Ex-Werder-Profi im DeichStube-Interview
„Fehlt noch das Entfachen seines großen Potenzials“: Ex-Werder-Profi Harnik über Topp, das Nordderby und seinen Wechsel zum HSV
Martin Harnik spricht im DeichStube-Interview über seine Ex-Vereine Werder Bremen und den Hamburger SV, das anstehende Nordderby und das Potenzial von Keke Topp!
Bremen – Es ist schon etwas kurios: Martin Harnik spielte in seiner Karriere sowohl für den SV Werder Bremen als auch für den Hamburger SV – stand insgesamt jedoch nur in einem einzigen Nordderby auf dem Rasen, und das ausgerechnet in den intensiven Wochen rund um die vier Spiele in 19 Tagen im Jahr 2009. Dennoch kennt sich Harnik als langjähriger Bremer und gebürtiger Hamburger bestens aus, wenn es um die Brisanz des Nordduells geht. Im DeichStube-Interview spricht der 38-Jährige darüber, weshalb Werder für ihn nicht als Favorit ins Derby an diesem Sonntag (15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) geht, warum ihn beide Mannschaften in dieser Saison bislang positiv überraschen und wem er zutraut, Werders Derbyheld zu werden. Zudem spricht der Ex-Profi über seinen damaligen Wechsel von Werder zum Nordrivalen nach Hamburg – und erklärt, weshalb von Keke Topp noch mehr kommen muss.
Martin Harnik im DeichStube-Interview: „Bei Werder Bremen bin ich wirklich begeistert von Horst Steffen und seiner Art zu coachen“
Herr Harnik, mit wie viel Vorfreude blicken Sie auf das Spiel am Sonntag?
Mit sehr großer Vorfreude. Meiner Meinung nach überraschen beide Mannschaften sportlich bislang. Ich hätte beide Teams vor der Saison ein paar Plätze weiter unten gesehen. Sie haben sich im Laufe der Saison aber wirklich gut entwickelt. Der HSV spielt als Aufsteiger einen guten Fußball. Und bei Werder bin ich wirklich begeistert von Horst Steffen und seiner Art zu coachen. Nach dem Transferchaos im Sommer hätte es in Bremen kaum einen schwierigeren Start geben können. Da ziehe ich meinen Hut, wie er die Situation mit seiner ruhigen Art gemeistert hat. Da kommen vom Verhalten her sogar ein bisschen Thomas-Schaaf-Vibes rüber. Was er bislang ergebnistechnisch aus dem Team herausgeholt hat, ist herausragend.
Wo und wie werden Sie das Spiel verfolgen?
Zu Hause auf der Couch. Ich bin durch meine Expertenrolle ohnehin häufig genug in den Stadien unterwegs. Deshalb genieße ich so ein Spiel Anfang Dezember auch mal ganz gerne mit meiner Familie zusammen im Wohnzimmer (lacht).
Geht Werder für Sie als Favorit ins Spiel oder ist es ein ausgeglichenes Duell?
Für mich ist die Partie im Vorfeld ziemlich ausgeglichen. Die Werder-Spieler haben zwar deutlich mehr Bundesliga-Erfahrung, aber das ist bei so einem Derby nicht entscheidend. Es geht darum, Ruhe zu bewahren und nicht zu verkrampfen. Dazu hat der HSV den Heimvorteil. Insgesamt entscheidet sich bei so einem Spiel sehr viel im Kopf.
Ex-Werder-Bremen-Profi Martin Harnik: „Das Nordderby wird vor allem von Emotionen getragen“
Wie wichtig sind die vorherigen Wochen dabei für den Kopf? Werder kassierte am Wochenende spät den Ausgleich, der HSV gewann in der Liga in der Nachspielzeit, schied aber unter der Woche aus dem Pokal aus. Spielt das eine Rolle?
Das Spiel steht eher für sich. Natürlich tun Erfolgserlebnisse im Vorfeld gut. Aber das Nordderby ist eine Partie, die komplett unabhängig von der Tabellensituation funktioniert und vor allem von Emotionen getragen wird.
Welchen Stellenwert hat das Duell für Sie im Vergleich zu anderen deutschen Derbys?
Ich zähle es klar zu den Top-5, wenn nicht sogar zu den Top-3 in Deutschland. Ganz oben steht Dortmund gegen Schalke. Danach kommen ein paar Stadtderbys wie Hertha gegen Union oder HSV gegen St. Pauli. Ich habe als Spieler außerdem Hannover gegen Braunschweig erlebt – das war extrem hitzig. Das Nordderby steht denen aber in nichts nach, im Gegenteil: Es reiht sich ganz oben ein.
Mit Blick auf Werder: Wer hat für Sie das Zeug zum Derby-Helden?
Ganz klar Jens Stage. Er ist ein enorm wichtiger Faktor im Bremer Spiel. Er hat unglaublich gute Laufwege und ist sehr torgefährlich, weil er schwer zu greifen ist. Als Achter, der in den Strafraum nachrückt, ist er für jede Defensive kaum ausrechenbar. Dazu ist er mit seiner Mentalität ein Profi, den jede Mannschaft gerne hat.
