Werder-Remis in der Analyse
Besser mit Viererkette? Wie Werder gegen Gladbach einen Punkt eroberte - die Taktik-Analyse
Wie ein Formationswechsel dem SV Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach zum späten Punktgewinn verholfen hat - die Taktik-Analyse!
Seit Sonntagmorgen ist klar: Horst Steffen ist nicht länger Trainer des SV Werder Bremen. In seinem letzten Spiel als Werder-Coach holte er mit seiner Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach noch ein spätes Remis. Lange Zeit war das Duell zwischen Werder und Gladbach aber nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Erst nach dem Rückstand drehten die Gastgeber auf. Unser Kolumnist Tobias Escher erklärt in seiner Taktik-Analyse, wie ein Formationswechsel zum Bremer Aufschwung beitrug.
Zu seinem Antritt wurde Trainer Horst Steffen gefragt, ob er die Viererkette oder die Fünferkette bevorzugt. Er sagte klar: „Viererkette!“ Und in seinen ersten Spielen als Cheftrainer des SV Werder Bremen hatte er entsprechend auf diese Variante gesetzt. Kurz vor Weihnachten schwenkte er jedoch um: Erst etablierte er in Bremen eine Mischvariante aus Vierer- und Fünferkette, ehe er seit der Winterpause ausschließlich Fünferkette spielen ließ.
Die Debatte, welche Variante Werder Bremen auch in Zukunft besser steht, dürfte nach dem 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach und trotz der Steffen-Entlassung weiterhin ein großes Thema sein. Mit einer Fünferkette tat sich Werder lange Zeit schwer damit, gegen die Fohlen Chancen herauszuspielen. Erst nach der Umstellung auf eine Viererkette erspielten sich die Bremer dann Chance um Chance.
Werder Bremens Remis gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Teams neutralisieren sich
Zu Spielbeginn war von der Viererkette noch nichts zu sehen. Horst Steffen stellte seine Elf erneut in einer Mischung aus 5-3-2 und 5-2-3-System auf. Romano Schmid pendelte zwischen Mittelfeldzentrum und rechter Außenbahn. Samuel Mbangula bekam eine Chance, sich von Beginn an zu zeigen. Er bewegte sich gegen Borussia Mönchengladbach häufig weit nach Linksaußen. Linksverteidiger Olivier Deman besetzte in diesen Momenten Mbangulas Position als halblinker Stürmer.
Borussia Mönchengladbach setzte im Bremer Weserstadion auf eine ähnliche Formation wie der Gastgeber: gegen den Ball verteidigte die Borussia in einem 5-2-3. Wenn Werder Bremen weiter vorrückte, zog sich die Mannschaft in ein 5-4-1-System zurück. Bei Ballbesitz nahm Florian Neuhaus eine ähnliche Rolle ein wie Schmid. Er bewegte sich ins Mittelfeld oder auf die Flügel, um mehr Bälle zu erhalten.
Beide Teams neutralisierten sich mit ihren taktischen Varianten. Sie setzten auf eine relativ mannorientierte Defensive. So entstanden zahlreiche Mann-gegen-Mann-Duelle. Werder Bremen übte dabei etwas mehr Druck aus, während Gladbach sich recht früh in eine tiefe Formation zurückzog. Sobald Senne Lynen oder Schmid den Ball in der Tiefe abholten, stellte Borussia Mönchengladbach das Pressing ein.
Werder Bremens Remis gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Wenig Tiefe, wenig Kreativität
Nach spätestens zehn Minuten übernahm Werder Bremen die Kontrolle über das Spiel. Sie ließen die Kugel ruhig in der eigenen Abwehrkette laufen. So kamen sie bereits zur Halbzeit auf einen Ballbesitzwert von nahezu 60 Prozent. Das Bremer Offensivspiel wurde jedoch durch ähnliche Probleme wie in den vergangenen Partien geplagt. Die Kugel lief zwar geschmeidig bis an den Mittelkreis. Dort fehlten dann aber Ideen, wie die gegnerische Abwehr geknackt werden sollte. Werder versuchte immer wieder, mit kurzen Chipbällen oder langen Schlägen Justin Njinmah hinter die Abwehr von Borussia Mönchengladbach zu schicken. Doch sein Gegenspieler Nico Elvedi zeigte sich hellwach.
