Werder in der Taktik-Analyse

Werder Bremen wagt etwas Neues: Warum Werners Umstellung auf eine Viererkette gegen Stuttgart (fast) aufging - die Taktik-Analyse

Ole Werner wich gegen den VfB Stuttgart von seiner Lieblingsformation ab - fast wäre der taktische Schachzug des Trainers des SV Werder Bremen vollkommen aufgegangen.
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Ole Werner wich gegen den VfB Stuttgart von seiner Lieblingsformation ab - fast wäre der taktische Schachzug des Trainers des SV Werder Bremen vollkommen aufgegangen.

Werder und die Fünferkette: Das gehörte in den vergangenen Jahren zusammen wie Bremen und die Weser. Gegen den VfB Stuttgart wich Ole Werner von seiner Lieblingsformation ab. Was die Gründe für die taktische Änderung waren und wieso der Schachzug des Cheftrainers des SV Werder Bremen (fast) aufging, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Bremen - Normalerweise beginnt eine Taktik-Analyse über den SV Werder Bremen stets mit denselben Worten: „Ole Werner hielt an seinem gewohnten System fest.“ Seitdem der 36-Jährige an der Weser das Traineramt inne hat, begann seine Elf nahezu jedes Spiel mit einer Fünferkette. Zwar stellte Werner im Verlauf einzelner Partien immer mal wieder um, in den vergangenen beiden Spielzeiten begann Werder jedoch kein einziges Mal mit einer Viererkette. Gegen den VfB Stuttgart (2:2) änderte der Bremer Coach sein Konzept. Er überraschte damit nicht nur Taktik-Kolumnisten, sondern auch den Gegner.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Beide Mannschaften agieren in einem 4-4-2-System

Auf dem Papier veränderte Ole Werner die Startelf aus der Vorwoche nur auf einer Position: Justin Njinmah begann gegen den VfB Stuttgart anstelle von Marco Grüll. Mit diesem Wechsel ging jedoch eine Systemumstellung einher: Njinmah lief als zweiter Stürmer an der Seite von Marvin Ducksch auf, Romano Schmid wechselte auf die Linksaußen-Position. Hinten wiederum agierte Mitchell Weiser nicht als Teil der Abwehrkette - er begann als Rechtsaußen. Werder Bremen verteidigte demnach mit zwei Viererketten im 4-4-2-System – ein echtes Novum in der Amtszeit von Trainer Werner.

Mit dieser Umstellung reagierte der Coach des SV Werder Bremen auf den Spielaufbau des Gegners. Anders als die meisten Bundesligisten baut der VfB Stuttgart das Spiel nicht aus einer Dreierkette auf. Die Stuttgarter eröffnen das Spiel zumeist aus einer Viererkette. Der VfB agiert dabei in einer Art 4-2-4-Formation: Die Doppelsechs hält sich zurück, während die vier Angreifer weit vorschieben. Auf diese Art möchte der VfB den Gegner in die Länge ziehen.

Werder Bremen konterte den Spielaufbau des VfB Stuttgart mit einem 4-4-2-System. Im Angriffspressing stellten die Grün-Weißen den Stuttgarter Spielaufbau mannorientiert zu: Überall auf dem Feld entstanden Eins-gegen-Eins-Duelle. So erhielt Werder Zugriff auf den Spielaufbau der Schwaben.

Die Grafik zeigt Werder Bremens neue Formation: Der SVW verteidigte dieses Mal in zwei Viererketten. Defensiv verteidigten die Grün-Weißen kompakt und wenn sie rausschoben, konnten sie den Spielaufbau des VfB Stuttgart mannorientiert zustellen: Jeder Gegner hatte hier einen Gegenspieler.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Kompakte Viererketten und gute Flügelverteidigung

Die Formation des SV Werder Bremen hatte jedoch weitere Vorteile: Phasenweise zogen sich die Bremer in ihrem 4-4-2 hinter die Mittellinie zurück. Der VfB Stuttgart versuchte daher, die Viererketten der Hausherren über die Flügel zu umspielen.

Die Gäste setzten dabei auf Rochaden: Auf der rechten Seite ließ sich Außenstürmer Josha Vagnoman fallen, zeitgleich startete Außenverteidiger Leonidas Stergiou nach vorne. Das Ziel: Vagnoman sollte die Verteidiger des SV Werder Bremen aus ihrer Position locken, Stergiou die entstehende Lücke besetzen. Auch auf der gegenüberliegenden Seite nutzte der VfB Stuttgart diese Rochade.

