Werder schwächelt in der Offensive
Null Tor-Chancen: Eine Ausnahme oder ein Werder-Problem?
Bremen – Kein einziger Torschuss gegen den FC Bayern – das tat dem SV Werder Bremen am Samstag fast noch mehr weh als die ohnehin schon sehr schmerzhafte 0:5-Klatsche. Ganz überraschend kommt diese Nullnummer allerdings nicht. Schon in der Vorbereitung offenbarten sich Probleme in der Offensive. Eine Analyse.
In vier Bundesligaspielen hat Werder Bremen bislang vier Mal getroffen, gleichmäßig verteilt auf die Spiele in Augsburg (2:2) und Mainz (2:1). Gegen Borussia Dortmund waren die Grün-Weißen genauso wie nun gegen den FC Bayern München torlos geblieben, was angesichts der Klasse der Gegner – so fair muss man sein – keine ganz große Überraschung ist. Aber es gibt weitere Zahlen, die aufhorchen lassen – und Werders Besetzung des Angriffs gepaart mit der Verletzung von Justin Njinmah sorgen auch nicht gerade für grenzenlosen Optimismus. Die Lage ist zumindest schwierig.
Bundesliga-Vergleich: Nur der VfL Bochum und FC St. Pauli trafen seltener als Werder Bremen
Die vier erzielten Treffer bedeuten für Werder Bremen im Ligavergleich Platz 14. Nur der VfL Bochum (3 Tore) und der FC St. Pauli (1) trafen seltener. Bayern München (16) und Bayer Leverkusen (13) führen dieses Ranking wenig überraschend an. Übel ist aus Bremer Sicht der Blick auf die Rubrik „Torschüsse“, denn da hängt die Rote Laterne bei den Grün-Weißen. Nur 30 Mal haben die Grün-Weißen auf das gegnerische Gehäuse geschossen. Das ist richtig wenig. Zum Vergleich: Der 1. FC Heidenheim belegt mit 41 Torschüssen Rang 17. Direkt davor liegen Dortmund, St. Pauli und Kiel mit jeweils 46 Versuchen. An der Spitze befinden sich erwartungsgemäß Leverkusen (91) und Bayern (73).
Ganz unten stehen die Profis des SV Werder Bremen übrigens auch in den Rubriken „Gewonnene Zweikämpfe“, „Gewonnene Kopfballduelle“ und „Laufdistanz“. Dafür schaffen es die Bremer bei der „Passquote“ als Neunter immerhin in die obere Tabellenhälfte. Natürlich sind diese Statistiken nach vier Spieltagen noch mit Vorsicht zu genießen. Aber sie zeigen zumindest eine Tendenz, die den Eindruck des Sommers bestätigt. Da tat sich Werder im Spiel nach vorne oftmals sehr schwer. Mal lag es daran, dass der Weg ins letzte Drittel nicht gefunden wurde, mal fehlte die Konsequenz im Strafraum. Gegen den FC Bayern München war beides zu erkennen.
Offensive auch eine Qualitätsfrage, denn: Werder Bremen hat nicht den einen herausragenden Stürmer
Letztlich ist das natürlich eine Qualitätsfrage. Werder Bremen hat nicht den einen herausragenden Stürmer, der ein Spiel allein entscheiden kann. Marvin Ducksch trifft immerhin regelmäßig, hat die beiden vergangenen Spielzeiten mit jeweils zwölf Treffern sehr ordentlich abgeschlossen. Allerdings: In der Vorsaison waren fünf Elfmeter dabei. In der aktuellen Spielrunde benötigte Ducksch ebenfalls einen Strafstoß, um sein persönliches Torkonto zu aktivieren. Ansonsten blieb der 30-Jährige eher blass. Für das einzige Bremer Stürmertor aus dem Spiel heraus sorgte bislang Justin Njinmah in Augsburg – und ausgerechnet der schnellste Angreifer im Team fällt wochenlang wegen einer Sprunggelenksverletzung aus. Der 23-Jährige hatte nach seiner langen Ausfallzeit im Frühjahr und Problemen in der Vorbereitung endlich zu seiner alten Form gefunden. Gerade bei ihm besteht die große Hoffnung, dass er in seinem zweiten Bundesligajahr so richtig durchstartet, nachdem er bereits in der Vorsaison viele Akzente setzen konnte.
Davon sind Keke Topp und Marco Grüll noch weit entfernt. Topp startete zwar fulminant mit einem Dreierpack im DFB-Pokalspiel des SV Werder Bremen gegen Cottbus in die Pflichtspielsaison, doch da machte ihm der Drittligist das Leben als Stürmer auch ziemlich leicht. In der Bundesliga fiel es dem 20-Jährigen dann viel schwerer, sich durchzusetzen – was angesichts seines Alters und erst einer echten Profi-Saison beim Zweitligisten FC Schalke 04 nachvollziehbar ist. Ähnliches gilt für Marco Grüll, der zwar sechs Jahre älter als Topp ist, aber bislang nur in Österreich gespielt hat. Viele Alpenkicker benötigen mindestens eine Halbserie oder sogar länger, um sich an das Niveau in der deutschen Bundesliga zu gewöhnen.
Werder Bremen sollte gegen die TSG Hoffenheim und den SC Freiburg möglichst punkten, um nicht in den Keller zu rutschen
Im Angriff des SV Werder Bremen ist also Geduld gefragt, was im Profifußball durchaus ein Problem darstellt. Dieses Risiko ist der Club mit seiner Transferpolitik bewusst eingegangen – vor allem auch aus finanziellen Gründen. Der Spielplan nimmt darauf aber keine Rücksicht. Nach fünf Punkten aus vier Spielen steht Werder auch angesichts der hochkarätigen Gegner Bayern und Dortmund ganz ordentlich da, aber gegen Hoffenheim und danach gegen Freiburg sollte möglichst wieder gepunktet werden, um nicht in den Keller zu rutschen. Dazu braucht es anders als gegen den Rekordmeister unbedingt wieder Torchancen, wofür nicht allein die Stürmer verantwortlich sind. Da haben Werders Schienenspieler zumindest zeitweise schon einen guten Job gemacht. Felix Agu und Derrick Köhn konnten sich bereits in die Torschützenliste eintragen, Mitchell Weiser hat zwei Assists auf seinem Konto. Auch Romano Schmid glänzte zumindest einmal als Vorbereiter. Die Mannschaft hat durchaus bewiesen, dass sie gut nach vorne spielen kann, muss jetzt aber auch zeigen, dass diese Null-Chance-Nummer gegen den FC Bayern München wirklich nur eine Ausnahme war. (kni)