DeichStube-Interview
„Ich habe noch nie so sehr Urlaub gebraucht“: Senne Lynen im Interview über Werders schwierige Saison und mentale Belastung
Senne Lynen spricht im Interview über die mentale Belastung im Abstiegskampf mit Werder Bremen, den Trainerwechsel und seine Tor-Flaute.
Wenn nichts dazwischenkommt, dann wird Senne Lynen noch in dieser Saison in den Hunderter-Club beim SV Werder Bremen aufgenommen. Zwei Pflichtpartien fehlen dem 27-Jährigen noch, um die Schallmauer zu durchbrechen. Auf viele Erlebnisse der laufenden Spielzeit hätte der Belgier dabei aber gern verzichtet, denn die vergangenen Monate haben sehr an ihm gezerrt. Im Interview mit der DeichStube spricht der Mittelfeldakteur über die mentale Belastung im Abstiegskampf, seine anhaltende Tor-Flaute und die Veränderungen durch den Trainerwechsel von Horst Steffen hin zu Daniel Thioune.
Senne Lynen über Werder Bremen: „Die Saison, die wir gerade erleben, macht viel mit einem Menschen“
Wie Sie sicherlich schon gesehen haben, ziert Ihr Bild derzeit die Außenfassade der Ostkurve des Weserstadions. Dort ist ein sehr emotionaler Senne Lynen zu sehen. Gefällt Ihnen das Plakat?
Es ist ein schönes Bild, weil ich da recht kämpferisch rüberkomme. Ich schaue da durchaus mal hin, wenn ich zum Stadion fahre. Aber grundsätzlich ist es mir nicht so wichtig, ob ich da nun zu sehen bin oder ein anderer Spieler.
Auf solchen Bannern sind normalerweise die großen Stars eines Clubs zu sehen. Ist das ein Beleg dafür, dass sich Ihre Rolle deutlich verändert hat?
Ich habe in all den Jahren stets versucht, mich noch mehr mit dem Verein und der Mannschaft zu verbinden. Ich will nur das Beste für alle. Meine Rolle hat sich sicherlich auch verändert, denn als ich zu Werder gewechselt bin, musste ich erstmal richtig ankommen. Aber im letzten Jahr habe ich dann schon viel gespielt und geholfen – und ich hoffe, dass die Leute das auch sehen und gut finden.
Auch in den Medien sind Sie präsenter, sprechen nach den Spielen inzwischen häufiger mit uns Journalisten. Wie hat sich das ergeben?
(lacht) Ich habe eher das Gefühl, dass ich in den letzten Wochen sehr selten bei euch war. Aber es ist ganz gut, wenn es so ist, dass ihr denkt, dass ich oft spreche. Dann passt es gut zusammen.
Bei den wichtigen Spielen gegen den Hamburger SV oder VfB Stuttgart sind Sie auch dadurch aufgefallen, dass Sie schon beim Warmmachen das Publikum gepusht haben und generell sehr emotional waren. Haben Sie das bewusst gemacht?
Ja, denn es war eine Phase, in der wir die Fans noch mehr gebraucht haben als sonst. Deshalb habe ich mir da speziell Gedanken drüber gemacht und gedacht, dass es uns sicherlich hilft, wenn wir nochmal zwei bis drei Prozent mehr herausholen können. Ich will das nicht zu viel machen, sondern warte auf den richtigen Moment, so wie da kurz vor dem Spiel, wenn ich richtig heiß bin.
Weil auch die Mannschaft genau solche Szenen braucht?
Ich glaube schon. Schaden kann es auf jeden Fall nicht. Die Saison, die wir gerade erleben, macht viel mit einem Menschen.
So könnte die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen die TSG Hoffenheim aussehen!
Senne Lynen im Interview über Werder Bremen: „Es gab nicht einen Moment, in dem wir richtig stabil waren“
Hand aufs Herz: Wie viel Spaß hat Ihnen diese Saison gemacht?
Leider viel zu wenig.
Kapitän Marco Friedl hat zuletzt von einer „Scheiß-Saison“ gesprochen – trifft das den Kern ganz gut?
Ja. Es gab für mich nicht einen Moment, in dem wir richtig stabil waren. Viele Neuzugänge kamen erst sehr spät, was es nicht einfach gemacht hat. Dazu kam ein neuer Trainer. Dann haben wir zwar gute Ergebnisse geholt, aber dabei nicht gut gespielt. Dann war plötzlich der Fußball manchmal etwas besser, aber es gab keine Punkte. Schließlich kam auch noch der Trainerwechsel – das war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich einen während der Saison erlebt habe.