Die Abwehr des SV Werder Bremen ließ sich allerdings nicht locken, die Grün-Weißen hielten ihre Positionen. Zugleich konnten sie dank der doppelten Besetzung der Flügel die Angriffe des VfB Stuttgart über die Seiten stoppen. Dies wäre im typischen Bremer 5-2-3-System nicht so leicht möglich gewesen. Da die gesamte Bremer Mannschaft kompakt auf den ballnahen Flügel schob, geriet Werder auf den Seiten nie in Unterzahl.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Bremer Tempogegenstöße

Werder Bremen konzentrierte sich in der neuen Formation vornehmlich auf die Defensive. Nach einer Viertelstunde hatte der VfB Stuttgart mehr als 65 Prozent Ballbesitz, zur Halbzeitpause lag der Wert immerhin noch bei 60 Prozent. Der Grund: Werder wollte kompakt verteidigen, den Ball erobern und im Anschluss schnell kontern.

Njinmahs Tempo sollte Werder Bremen im Umschaltmoment dabei einen Vorteil verschaffen: Immer wieder schoss er in die Tiefe. Seine Kollegen spielten häufig bereits den ersten Pass nach der Balleroberung in die Tiefe, aber auch aus dem ruhigen Spielaufbau wagte Werder immer wieder die Tempoverschärfung. Hier war es zumeist Linksverteidiger Derrick Köhn, der immer wieder hinter die gegnerische Abwehr sprintete.

Werder erarbeitete sich mit dem neuen System Feldvorteile. Sie zwangen dem VfB Stuttgart ein kampfbetontes Spiel auf. Zugleich setzten sie mit ihrem Tempo immer wieder Nadelstiche. Die Führung durch Justin Njinmah nach wenigen Minuten war der verdiente Lohn (6.). Nur einmal ließen sich die Außenspieler des SV Werder Bremen aus der Formation locken – jedoch mit gravierenden Folgen. Niklas Stark verfolgte Linksaußen Chris Führich ins zentrale Mittelfeld. Dadurch öffnete sich die Lücke für den vorstoßenden Außenverteidiger Maximilian Mittelstädt. Dessen Flanke versenkte Ermedin Demirovic zum Ausgleich (20.).

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Bremer Vorteile im Mittelfeld und bei Standards

In der zweiten Halbzeit agierten beide Mannschaften häufiger aus einer Fünferkette. Auf Seiten des VfB Stuttgart ließ sich Vagnoman etwas tiefer fallen, bei Werder Bremen rückte Weiser eine Reihe weiter nach hinten. Beide Teams konnten dadurch die Tiefe besser absichern.

Zugleich öffneten sich durch die tieferen Rollen der Außenspieler Räume im Mittelfeld. Werder Bremen versuchte gezielt, diese Räume zu bespielen: Schmid ließ sich von der linken Seite aus häufig in den Sechserraum fallen. Das brachte die mannorientierte Defensive des VfB Stuttgart durcheinander.

Kapital schlug Werder Bremen daraus erst nach der Einwechslung von Jens Stage (67., für Bittencourt). Der wiedergenese Mittelfeldspieler startete immer wieder in die Tiefe. Er attackierte die Räume, die Schmid zuvor geöffnet hatte. Zwar landete Werders letzter Pass häufig beim VfB Stuttgart, dafür sprangen für Werder aber zahlreiche Standards heraus. Nach fast jeder Ecke und jedem Freistoß wurden die Bremer gefährlich. Stage erzielte schließlich nach einem ruhenden Ball die überfällige Führung (77.).

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Werder bestraft sich selbst

Gäste-Coach Sebastian Hoeneß reagierte sofort auf den Rückstand: Mit einem Doppelwechsel stellte er auf ein 4-1-3-2-System um. Die Angreifer des VfB Stuttgart genossen dabei viele positionelle Freiheiten, immer wieder ließen sich einzelne Spieler fallen. Das ging jedoch zulasten der Kombinationssicherheit.

Nur einen Angriff konnte der VfB Stuttgart in dieser Phase zu Ende spielen: Demirovic kochte Senne Lynen bei einem eigentlich harmlosen langen Ball ab. Mit seinem zweiten Schuss erzielte der Stürmer seinen zweiten Treffer (85.). Im Anschluss stellte der VfB wieder auf ein 4-4-2 um. Beide Teams konnten nicht mehr den Siegtreffer erzwingen, obwohl Marvin Ducksch (89.) und der Ex-Werder-Bremen-Profi Nick Woltemade (90.+5) noch je eine gute Chance verzeichneten.

Werder muss sich nach dem Spiel ärgern. Gerade nach dem Seitenwechsel hatten die Grün-Weißen gegen den VfB Stuttgart die Oberhand. Das Schussverhältnis von 15:6 im zweiten Durchgang spricht eine deutliche Sprache. Immerhin: Die Umstellung von Ole Werner auf eine defensive Viererkette ging auf – auch, wenn sie nicht mit drei Punkten belohnt wurde. Werder Bremen hat damit eine neue Variante im Gepäck.

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