DeichStube-Interview
„Die Werder-Raute ist einfach perfekt“: Experte Hardy Grüne über das Wappen im Wandel, HSV-Vergleiche und die Zukunft des Emblems
Bremen – Ein geschwungenes weißes „W“ auf grünem Grund, eingefasst in eine Raute – das ist seit rund 100 Jahren das Wappen des SV Werder Bremen. Fußballhistoriker Hardy Grüne (61), Deutschlands führender Experte für Fußballwappen, ist großer Fan des Emblems. Im Interview mit der DeichStube erklärt der Autor und Journalist, wie und warum sich das Werder-Wappen im Laufe der Zeit verändert hat, warum das Symbol den Fans heilig ist und was es der HSV-Raute voraushat.
Hardy Grüne, darf man Ihnen bei Ihrem Nachnamen eine grundsätzliche Sympathie für den SV Werder Bremen unterstellen?
Nicht aufgrund des Nachnamens, aber Sympathie für Werder Bremen habe ich tatsächlich, weil ich die Art der Arbeit seit vielen Jahren schätze. Ich finde, dass Werder ein positiver Punkt in der Bundesliga ist. Werder ist einer der wenigen Vereine, die auf dem Boden geblieben sind.
Wie gefällt Ihnen das Fußballwappen des SVW?
Die Werder-Raute ist einzigartig! Bei Fußballwappen ist es extrem wichtig, dass kein anderer Verein so etwas hat, und in modernen, digitalen Zeiten, dass es sofort erkannt wird, wenn es sehr klein abgebildet wird wie auf dem Smartphone. Das kann die Werder-Raute beides.
Das Wappen des SV Werder Bremen im Wandel: Erst Buchstaben, dann Schilde, dann das „W“ wie „Boxhandschuhe“
Werder hat im Laufe der Geschichte mehrfach sein Wappen verändert, wenn auch früher mehr als heute und zuletzt fast gar nicht mehr. Inwiefern ist das eine übliche Historie für ein Fußballemblem?
Ich würde sagen, das ist eine unübliche Historie, weil Vereine in der Regel häufiger ihr Emblem gewechselt haben als Werder. Dieses kalligrafische Ding aus Gründerzeiten ist nur auf einem Trikot aufgetaucht, das können wir vernachlässigen, das heißt, es ging mit den beiden Schilden von 1902 und 1908 los. Die sind sehr üblich für die Zeit. Dann kam 1923 schon das „W“ – damals zwar noch im Oval, aber sonst ist es ja bis heute geblieben. Das ist eine erstaunliche Kontinuität.
Das allererste Wappen scheint verschnörkelte Buchstaben zu zeigen. Was ist da eigentlich genau zu sehen?
Das ist eine ewige Diskussion. Diese Abbildung kommt von einem alten Mannschaftsfoto, da hat es der Torwart auf dem Trikot stehen. Meine Theorie ist, dass das kein offizielles Vereinswappen war. Das hat der sich einfach schön aufs Trikot gemalt. Aber das ist eine Behauptung, die kann ich nicht belegen. Darstellen soll es sicherlich die Buchstaben „FVW“ (der Verein wurde 1899 als FV Werder Bremen gegründet, Anm. d. Red.).
Vor gut 100 Jahren hat das Wappen mit dem „W“ eine Form angenommen, die der heutigen schon sehr ähnlich ist. Wo kam das neue Design damals her?
Das ist Jugendstil. Das zeichnet sich durch die dekorativen geschwungenen Linien aus. Gerade beim „W“ – das erinnert so ein bisschen an Boxhandschuhe, besonders die rechte Schwinge. Dann ist das ganze minimalistisch-funktional gehalten. Typischer Jugendstil, wunderbar gelungen. Auch der Wechsel zum Rhombus 1929 war eine schöne Sache, weil es dem Wappen nochmal eine andere Dynamik gibt.
In den 70er-Jahren ist die Raute zeitweise gestrichen und durch ein Wappen mit Bremer Schlüssel ersetzt worden. Warum hatte das keine nachhaltige Zukunft?
Das war ’71 bis ’74, da ist Werder ja auch nicht in Grün-Weiß aufgelaufen, sondern in Speckflaggen-Trikots, rot-weiß gefeldert. Das war einfach ein Dank an die Stadt Bremen, weil die dem Verein in schwierigen Zeiten finanziell unter die Arme gegriffen hat. Von den Fans ist das überhaupt nicht angenommen worden. Da haben wir ein frühes Beispiel, wie sich Fans gegen eine Wappenänderung gewehrt haben.
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Raute des SV Werder Bremen seit 100 Jahren kaum verändert - Hardy Grüne: „Weil sie einfach gut, einfach perfekt ist“
Es ging zurück zur Raute. Die ist seitdem fast gar nicht mehr angerührt worden. Warum?
