Werder-Pleite in der Analyse

Die Revolution wird vertagt: Daniel Thiounes Werder-Debüt gegen Freiburg in der Taktik-Analyse

War irgendwas? Daniel Thioune verzichtet bei seinem Debüt als Trainer des SV Werder Bremen auf taktische Überraschungen. Werder spielte beim 0:1 gegen den SC Freiburg fast genauso wie in den vergangenen Wochen – im Guten wie im Schlechten. Unser Kolumnist Tobias Escher findet die Veränderungen des neuen Trainers nur im Detail - die Taktik-Analyse zum Spiel!

Trainerwechsel sind in der Bundesliga keine Seltenheit. Manche Neuankömmlinge verfahren nach der Weisheit des Mittelalter-Philosophen Niccolò Machiavelli: Wenn du die Macht ergreifst, begehe sofort die nötigen Grausamkeiten! Diese Trainer verändern ohne Rücksicht auf Verluste das Spielsystem, demontieren ehemalige Leistungsträger und beordern geschasste Profis zurück in die Startformation.

Andere Trainer gehen behutsamer vor. Werders neuer Trainer Daniel Thioune trieb dies auf die Spitze: Bei seinem Debüt als Trainer von Werder Bremen suchte man die Veränderungen mit der Lupe. Bei der 0:1-Niederlage beim SC Freiburg plagten Werder exakt dieselben Probleme wie in den vergangenen Partien unter Horst Steffen.

Daniel Thioune verzichtete bei seinem Debüt als Trainer des SV Werder Bremen auf taktische Überraschungen - die Taktik-Analyse zur Pleite beim SC Freiburg!

Werder Bremens Niederlage gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Fünferkette und Manndeckung

Dass Daniel Thioune nicht alles auf einmal umwirft, zeigte sich bereits an der Startaufstellung. Nur Stürmer Keke Topp rückte nach Werders 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach neu in die Anfangself. Samuel Mbangula saß zunächst auf der Bank. Formativ gab es eine leichte Veränderung: Topp begann als Stürmer neben Justin Njinmah. Romano Schmid rückte ins Mittelfeld. Somit lief Werder Bremen gegen den SC Freiburg in einem 5-3-2-System auf.

Der SC Freiburg begann mit einer Mischung aus Vierer- und Fünferkette. In den meisten Spielphasen agierte der Gastgeber aus einem 4-2-3-1-System. In tiefen Phasen ließ sich Rechtsaußen Jan-Niklas Beste in die Abwehr zurückfallen. Es entstand eine 5-3-2-Formation.

In den ersten Minuten setzte Werder Bremen auf ein hohes Pressing. Dazu stellten die Bremer eine Mann-gegen-Mann-Zuordnung auf dem gesamten Feld her. Die beiden Stürmer liefen die Freiburger Innenverteidiger an. Dahinter verfolgte Schmid den zurückfallenden Patrick Osterhage, während Jens Stage den etwas offensiveren Maximilian Eggestein bewachte. Der SC Freiburg befreite sich gegen das hohe Pressing der Bremer vor allem mit langen Bällen.

Werder Bremens Niederlage gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Veränderte Details im Spielaufbau

Die Anfangsviertelstunde verlief unruhig. Werder zwang die Freiburger zu zahlreichen langen Bällen. Die zweiten Bälle eroberte zumeist die aufmerksame Abwehr. Nach Ballgewinnen konnte Werder die Partie indes nicht beruhigen. Freiburg setzte auf ein aggressives 4-3-3-Pressing. Sie setzten dabei ähnlich wie Werder auf eine enge Manndeckung.

Freiburg kam aus dieser engen Phase mit einer Führung heraus. Julian Malatini patzte bei einem langen Ball, woraufhin Freiburg das Spiel schnell auf die rechte Seite verlagerte. Beste jagte den Ball in den Winkel (13.). Danach zogen sich die Breisgauer merklich zurück.

Fortan war es an Werder, das Spiel aus der eigenen Hälfte zu gestalten. Im Spielaufbau agierte Werder leicht anders als unter Steffen. Schmid spielte auf der halblinken und nicht mehr auf der halbrechten Seite. Oliver Deman rückte auf Schmids Flügel weit nach vorne. In tiefen Aufbauphasen entstand ein 4-3-3. Sobald Freiburg sich zurückzog, startete auch Rechtsverteidiger Yukinari Sugawara nach vorne. Werder stand in diesen Phasen im 3-3-4.

