Werder in der Taktik-Analyse
Taktik-Analyse: Leipzigs individuelle Klasse ist trotz Bremer Fünferkette zu groß für Werder
Horst Steffen lässt im Spiel gegen RB Leipzig mit einer Fünferkette verteidigen - Werder Bremen fährt über weite Strecken gut mit dieser Taktik. Warum am Ende dennoch die individuelle Klasse der Leipziger triumphierte, analysiert Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Knapp vier Jahre lang waren Werder Bremen und Ole Werner liiert. Werders Ex-Coach hat den Klub in die Bundesliga geführt und dort gehalten. Werner setzte in Bremen praktisch immer auf eine Fünferkette in der Abwehr. Die erste Amtshandlung von Nachfolger Horst Steffen lautete, die Fünferkette abzuschaffen. Unter ihm regiert die Viererkette in der Abwehr. Insofern barg Werders Date mit dem Ex am Sonntagnachmittag eine gewisse Ironie. Während Werner bei RB Leipzig die jahrelang verschmähte Viererkette spielen ließ, stellte Steffen ausgerechnet in diesem Spiel auf eine Fünferkette um. Werders Neuer stellte damit dem Ex-Coach eine Herausforderung. Am Ende entschied jedoch die individuelle Klasse die Partie.
Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Fünferkette gegen individuelle Klasse
Steffen veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum Sieg gegen den VfL Wolfsburg auf einer Position. Cameron Puertas begann anstelle von Justin Njinmah. Die größte Veränderung betraf jedoch die Position von Marco Grüll: Er begann nicht wie gegen Wolfsburg als Rechtsaußen, sondern als linker Außenverteidiger. Werder Bremen agierte nicht im gewohnten 4-2-3-1-System, sondern setzte auf ein 5-3-2.
Werder Bremen wollte damit die individuelle Klasse der Leipziger kontern. RB Leipzig setzt zwar auf ein nominelles 4-3-3. Im Spielaufbau rücken die Außenverteidiger jedoch diagonal nach vorne. Sie bieten sich im Halbraum an. Sechser Nicolas Seiwald lässt sich im Gegenzug fallen. Es entsteht im Aufbau ein flexibles 3-2-5. Leipzig möchte aus diesem System heraus die Außenstürmer einsetzen. Antonio Nusa und Yan Diomande bieten sich dazu an den Seitenlinien an. Werder Bremen wollte verhindern, dass Leipzigs Außenstürmer in Eins-gegen-Eins-Duelle gelangen. Die Fünferkette half, die Breite des Feldes abzudecken. Zugleich konnte Werder auf den Flügeln Überzahlen herstellen. Dazu rückte das Mittelfeld weit auf die ballnahe Seite. Gegen Diomande etwa bekam Grüll immer wieder Unterstützung durch Jens Stage.
Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Defensiv stabil, aber wenig Entlastung
In der ersten halben Stunde ging Werder Bremens Plan defensiv voll auf. RB Leipzig sammelte zwar 60 Prozent Ballbesitz, brach aber gegen Werders breite Fünferkette nur selten durch. Nur in wenigen Situationen gelang es Leipzig, das Spiel schnell von einer Seite auf die andere zu verlagern. So konnte Nusa einige Male Tempo aufnehmen. Dies blieb jedoch die Ausnahme. Werders Problem war in der Offensive zu verorten. Leipzig überzeugte mit einem starken Gegenpressing. Durch die eingerückte Rolle der Außenverteidiger hatten sie viele Spieler im Zentrum. Nach Ballverlusten konnten sie vorne wuchtig nachsetzen und dahinter eine Überzahl im Zentrum herstellen. Werder gelang es nur selten, sich nach Ballgewinnen spielerisch zu befreien.
Zwar versuchten die Bremer, Stürmer Keke Topp mit Pässen zu füttern. Er sollte die Kugel halten, bis seine Kollegen nachrückten. Das gelang aber nur selten. Selbst, wenn sich Topp gegen Willi Orban durchsetzen konnten, waren bereits mehrere Leipziger hinter den Ball zurückgekehrt. Werder Bremen kam selten in Kontersituationen.
Werder Bremens Niederlage gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Assan Ouedraogo bricht den Damm
So mehrten sich im ersten Abschnitt die Leipziger Abschlüsse. Werder Bremen verteidigte grundsätzlich nicht schlecht. RB Leipzig eroberte aber verlorene Bälle sofort wieder zurück. Dadurch konnten die Roten Bullen wieder und wieder Angriffe auf das Bremer Tor fahren. Zur Halbzeitpause führte Leipzig nach Schüssen 13:3. Werder-Keeper Mio Backhaus hielt jedoch selbst schwierige Bälle.
Die meisten Schüsse gaben Christoph Baumgartner und Assan Ouédraogo ab. Sie standen immer wieder frei, sobald Werder Bremen auf den Flügeln doppelte. Wenn etwa Stage weit auf die Seite rückte, konnte RB Leipzig häufig einen vermeintlich ungefährlichen Querpass in den Rückraum zu Ouédraogo spielen. Der U17-Weltmeister von 2023 fackelte nicht lange. Nach mehreren missglückten Versuchen erzielte er kurz nach der Pause Leipzigs ersten Treffer (63.).
Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen RB Leipzig: Qualität schlägt Willen
Dieser Führungstreffer kam für Werder Bremen zur Unzeit. Die Bremer Spieler waren stark in die zweite Halbzeit gestartet. Puertas und Romano Schmid boten sich etwas tiefer an. Werder spielte im Aufbau häufiger den vertikalen Pass zwischen die gegnerischen Linien. Von dort verlagerten die Bremer das Spiel heraus auf die rechte Seite. Chancen erspielten sich die Bremer nur wenige. Doch immerhin konnten sie den Leipziger Dauerdruck brechen. Zwischen dem Wiederanpfiff und dem Leipziger Führungstor verzeichnete Werder sogar ein Ballbesitzplus.
Nach Ouédraogos Treffer musste Werder Bremen offensiver agieren. Steffen tauschte in der 73. Minute die Angriffsreihe aus, hielt aber weiter an der Fünferkette fest. Die Spieler interpretierten die Formation aber offensiver als in den ersten sechzig Minuten. So lief Werder auch mal in einem 4-4-2 oder gar einem 3-4-3 an. Das eröffnete RB Leipzig Räume für schnelle Gegenstöße. Das entscheidende 2:0 fiel nach einem Eckball (80.).
Am Ende waren weder die Fünferkette noch mangelnder Einsatz Schuld an der Bremer Niederlage. In den entscheidenden Momenten ließen die Leipziger ihre individuelle Klasse aufblitzen. Werner hat Rasenballsport ein Spielsystem eingeimpft, das eine gute Struktur mit spielerischen Elementen würzt. Horst Steffen möchte seine Mannschaft auch dorthin bringen. Doch angesichts der unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten fällt ihm diese Aufgabe wesentlich schwerer als Werder Bremens Ex-Coach Ole Werner.
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