsatz kann man ein Nordderby nicht gewinnen.
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