Die Grafik zeigt die leicht veränderte Formation des SV Werder Bremen im Aufbau. Schmid agierte gegen den SC Freiburg auf der halblinken Seite. Deman rückte bereits früh weit nach vorne, sodass ein 4-3-3 entstand. Im weiteren Verlauf rückte auch Sugawara bis in die letzte Linie, sodass ein 3-3-4 entstand.

Werder Bremens Niederlage gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Ähnliche Probleme wie unter Horst Steffen

Werder Bremen plagten in dieser neuen Aufbauvariante dieselben Probleme wie in den vergangenen Wochen. Zwar überwanden die Gäste häufig die erste Pressinglinie des SC Freiburg. Die Abwehrkette spielte immer wieder riskante, aber kluge Pässe ins Mittelfeldzentrum. Spätestens dort versandete das Bremer Spiel jedoch. Der Übergang ins letzte Drittel funktionierte selten bis gar nicht. Werder musste Angriffe abbrechen und anschließend den Ball auf die Flügel spielen. Hier spielte sich Werder häufig fest. Entweder brachen sie die Angriffe ab – oder aber sie schlugen harmlose Flanken aus dem Halbfeld in Richtung Strafraum. Zwischen der 18. und der 54. Minute gab Werder keinen einzigen Schuss ab.

Gleichzeitig konnte Werder Bremen das hohe Pressing der Anfangsphase nicht aufrechterhalten. Nach einer halben Stunde zogen sie sich im 5-3-2-System deutlich weiter zurück. Der SC Freiburg polierte die bis dato schwache Passquote von 75 Prozent in der Folge auf. Chancen blieben auf beiden Seiten Mangelware.

Werder Bremens Niederlage gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Bremer Flankengewitter in Überzahl

Nach der Pause zementierte eine Rote Karte gegen Johan Manzambi (52.) die Dominanz des SV Werder Bremen. Fortan zog sich der SC Freiburg in einer 5-3-1-Formation an den eigenen Strafraum zurück. Sie sicherten mit drei zentralen Mittelfeldspielern das Zentrum. Auf den Flügeln verteidigten sie nur mit einem Spieler.

Werder Bremen sammelte zwischen Roter Karte und Abpfiff 85 Prozent Ballbesitz. Sie griffen vor allem die Schwachstellen auf den Flügeln an. Dazu wechselte Daniel Thioune offensiv: Er löste die Fünferkette auf und besetzte die Flügel im 4-3-3-System doppelt. Auf der linken Seite griffen die eingewechselten Samuel Mbangula und Felix Agu an, auf rechts bliesen Sugawara und Marco Grüll zum Sturmlauf gegen den SC Freiburg.

Die Überzahlen auf den Flügeln verhalfen Werder Bremen zu insgesamt fast 50 Flanken. Klare Abschlüsse blieben jedoch die Ausnahme. Der SC Freiburg hatte defensiv gewechselt und behielt die Oberhand über den eigenen Strafraum. Zugleich profitierten sie von schwachen Hereingaben der Bremer. Nur selten kombinierten sich die Bremer an die Grundlinie. Stattdessen schlugen sie den Ball aus dem Halbraum in Richtung Strafraum – ein gefundenes Fressen für Matthias Ginter und seine Kollegen, zumal Werder die Präsenz im Strafraum fehlt. Diese Probleme ziehen sich seit Wochen durch das Bremer Spiel.

Insofern bot das Debüt von Daniel Thioune keinen taktischen Neuanfang, sondern legte abermals die bekannten Schwächen offen. Im letzten Drittel fehlt es an Präsenz, um die durchaus vorhandenen Ansätze im Ballbesitzspiel zu veredeln. So kam Werder Bremen auch gegen zehn Spieler des SC Freiburg nicht über 0,98 Expected Goals hinaus. Eins ist klar: So weitergehen kann es in Bremen nicht. Thioune dürfte spätestens nach dieser Partie auf den Rat von Niccolò Machiavelli hören.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Grant Hubbs

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