Taktik-Analyse zum Werder-Sieg
Torfest in Wolfsburg: Furioser Werder-Sieg in der Taktik-Analyse
Werder Bremen besiegt den VfL Wolfsburg mit 4:2. In der ersten Halbzeit war das Torfestival noch nicht abzusehen. Doch im Gegensatz zum VfL Wolfsburg fand der SV Werder fußballerische Lösungen, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Wolfsburg - In manchen Fußballpartien kündigt sich bereits in den ersten Minuten ein Torfestival an. Beide Teams agieren mit offenem Visier, werfen alles nach vorne – und schießen so Treffer um Treffer. Die Begegnung zwischen Werder Bremen und dem VfL Wolfsburg gehört nicht zu diesen Partien. Im Gegenteil: Wenig deutete in der ersten Halbzeit darauf hin, dass an diesem Nachmittag sechs Tore fallen werden. Doch nach der Pause zeigte sich: Werder verfügte mit der eigenen Spielidee über Steigerungspotential, der VfL Wolfsburg hingegen nicht.
Mitchell Weiser kehrt beim Sieg des SV Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg zurück auf die rechte Seite
Werder-Trainer Ole Werner musste seine Mannschaft auf mehreren Positionen umbauen. Jens Stage fiel für das Gastspiel in Wolfsburg aus. An seiner Stelle rückte Leonardo Bittencourt in die Startformation. Da Marco Grüll ebenfalls den Sprung in die Startelf schaffte, musste Mitchell Weiser beim SV Werder Bremen eine neue Position einnehmen. Nachdem er zuletzt als halbrechter Stürmer zum Einsatz gekommen war, kehrte er gegen Wolfsburg auf seine angestammte Rechtsverteidiger-Position zurück.
Auch auf seiner neuen, alten Position hielt Weiser wenig in der Defensive. Er rückte früh auf und agierte meist in vorderster Linie. Innenverteidiger Julian Malatini rückte nach rechts hinaus, sodass aus dem nominellen 5-2-3 beim SV Werder Bremen im Aufbau eine Viererkette entstand.
VfL Wolfsburg und Werder Bremen neutralisieren sich - Bremer Sieg in der Taktik-Analyse
Werder Bremen versuchte in den ersten Minuten, das Spiel aus einer stabilen Defensive in die gegnerische Hälfte zu tragen. Im Aufbau ließen sich Bittencourt und Senne Lynen immer wieder auf die Höhe der Innenverteidiger fallen. Sie wollten die Wolfsburger Mittelfeldspieler ins Pressing locken. Im Anschluss sollten sich Romano Schmid und Grüll in den Räumen hinter Wolfsburgs Mittelfeld anbieten.
Dem SV Werder Bremen gelang es zunächst nicht, mit dieser Spielidee Raumgewinn zu erzielen. Das lag an den aggressiv nach vorne verteidigenden Wolfsburgern: Nicht nur die Stürmer und Mittelfeldspieler rückten im Pressing nach vorne, auch die Abwehrspieler schoben nach. So rückte Innenverteidiger Sebastian Bornauw immer wieder aus der Abwehrkette, um Schmid und Grüll zu stellen.
Wolfsburg agierte dabei wie Werder Bremen aus einer 3-4-3-Formation. Die Formationen beider Teams spiegelten sich somit. Überall auf dem Feld entstanden Eins-gegen-Eins-Situationen. Wolfsburg nutzte diese Mannorientierungen für ein aggressives Pressing – und neutralisierte damit die Angriffsbemühungen der Bremer.
Werder Bremen mit guter Absicherung gegen lange Bälle: Auswärtssieg gegen VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse
Während Werder Bremen trotz des gegnerischen Drucks stets die flache Lösung suchte, verfolgte der VfL Wolfsburg eine andere Spielidee. Sobald Werder zu einem hohen Pressing ansetzte, schlugen die Wölfe den Ball lang. Bornauw war auch in dieser Hinsicht der Leitwolf der Gastgeber: Er schlug aus dem Zentrum hohe Diagonalbälle in Richtung der Außen.