Weil sie einfach gut, einfach perfekt ist. Sie steht einzigartig für Werder, ist fast schon ikonisch. Da gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu verändern. Das Wappen passt auch gut in die Moderne und für die Darstellungen, die wir heutzutage brauchen. Im Laufe der Zeit wurden die Abstände und Farben hier und da angepasst, in den 80er-Jahren kam nochmal ein zusätzlicher grün-weißer Rahmen drumherum. Diese kleinen Änderungen sind aber nicht zwingend beabsichtigt gewesen. Bei den Vereinen wird erst seit den 90ern eine offizielle Wappenpolitik betrieben, dass das Design und die Farben fest definiert sind. Vorher hat das alles etwas auf Zufall basiert.
Juventus Turin hat sich vor ein paar Jahren ein komplett neues modernes Wappen verpasst, Ajax Amsterdam geht jetzt zurück zum traditionellen Emblem und der FC Bayern hat zuletzt nur dezent an den Farben gespielt. Inwieweit sind Veränderungen von Wappen heute normal?
Früher haben Veränderungen keine große Rolle gespielt. Wenn Vereine ihre Wappen geändert haben, gab es vielleicht ein bisschen Gemurre, aber die Fans haben das weitgehend einfach hingenommen – der MSV Duisburg kommt in seiner Vereinsgeschichte auf 18 Wappen. Das hat sich sicherlich verändert im Zuge der Diskussionen über Tradition und modernen Fußball. Die Leute sind da sensibler geworden. Für die Vereine ist das zur Gratwanderung geworden.
Wird die Werder-Raute in der Zukunft nochmal verändert?
Das kann ich überhaupt nicht ausschließen. Ich glaube aber, dass das perspektivisch eher nicht passieren wird, weil ich mir relativ sicher bin, dass der Verein, wenn er die Raute drastisch verändern würde, richtig Stress mit der Fanszene bekommt – und nicht nur mit der Kurve, sondern mit der breiten Masse. Da würde ich ganz beruhigt sein, dass sich da in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht wirklich was tun wird.
Warum ist das Wappen so ein emotionales Thema?
Weil es alles repräsentiert. Das Wappen ist die Identifikationsmarke, die ich zu meinem Verein habe. Das Wappen lässt man sich auf den Körper tätowieren, das klebt man sich aufs Auto. Es ist die Klammer zwischen den Fans, daran erkennen wir uns. Das ist das Stück Verein, das ich immer mit mir herumtrage. Das schließt auch die Verbindung zur Vergangenheit und macht bewusst, dass da eine riesige Geschichte mit zig Generationen dahintersteht. Ob du jetzt bei Pico Schütz und Horst-Dieter Höttges bist oder in der Rehhagel-Zeit – jeder hat dieses Werder-„W“ getragen. Diese Kontinuität in der Vereinsgeschichte macht den emotionalen Wert aus.
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HSV hat „zeitlosestes“ Wappen, aber Werder Bremens Raute hat einen Vorteil: „Du siehst dieses ‚W‘ und kannst sofort Werder sagen“
Wenn Werder heute neu gegründet werden würde, wie würde das Wappen aussehen?
Schlimm!
Wieso? Malen Sie es uns mal bitte vor dem geistigen Auge!
Wenn heute neue Vereine gegründet werden oder fusionieren, bekommen die so komische Buchstaben-Wappen, die ganz viel Dynamik ausstrahlen sollen, aber eigentlich überhaupt keine Substanz haben. Wenn man optisch mal aufs Werder-Wappen schaut, hat das ja einen wunderbaren Halt, es hat den Rahmen drumherum, das „W“ in der Mitte, die Farben sind gut verteilt. Das ist auch ein beruhigendes Wappen vom optischen Eindruck. Das hat man heute gar nicht mehr. Da werden möglichst viele Informationen reingebaut. Oder die sind so utopisch und haben gar nichts mehr mit dem Inhalt zu tun. Früher ging man mehr vom Inhaltlichen ran, heute mehr vom Optischen. Und ich glaube, dass es dem Fußball gerechter wird, vom Inhaltlichen her ranzugehen.
In einem Interview mit dem „kicker“ haben Sie mal behauptet, der Hamburger SV hätte das zeitloseste aller Wappen. Was bitte hat dieses Wappen der Werder-Raute voraus?
Es hat noch nicht mal einen Buchstaben. Der HSV hat tatsächlich ein Wappen, das so zeitlos ist, dass es noch nicht einmal etwas mit Fußball zu tun hat. In Hamburg ist es geschafft worden, dieses Wappen so mit dem Fußballverein zu verbinden, dass das wirklich jeder erkennt. Das ist schon eine Leistung. Dann hat das auch noch einen maritimen Hintergrund mit den Seeflaggen. Insgesamt ist das eine Bravourleistung.
Was ist am Werder-Wappen trotzdem besser als an der HSV-Raute?
Die Sprache! Du siehst dieses „W“ und kannst sofort Werder sagen. Das „W“ hilft dir dabei. Dieses sprechende Wappen finde ich gelungener. Ich mag Wappen, die ein bisschen was erzählen, lieber. Beim HSV muss ich nur denken, bei Werder kriege ich zumindest das „W“ schon mal gesagt (lacht).
Das Buch „Fußballwappen“ von Hardy Grüne ist im Verlag „Die Werkstatt“ erschienen und kostet 29,90 Euro.

