Remis taktisch erklärt

Last-Minute-Ausgleich erbettelt: Wie Werder die Partie gegen Köln aus der Hand gab - die Taktik-Analyse

Lange Zeit befand sich Werder Bremen gegen den 1. FC Köln auf der Siegerstraße. In der ersten Halbzeit kontrollierten die Bremer das Tempo und damit auch den Gegner. Doch nach den Einwechslungen entglitt den Hausherren die Partie. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher sucht nach Gründen für Kölns Last-Minute-Ausgleich.

Bremen - Ein Spielverlauf kann sich vollständig unterschiedlich anfühlen, je nachdem, welches Fanlager man fragt. Fans des 1. FC Köln dürften nach dem Spiel gegen Werder Bremen nur gefragt haben: War was? Die Mannschaft von Trainer Lukas Kwasniok erzielte in Bremen bereits das sechste Tor in der Nachspielzeit. Für die Kölner bedeutete der Last-Minute-Ausgleich ein stinknormaler Samstagnachmittag. Werders Fans haben sich weit mehr über den Spielverlauf geärgert. Zum allerersten Mal in dieser Saison kassierten die Bremer ein Tor in der Nachspielzeit. Der 1:1-Endstand wirft einen dunklen Filter auf die lange Zeit ansehnliche Bremer Leistung. Doch in der Schlussphase verloren die Bremer die Kontrolle über das Spiel.

Werder-Bremen-Trainer Horst Steffen gibt taktische Anweisungen an der Seitenlinie. Gegen den 1. FC Köln gab es Ende nur ein 1:1-Unentschieden.

Werder Bremen gegen 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Marco Grüll lässt sich in Fünferkette fallen

Werder-Coach Horst Steffen nahm nach der 0:2-Niederlage bei RB Leipzig keine personellen Wechsel vor. Die Bremer begannen erneut mit einer Mischung aus Vierer- und Fünferkette. Marco Grüll agierte offensiv als Linksaußen. Gegen den Ball ließ er sich in die Abwehrkette fallen. Anders als gegen Leipzig verteidigten die Bremer allerdings nicht in einem 5-3-2, sondern in einem 5-2-3. Werder Bremen reagierte damit auf die Formation des Gegners. Kölns Trainer Lukas Kwasniok schickte seine Elf ebenfalls in einem 5-2-3 auf das Feld. Der 1. FC Köln baute das Spiel aus einem 3-2-5 auf. Die drei Bremer Angreifer rückten vor, um die Kölner Dreierkette im Aufbau unter Druck zu setzen. Beide Teams neutralisierten sich in der Anfangsphase mit ihren deckungsgleichen Formationen.

Auffällig war, dass beide Teams zunächst jedwedes Risiko vermieden. Die Außenverteidiger hielten sich vornehmlich zurück. Im Pressing wagte sich keine der Sturmreihen allzu aggressiv nach vorne. Beide Abwehrreihen konnten den Ball ungestört zirkulieren lassen. Geduld und Ruhe bestimmten das Spiel. Davon zeugt die hohe Passquote von 85 Prozent auf beiden Seiten. Nach 20 Minuten hatten beide Teams erst einen Torschuss abgegeben.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen 1. FC Köln: Keke Topp hält Zuspiele - Gegner nach Standards anfällig

Besonders die Kölner achteten penibel darauf, sofort hinter den Ball zurückzukehren, nachdem Werder Bremen das Spiel flach eröffnete. Werder reagierte klug und suchte nicht den Weg mit dem Kopf durch die Wand. Immer wieder brachen sie Angriffe ab und bauten das Spiel aus der Tiefe neu auf. Keke Topp hielt Zuspiele teils sehr lange, sodass seine Mitspieler aufrücken konnten. Somit trieb Werder den Ballbesitz nach oben. Am Ende der ersten Halbzeit lag ihr Ballbesitzwert bei 60 Prozent.