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Martin Harnik über Werder Bremens Keke Topp: „Er muss noch etwas mehr aus seiner Komfortzone herauskommen“
Keke Topp hat aktuell im Sturm knapp die Nase vorn vor Victor Boniface, beide warten aber noch auf ihr erstes Saisontor. Was fehlt Topp noch – und was trauen Sie ihm zu?
Er ist zweifellos ein talentierter Spieler. Meiner Meinung nach muss er aber noch etwas mehr aus seiner Komfortzone herauskommen. Da spielen Themen wie das leichte Übergewicht in der Sommerpause eine Rolle. In der Phase der Karriere, in der er sich gerade befindet, passt das nicht ganz. Das passt eher zu einem 32-jährigen Max Kruse, von dem man wusste: Der ist eben ein bisschen lazy, aber am Ende liefert er trotzdem. Topp ist noch in einem Alter, in dem er liefern muss. Dass er viel Potenzial mitbringt, ist offensichtlich. Er muss gemeinsam mit dem Trainerteam herausfinden, wie sie das Maximum aus ihm herausholen können. Bei ihm fehlt mir noch das Entfachen seines großen Potenzials – ein ewiges Talent möchte niemand werden.
Fehlt Werder vorn ein verlässlicher Knipser, um höhere Ziele anzugreifen?
Es ist offensichtlich, dass ein Stürmer, der verlässlich trifft, enorm helfen würde, um in der Tabelle noch höher zu kommen. Boniface und Topp haben absolut Qualität, sie müssen sie nur konstanter zeigen. Werder hat gute Stürmer, aber sowohl die Spieler als auch das Trainerteam müssen Wege finden, endlich ihre volle Leistungsstärke zu entfachen.
Zu Ihnen: 2009 haben Sie Ihr einziges Nordderby über 90 Minuten bestritten – ausgerechnet als Rechtsverteidiger. Welche Erinnerungen haben Sie an die Partie?
Das waren damals die krassen Werder-gegen-HSV-Wochen mit vier Spielen in 19 Tagen. Ich war bei allen Partien im Kader und durfte im Bundesliga-Rückspiel starten. Das waren unfassbar intensive, aber auch erfolgreiche Wochen für uns. Für mich persönlich war es in dem jungen Alter eine großartige Erfahrung, so ein Spiel bestreiten zu dürfen. Und in meiner Erinnerung habe ich auch ein ganz gutes Spiel gemacht (lacht). Ich habe Claudio Pizarro sogar ein Tor vorbereitet – das aber leider wegen Abseits zurückgenommen wurde.
Ärgert es Sie im Nachhinein, dass Sie trotz Ihrer vielen Erlebnisse in der Karriere nur ein einziges Nordderby gespielt haben?
Ja, klar. Ich war aber auch sechs Jahre in Stuttgart und habe nie das Derby gegen Karlsruhe spielen können, weil es sich ligatechnisch nicht ergeben hat. Ärgern ist aber das falsche Wort. Ich hätte solche Spiele einfach gerne öfter bestritten.
Martin Harnik über Wechsel von Werder Bremen zum HSV: „Ein normaler Schritt war es definitiv nicht“
Wie war es für Sie 2019, direkt von Werder zum HSV zu wechseln? Gab es Bedenken oder war das für Sie ein normaler Schritt?
Ein normaler Schritt war es definitiv nicht. Ich war aber immer ehrlich: Egal wo ich war, ich habe mich immer zu 100 Prozent mit dem Verein und den Menschen identifiziert. Ich bin in meiner Wahrnehmung auch heutzutage überall noch gerne gesehen und habe nirgends verbrannte Erde hinterlassen. Dass manche Fans damit vielleicht ein Problem hatten, kann ich nicht ändern. Das hält mich aber nicht davon ab, einen Wechsel zu machen, von dem ich überzeugt bin. Deshalb bereue ich diesen Schritt auch nicht.
Hatten Sie das Gefühl, dass man Ihnen den Wechsel in Bremen übelgenommen hat?
Nein, dieses Gefühl hatte ich nicht. Sicher gab es Fans, die das nicht gut fanden. Subjektive Meinungen kann man niemandem nehmen. Objektiv betrachtet habe ich aber immer versucht, authentisch zu leben, dass ich mich jeweils voll mit dem Verein identifiziert habe.
Noch einmal zum Nordderby: Kribbelt es bei Ihnen als aktuell noch aktiver Spieler in der Oberliga Hamburg, wenn so ein Duell ansteht?
Klar, das sind Begegnungen, die man gerne noch einmal spielen würde. Emotionale Derbys machen unfassbar viel Bock. Ich bin aber auch ehrlich: Ich habe diesen Beruf so lange ausgeübt und meine Karriere mit einem sehr guten Gefühl beendet. Deshalb trauere ich dem nicht hinterher. Ein Nordderby bleibt trotzdem etwas sehr Geiles.
Wie geht das Spiel am Sonntag aus?
Ich tippe auf ein diplomatisches 1:1 (lacht). (bvo)
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