Haben Sie sich schuldig gefühlt?
Natürlich ist es unser Fehler, denn wir machen alles zusammen. Ich habe mich vielleicht nicht persönlich, aber als Teil der Mannschaft schuldig gefühlt. Nach diesem Neuanfang gab es dann auch erstmal Niederlagen, ehe wir eine gute Serie hatten. Es war ein stetiges Auf und Ab. Das macht wenig Spaß.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Werder immer wieder in alte Muster verfällt?
Leider nicht. Sonst hätten wir das auch nicht passieren lassen. Daran müssen wir kollektiv unbedingt arbeiten, um dann komplett frisch in eine neue Saison starten zu können.
Es hat den Eindruck, als bräuchten manche Spieler den maximalen Druck, um ihre volle Leistung zu bringen. Ist das auch Ihr Gefühl?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn es so wäre, dann würde ich das auch echt peinlich finden. Das wäre keine gute Mentalität. Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht nur gewinnen können, wenn es unbedingt sein muss, aber wir haben das definitiv zu wenig gezeigt.
Werder Bremens Senne Lynen im DeichStube-Interview: „Ich will diese Saison so schnell wie möglich vergessen“
Wie belastend ist diese ganze Saison mental für Sie?
Sehr belastend. Ich habe noch nie so sehr Urlaub gebraucht wie nach dieser Saison. Wenn man Spaß hat, geht alles leichter und schneller vorbei. Aber diese Saison hat ganz wenig Spaß gemacht – und so dauert sie gefühlt noch länger. Ich sehne das Ende herbei, weil ich neu und frisch wieder von vorne anfangen möchte.
Am Samstag haben Sie gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr, DeichStube-Liveticker) die nächste Chance, rechnerisch den Klassenerhalt zu schaffen: Was stimmt Sie zuversichtlich, dass der Auftritt Ihres Teams wieder besser wird?
Ich gebe ehrlich zu, dass es schwer einzuschätzen ist. In Stuttgart hat kaum einer an uns geglaubt, aber wir haben einen Punkt geholt und hätten sogar gewinnen können. Nur eine Woche später liefern wir dann solch ein Spiel gegen Augsburg ab. Deshalb ist die ganze Situation schwer einzuschätzen – auch weil Hoffenheim unbedingt wegen der Champions-League-Qualifikation gewinnen will. Aber was ich sagen kann: Wir werden auf jeden Fall dort hinfahren, um einen Sieg zu holen. Ein Unentschieden würde auch reichen, aber ich spiele, um zu gewinnen.
Vielerorts wird davon geredet, dass der Klassenerhalt ohnehin schon sicher sei, weil Wolfsburg oder St. Pauli nicht mehr zwei Spiele gewinnen werden. Ist das Ding für Sie auch schon durch?
Ich denke darüber überhaupt nicht nach. Ich würde es für uns als Mannschaft und Verein sehr traurig finden, wenn wir es mit nur 32 Punkten schaffen würden, weil die anderen Teams noch weniger Zähler geholt haben. Ich will das hier wirklich gern schön abschließen – oder zumindest mit einem weiteren Punkt und dem Gefühl, dass wir es selbst geschafft haben.
Mit welchem Gefühl geht es für Sie in die Sommerpause?
Ich will diese Saison am liebsten so schnell wie möglich vergessen und ganz neu anfangen. Vielleicht nicht komplett vergessen, denn diese Erfahrungen können in der Zukunft auch wertvoll sein, wenn man sich daran erinnert, dass man auch das durchgestanden hat. Aber eigentlich will ich dann nur noch nach vorne schauen.
Sie haben im vergangenen Sommer Ihren Vertrag bei Werder verlängert – haben Sie damals gedacht, dass eine derart komplizierte Saison auf die Mannschaft zukommen würde?
Nein, auf keinen Fall.
Senne Lynen scherzt im Interview über Werder Bremen-Flaute: „Vielleicht hätte ich mal ein Tor schießen sollen“
Wäre Ihre Entscheidung sonst vielleicht anders ausgefallen?
Nein, das denke ich nicht.
Was muss passieren, damit sich solch eine Saison nicht wiederholt?
Das Allerwichtigste wird sein, dass wir alle den Kopf frei bekommen. Ansonsten gibt es viele Fragezeichen. Es gibt Leihspieler, die uns verlassen werden. Andere Verträge laufen aus. Es ist schwer einzuschätzen, was alles passieren muss.