Nach rund einer Viertelstunde erspielten sich die Bremer klare Feldvorteile. Sie griffen vornehmlich über die linke Seite an. Grüll bekam hier Unterstützung durch Romano Schmid. Auch der nominelle Rechtsaußen Cameron Puertas zeigte sich umtriebig. Immer wieder besetzte er freie Räume im Zentrum. Die gefährlichsten Tormöglichkeiten erspielten sich die Bremer nach ruhenden Bällen. Das 1:0 durch Marco Friedl (22.) fiel nach einer zweiten Flanke nach einem Eckball. Auch danach blieb Werder Bremen mit Eckball- und Freistoßvarianten gefährlich. Das ist die große Achillesferse des 1. FC Köln in dieser Spielzeit; kein Team hat mehr Gegentore nach ruhenden Bällen kassiert.

Die Grafik zeigt, wie sich beide Teams formativ neutralisierten. Beide Mannschaften liefen in einem 5-2-3 auf. Werder Bremen gelang es, das Spiel auf die eigene linke Seite zu lenken. Damit blieb es weit entfernt vom breit postierten Kölner Linksaußen Said El Mala.

Taktikanalyse zu Werder Bremen gegen 1. FC Köln: „Effzeh“ stellt um - Said El Mala stärker integriert

In der Halbzeitpause stellte Kölns Trainer Kwasniok um. Die Fünferkette wurde aufgelöst. Stattdessen griffen die Kölner nun in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-4-2 an. Auffällig war die Rolle der Außenverteidiger: Sie liefen nicht den Flügel entlang, sondern bewegten sich in die Mitte. Sie sollten dafür sorgen, dass Werder Bremen sich enger zusammenzieht. Der 1. FC Köln versuchte, Freiräume auf den Flügeln zu provozieren. Gerade Linksaußen Saïd El Mala sollte stärker in das Spiel integriert werden. Bislang war das Spiel an ihm vorbeigelaufen, auch weil Werder das eigene Angriffsspiel über die andere Seite aufzog.

Werder Bremen brauchte einige Minuten, um sich gegen offensivere Kölner zu sortieren. Danach verteidigten sie in einem kompakten 5-3-2. Puertas arbeitete auf der halbrechten Seite weit nach hinten mit. So konnte er bei der Verteidigung gegen El Mala aushelfen. Werder stand durch diese Umstellung etwas tiefer. Kölns Doppelsechs nutzte dies aus: Ein Sechser ließ sich fallen, um das Spiel zusammen mit den beiden Innenverteidigern aufzuziehen. Die Gäste konnten damit ihren Ballbesitzwert nach oben schrauben; nach der Pause hatten die Domstädter 60 Prozent Spielanteile. Chancen erspielten sie sich jedoch kaum.

Taktik-Analyse: Wechsel helfen Werder Bremen gegen 1. FC Köln nicht – im Gegenteil

Kwasniok warf im Verlauf der zweiten Halbzeit noch weitere Angreifer auf das Feld. Am 4-4-2 hielt er jedoch fest. Auch Werders Trainer Steffen wechselte in der zweiten Halbzeit positionsbezogen. Doch seine Einwechslungen zündeten nicht. Victor Boniface konnte die Bälle nicht so festmachen wie Topp. Samuel Mbangula offenbarte als Zehner Mängel in der Rückwärtsarbeit. Somit konnten die Kölner den Druck in der Schlussviertelstunde erhöhen. Plötzlich fand auch der bis dahin blasse El Mala ins Spiel. Werder Bremen verhinderte in der ersten Linie die Zuspiele nach Linksaußen nicht mehr so effektiv. Zugleich gab es keinerlei Entlastung mehr über die gegenüberliegende Seite. Plötzlich lief das ganze Spiel über El Malas Flügel. Mit etwas Glück und Unterstützung durch Niklas Stark erzielte der U21-Nationalspieler in der Nachspielzeit den Ausgleichstreffer.

Werder Bremen hat das Spiel selbst aus der Hand gegeben. Die Ruhe und Geduld aus der ersten Halbzeit fehlte den Bremern spätestens ab der 70. Minute. Der 1. FC Köln konnte kurz vor Schluss Angriff um Angriff fahren, bis El Mala eins seiner Kunststücke auspacken konnte. Diese kennen Kölner Fans nur allzu gut. Nun haben auch die Bremer den quirligen Außenstürmer kennengelernt. Ein Blick auf eine Partie fällt eben unterschiedlich aus – je nachdem, wer draufblickt.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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