Alternative Routen in Richtung Strafraum fand Werder Bremen nicht. Sie versuchten zwar, über die Flügel Raumgewinn zu erzielen. Samuel Mbangula und Yukinari Sugawara sahen sich jedoch stets zwei Gegenspielern gegenüber, sobald sie zum Dribbling ansetzten. Insgesamt mangelte es an Anspielstationen vor dem Ball. Immerhin: Werder fing sich gegen Borussia Mönchengladbach dank der defensiven Positionierung keine Konter. So entstand ein chancenarmes Spiel.
Werder Bremens Remis gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Ein Schnellangriff genügt Gladbach
Nach der Pause agierte Werder Bremen aggressiver. Die gesamte Mannschaft rückte nun im Pressing weiter nach vorne. Werder stellte den Gegner im Eins-gegen-Eins. Das war beizeiten jedoch riskant. Vor dem Gegentreffer lief das Pressing schief: Marco Friedl und Karim Coulibaly standen zu weit weg von ihren Gegenspielern, sodass Borussia Mönchengladbach mit zwei Pässen hinter die Abwehr gelangte - und Haris Tabakovic zum 1:0 traf (61.).
Unter Trainer Eugen Polanski gingen die Fohlen fünfmal in dieser Saison in Führung. All diese Partien gewannen sie. Kaum eine Mannschaft beherrscht es besser, den Gegner aus einer kompakten Defensive auszukontern. Borussia Mönchengladbach zog sich nach dem Treffer komplett in die eigene Hälfte zurück.
Der Ballbesitzwert des SV Werder Bremen schnellte in der Folge nach oben. Zwischen dem Gegentor und dem Abpfiff lag er bei 80 Prozent. Doch zunächst plagten Werder ähnliche Probleme wie vor der Pause: Das Flügelspiel lahmte, es gab wenig Anspielmöglichkeiten vor dem Ball; die Chipbälle erreichten Njinmah nicht.
Werder Bremens Remis gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Viererkette beflügelt das Spiel
Das änderte sich in der Schlussviertelstunde. Mit der Einwechslung von Isaac Schmidt (74., für Julian Malatini) stellte Horst Steffen auf ein 4-2-3-1-System um. Beide Flügel waren nun doppelt besetzt. Das machte sich vor allem auf der rechten Seite bemerkbar: Schmidt suchte das Zusammenspiel mit Grüll oder Schmid. Mithilfe von Doppelpässen gelangte Werder Bremen wesentlich häufiger in Strafraumnähe.
Der Preis, den Werder Bremen dafür zahlen musste, lag in einer schwächeren Konterabsicherung. Borussia Mönchengladbach versuchte, über die Flügel Entlastung zu schaffen. Das Chancenverhältnis sprach in den Schlussminuten jedoch klar für Werder. 10 ihrer insgesamt 18 Schüsse gaben sie nach Schmidts Einwechslung ab.
Nachdem auch Keke Topp (89., für Mbangula) ins Spiel gekommen war, griff Werder Bremen in einem offensiven 4-4-2-System an. In der Nachspielzeit führte eine der zahlreichen Hereingaben zum hochverdienten 1:1-Ausgleich. Werders Sieglos-Serie hielt zwar auch gegen Borussia Mönchengladbach an. Doch gerade in der Schlussphase erspielte sich Werder deutlich mehr Möglichkeiten als zuletzt. Das dürfte auch die Frage nach der perfekten Formation auf die Tagesordnung zurückbringen. Die Viererkette belebte Werders Offensivspiel merklich.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Noah Wedel