Auf den Flügeln wollte der VfL mit Tempo punkten. Mohamed Amoura und Tiago Tomas rückten immer wieder auf die Flügel. Hier versuchten sie, ihre Bremer Manndecker abzuschütteln.
Wolfsburgs lange Bälle fanden jedoch nur selten einen Abnehmer. Werder Bremen tat gut daran, etwas tiefer zu verteidigen als gewohnt. Die Bremer verharrten im 5-2-3. Mit dieser Formation schlossen sie nicht nur das Zentrum, sondern konnten auch gut auf lange Bälle reagieren. So kam der VfL aus dem Spiel heraus nur selten zu Chancen.
Taktik-Analyse: Werder Bremen kann sich steigern – der VfL Wolfsburg nicht
Dass Werder Bremen dennoch in der ersten Halbzeit einem Rückstand hinterherlief, verdankte der VfL Wolfsburg einem Standard (19.). Auch in der Folge verloren die Bremer nicht den Kopf, sondern suchten weiter geduldig Grüll und Schmid in den Halbräumen. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit gelang es Schmid erstmals, im Halbraum aufzudrehen und Tempo aufzunehmen. Wenige Sekunden später erzielte Mitchell Weiser den Ausgleich. Der Treffer fiel – wie so häufig in dieser Bremer Saison – nach einer langen Flanke, die genau zwischen gegnerischen Innen- und Außenverteidiger flog.
Der späte Ausgleich vor der Pause beflügelte die Bremer in der zweiten Halbzeit. Werner nahm keine großen Umstellungen vor. Werder Bremen hielt an der eigenen Spielidee fest, schraubte aber das Risiko hoch. Linksverteidiger Felix Agu positionierte sich etwas weiter vorne, die Sechser rückten im Pressing nach. Weiterhin suchten die Grün-Weißen den Weg aus dem Aufbau über die Halbräume. Immer häufiger gelang ihnen das. Auf diese Art ging Werder in der 51. Minute in Führung.
Der VfL Wolfsburg hielt ebenfalls an der eigenen Spielidee fest. Die langen Bälle wurden aber mit jeder Minute verzweifelter. Ihr Mittelfeld war nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Kapitän Maximilian Arnold (42.) abgemeldet. Werder Bremen jedoch hielt das Tempo der Wolfsburger Angreifer und kontrollierte somit die Partie.
Konter und Rot für VfL Wolfsburg helfen Werder Bremen - die Taktik-Analyse
In der 65. Minute versuchte Wolfsburgs Trainer Ralph Hasenhüttl, mit einer Systemumstellung seine Mannschaft zu wecken. Was er sich von der Umstellung auf eine Viererkette erhoffte, lässt sich kaum rekonstruieren. Nur zwei Minuten später vollendete Werder Bremen einen Konter zum 3:1. Eine Minute später flog der eingewechselte Patrick Wimmer vom Platz. Die neue Formation der Wölfe war in der Praxis nicht zu erkennen.
Der VfL Wolfsburg versuchte, auch zu zehnt offensiv zu agieren. Das entstehende 4-2-3-Konstrukt war jedoch zu offensiv, um Werder Bremens Kontern Einhalt zu gebieten. Den Bremern fiel es nicht schwer, das Spiel frühzeitig zu entscheiden. Wolfsburgs zweiter Treffer war nur noch Ergebniskosmetik.
Werder vertraute gegen Wolfsburg auf spielerische Lösungen. Nicht immer ging die Idee auf, wie die erste Halbzeit bewies. Doch mit ihrem fußballerischen Konzept waren sie dem VfL Wolfsburg nach der Pause überlegen. Dieser hatte nichts anzubieten außer Tempo und lange Bälle. Insofern bot der Sieg in Wolfsburg nicht nur drei wichtige Punkte, sondern auch die Erkenntnis: Spielerisch ist der SV Werder Bremen mittlerweile an den finanzstärkeren Wölfen vorbeigezogen.