Was hätten Sie persönlich anders oder besser machen können in den vergangenen zwölf Monaten?
Vielleicht hätte ich mal ein Tor schießen sollen. (lacht) Im Ernst: Ganz genau kann ich das in diesem Moment noch nicht sagen, weil ich das für mich alles noch in Ruhe analysieren werde. Es ist so viel passiert, vielleicht wurde manchmal auch zu viel geredet von uns allen. Sicherlich könnte ich Dinge anders machen, aber jetzt ist es nun einmal so gewesen wie es ist und wir können es nicht mehr ändern.
Wie verarbeiten Sie solch ein Spiel wie gegen Augsburg, bei dem es für die ganze Mannschaft nicht gut lief, aber auch Sie Fehler gemacht haben, die zu Gegentoren geführt haben?
Noch direkt am Abend und auch am nächsten Tag versuche ich, solch ein Spiel zu verarbeiten und aus den Fehlern zu lernen. Ich schaue mir mit dem Trainer nochmal die Szenen an, spreche mit ihm darüber. Aber es ist dann auch wichtig, damit abzuschließen und sich auf das nächste Spiel vorzubereiten. Sonst kann es gar keine gute Vorbereitung werden, wenn du immer noch mit dem letzten Spiel beschäftigt bist.
Ist Trainer Daniel Thioune der Mann, mit dem Sie sich eine bessere Werder-Zukunft vorstellen können?
Ich hoffe, dass er die Zeit dafür bekommt. Für ihn ist es ein sehr schwieriger Moment gewesen, um neu dazuzukommen. Er hat es aber trotzdem gut gemacht und mit uns daran gearbeitet, wie wir als Mannschaft auftreten. Das Gefühl, das wir mit ihm haben, hatten wir im ersten Teil der Saison nicht.
Was zeichnet Ihn und seine Arbeit aus? Ist es nur die emotionale oder auch die inhaltliche Komponente?
Auf jeden Fall beides. Taktisch macht er seine Sache gut, auch emotional fühlt es sich gut an. Aber wir kennen das jetzt erst ein paar Monate. Ich hoffe, dass ich das auch mal mit einer kompletten Vorbereitung von sechs bis acht Wochen sehen kann, wenn er richtig Zeit hat und sein Ding machen kann.
Senne Lynen im Interview über Durststrecke bei Werder Bremen: „98 Spiele ohne Tor sind schon krass“
Ist es denn komplett anders als zuvor unter Trainer Horst Steffen?
Es hat sich schon verändert. Daniel Thioune hat eine andere Energie und Ansprache, da gibt es einen großen Unterschied. Auch taktisch gibt er uns immer ein, zwei Lösungen mit, die auf der Tafel ganz klar sind.
Und welche Rolle spielt dabei Thioune-Assistent Jan Hoepner?
Für mich ist er im positivsten Sinne der klassische Co-Trainer. Er ist ein super Typ, der seinen Job richtig gut macht, sehr spontan ist und auch taktisch mit uns gut arbeitet. Daniel ist manchmal sehr straight, Jan etwas lockerer – und das ist eine richtig gute Combo.
Sie haben Ihr noch fehlendes Tor schon angesprochen, das ganze Thema verfolgt Sie. Olivier Deman hat kürzlich scherzend angeboten, dass Sie zusammen Abschlüsse trainieren könnten. Haben Sie das schon gemacht?
Ja, haben wir tatsächlich. In der letzten Woche haben wir uns ein paar Abschlüsse genommen. Ich mache das jetzt häufiger und merke im Spiel auch, dass ich viel näher dran bin. Im Moment fehlt einfach noch das letzte Glück. Es sind jetzt 98 Spiele ohne Tor, das ist schon krass. Eigentlich hätte ich in meiner ersten Saison bei Werder schon ein, zwei Tore machen können. Auch diese Saison hatte ich gute Chancen, habe Latte und Pfosten getroffen. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich bin überzeugt davon, dass wenn ich einmal treffe, dann auch drei bis vier Tore in einer Saison möglich sind.
Nervt Sie das Thema eigentlich wirklich – oder nervt es nur, dass wir Sie immer daran erinnern?
Nein, mich nervt das sehr. Ich finde es gut, dass ihr immer nachfragt. Die Jungs in der Kabine machen auch immer ihre Späße. Es wird Zeit, dass ich treffe. (mbü)
Rubriklistenbild: © Maximilian Prasuhn
